Reise durch Wirklichkeiten

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Sonntag, 6. Juli 2025

Urlaub vom Reisen

Ob sie jetzt alle weg sind? Auf Reisen? Ausgerechnet jetzt? Wetter, Seele baumeln lassen, Betriebsferien. Wir erfahren etwas über die Welt und uns, so heißt es. So wird uns versprochen. Doch das setzt auch eine gewisse Neugier voraus. Ein Bestreben, sich von den allgemeinen Trampelpfaden abzusetzen in Richtung auf etwas Individuelles. Blöd nur, dass sich das inzwischen viele derer versprechen, die etwas von sich halten und die es sich leisten können. Ja, das Reisen selbst ist längst zu einem Statussymbol geworden. Individualreisen? Wer`s kann. Waren im 17. , 18., 19. und 20. Jahrhundert Reisen noch einer gewissen gesellschaftlichen Schicht vorbehalten, so ist das Genre inzwischen zum Massentourismus geworden, das Versprechen einer individuellen Erweiterung des Horizonts und unverbindlichen Bespassung ist vervielfältigt – was sich unter anderem in der Masse der verschiedenen, für jeweilige Zielgruppen abgefassten Reiseführer zeigt, die sich an ein mit einer gewissen Neugier ausgestattetes Publikum wendet. Dessen Hedonismus scheint nur jeweils schichtenspezifische Ausprägungen anzunehmen. Die Masse der Urlaubsreisenden freilich scheint sich mit dem Aufsuchen verschiedener allgemein anerkannter „Sehenswürdigkeiten“ und sozialmedial ausgerufener TicToc-Ziele zu bescheiden, die ein längst sozialisiertes und an finanzielle Leistungsfähigkeit geknüpftes Begehren einzulösen versprechen. Die Suche nach dem „Authentischen“ und „Ursprünglichen“ ist da zu einer massenhaften Tätigkeit geworden. Dadurch etwas über die Welt erfahren, ein Bewusstsein ihrer Vielfalt zu erlangen, unsere Grenzen zu überschreiten, könnte dahinter stehender Wunsch, ein Begehren und ein gewisses Bedürfnis sein, das dahinter aufscheint. Selbstoptimierung ist dabei angesagt. Anderen davon erzählen. Im weltläufigen Ego erstrahlen. Es gilt, Aufklärung über „die Welt“ erlangen, gerade in Zeiten einer ungezügelten Globalisierung. Pech, dass das aber viele wollen, das all die Lehrer dieser Welt von diesem Bedürfnis getrieben sind. Ich ließ mich von dem Bedürfnis treiben, mich durch Zusammenhänge, die ich bisher nicht kannte, zu bewegen. Ihre allgemeine gesellschaftliche „Relevanz“, ihre Historie, ihren Ort im größeren Zusammenhang erschloss ich mir meist nebenher oder im ruhigen Rückblick. Meist mit den wichtigsten Fakten ausgestattet, konnte ich das Anderssein dieser Gegenden in jeder Hinsicht genießen. Dass man am Ende am selben Buffet im Hotel steht, dass man sich am Flughafen einreiht in die Masse der (jede Flugscham leugnenden) Wartenden, dass man sich im Angesicht gewisser „Sehenswürdigkeiten“ gegenseitig auf die Füße tritt, nahm ich hin als Teilnehmer einer Massenkultur, als derjenige, der eintaucht in Zusammenhänge, mit denen er ansonsten nicht befasst ist.

Sonntag, 19. Januar 2025

In Auflösung

Diese Gesellschaft löst sich entgegen den gegenwärtigen Krisensymptomen auch hierzulande durch arbeitsteilige Prozesse und Globalisierungsbestrebungen „in der Wirtschaft“ immer mehr auf: in Untergesellschaften, in Wahrnehmungsblasen und Lebenswelten, die nichts voneinander wissen und zwischen denen Gleichgültigkeit herrscht (was nicht gerade einem wie auch immer begründeten „Zusammenhalt“ förderlich ist). Sie wird bis hinein in kleinste Interaktionen dadurch bestimmt. Jeder hat seine Funktion in der Lieferkette und wird streng nach dem Preis bemessen. Zum Beispiel „Soziales“: Der Staat soll machen und tun, dafür zahlen wir hierzulande schließlich Steuern (die immanente Drohung der „Steueroptimierung“ ist da gleich mitgedacht…). Persönliches Engagement scheint trotz der in Pandemiezeiten so vielbeschworenen „Solidarität“ verloren gegangen zu sein. Sozialstaat bedeutet, das man ein Recht auf etwas hat und nicht auf Almosen angewiesen ist. Da ist zum Beispiel die US-amerikanische Gesellschaft eine andere: es gibt da wenig soziale Bemühungen, jeder ist seines Glückes Schmied. Für Almosen sind die „Charities“ zuständig, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Good Will-Bemühungen, die auch hierzulande durch den Rückzug des Staates aus seinen Aufgaben immer mehr einreißen werden, so, wie übrigens alles, was aus den USA kommt, bis hin zu den vielen SUVs, kopiert wird. Dass die Einnahmen aus Charity-Veranstaltungen nach Gutdünken der Initiatoren und reichen Spender ausgegeben werden sollen, ist hier immer auch mitgedacht. Alles andere wird von einem Teil der US-Bevölkerung als „Sozialismus“ abgetan. Jener Teil scheint die bisher letzten Wahlen bestimmt zu haben. Merkmal: Der Staat oder gar der „Sozialstaat“ ist streng verpönt.

Montag, 6. Januar 2025

Werte im Wandel

Wir bewegen uns in einem Aufmerksamkeitsmarkt. Jeder will originell sein, nicht zu der Masse gehören, individuell und besonders sein, will durch seinen eigenen Wert auffallen, sich absetzen von den Anderen. Dazu designt er seine Umgebung mit Lifestyle, exklusiver Nahrungsaufnahme, mit Marken, Authentizität, Haus, Wohnung, Events, Projekte in einer Objektewelt, die individuell aufgeladen ist. Regionale Communitys (Schotten, Katalanen, Schwaben usw….) plus Weltanschauungsgemeinschaften (z.b. „Woke sein“, „Querdenker“, „Veganer“,) spielen da mit. Es geht bei allem um Identität und Identitätsstiftung. Es geht gegen die globale Standardisierung. Es herrscht eine Verherrlichung des scheinbar Einzigartigen. Die industrielle Moderne wandelt sich in eine Gesellschaft des Besonderen, des Einzigartigen, des Herausstechenden. Etwa in den 70/80er Jahre fand der vorbereitende Wandel statt. Unmerklich für die Masse der Menschen. Es bedeutete das auch das Ende einer Industriegesellschaft, in der Leistung der herausragende Wert war. Die jetzige Warenwelt in der Spätmoderne sollte möglichst nichts Austauschbares mehr produzieren (und tut es doch in ungeheurem und wachsenden Ausmaß). Emotionale Erfüllung ist jetzt versprochen. Es geht um Differenz, Selbstverwirklichung, um ein sich Herausheben aus der Masse, etwa um besondere Orte (meist möglichst weit weg…) als Funktion in der Tourismusindustrie. Insgesamt herrscht zunehmend eine Kultur der Selbstoptimierung. In diesem Zusammenhang war mal ziemlich heftig von „Wertewandel“ die Rede. Der Markt für industrielle Güter schien weitgehend erschöpft. Dadurch wurde die Grundlage geschaffen, dass ein „kultureller Kapitalismus“ entsteht. Aus einigermaßen egalitärer Gesellschaft heraus kam es zum Entstehen einer neuen Mittelklasse (z.b. auch neue Akademiker, Wissensökonomie, Technokraten), die Träger eines neuen Wertewandels war (oder zumindest sich selbst so begreift) und sich heute in dem abbildet, was sich der Wertehaltung des „Woken“ befleißigt. Der gesellschaftliche Wandel brachte auch eine neue prekäre Klasse hervor, die auch – was im öffentlichen Bewusstsein keine große Rolle spielt und sich besonders in der Corona-Krise erwiesen hat - für „systemrelevante“ Berufe steht. X x We are moving in a market of attention. Everyone wants to be original, not to belong to the masses, to be individual and special, to stand out through their own value, to set themselves apart from the others. To do this, they design their environment with lifestyle, exclusive food, brands, authenticity, houses, apartments, events, projects in a world of objects that is individually charged. Regional communities (Scots, Catalans, Swabians, etc.) plus ideological communities (e.g. "woke", "lateral thinkers", "vegans") play a part in this. It is all about identity and the creation of identity. It is against global standardization. There is a glorification of the apparently unique. Industrial modernity is changing into a society of the special, the unique, the outstanding. The preparatory change took place in the 70s and 80s. Unnoticeable for the masses of people. It also meant the end of an industrial society in which performance was the outstanding value. The current world of goods in late modernity should, if possible, no longer produce anything interchangeable (and yet it does so on an enormous and growing scale). Emotional fulfillment is now promised. It is about difference, self-realization, about standing out from the crowd, for example about special places (usually as far away as possible...) as a function in the tourism industry. Overall, a culture of self-optimization is increasingly prevalent. In this context, there was once quite a lot of talk about a "change in values". The market for industrial goods seemed to be largely exhausted. This laid the foundation for the emergence of a "cultural capitalism". From a somewhat egalitarian society, a new middle class emerged (e.g. also new academics, knowledge economy, technocrats), which was the bearer of a new change in values (or at least sees itself as such) and is today reflected in what is committed to the values of the "woke". Social change has also brought about a new precarious class, which also represents “system-relevant” professions – something that does not play a major role in public consciousness and has become particularly evident in the Corona crisis.

Freitag, 15. November 2024

Potential?

Wie gut fühlt man sich in seinem eigenen Leben? Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung – hat man seine Potentiale „abgerufen“? Ob das das Problem einer bestimmten Klasse, einer Schicht ist? Ob einen das von der Serviceclass unterschiedet, von den einfachen Dienstleistern? (Reinigung, Transport, usw.). Globalisierung ist neue Konfliktlinie geworden (der Zeitgeist zeigt es deutlich). Skeptizismus gegenüber Globalisierung und Entgrenzung). Nationale Kulturbetonung. Entdeckung des Eigenen unter Kosmopoliten. Der Dynamisierungsliberalismus der letzten Jahre strebte nach Deregulierung, auch im linksliberalen Zweig. Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur.

Samstag, 19. Oktober 2024

Meine Sprache

Was mir immer klarer wird: Sprache hat mit Identität zu tun, ist primäres Mittel unseres Ausdrucks. Ich habe da etwas in mir aufbewahrt, das ich manchmal wie ein Schatzkästlein öffne. Wie selten gewordene Edelsteine betrachte ich dann die Stücke, die zugunsten einer vermeintlich „hochdeutschen“ Sprache längst untergegangen sind. Ich hole sie heraus und staune, wie ich ihnen begegnet bin und wie sie Teil von mir geworden sind. Man hat uns mit Kampagnen wie „Wir können alles außer Hochdeutsch“ einzureden versucht, dass wir im Grunde unfähig zur Vereinheitlichung seien, ja, sogar zu dieser sprachlichen Wucherung des „Denglischen“ , zur Globalisierung, dem die Kampagne „The Länd“ entspricht. Für Vielfalt ist da angesichts solcher Einfalt kein Platz, die Austauschbarkeit der Dinge und Personen muss gewährleistet sein. Skalierung ahoi! Ob das so etwas wie „Identität“ radikal zuwider läuft? Standardisierung“ ist auf allen Gebieten angesagt, da wird auch das Individuum nicht verschont. Sprachlicher Reichtum ist da scheinbar nicht (mehr) gefragt. Mittlerweile gibt es Dialektfluencer und Folkloristen, die dem untergegangenen Sprachgut nicht nur nachtrauern, sondern auch krampfhaft seine Wiederbelebung betreiben. Es klingt dann in manchen Ohren lustig und herb, hinterwäldlerisch und rückständig. Das Einheitliche hingegen riecht nach globalem Fortschritt. Welche Risiken und Lächerlichkeiten das auch mit sich bringen mag, hat sich erst in letzter Zeit herum gesprochen.

Freitag, 20. September 2024

Heimat (2)

Produkte werden für den globalen Markt gestaltet, ohne Seele, ohne Identität, ohne Charakter, als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner aller auf der Welt denkbaren Geschmäcker. Vereinheitlichung und Standardisierung, die zur Skalierung führt, so heißt die Devise: möglichst viel von allem, damit sich die Massenproduktion rechnet. Im Alltag ist das besonders gut an der Produktion von Autos zu sehen. Da sind dann immer weniger Konzerne, die sich gerne mal gegenseitig übernehmen, die immer mehr Autos produzieren, die alle kaufen sollen und die manchmal niemand kauft. Das anonyme Teil dominiert als logistisch leicht handhabbares Produkt, es dominiert die namenlose Fabrikation, die sich ihre Konsumenten auch via Werbung und künstlich aufgetragenen Ecken und Kanten suchen soll. Wer aber solchermaßen der Identität und eines Charakters beraubt ist und nur noch den Konsumenten abgeben soll, der sucht unter Umständen die kollektive Identität geradezu exzessiv: der Beispiele sind viele. Auch Religionen scheinen dabei eine heftige Rolle zu spielen. Auch sie scheinen zu kultureller Identität zu führen oder zumindest eng damit verwoben zu sein. Und hier kommt auch der Begriff „Heimat“ ins Spiel: es geht um das Beharren auf Werthaltungen und Wahrung von Identität, dort, wo das Allgemeine über das Besondere und erkennbar „Eigene“ zu siegen scheint. Es geht um die Erforschung eigener Identität, um ihre fortwährende Aneignung ganz gegen alle Widerstände. Politiker jeglicher Herkunft spielen dies Spiel gerne mit. Sie formulieren in Reden mit steilen Thesen, wie sie die Lage einschätzen. Sie klopfen Sprüche und dem Wutbürger auf die Schulter. Sie wiegeln auf und zentrieren den Protest, sie geben ihm Ausdruck, sie geben sich lebensnah heimatverbunden und gießen daraus volkstümliche Reden. Sie hetzen gesellschaftliche Gruppen gegenseitig auf, sie spielen diese Gruppen gegeneinander aus und versuchen, daraus Vorteile zu ziehen. Aber was ist Heimat? Heimat, das ist eine Landschaft, - und mehr. Der Wunsch, zu den dort wohnenden Menschen zu gehören, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Einen Ort zu haben, an dem man sich nicht erklären muss. Das Gefühl, willkommen zu sein. Einen Ort haben, an dem man sich sicher fühlt. Eine Erinnerung an die Kindheit, als die Welt einem vertraut erschien. Wurzeln haben. Heimat könnte Aufbruch und Rückkehr bedeuten. Immer mehr Leute fürchten sich davor, sie zu verlieren - und damit ihre Identität. Es herrschen Landflucht auf dem Dorf und steigende Mieten in den Städten. Eines aber scheint überall wichtig zu sein: Alle müssen flexibel sein und sich durchkämpfen in einer globalisierten und durchkapitalisierten Welt. X x Products are designed for the global market, without soul, without identity, without character, as a kind of lowest common denominator of all the tastes imaginable in the world. The motto is unification and standardization, which leads to scaling: as much of everything as possible so that mass production is profitable. In everyday life, this is particularly evident in the production of cars. There are fewer and fewer companies, which are happy to take each other over, which produce more and more cars that everyone should buy and that sometimes nobody buys. The anonymous part dominates as a logistically easy-to-handle product, it dominates the nameless manufacture, which is also supposed to find its consumers via advertising and artificially applied rough edges. But anyone who is deprived of identity and character in this way and is only supposed to hand over to the consumer may seek collective identity almost excessively: there are many examples. Religions also seem to play a major role in this. They also seem to lead to cultural identity, or at least to be closely interwoven with it. And this is where the term "home" comes into play: it is about insisting on values ​​and preserving identity, where the general seems to win out over the particular and the recognizably "one's own". It is about exploring one's own identity, about its continuous appropriation against all resistance. Politicians of all backgrounds like to play along with this game. In speeches they formulate bold theses about how they assess the situation. They make slogans and pat angry citizens on the back. They stir up and focus the protest, they give it expression, they show a real-life connection to their homeland and pour popular speeches from it. They incite social groups against each other, they play these groups off against each other and try to gain advantages from it. But what is home? Home is a landscape - and more. The desire to belong to the people who live there, to be part of a community. To have a place where you don't have to explain yourself. The feeling of being welcome. Having a place where you feel safe. A memory of childhood, when the world seemed familiar. Having roots. Home could mean departure and return. More and more people are afraid of losing it - and with it their identity. There is a rural exodus in the countryside and rising rents in the cities. But one thing seems to be important everywhere: everyone has to be flexible and fight their way through in a globalized and capitalized world.

Donnerstag, 19. September 2024

Heimat

Was immer wieder auftaucht, verfremdet oder nicht: „Heimat“. Was ist das? Was soll es sein? Ständig neu aufgeladen wird dieser Begriff mit neuen Bedeutungen. Jetzt geben Migration und Globalisierung der Bedeutung dieses Begriffs „Heimat“ wohl eine besondere Richtung. Auch versuchen politische Kreise, sich das Begriffs zu bemächtigen. Aber gehen wir erst mal rein in die Vergangenheit, aus der ja das Gegenwärtige entstand. Es waren die Romantiker des ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts, die aus „Heimat“ einen Sehnsuchtsbegriff machten, der ein bisschen auch als Gegensatz zu jener Industrialisierung gemeint war, die oft genug lebensfeindlichen Charakter hatte. Es waren Begriffe wie Vertrautheit, Überschaubarkeit oder Geborgenheit, die die Romantiker dagegen setzten. Dass solches später zu oft missbraucht wurde, war damals noch nicht abzusehen. Aber ziehen wir doch einen hinzu, der die Romantik der Moderne entgegen geführt hat. Der Schriftsteller Hermann Hesse sagt: „Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen, oder nirgends. Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufenwollen vor dem Leide, wie es schien. Sie ist Sehnsucht nach Heimat, nach Gedächtnis der Mutter, nach neuen Gleichnissen des Lebens. Sie führt nach Hause. Jeder Weg führt nach Hause, jeder Schritt ist Geburt, jeder Schritt ist Tod, jedes Grab ist Mutter. So rauscht der Baum im Abend, wenn wir Angst vor unsern eigenen Kindergedanken haben. Bäume habe lange Gedanken, langatmige und ruhige, wie sie ein längeres Leben haben als wir. Sie sind weiser als wir, solange wir nicht auf sie hören. Aber wenn wir gelernt haben, die Bäume anzuhören, dann gewinnt gerade die Kürze und Schnelligkeit und Kinderhast unserer Gedanken eine Freudigkeit ohnegleichen. Wer gelernt hat, Bäumen zuzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück.“ glaubt Hermann Hesse. Und noch etwas zu diesem Thema kam mir bei der Lektüre unter: „Unbezahlbar“ nennt Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen die Fundstücke im Vogelherd: „Wir haben hier die besten Belege für die Entstehung von Kunst und Musik“, so Conard, „ja, mit Löwenmensch beispielweise auch erste Belege für Religion in der Menschheitsgeschichte“. Dass das und die „sehr guten Besucherzahlen des Archäoparks“ bei der Landesregierung nicht ins Gewicht fällt, kommt für ihn einer „Missachtung der Bevölkerung“ gleich. Und mehr noch: Dass das Land die Wiege der Kultur, die ja nun in Baden-Württemberg zu verorten ist, nicht höher einschätzt, das verletzt seiner Meinung nach das „Selbstbild des Landes, das sich ja rühmt, Kultur- und Wissenschaftsstandort zu sein“. „Man muss sich das vorstellen“, macht Conard seinem Unverständnis Luft, „überall auf der Welt sind Repliken der Fundstücke ausgestellt. Überall auf der Welt werden Vogelherd, Niederstotzingen und Baden-Württemberg in diesem Zusammenhang genannt“. Und ausgerechnet in der Heimat sollen die Schätze nicht hochgehalten und gefördert werden – für ihn ist das „eine absolute Blamage für das Land Baden-Württemberg“. X x What keeps cropping up, alienated or not: "home". What is it? What is it supposed to be? This term is constantly being recharged with new meanings. Now migration and globalization are giving the meaning of this term "home" a special direction. But let's first go into the past, from which the present emerged. It was the Romantics of the late eighteenth and early nineteenth centuries who made "home" a term of longing, which was also meant as a bit of an antithesis to the industrialization that was often hostile to life. It was terms such as familiarity, clarity or security that the Romantics opposed. That these would later be misused too often was not foreseeable at the time. But let's take a look at someone who led Romanticism towards modernity. The writer Hermann Hesse said: "Home is not here or there. Home is inside you, or nowhere. A longing to wander tears at my heart when I hear trees rustling in the wind in the evening. If you listen quietly and for a long time, the longing to wander also reveals its core and meaning. It is not a desire to run away from suffering, as it seemed. It is a longing for home, for the memory of the mother, for new parables of life. It leads home. Every path leads home, every step is birth, every step is death, every grave is mother. This is how the tree rustles in the evening when we are afraid of our own childish thoughts. Trees have long thoughts, long-winded and calm ones, just as they live longer than we do. They are wiser than we are as long as we do not listen to them. But when we have learned to listen to the trees, then the brevity and speed and childish haste of our thoughts gain an incomparable joy. Anyone who has learned to listen to trees no longer desires to be a tree. He desires to be nothing but what he is. That is home. That is happiness,” believes Hermann Hesse. And something else on this topic occurred to me while reading: Professor Nicholas Conard from the University of Tübingen calls the finds in Vogelherd "priceless": "We have the best evidence here for the origins of art and music," says Conard, "and with the Lion Man, for example, we also have the first evidence of religion in human history." The fact that this and the "very good visitor numbers of the archaeological park" are not taken into account by the state government is, in his opinion, tantamount to "disrespect for the population." And what's more: the fact that the state does not rate the cradle of culture, which is now located in Baden-Württemberg, more highly, in his opinion, damages the "self-image of the state, which prides itself on being a center of culture and science." "You have to imagine," Conard expresses his incomprehension, "replicas of the finds are on display all over the world. Vogelherd, Niederstotzingen and Baden-Württemberg are mentioned in this context all over the world." And of all places, the treasures are not being upheld and promoted in their homeland – for him, this is “an absolute disgrace for the state of Baden-Württemberg”.

Mittwoch, 4. September 2024

Reisen

Reisen? Ein Statussymbol. Früher sagte man „In der Welt herum gekommen“. Heutzutage ist es wohl so eine Sache mit dem „Reisen“. Die Zeiten von Mark Twain scheinen zugunsten eines Massentourismus vorüber. Und dann gibt es ja auch noch Trost: Gewisse „Experten“ wollen uns nämlich einreden, dass das neue Reisen das „Bleiben“ sei. Alles recht und gut, ich soll/muss auch hier bleiben. Bin also „voll“ dabei. Gleichzeitig scheint alle Scham verflogen (!), Fliegen muss wohl sein, besonders zur Urlaubszeit. Nachhaltigkeit und Umwelt hin oder her. Außerdem ist es eine gute Tat: Das Wachstum in Deutschland und in der Welt muss unbedingt angekurbelt werden. Wir müssen wachsen. Immer weiter. Mag der Planet auch dabei kaputt gehen. Weiter. Immer weiter. Okay, ich habe diverse Reisen hinter mir, habe mich bemüht um meine Reiseziele, habe ambitioniert fotografiert, habe mich teils jahrelang informiert, habe vor- und nachbereitet sowie mich intensiv befasst. Was ist mit solchen Leuten wie mit mir?, so frage ich mich. Sollen diese Leute auch nicht mehr reisen, sollen die sich möglichst gar nicht mehr vom Fleck bewegen, um CO2 einzusparen? Könnte es auch sein, dass Reisen ein bisschen den Horizont erweitern kann, dass man sich mehr als Weltbürger empfindet und im besten Fall eine gewisse Enge hinter sich lassen kann? Ist das der Rest einer werblichen Reiseidiologie oder ist da auch heute noch was dran? Dass man auch über die Natur und ihre Geschöpfe sehr viel mehr direkt und aus erster Hand erfahren kann? Dass man Respekt gegenüber dem Andern empfindet? Ob es dies „Andere“ in der Globalisierung noch gibt? Dass man Lebensfreude neu entdeckt? Jaja, der meist gepflegte Urlaub geht solchen Interessen nicht nach. Er wünscht sich nach dem opulenten Essen in einem „guten“ Hotel ein ereignisloses Sonnenbad an irgendeinem Strand. „Die Seele baumeln lassen“. So nennt man das oft. Was aber ist mit der Minderheit, die so geschilderte Reisen nicht unternehmen und auf diese Weise ihren Horizont erweitern will? Soll diese sich der „political correctness“ ergeben und sich im Übrigen auf mediale Erkundungen wie etwa Fernsehberichte stützen? Wodurch kann sie Erfahrungen sammeln?

Donnerstag, 29. Februar 2024

Weltmusik

Nicht lange ist es her, als in der zu Popmusik gewordenen Rockmusik die Verwendung allerlei folkloristisch ausgewiesener „Styles“ als Weltmusik gepriesen wurde. Afrikanische Rhythmen, asiatische Klangschöpfungen, südamerikanische „Vibes“, Meditatives, extravagante Instrumente und feurige Tänze: Alles ging und war Zeugnis einer kreativen Anverwandlung der Popmusik, die freilich allzu oft bestimmten besitzenden Kreisen nutzte (etwa großen Medienkonzernen) und die Musiker als nützliche Exoten zurück ließ. Es gab sogar eine eigene Messe für Weltmusik: Womex. Mischungen aller Art waren sowieso bedenkenlos zugelassen. Mittlerweile aber liefe so etwas unter „kultureller Aneignung“ oder - vulgär ausgedrückt - unter bei fremden Kulturen „klauen“, was kaum noch jemand riskieren würde. Eine Band rund um das Didgeridoo: unmöglich, so etwas. Kreative Verwendung einer Ney? Einer Oud? Geht nicht. Obertongesang? Unmöglich! Immerhin geht es um geistiges Eigentum an traditionellem Wissen und um traditionelle kulturelle Ausdrucksformen. Ob sich aber die populäre Musik schon immer an solchen Grenzüberschreitungen aufgeschnappt, erweitert und bereichert hat? Das Echte, das Pure und „Unverdorbene“, ob das nicht immer schon eine Illusion war? Identitäten und kollektive Selbstbestimmung? Ob da etwas von einem Bereich in den andern hinein getragen wird? Wem gehört Kultur und welche Rolle spielt dabei die „Globalisierung“? Ach ja. „Einlehnen“ und „entlehnen“ nicht immer schon eine Technik war, die ohne imperiale Absichten sogar übers Musikalische hinaus ging? Man war offen für vieles, eine Einstellung, die heute noch präsent sein könnte. X x It wasn't long ago when rock music, which had become pop music, praised the use of all sorts of folkloristic “styles” as world music. African rhythms, Asian sound creations, South American “vibes”, meditative music, extravagant instruments and fiery dances: everything was and was evidence of a creative transformation of pop music, which of course all too often benefited certain wealthy circles (e.g. large media companies) and left the musicians as useful exotics let. There was even a separate trade fair for world music: Womex. Mixtures of all kinds were permitted without hesitation anyway. Nowadays, however, something like this would be considered “cultural appropriation” or – to put it vulgarly – “stealing” from foreign cultures, which hardly anyone would risk anymore. A band around the didgeridoo: impossible, something like that. Creative use of a ney? An oud? It does not work. Overtone singing? Impossible! After all, it is about intellectual property of traditional knowledge and traditional cultural expressions. But has popular music always picked up, expanded and enriched itself from such border crossings? The real, the pure and “uncorrupted”, wasn’t that always an illusion? Identities and collective self-determination? Is something carried from one area to the other? Who owns culture and what role does “globalization” play in it? Oh yes. Wasn’t “leaning in” and “borrowing” always a technique that even went beyond the musical without imperial intentions? People were open to a lot of things, an attitude that could still be present today.

Dienstag, 30. Mai 2023

Heimat (1)

Heimat? Was für ein schillernder Begriff! Missbraucht, verwendet und heute als eingestaubt desavouiert. Doch was könnte Heimat sein? Gibt es ein Empfinden dafür, dass gerade nicht das Enge und Beschränkte bedeuten kann? Ja ja, für die Romantiker (besonders in Deutschland) war’s ein Ausdruck für eine Sehnsucht. Das Warme, Anziehende, Ursprüngliche, das eine Gegenwelt zur kalten industrialisierten Gegenwart darstellen konnte. Ob das bis heute einwirkt auf das, was wir in Deutschland mit „Heimat“ bezeichnen? Da ist immerhin die globalisierte, gnadenlos auf profitorientierte Funktionsabläufe und rücksichtsloses Effizienzdenken gerichtete Welt von heute, mit aller Gewalt und sozialen Sanktionierungsmöglichkeit ausgestattet, mit dem ihr eigenen Maß an Entfremdung, mit jenem „kalten Blick“, den heutzutage vielleicht sogar immer mehr roboterartige Wesen unterstützen werden. Natürlich kommt der Begriff „Heimat“ aus einer anderen sozialen Sphäre als jener, die sich mit Gender- und Sprachproblemen oder anderem angeordnet verordnetem oder sonstwie vorgeschriebenen Verhalten herumschlägt und sich ansonsten in einem wohlfunktionierenden Sozialstaat wähnt. Deshalb kommt auch wohlfeil oberflächlicher Spott aus dieser gesellschaftlichen Ecke. Ach, wie leicht ist es, einen Begriff wie „Heimat“ dem 19. Jahrhundert zuzuordnen, dem ganzen „vaterländischen Quatsch“ und ihn insofern als veraltet zu betrachten! Ob er politisch auch in die falsche Richtung führen kann? Ob er so etwas wie Orientierung verspricht und damit auf ein gerade sehr aktuelles Bedürfnis eingeht? Ob er am Ende aber doch etwas mit jener „Vertrautheit“ und „Geborgenheit zu tun hat, die jedem Menschen auf dieser Erde zusteht? Samt der damit einhergehenden wirtschaftlichen Geborgenheit zustehen müsste? Der ganze Kitsch, den die Filmwelt rund um den Begriff „Heimat“ entworfen hat, spielt wohl auch noch eine ungünstige Rolle. Gibt es angesichts der obwaltenden Umstände am Ende gar mehrere „Heimaten“? Ist das, für das Begriff steht, teilbar? Oder führt das in jene Fremde, die diese Gesellschaft gerne den Migrationsbewegungen zuschreibt? ….Fehlende Sprache und all das…...

Montag, 29. Mai 2023

Gemeinheit

Adorno bezeichnete Vulgarität als ein „Einverstandensein mit der eigenen Erniedrigung“. Was dieser Satz wohl bedeuten mag? Tatsache ist, dass auch er missverstanden werden kann. Stark empfinde ich mittlerweile die Distanz, die zwischen dem „gemeinen“ Volk, seinem Sprachgebrauch, seinem Verhalten - und den selbsterklärten „Eliten“ zu herrschen scheint. Es scheint ein gangbarer Weg für diese politische Eliten zu sein, den Leuten vorzuschreiben, wie sie zu reden, zu schreiben und zu lesen hätten, wie sie zu fahren und zu heizen und sich fortzubewegen (& vieles andere mehr) hätten. Es mögen einem Zweifel dazu kommen, ob genau diese Verbote, Vorschriften oder beinharte Gesetze ein Weg sein können, was sich ja jeder als Ziel wünscht. Waren wir einmal von einem anderen Ausgangspunkt gestartet? Waren uns gerade Verbote und Vorschriften zuwider? Strebten wir nach einer reichlich diffusen „Freiheit“? Dass diese „Freiheit“ diffus blieb, mag sich heute rächen. Die diffuse Wut „auf die da oben“ kocht vor sich hin. Doch wehe, wenn diese Wut eines Tages entfacht und für politische Ziele missbraucht würde! Sind die Menschen in der „richtigen“ Richtung wachgerüttelt und mobilisiert?, so fragt sich mancher zeitgeistig Bewegte. Klimawandel? Ja klar wollen wir alle. Es geht um das Wie. Außerdem haben wir alle diese Phrase viel zu oft gehört. Vom Artensterben ist dagegen selten die Rede. Es wird auf bestimmten politischen Seiten mit den Begriffen „Widerstand“ und „Revolution“ hantiert. Vergessen (oder absichtlich in den Hintergrund gerückt), dass so etwas oft genug in der Weltgeschichte in ein Blutvergießen führte. „Apocalypse now“. Und trotzdem hat sich etwas Ungeklärtes, Diffuses angestaut: etwa, das Rennen um „billige Arbeitskräfte“ und Rohstoffe in der Globalisierung. „Brain Drain“, steht uns das zu? Einfach Menschen und ihr Know How kaufen, um die eigene Haut zu retten?

Mittwoch, 4. Januar 2023

Virtual Conferencing

„Virtual Conferencing“, „Homeoffice“, „E-Commerce-Push“….. das sollen unter anderem die Bereiche sein, die nach der Pandemie stark „gepusht“ seien, so Verlautbarungen der industriepropagandistischen Art. Ob man hier seine Sprache auch mal überprüfen sollte. Ob der völlig übertriebene Gebrauch der englischen Sprache nicht auch etwas mit jener Globalisierung zu tun hat, die derzeit kritisch überdacht wird (oder nicht?) und die durchaus auch mit „Lieferketten“ und daraus entstandenen Abhängigkeiten zu tun hat? Ob es da Sinn macht, dauernd in tausend Publikationen von der „digitalen Transformation“ zu quatschen, die uns scheinbar von der Industrie vorgegeben wird? Nun, wenn ich das richtig verfolgt habe, so werden auch hier die Faktoren hinterfragt (etwa, was mit den Menschenrechten ist in solchen „Lieferketten“los ist, wer die wahren Preise dafür bezahlen soll, welche Abhängigkeiten entstehen…. usw). „Die Cloud“ soll der wahre Treiber solcher digitalen Entwicklungen sein. Fügt sich sofort die Frage an: wessen Cloud? Die der amerikanischen oder chinesischen Konzerne? Ob da Europa auch endlich mal einzusteigen versucht? Klar, hat „die Cloud“ Vorteile. Dass etwa über die Cloud eine Vielzahl von „Usern“ auf dieselben Daten zugreifen kann und vieles über den „Browser“ abgewickelt werden kann: feie Sache. Bloß stellt sich die Frage: in wessen Interesse? Sollten wir da nicht ein bisschen kritischer und reflektierter werden, ein bisschen skeptischer auch gegenüber technologischen Versprechen?

Samstag, 23. Juli 2022

Konsum und Verzicht

Verzicht ist angesagt. Weniger ist mehr? Haha. Stimmt jede(r) zu. Wir wissen, dass wir sollten.... Doch die Zahl zugelassener Autos, ob Elektro oder Verbrenner, wird immer mehr. Die Konsumrate steigt. Auch in jetzigen, sehr problematischen Zeiten. Ob das ein Erbe der Vergangenheit ist, in der der Mangel herrschte? Ob das auch etwas damit zu tun hat, dass Besitz als Ausweis von Macht und Status gilt? Eine kleine Schicht konnte sich dieses Haben früher leisten: Aristokratie, Klerus, Besitzbürgertum. Ob dieses Besitzenwollen in uns angelegt ist? Oder ob sogar unsere Biologie da zwischen alle guten Vorsätze grätscht? Konsum frönen = Lustzentrum im Mittelhirn? Wenn wir etwas shoppen, einkaufen, stimuliert das das Lustzentrum. So scheint es wissenschaftlich hinterlegt. Nur: Das Konsumieren hält nicht ewig an, sondern geht in die Normalität über. Jetzt müssen wir ständig wieder etwas Neues an Land ziehen. Kaufsüchtig zu sein, ob das eine Folge davon ist? Dieses bestimmte positive Gefühl des Konsums aufsuchen? Was hat Gültigkeit?: Etwas besitzen ist besser als auf etwas verzichten? Mit dem, was wir besitzen, unterscheiden wir uns aber auch von anderen Menschen: Distinktion, Unterscheidung nennt man das. Sich absetzen. Etwas Besseres sein. Besitzen als Kompensation für ungute Gefühle? Geld alleine macht nicht glücklich, sagt der Volksmund. Alleine, wer viel hat, kann sein Leben aus Freiräumen heraus gestalten. Sehr wohl macht das glücklicher! Ein Großteil der Menschen lebt immer noch in einer Mangelsituation. Dem steht eine positive Einstellung dem Wohlstand gegenüber. Ob das auf die „soziale Frage“ zielt? Durch die Industrialisierung ist die Massenproduktion und dem folgend der Konsumrausch möglich geworden. Inwieweit das mit der Wertschätzung der Arbeit zu tun hat? Klar ist: Das Geschaffene muss in unserem System verbraucht werden. Wir sind Verbraucher geworden. Beispiel? Den heutigen Stand der Dinge bilden besonders die Klamotten ab, deren Fashion immer schneller wechselt und somit den Konsum anheizt. Fastfashion. Haha. Aber auch das Nichtgeeignetsein vieler Dinge und Konsumgüter für die Reparatur weist sehr deutlich darauf hin. „Dann holen wir uns halt was Neues...“, so der damit verbundene Spruch. Ob uns da der Ressourcenverbrauch Grenzen setzt? Dem Einzelnen scheint das egal zu sein, er sieht ausschließlich auf seinen persönlichen Vorteil. Und die Politik? Weist auf den Einzelnen. Ob wir unsere Erde somit auf eine schreckliche Art und Weise ausbeuten? Ob wir schon sehr lange die Möglichkeit zum Umdenken gehabt hätten? Inwieweit das mit der Frage zusammen hängt, ob wir vielleicht schon zu viele Menschen auf dieser Erde seien? „Small is beutiful“? Regional überschaubares Zeugs als Gegenpol zur „Globalisierung“? Inwieweit das mit dem Bildungsniveau zu tun hat?

Sonntag, 3. Juli 2022

Postheroisch

Was überhaupt könnte Neoliberalismus sein, von dem viele reden (geredet haben)? Er scheint noch lange nicht so vergangen zu sein, wie die Mächtigen gerne behaupten. Die Politikwissenschaft behauptete über lange Zeit hier ein „postheroisches Zeitalter“, in das wir speziell in der Bundesrepublik hinein geworfen sein würden. Der Krieg zeigt diesbezüglich ja gewisse Dinge. Wir sollten dabei aber nicht vernachlässigen, dass gewisse stark im Vordergrund agierenden Personen in den „Pandora Papers“ Erwähnung fanden, die die Segnungen des Neoliberalismus vielleicht ein bisschen zu aufdringlich beschworen haben. Nun ja. „Flexibilisierung der Arbeitswelt“ könnte ein Stichwort sein, das den Neoliberalismus unter anderem stark geprägt hat. Also die Loslösung von Menschen aus kollektiven Bindungen, etwa Tarifverträgen, und die Überantwortung solcher Bindungen an einen Markt, der schon alles irgendwie regeln möge. Voraussetzung dazu wäre eine Selbstoptimierung, also die Voraussetzung, dass jeder als Einzelner die Voraussetzung zu seinem Glück schaffen könne. Der „Wettbewerb“ scheint solch ein Begriff zu sein, der vom Neoliberalismus und seinen nachfolgenden Bewusstseinsverkrustungen heilig gesprochen ist. Ebenso der Begriff der „Leistung“, der möglichst von allen kollektiven Bindungen befreit sein müsse. Der Leistungssport scheint hier eine wichtige Schrittmacherrolle zu spielen. Prinzip: „The Winner takes it all“. Das heißt: Derjenige, der sich durchsetzt gegen alle andern, bekommt die ganze Aufmerksamkeit und das ganze Geld. Gewinner sind oft auch jene, die so glänzend dargestellt werden, weil sie ihre „Mitbewerber“ haben schlecht aussehen lassen. Neoliberalismus könnte aber auch etwas zu tun haben mit der Aushöhlung der Souveränität einzelner Staaten zugunsten einer Globalisierung des Turbokapitalismus, der alle soziale Bindungen aushölt, alles mit Geld regelt und jene Globalisierungsgewinner schafft, die uns in den Medien so gerne im Hochglanzformat präsentiert werden. Neoliberalismus könnte auch etwas zu tun haben mit dem Ideal des flexiblen Menschen, der sich allen vorgegebenen Strukturen möglichst optimal anpasst. Ob das etwas mit Konformitätsdruck zu tun hat? Dem folgen, was gerade opportun ist, ob das ein Ideal sein kann? Ob dem gegenüber Sinnstrukturen stehen, die nicht dem „Markt“ oder dem „Geld“ verpflichtet sind? Die über die Heiligsprechung des Einzelnen und die Nutzenorientierung des Marktes hinaus weist?

Dienstag, 12. April 2022

Globalisierung reloaded

>Könnte es sein, dass die Entscheidungsträger dieser Gesellschaft sehr an die Globalisierung glauben? Immer noch? Zu sehr? An das Wachstum um jeden Preis? Zu sehr? Könnte es wirklich so sein, dass in ihren Augen Handel nicht nur Wandel, sondern auch Frieden bringt? Ob dem aber gegenüber steht, dass hinter dem Handel in der heutigen Form gewisse Interessen stehen, die so gar nichts mit Frieden zu tun haben? Die den Frieden nur solange anstreben, wie er ihnen nützt? Je größer der Umfang des Handels zu gewissen Bedingungen ist, desto größer könnte auch der Widerstand dagegen werden. Was ist die Form dieses Widerstands? Terror. Die Globalisierung produziert auf diese Weise wohl ihre eigenen Gegner, was im Horizont der Globalisierungsbefürworter gar nicht vorkommt. Die Eigenschaften zum Handeln und Tauschen sollen ein Teil des Menschen sein, so das Weltbild der Globalisierer. Dieser Handel soll einen zivilisierenden Einfluss auf die Welt haben, glauben die Globalisierer. Dauerhaften Frieden bringe nur der Handel und der „Wohlstand“. Doch sie vergessen, dass die Geschichte der Globalisierung selbst eng mit der Geschichte von vernichtenden Kriegen verbunden ist. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichen Globalisierung und Handel einen ersten Höhepunkt. Wenig Zeit danach gerät die USA in eine schwere Wirtschaftskrise. Folge: Die USA suchen ihr Heil in Protektionismus (so ungefähr das, was heute Trump in seinem kommenden Wahlkampf vertritt), d.h. Sie erhöhen die Einfuhrzölle, um dadurch Arbeitsplätze zu schützen. Auch die anderen Nationen machen daraufhin die Grenzen dicht. Protektionismus und Nationalismus vermischen sich, es setzt sich ein Mechanismus in Gang. Dies führt schließlich zum riesigen und umfassenden 3. Weltkrieg, über die gegenwärtigen Kriege hinaus. Danach tun sich die Industrienationen in verschiedenen Abkommen wieder zu Handelsgemeinschaften zusammen. Es vermischten sich dabei humanitäre Gründe mit denen der Interessenwahrung und der Zementierung von Machtstrukturen. Es wird auf „freien Handel“ gesetzt, was auch Deutschland zum „Wirtschaftswunder“ inspiriert und den Kampf zwischen zwei Idiologien möglicherweise entscheidet. Nach der Theorie der Globalisierer könnten nun Kriege und Gewalt endgültig beendet werden. "Wandel durch Handel". Institutionen wie die EU scheinen auch über alle Kriege hinweg in diese Richtung zu zeigen. Doch mittlerweile scheint ein neues Zeitalter des Terrors angebrochen zu sein. Selten gab es in der Geschichte der Menschheit so viele Konflikte wie heute. Ein großer Krieg beschäftigt uns fortwährend. Der weltweite Kampf um Rohstoffe tobt. Die Pandemie rast. Hinter gewissen „Freiheitsbewegungen“ stehen meist Interessen. Beispiel: Demokratische Republik Kongo. Hier wird unter abschreckenden und menschenverachtenden Bedingungen Koltan (Smartphones!) und Kobalt abgebaut, das zur Herstellung von Elektrobatterien (E-Mobilität!) verwendet wird. Wieso ist das hier immer noch kein Thema? Ist das die "freie Welt"? Weil gewisse politische Kräfte versprochen haben, das Problem in Zukunft zu lösen? Wenn es um den Zugang zu billigen Rohstoffen geht, wirkt sich der globale Handel oft nicht sehr friedensstiftend aus. Durch militärisches Eingreifen könnten nämlich andere Vorteile winken. Örtliche Ableger der globalen Interessen kämpfen dann in der Form von Warlords oft um diese Interessen, als Stellvertreter und Lobbyisten des „big money“. Sie stürzen die örtliche Bevölkerung in Flucht und Armut. Auch der Wettlauf um Ernährung verschärft dieses Problem. In Afrika hungern viele Millionen von Menschen, obwohl das Land in dieser Hinsicht viel produziert, es dann aber sofort wieder exportiert. Fruchtbares Land wird dazu an große ausländische „Investoren“ verhökert. Eine riesige multinationale Lebensmittelindustrie soll auf diese Weise entstehen. Handel hat sich in seinen ursprünglich beabsichtigten Zielen umgekehrt. In welchem Interesse das so geschehen soll, erscheint mir klar.

Montag, 24. Januar 2022

Die Rationalität des Bösen

Es sind jetzt einige Tage vergangen, an denen uns das Gedenken an die sog. „Wannseekonferenz“ nahe gebracht wurde, bei der die Umsetzung einer Auslöschung der Juden von den Nazis beraten und beschlossen wurde. Ob das Spuren in uns hinterlassen hat? Ob es Leute ins Nachdenken darüber gebracht hat, was die blinde Umsetzung von Vorgaben und Befehlen in einer Organisation bedeutet? Es war wohl diese kalte Umsetzung, das Handeln nach Maßstäben der Effektivität, das gerade dieses Handeln hervor gebracht hat, das die „Normalität“ damals (...und heute unter veränderten Vorzeichen?) geprägt hat. Ob „Effektivität“ nicht auch ein Ziel ist, das uns heute nach Maßstäben einer globalisierten Menschenverachtung immer wieder vorgegeben wird? Ob kalte Überlegungen,scheinbare Rationalität und eine technokratische Vorgehensweise inzwischen verschwunden sind? Oder ob ein solches Denken weiter lebt und die diesbezüglichen Schwüre reine Lippenbekenntnisse sind? Verbale Tricks, die eine autoritätshörige Einstellung und Ausrichtung verdecken sollen? Ob noch einiges dieses Denkens und Handelns in uns weiterlebt und ob es mehr als genug Strukturen in diesem Gemeinwesen gibt, die ein solches furchtbares Vorgehen möglich und denkbar machen? Ich bin so vielen „braven“ Umsetzern von Vorgaben begegnet, habe das Verbergen hinter fragwürdigen Maßstäben der Effizienz erlebt, das Streben nach „Planerfüllung“ in einer Diktatur des Profits, habe eine blinde Gefolgschaft so hassen gelernt, dass ich nicht nur darin eine Signatur der „Banalität des Bösen“ sehe.

Donnerstag, 18. November 2021

Tour de Globalisierung

Man wird Miesmacher, Spielverderber und Nörgler mit meiner Einstellung, ich weiß das wohl….. Man soll ausblenden, verdrängen und sich dabei großartig fühlen. Tatsache ist, dass nicht nur in Deutschland, - wie sich spätestens mit der Pandemie heraus stellte - die digitalen Versprechungen ihre Tücken hatten. Fakt ist, dass die soziale Polarisierung in Arm und Reich immer weiter zuzunehmen scheint und der Niedriglohnsektor hierzulande immer noch weitaus größer ist, als in anderen vergleichbaren Industriestaaten. Die Zahlen, die ja erst erhoben und dann interpretiert werden müssen, sind dabei keine Widerlegung. Fakt ist, dass die Segnungen der Globalisierung bestimmten Leuten nützen, anderen gar nicht, im Gegenteil, dass dadurch ein weltweiter Wettbewerb ausgebrochen ist, der zu einer Spirale abwärts in den Industrieländern führt (was wohl auch den globalen Gegebenheiten entspricht, was aber ein grundsätzliches Umdenken erfordern würde...). Die Nachteile haben vor allem die unteren Schichten zu erleiden, während die oberen von solchen Entwicklungen zu profitieren scheinen.

Es scheint sich trotz der Ampelbemühungen etwas zusammen zu brauen, von dem wir trotz der apokalyptischen Klimaveränderungen nicht wissen, was es ist. Man merkt nur: es wird Vieles (wenn nicht gar alles) schlechter, es geht abwärts. Es gibt zwar die tollsten Güter, nur: man kann sie sich nicht mehr leisten. Der Staat scheint dabei kräftig mitzumachen und ist nicht verlegen, neue Einnahmen ökologisch zu bemänteln. In der Industrie würde man das als „Green Washing“ bemängeln. Dass dies seine Grenzen hat, zeigt der Protest der noch lange nicht vergangenen Gelbwesten in Frankreich, der auch in Deutschland seine Entsprechung finden könnte. Währenddessen labern Politiker und andere Medienmenschen in den Talk-Shows ihre Sprechblasen, setzen sich mit ihren selbstreferentiellen Medienproblemen auseinander und führen beredt ihre Eitelkeiten vor.


Donnerstag, 12. August 2021

Das Netz und man selbst

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer mehr ausdifferenziert. Dadurch sind entstanden und entstehen immer mehr, teils streng voneinander geschiedene Lebenswelten, unter denen das Verständnis immer schwieriger. Diese Lebenswelten sind teils sozial bestimmt (etwa durch ökonomischen Status) teils durch Interessen, die selbstverständlich ihrerseits von ökonomischen Möglichkeiten abhängen. Dies ist eine Entwicklung, die quasi „vertikal“ vonstatten geht. „Horizontal“ mag uns zunehmend bewusst werden, dass verschiedene Kulturen sehr unterschiedliche Werthaltungen begründen. Unser Verständnis mag gerade noch für verschiedene Phänomene in Mitteleuropa ausreichen. Mag die Globalisierung auf ihren verschiedenen Ebenen noch so fortgeschritten sein, in weiter entfernt Winkel dieser Erde reicht unser Verständnis trotz allem nicht. Auch dadurch entstehen teils extrem unterschiedliche Lebenswelten samt den damit zusammen hängenden Werthaltungen. Zwischen solchen, auf verschiedene Weise hervor gebrachten Lebenswelten zu pendeln, sie überhaupt erst kennen zu lernen und die damit verbundenen Abläufe besser zu verstehen, war zeitlebens eine „Herausforderung, ein Anliegen für mich. Ich versuchte, mit Personen verchiedener Lebenswelten Kontakt aufzubauen, mit begüterten Personen und Personen, die auf direkte Weise abhängig vom in Deutschland herrschenden Sozialsystem sind. Dies mag auch durch mein Blog „Reise durch Wirklichkeiten“ charakterisiert sein. Es versucht oft, durch kurze Texte, Photos und – sogar – Musik, die eigene Position in einem größeren Zusammenhang besser zu bestimmen. Mein anderes Blog, „ubpage.de“ knüpft mehr an meine musikalische Daseinsform an, bleibt persönlicher, umkreist meine Person.

Sonntag, 13. Juni 2021

Pandemie, Nationalismus, Identität

Wer die Erfahrungen der Pandemie mit wachem Verstand berücksichtigt und wer der Fußballeuropameisterschaft offenen Auges entgegen sieht, der könnte unter anderem vermuten, dass ein gewisser Nationalismus froh inszenierte und sogar offiziell herbei geredete Urständ' feiert. Ob das etwas mit dem Zustand ratloser Unbeweglichkeit, mit der Bräsigkeit und mangelnden Flexibilität eines scheinbar übernationalen Gebildes wie der EU (nicht zu verwechseln mit Europa!) zu tun hat? Die Ratlosikeit dieses Gebildes, so scheint es mir, wurde in einer späteren Phase der Pandemie mit Aktionismus und hektischen PR-Aktivitäten auszugleichen versucht, die gleichwohl tiefgehende Unfähigkeit offenbar werden ließen. Ins Gigantische ausgebaute staatliche Informationsapparate mit riesigen Beraterstäben und willfährigen sozialwissenschaftlich und journalistisch geschulten Herolden schienen sich dabei auf eine gewachsene Medienindustrie und ein Geflecht von sozialen Medien stützen zu können, das wohl völlig neue Methoden der Manipulation und Lenkung öffentlicher Meinung und Emotion hervorgebracht hat. Ob dies auch eine Folge des globalen Turbokapitalismus mit seinen ausschließlich ökonomisch gedeuteten Identitäten ist? Ob dadurch ein Mangel an kollektiver Identität entstand? Ob wir in einer im Zweifel stecken gebliebenen Internationalisierung leiden, die einerseits in einem internationalen Neoliberalismus schwelgt und andererseits einem neuen Nationalismus, einher gehend mit einem „Lokalismus“, frönt? Ob etwa die Fahnenschwenkereien und Hymnennölereien samt dem fortwährend vorgezeigten Medaillenspiegel der bald heran stehenden Olympischen Spiele an dieser Stelle dem von ihr so gerne behaupteten Supranationalismus entgegen stehen? Nationale Identität oder Globale „Governance“ , das scheint hier die Frage. Wie sieht es unter anderem um die Einordnung nationaler deutscher Interessen in ein heilig gesprochenes Europa in Form der EU aus? Wir leben ja wohl, wie zuletzt in der Pandemie mehr als deutlich wurde, in einer Welt souveräner Nationalstaaten. Nicht zuletzt die vielen im Mittelmeer Ertrunkenen und in menschenrechtlich unmöglichen Lagern dahinvegetierenden Menschen sprechen hier ein eindeutige Sprache für die Uneinigkeit des supranationalen Institution EU. Die andere Seite dieser Entwicklung scheint mir die gerade in den letzten Tagen offensichtliche gewordene und ständig zunehmende Konzentration des Kapitals in den Händen weniger Menschen.

Mittwoch, 5. Mai 2021

Heimat revisited

In einer mit kleinen Ergänzungen und Auslassungen versehenen Reprise zu meinem Blog vom 5.5.2018 schreibe ich jetzt zu einem ein bisschen aus dem Blickfeld geratenen Begriff: „Heimat", - das ist eine Landschaft, - und mehr. Vielleicht der Wunsch, dazu zu gehören, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die tief in uns verankert ist. Einen Ort zu haben, an dem man sich nicht erklären muss. Das Gefühl, dort willkommen zu sein. Einen Ort haben, an dem man sich sicher fühlen darf. Eine Erinnerung an die Kindheit, als die Welt einem vertraut erschien. Man entdeckt, Wurzeln zu haben. Verhätnisse, aus denen man gekommen ist. Heimat könnte Aufbruch und gleichzeitig Rückkehr bedeuten. Immer mehr Leute fürchten sich davor, ihre Heimat zu verlieren - und damit ihre Identität. Es herrschen Landflucht auf dem Dorf und steigende Mieten in den Städten, wo anscheinend die vielen Optionen wohnen. Eines aber scheint überall wichtig zu sein: Alle (ob Stadt oder Land) müssen flexibel sein und sich durchkämpfen in einer globalisierten und durchkapitalisierten Welt. Auch in Zeiten der Pandemie. Jetzt, wo die früher in SciFi-Literatur vorgedachte Zukunft nach und nach Wirklichkeit wird, könnten wir plötzlich unter Umständen gar keine Zukunft mehr haben. Es scheint eine Welt entstanden zu sein, die Entmaterialisierung bedeutet. Alles scheint ähnlicher zu werden, gleich zu werden, alles verschwimmt, Menschen sind in den neoliberalen Zusammenhängen „Humankapital“. Nummern, Zahlen, Positionen, Kosten. Wirtschaftliche Kreisläufe, Lieferketten und Renditeaussichten scheinen wichtiger zu sein. Verwurzelung und Identität scheint angesichts dessen das am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele zu sein. Aktuell scheinen sich Leute davor zu fürchten, durch Überfremdung ihre Heimat zu verlieren. Das bedeutet auch Clans und Ahnen, denen wir verbunden sind, ohne dass wir das wollen. Es gibt Menschen, die glauben, dass Heimatverbundenheit nicht mit der Angst vor Fremden verknüpft sein muss. Heimat sei nicht unbedingt, so glauben Leute, an den Ort gebunden, an dem man geboren wurde. Der Heimatbegriff, so halten manche Soziologen dagegen, zeige genau die Trennlinie zwischen der akademisch gebildeten, im Urbanen lebenden Mittelschicht und der traditionellen, oftmals noch der Industriemoderne verhafteten Mittelschicht. Die Heimatfraktion sei in die Defensive geraten. Linksliberale Kosmopoliten predigten Heimatliebe ohne Ausgrenzung und würden damit Gefahr laufen, allzu heuchlerisch zu sein. Denn diese klassisch Linksliberalen werfen womöglich anderen etwas vor, was sie selbst tun. Und zwar werfen sie anderen vor, dass sie Migranten und Flüchtlinge nicht integrieren würden. Sie selbst seien aber gar nicht erst in der Situation, dass sie mit Flüchtlingen und Migranten konfrontiert seien, weil sie in derart gefilterten und materiell abgefederten Lebensumständen leben, dass Migranten für sie keine Problematik darstellten. Ja, dass sie ihnen in ihrer gefilderten Wahrnehmungsblase kaum begegneten. Darin, was Heimat sein soll und wie sie geschützt werden soll, zeigt sich insofern auch die Spaltung der Gesellschaft. Es resultieren daraus verschiedene Lebenswelten, verschiedene Schichten, verschiedene Arten, mit der Welt umzugehen. Sehr offensichtlich wurde dies übrigens auch in den Berichten über gewisse prominente Amtsträger der Sozialdemokraten, die ihre Sprösslinge auf teure Internate und Privatschulen schicken und keineswegs daran zu glauben scheinen, was sie selbst dauernd predigen (Ein einstiger Vorsitzender macht es gerade vor...). Der empirische Beleg für eine solche Behauptung könnte sein, dass sie ihre Sprösslinge auf teure Privatschulen schicken und zu Bankaufsichtsräten werden. Sie haben ein Bild von sich entworfen, das in einem Gegensatz zu ihrer „privaten“ Existenz steht. Vorgetäuschte und tatsächliche Lebenswelt. Dass es nicht darum gehen soll, woher man kommt, könnte auch ein Mythos sein, ein Wunschbild. Denn Heimat ist gerade nicht nur Option und freie Wahl. Man ist bedingt durch das, was schon war. Heimat ist gerade nicht das, was man durch freien Willen sich wählt. Sondern man ist hinein gewachsen. Auch durch Sozialisation. Man versteht die Leute in dieser Heimat unwillkürlich besser, sie sind einem nah, man agiert und bewegt sich wie selbstverständlich, wie im Schlaf. Es scheint eine Art realer Traum zu sein. Es gibt den Ort der Geburt als Schicksal. Man ist hinein geboren worden, hat ihn sich nicht heraus gesucht. Wir sind nicht nur autonome Menschen, die sich ihre Existenz frei gewählt haben. Wir sind auch durch unsere Herkunft und unsere Geschichte, durch Zufälle, Glück und Unglück geprägt. Man ist hinein geworfen. Wie sang Jim Morrison (klar, ich weiß, dass er das möglicherweise auch geklaut hat): „Riders on the storm, into this house we're born, into this world we're thrown, Like a dog without a bone, an actor out on loan, Riders on the storm“. Man lässt sich zurück gleiten, Richtung Heimat, Richtung Ursprung, man begegnet sich selbst und denkt am Ende darüber nach, wieso man so ist, wie man ist. Wieso man so geworden ist.... Es kann auch bedeuten, dass man anfängt, zu akzeptieren, dass man nicht einzigartig ist, sondern dass man Teil von etwas Größerem ist. So etwas deutet vielleicht auf Schwarmintelligenz und das, was später allzuoft als „Herdenimmunität“ beschworen wurde. Und dann ist da das Oberflächliche. Das, was einen als gerne verkündete „Lebensweisheit“ oder als mühsam erarbeitete Erkenntnis ermüdet hat. Tausend mal gehört, tausend mal nichts passiert. Das, dass tausend Leute um einen herum sagen: „Man muss in der Gegenwart leben“. Klar. Man blickt auf die Kindheit zurück, sieht Bilder und Fotos und denkt: „Wer zum Teufel war das?“ Das ist eine Ebene. Es gibt womöglich auch eine andere. Dinge stoßen einem zu, sie „überfallen“ einen. Gab es intensive Erlebnisse? Die einem die eigene, ganz eigene Präsenz nahe legten? Wie war das damals, als du aus dem Auto gefallen bist? Hattest du danach das Gefühl, du hättest einen Schutzengel gehabt? Wieso hast du bei diesem Desaster so abgeschnitten, bist am Leben geblieben, als sei nichts gewesen? Gibt es mögliche Welten, Abzweigungen? Welche, die dich geprägt haben? Hat man wirklich Entscheidungen gefällt? Oder haben sie dich gefällt? Ich hatte nie das Gefühl, Wichtiges und für andere Erhellendes zu erzählen zu haben. Das ist nach wie vor so. Weder im fiktiven noch im realen Bereich. Alles, was möglicherweise auf mich zutrifft, stellt sich bei anderen ganz anders dar......