Reise durch Wirklichkeiten

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Freitag, 9. August 2024

Überblick

Jaja, Intellektuelle weisen einen Blick auf das Allgemeine und das Ganze weit von sich! Das habe ich erst kürzlich wieder einem Interview entnommen. Welcher Unterschied zu den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen das Pendel leider etwas zu sehr in die andere Richtung ausschlug! Intellektuelle, wer auch immer das sei, fühlen sich nun nicht mehr als öffentliche Personen, obwohl sie von der Öffentlichkeit teilweise fürstlich für ihre Dienste bezahlt werden. Heutigen disziplinär geordneten Bereichen scheint eine solche Verantwortlichkeit zu widersprechen. Sie erklären, dass sie sich unfähig dazu fühlten, dass sie nicht über die Sprache und über das qualifizierte Einsichtsvermögen dafür verfügten. Der öffentliche und akademische Raum müsse streng getrennt werden, so heißt es da oft in wohlhonorierter Bescheidenheit. Universalgelehrte gibt es nicht mehr. Als Bürger dürfe und könne man etwas sagen, seine Meinung kund tun. Als Professor aber keinesfalls. Dieser beanspruche aus seinen analytischen Kompetenzen heraus keinesfalls die Deutungshoheit in Krisensituationen. Er fühle sich damit überfordert, - auch darin, so etwas wie „Allgemeinbildung“ aufrecht zu erhalten. So etwas sei längst überwunden. Das sind Intellektuelle heute. x x Yes, yes, intellectuals reject the idea of ​​the general and the whole! I recently heard this from an interview. What a difference to the sixties and seventies of the last century, when the pendulum unfortunately swung a little too far in the other direction! Intellectuals, whoever they may be, no longer feel like public figures, even though they are sometimes paid handsomely by the public for their services. Such responsibility seems to contradict today's disciplined areas. They explain that they feel incapable of doing so, that they do not have the language or the qualified insight to do so. The public and academic spaces must be strictly separated, they often say with well-honored modesty. There are no longer any polymaths. As a citizen, you can and may say something, express your opinion. But not as a professor. The professor does not claim the authority to interpret things in crisis situations based on his analytical skills. He feels overwhelmed by this - including maintaining something like "general education". Such a thing has long been overcome. That is what intellectuals are like today.

Sonntag, 28. April 2024

Wohlstand und Wir

Die Zeiten, in denen „wir“ führend in jeder Hinsicht waren, könnten vorbei sein. Aber „wir“ könnten umschalten und den „Wettbewerb“ akzeptieren. Wir könnten beispielsweise anstreben, unsere Gesellschaft trotz Führungsanspruch aus Berlin („an uns sollen sich alle anderen orientieren. Wir sind Vorreiter“) auch in Zukunft weitgehend egalitär zu halten, was heißt, ökonomisch und anders bedingte Statusunterschiede möglichst gering und die Möglichkeiten zur Partizipation auch mittels Transparenz hoch zu halten und die derzeit von allen Seiten auf uns einströmende Polarisierungstendenzen gering zu halten („Die Schere zwischen Arm und Reich...“ u.a.). Wir könnten ernsthaft versuchen, in jeder Hinsicht eine Vielfalt zu bewahren und deren Wert gegenüber dem Einseitigen, Eintönigen, Einheitlichen klar zu sehen. Modisch ausgedrückt: das „Diverse“. Es gilt vielleicht, noch viele Dinge kennen zu lernen, mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln auch den Kosmos und den größeren Zusammenhang zu erkunden, damit auf Tuchfühlung zu bleiben. Angesichts der vielen digitalen Verblödungsmechanismen könnten wir versuchen, uns Wissen anzueignen, um mit Wissen/Fakten besser umgehen zu können, es in einen Zusammenhang bringen zu können. Es gilt auch zu verschieden motivierten Führerfiguren auf Distanz zu bleiben, sich niemals auszuliefern, sondern sich selbst und die Möglichkeiten des eigenen Selbst dagegen zu setzen...., dies mag auch eine mögliche Haltung zu Verdinglichung und Entfremdung sein, die uns in mannigfacher Gestalt begegnen und uns samt unserem Umgang schleichend aufzufressen drohen. Es gilt, Spannungen und das Nichtwissen auszuhalten, Widersprüche zu ertragen und sie nicht in eine falsche Einheit auflösen zu wollen. Wir sollten auch eine Distanz zu kollektiven Zusammenhängen wagen und keinesfalls eine fremdgeleitete Identität daraus ableiten. Uns nicht bestimmen zu lassen, sondern uns selbst zu bestimmen, könnte ein Ziel sein. X x The days when “we” were leaders in every way may be over. But “we” could switch and accept “competition”. For example, we could strive to keep our society largely egalitarian in the future, despite Berlin's claim to leadership (“everyone else should follow us. We are pioneers”), which means that economic and other status differences are as small as possible and the opportunities for participation too to keep it high through transparency and to keep the polarization tendencies that are currently flowing towards us from all sides low (“The gap between rich and poor...” etc.). We could seriously try to preserve diversity in every respect and to clearly see its value over the one-sided, monotonous, uniform. To put it fashionably: the “diverse”. Perhaps there are still many things to get to know, to use the means available to explore the cosmos and the larger context, and to stay in touch with it. Given the many digital dumbing down mechanisms, we could try to acquire knowledge in order to be able to deal with knowledge/facts better and to be able to put them into context. It is also important to stay at a distance from leaders with different motivations, to never surrender yourself, but to set yourself and your own possibilities against them.... this may also be a possible attitude towards reification and alienation, which we face in many different forms encounter and threaten to slowly consume us and our interactions. It is important to endure tensions and ignorance, to endure contradictions and not to want to dissolve them into a false unity. We should also dare to distance ourselves from collective contexts and under no circumstances derive an externally derived identity from them. Not letting ourselves be determined, but rather determining ourselves could be a goal.

Mittwoch, 29. November 2023

Sprachgebrauch

Es ist dieser Tage mal wieder viel davon die Rede, dass im Staatshaushalt „priorisiert“ werden müsse. Mir scheint dieser Wortgebrauch wieder einmal unsäglich typisch für einen bestimmten Fremdwortgebrauch, der viele Menschen aussschließen und die eigene Bildungsbeflissenheit betonen will. Auf diese Weise zeigt man, dass sich die eigene soziale Kaste so ausdrückt. Wieso kann niemand dieses Wort in einfachem Deutsch erklären? Verständlich für alle Menschen? Es geht doch auch darum, verschiedene Dinge anhand von Maßstäben zu ordnen, ihnen verschiedene Wichtigkeiten zuzuweisen. Auf diese Weise soll im aktuellen Fall gespart werden. Weniger geht es darum, Bildungsbarrieren aufzubauen oder sie keck sich abgrenzend vorzuzeigen. Mehr Leute in die eigene Ausdrucksweise einzubeziehen könnte doch auch demokratisches Bewusstsein beweisen. Oder?

Donnerstag, 24. August 2023

Zeugnis

Ich stoße bei meiner Aufräumaktion auf Zeitungsausschnitte, die ich alle als irgendwie wertvoll für mich und mein Bild von der Welt betrachtet hatte. Ich habe sie aufbewahrt und dadurch durch die Zeitläufte hindurch indirekt einiges über meine Motivation damals erfahren, weiß jetzt, dass ich den falschen Leuten geglaubt habe, bin damals zu gerne ihrer Einschätzung, ihrem Wehen im Wind des Zeitgeists aufgesessen. Es geht jetzt um die soziale Durchlässigkeit, um die Möglichkeit des Auf- oder Abstiegs, das mich höchstens theoretisch bewegt hat, unter anderem in einem Studium. Es geht um das Wort „Unterschicht“, das wohl so ungern in den Mund genommen wurde und das heutzutage mit allerlei technokratischen Ausdrücken umschrieben wird. Es geht um oben und unten, drinnen und draußen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt scheinen die „feinen Unterschiede“ gepriesen worden zu sein, in Veröffentlichungen, Analysen, Verlautbarungen. Es muss dies wohl einigermaßen direkt (heute würde man das als „disruptiv“ benennen) in eine Betrachtung des groben Unterschieds in Unten und Oben übergegangen sein, eine neue Betrachtung der sozialen Unterschiede, die die herabsetzende und verächtlich machende Bedeutung des Wortes ganz bewusst in Kauf nimmt und sie genauer betrachten will. Die Welt der Reichen und Superreichen, die InfluencInnen und Lamborghini-FahrerInnen, die uns mittlerweile täglich vorgeführt wird, war darin noch gar nicht vorgekommen und somit auch nicht aufgenommen. Eine „abgestumpfte Gleichförmigkeit“ treibe diese Unterschichtler an, mangelndes Bewusstsein dafür, was „das Leben“ einem bieten könne, wenn man nur wolle, so die Analyse. Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit könnten je nach Status und Position durch Bildung besser bewältigt werden. Es geht darum, an der Welt der Möglichkeiten teilzuhaben. Wie? Durch Bildung, - so hieß es. Wir glaubten das, irgendwie. „Selbständige Lebensführung“ und „Selbstoptimierung“ sind aber mittlerweile Werte, die deutlich mehr gefragt sind. Jeder sei seines Glückes Schmid, so heißt es heutzutage gerne den Neoliberalismus in seiner reinsten Form in sich aufnehmend. „American way of life“, gilt das noch? Vom Tellerwäscher zum Millionär? Ob das die Karotte ist, die dem Esel vor die Nase gehalten wird? Migration, Klima und „Wachstum“ sind inzwischen noch als oft umlaberte Problemherde dazu gekommen. Ob es noch eine „Zugehörigkeit für alle“ gibt? When I'm cleaning up, I come across newspaper clippings, all of which I considered valuable in some way for me and my view of the world. I kept them and through the course of time indirectly learned something about my motivation back then, now I know that I believed the wrong people, I was too happy to be taken in by their assessment, their blowing in the wind of the zeitgeist. It's now about social permeability, about the possibility of promotion or relegation, which only moved me theoretically, among other things in a course of study. It's about the word "lower class", which was probably so reluctantly used and which is nowadays described with all sorts of technocratic expressions. It's about up and down, inside and outside. Up to a point, the "subtle differences" seem to have been extolled, in publications, analyses, pronouncements. This must have passed fairly directly (today this would be called "disruptive") into a consideration of the gross difference between below and above, a new consideration of social differences that quite consciously accepts the derogatory and contemptuous meaning of the word takes and wants to take a closer look at them. The world of the rich and super-rich, the influencers and Lamborghini drivers, which is now being shown to us every day, had not yet appeared in it and was therefore not included. According to the analysis, a “jaded uniformity” drives these lower classes, a lack of awareness of what “life” can offer you if you really want to. Depending on one's status and position, life risks such as unemployment, old age and illness could be better managed through education. It's about being part of the world of possibilities. How? Through education, - so it was said. We kind of believed that. However, “independent living” and “self-optimization” are now values that are much more in demand. Everyone is lucky, that's what people like to say nowadays, absorbing neoliberalism in its purest form. "American way of life", is that still true? From rags to riches? Is that the carrot being held in front of the donkey's nose? Migration, climate and "growth" have now been added as trouble spots that are often talked about. Is there still a "belonging for all"?

Dienstag, 15. August 2023

Aufstieg gestern und heute

Ich versuche, alten „Kruschd“ zu ordnen. Dabei fällt mir ein Ausschnitt auf, dem wir damals womöglich geglaubt haben. Darin heißt es von einem „Experten“ thesenartig: „Beim Hochschulstudium ergeben sich die höchsten Gewinne“. Nun ja, ich überlege mir: von denen haben wir nichts mitgekriegt. „Selbst schuld“ würden uns da viele dem Neoliberalismus verpflichteten Leute sagen. 2. These: „Höhere Bildung verringert das Risiko der Arbeitslosigkeit“. Auch dies würden wir ganz klar bestreiten, scheint es doch vor allem für Absolventen bestimmter Studiengänge zu gelten. 3. „Die Behauptung, es gebe auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu viele Menschen, die studiert haben, ist falsch“: Nun ja, die Konkurrenz saß einem ein um das andere Mal unangenehm im Nacken, woran wir uns deutlich erinnern. Immerhin wird in diesem Artikel konzidiert: „Die größten Unterschiede beim Lebenseinkommen ergeben sich nicht im Hinblick auf Region oder Geschlecht, sondern bezüglich der Fachrichtung des Abschlusses“. Dem können wir nur zustimmen, verfügt die Masse der Tonangeber in dieser Gesellschaft doch über einen juristischen Abschluss. Die Geldwirtschaft wird in diesem Artikel auch noch genannt. Stimmt. Ein Plus an Lebenseinkommen solle sich daraus ergeben: mag sein. Wer sich freilich für einen Abschluss in einem geisteswissenschaftlichen Fach entschieden hat, für den gelten die genannten Rahmenbedingungen ganz und gar nicht. So mancher mag aus heutiger Sicht bedauern, sich jemals für so etwas entscheiden zu haben, etwas, was vor allem den finanziell gut gestellten Kreisen in dieser Gesellschaft, dem sogenannten „gehobenen Mittelstand“ nützen mag. Höhere Bildungsabschlüsse gehen systematisch mit höherem Monatseinkommen einher, mit einem geringeren Risiko, arbeitslos zu werden sowie insgesamt mit einem sechstelligen Zuwachs beim Lebenseinkommen. Alles Lüge, so wollen wir aus heutiger Sicht behaupten. Das Vorgetragene gilt nur für bestimmte Fachrichtungen, die vermeintlich besonders gut in ein vornehmlich technologisch oder juristisch orientiertes Bedürfnisprofil dieser Gesellschaft passen. Was fragwürdig genug erscheint, denn die Kategorie des Sinns fällt auf diese Weise aus.

Samstag, 17. Juni 2023

Literaten

Wer heute Literatur (Bildungsgüter als „Bewusstseinswaren“) produziert, blickt oftmals relativ beruhigt und satt in die Kameras der verhätschenden Medien aus der Kulturblase. Materiell meist üppig versorgt schauen uns diese Aushängeschilder der künstlerischen Textproduktion so unschuldig und befreit an, als würden sie die Problemchen ihrer Seelchen uns so bald und so farbig wie möglich ausbreiten wollen. Natürlich geht’s um die Liebe und vielleicht noch ein bisschen um Achtsamkeit, Einsamkeit, Selbstoptimierung, Egoproblemchen. Sie strahlen dabei jenes Wohlbehütetsein aus, das man früher dem Bildungsbürgertum zuordnete. Ja klar, nicht alle gehören dieser Schicht an! Aber diejenigen, die gut sichtbar sind, die sehr wohl….

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Bildungshierarchen

Da quillt unsäglich blödes Zeugs aus dem Fernseher, während sich Kultur- und Kultushierarchen in dicken 8- und 12-Zylinder-Limousinen zu ihren Sitzungen fahren lassen. Man erinnert sich indessen an Reportagen über den Verfall von Schulen, von Fenstern, die nicht mehr geöffnet werden können und von Platten, die vom der Decke fallen. Welche Worte man in letzter Zeit weniger hört und liest: „disruptiv“, „Dysotopisch“ Ein paar Worte, die man oft oder dauernd hört: „Narrativ“, „geframed“…. Man hatte Umgang mit den „unteren Schichten“ der Bevölkerung und musste staunend vernehmen, wie da über die Bedeutung von Worten geraten wurde: „Senior vice president“, „gecanceled“, „Gendersprache“…..“Lerninfrastruktur“ wer kann mir das erklären? Mir wurde auch angesichts dessen wieder bewusst, wie abgehoben sich jene Bildungsfunktionär(innen) verhalten, die sich zu teuren Sitzungen treffen, bei denen oft nichts anderes heraus kommt, als kaputte Schulen. Ich werde indessen gefragt, was das Wort „digital“ bedeute (was bedeutet „W-LAN!?) und denke mir, dass der völlig daneben gegangene Digitalunterricht in bedrängten Corona-Zeiten da eine deutliche Sprache spricht. Ob diese Kulturhierarchen überhaupt eine Ahnung davon haben, dass alleine schon die Sprache (Bildungs-)barrieren schaffen kann? Ob sie irgendeinen Kontakt mit denen pflegen, deren Bildungsentwicklung sie zu befördern vorgeben („Bildung schafft Lebenschancen“)? In Baden-Württemberg werden Lehrer(innen) während der Sommerpause entlassen, um im Herbst wieder welche einzustellen? Ist das okay?

Montag, 19. September 2022

Überbauarbeiter

Wieder so eine Diskussion im TV verfolgt, in der ein sehr geschmäcklerisch ausgesuchtes und mit spritzigem Wein Wahrscheinlich kein von diesem Kreis so hoch gepriesenes Wasser!) rechtzeitig bedachtes Publikum über die verkommenen Sitten des Publikums diskutiert. Da zählt die große Geste, die erklärtermaßen keinerlei Rücksicht auf das Publikum ("Die Bettler") nimmt, weil das ohnehin ein Graus ist. Aber man ist sich unter den spitzzüngig schlürfenden Regenten des Kulturbetriebs einig, mit welchen Taxifahrern (ob es auch weibliche gibt?) man keineswegs fahren sollte, weil die immer so frech und verständnislos sind. In hedonistisch zerschmatzten Nebensätzen lässt dieses Vertretertum des Bildungsbürgertums dann fallen, welche Großschriftsteller und welche bedeutenden Werke man ganz genau kennt (an dieser Stelle aber nicht weiter erwähnen will, - obwohl….). Man zwinkert sich zu, denn man ist sich ja einig, was großartig ist, unabhängig von kriegerischen Umtrieben irgendwo auf der Welt. Man macht genüsslerische Andeutungen und gefällt sich im Lob und Preis „befreiter“ niederer Triebe, die man ja von allen überflüssigen Moralvorstellungen längst entkleidet hat. Es gilt der exquisite Geschmack, der sich weit über die niederen Ansichten des Volkes erhebt. Man zelebriert selbstgefällig seine eigene Abgehobenheit, die sich selbstverständlich nie um jene Kritiker kümmert, die eventuell im Internet auftreten könnten, - denn dort ist ja sowieso alles hassverseucht und von niederem Geschmack. Jawohl, Hate Speech ist nicht erlaubt!

Montag, 1. August 2022

Urlaubsträume

Nun ja, diese Art der Anbiederung an den vermeintlichen Geschmack des Publikums kennen wir von Journalisten. Pünktlich jetzt, zu Beginn der Sommerferien auch noch im letzten Bundesland, werden Loblieder des Reisens gesungen. „Am liebsten weit weg“ solle die Reise gehen. „Hauptsache raus“, so der Tenor derer, die sich jetzt auf Flughäfen oder Bahnsteigen quälen und nach Corona endlich mal wieder die weite Welt an überfüllten Stränden von vollklimatisierten Hotels erkunden dürfen, wobei sie von den jeweiligen einheimischen „Bediensteten“ mit möglichst billigen Servicediensten umsorgt werden. Ob da eine Art Neokolonialismus durchschlägt, ein Diener-Herrschaftsverhältnis? Die „Entdeckungstour“ durch das eigene Land habe nicht ausgereicht, schließlich müsse man sich „ein Bild von der Welt machen“. Ob da der alte Mittelklassetraum von der „Bildungsreise“ noch mitschwingt? Wer von der Masse derer, die jetzt die Flughäfen stürmt, sich wohl ein „Bild von der Welt“ machen will, indem er mit einem netten Sonnenbrand unterm Sonnenschirm am Meer liegt? Reisen habe mit dem Erfahren zu tun, was auf gewissen Südseeinseln angesichts eines unzureichenden Klimaschutzes los sei. Wer sich wohl mit ungewöhnlichen Lebensgewohnheiten, merkwürdigen Speisen, fremden Sprachen und anders aussehenden Menschen auseinander setzen will? Reisen würde motivieren, aufrütteln und – bilden. Wer wohl von all den Reisenden an den Flughäfen einen Bildungsurlaub auf einer kleinen Insel oder in einem „armen Land“ gebucht hat? Ob eine solche „kleine Insel“ auch in der Südsee liegen könnte? Wer sich das wohl leisten mag? Die „Annäherung an das Fremde“ und die „Wiederherstellung der Arbeitskraft“ habe mit dem ursprünglichen Sinn und Zweck des Reisens zu tun. Die Betonung scheint mir heutzutage eindeutig auf dem zweiten Punkt zu liegen. Und ob die Masse der Urlaubenden diesen bildungsbürgerlich gefassten Begriff des Reisens teilt, mag dahin gestellt bleiben.

Sonntag, 2. Januar 2022

Bildung - was ist das?

 

Immer noch zunehmend scheint sich ein Bildungsbegriff heraus gestellt haben, der stark technologisch geprägt ist. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Wahlkampf Deutschlands, in dem die Forderung auftauchte, Deutschland müsse „ein Volk von digitalen Dichtern und Denkern werden“. Dahinter scheint mir ein ziemlich instrumentelles Verständnis und Gelehrsamkeit zu stehen. Deutschland soll auf diesem Wege, der auch gerne mit dem Modewort „Digitalisierung“ beschrieben wird, auf möglichst geradlienigem Weg ein Volk von Programmierern und und Ingenieure werden. Doch was könnte die Bildung eines Menschen bedeuten, was könnte ein Ziel sein? Schon im 19 Jahrhundert bildete sich hierzulande ein Bildungssystem heraus, das in Vielem beispielgebend war und bis in die Gegenwart etwa Staaten wie den USA ein Vorbild abgab.Wieso? Weil es nicht in erster Linie zweckdienlich war, sondern viel eher dem Ideal der Aufklärung verpflichtet. Was aber kann Bildung aus dieser Tradition heraus bedeuten? 

Es könnte in der Bildung ein Wissen einen wichtigen Platz einnehmen, das gerade nicht unmittelbar an seiner Brauchbarkeit für den Arbeitsmarkt gemessen wird. Man sollte seinen eigenen kritischen Geist entwickeln, eigenständig denken und damit die Welt in all ihrer Vielfalt entdecken. Gerade in Zeiten wie den jetzigen kann niemand voraussagen, mit welchen Herausforderungen es zukünftige Generationen zu tun haben werden. Gewisse Erkenntnisse sollten allgemein sein und Bildung ist mehr als Faktenwissen. Freude am Entdecken, sich begeistern an Rätseln und Fragen, Offenheit für überraschende Fragen, deren Beantwortung wieder neue Fragen hervor bringen können. So etwas könnte Ansporn sein, könnte die Gesellschaft vorwärts bringen und einen dazu bringen, die Welt in ihren Zusammenhängen besser zu verstehen. Die Neugier und die Möglichkeit, aus dem Entdeckten etwas Neues zu schaffen treibt den Fortschritt weiter. Erkenntnisse der Grundlagenforschung lassen neue Anwendungsmöglichkeiten vermuten, die unter anderem auch Eingang finden in Maschinen und Technologien.

Montag, 27. September 2021

Digitale Dichter

 Noch einmal bin ich dem von Politikern explizit geäußerten Wusch nach einem „Volk von digitalen Dichtern und Denkern“ begegnet. Ich denke mir, dass genau das beabsichtigt war, als ich mit meiner geisteswissenschaftlichen „Bildung“ immer mehr auf das Abstellgleis geschoben wurde. Es soll wohl ein Volk von willigen Digitaldeppen geschaffen werden, von Programmierern und Webdesignern, die genau das umsetzen, was man ihnen vorgibt, was selbstverständlich den Gebrauch von Kreativität und Lust am Experimentieren ausschließt. So etwas würde nämlich Zeit zum Spielen und Ausprobieren voraussetzen, was natürlich dem „Zeit ist Geld“-Prinzip zuwiderlaufen würde. Deutschland solle eine Nation der Programmierer und Ingenieure werden, die nicht lange danach fragen, auf welches Ziel wohl so etwas zuführen könnte. Als Ziel werden vielmehr Phrasen wie „Klimaneutralität“ ausgegeben, die alles und jedes bedeuten können, was sie für staatliche Einheiten wie die EU und die von ihren Repräsentanten gehaltenen Sonntagsreden möglicherweise noch attraktiver macht. Ich vergleiche das unwillkürlich mit klassischen Idealen wie dem Streben nach Kunst, Bildung und Gelehrsamkeit, was durch einen Klassenbegriff und das Selbstverständnis eines emanzipierten Menschen gestützt lange die Idee der Nation beherrschte. Man strebte nach einem empathischen, nicht zweckdienlichen und politischen Interessen gefügiges Menschenbild an. Ob wohl dies Ideal des „digitalen Dichters und Denkers“ dem krass widerspricht?

Montag, 17. Mai 2021

Auskenner

Mich ermüden allmählich die TV-Diskussionen der obergescheiten Besserwisser und offenbar blitzgescheiten Auskenner, der hoch honorierten Bewerter und verdeckten Berater, die lächelnden Gesichts öffentlich mit etwas umgehen, das fortwährend ein Anderes wird, zu dessen oberkritischer Präsentation die Macher aber stets dieselben Gesichter (oder austauschbare Figuren einer sozialen Sphäre) einladen (lassen) und dessen soziale Auswirkungen sie nicht einmal entfernt abschätzen können. Mir scheint, dass dies die gehätschelten Reste jener Bildungsbürgerschicht sind, die allmählich Bestandteil in einem überall fortschreitenden „White Noise“ ist und deren Angehörige sich als Karrieristen geschmäcklerisch mit etwas umgehen, was zu viele sich nicht leisten können und zu dem sie einen allein schon ökonomisch begründeten Abstand haben. Diese Leute kommen mir als Botschafter der Kundigkeit (die oft auch als „Experten“ bezeichnet werden) zu oft aus einer Komfortzone, die womöglich noch eine Weile wird Bestand haben können. Diese Karrieristen der steilen Thesen werden dann aber als Märtyrer im voranschreitenden Chaos untergehen. Sie prophezeien oft alles Unheil dieser Welt und wirken doch daran sehr aktiv mit, sind ein Teil des Bewusstseinsapparates, der die „Massen“ unablässig in einem bestimmten Interesse bearbeitet und sie verdummt. Natürlich wähnen sie sich im Besitz absoluter Wahrheiten, die sie sehr leidenschaftlich spitzmündig geschmäcklerisch vertreten. Gleichzeitig sind sie aber ganz klar für Diskurs und Diskussion, für einen in Widersprüchen voranschreitenden Prozess der Wahrheitssuche. Wie lange das noch in einer finanziell gut abgepolsterten Weise auszuhalten sein wird?

Sonntag, 28. Februar 2021

Feuilleton-Weisheiten

Gewisse Medien haben irgendwann beschlossen, das Feuilleton „leichteren“ Themen und Stilistiken zugänglich zu machen. Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig. Das Bildungsbürgertum alten Schlags befand sich in der Auflösung, neue Formen und Inhalte zogen in die Aufmerksamkeit und den Horizont bildungsnaher Kreise ein. Mittlerweile freilich hat sich das Rad wiederum weiter gedreht und überall beherrscht die Dampfplauderei das Feld. Man wird zugedröhnt vor lauter Meinungsäußerung, Bilderflut und „Schlagzeilenpoesie“, deren Inhalte meist nur noch vage zu erraten sind. Es ist genau zu diesem Zeitpunkt eine Sehnsucht zu konstatieren, über das Niveau des Plauderns hinaus zu kommen, sich etwas reflektivere Formen und Stilistiken zuzuführen. Genau über solche reflektivere Formen der Darstellung und des öffentlichen Verhandelns nachzudenken wäre Aufgabe gewisser Medien, die freilich meist den ausgetretenen Empfehlungspfaden ihrer Verbände und Organisationen folgen, dem Mainstream dessen, „was halt so gemacht wird“. Fest steht: Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist hart, es geht um Zeit, die einer gewissen Gedankenabsonderung geschenkt wird. Dazu müssten sich diese Medien mehr diesen Gedankenabsonderungen widmen.

Samstag, 5. September 2020

Kulturgehabe

Personen, die allzeit hip sind und wissen, was angesagt ist, versammeln sich jetzt zum virtuellen Tanz auf dem Bildschirm. Ein genießerisches Lächeln huscht über ihr Gesicht, kombiniert mit Kennermiene. Sie sind wohl bestallt, man sieht das gleich, Sorgen plagen sie nur jene, die sie sich selbst zum Vorzeigen ausgewählt haben. Der abgefederte Spott trägt sie, die oberverdiente Coolness. Sie sind bei den Medien und „irgendwie“ kreativ. Ein bildungsbürgerlich gut durchgequetschter Maestro schleppt sich da auf eine Bühne und macht exzentrische Verrichtungen. Ja, ein Maestro, keine Meisterin!! Man wird sich des Bedeutenden gewahr, der kann‘s!, und die Luft füllt sich mit Respekt und Ehrfurcht statt mit Viren. Ehrfurcht ist eigentlich nicht erwünscht, doch eine Art geheimes Einverständnis trägt sie in den Raum und breitet sich aus.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Reisespass für alle?

Nun schon seit Monaten scheint es das Wichtigste überhaupt zu sein, wie es ums Reisen steht, mit dem gebuchten Urlaub. Auf Balkonien? Besondere Umstände? Auf gar keinen Fall! Es sei denn, man ist aus finanziellen Gründen dazu verdammt. In die Normalität übergehen, klaro. Jetzt. In die „Normalität“, nicht in die „Neue Normalität“, wie von der Politik einst ausgerufen. Von ihr war ja anfangs zu hören, es gehe „um Leben und Tod“. Nun ja, jetzt geht es um etwas anderes, auch wenn es auf der Welt insgesamt noch ziemlich schlecht aussieht. Jedenfalls scheint zum gedeihlichen Auskommen jetzt erst mal der wohlverdiente Urlaub zu gehören, wenn‘s geht, sogar auf einem Kreuzfahrtschiff. Ferne Länder, schmucke Ressorts, tolle Hotels, all-inclusive. Tapetenwechsel, möglichst mehrmals im Jahr. Ausbruch. Erholung. Entspannung. Wechsel der Perspektive? Ausbruch aus dem Alltag? Flucht aus der Wirklichkeit? Könnte damit verbunden sein, muss aber nicht. Wichtig ist vielmehr das Fressen und Saufen. Das Konsumieren. Sex, Drogen und die Gemeinschaft im Drogengenuss. 
Wo bleibt denn da der Ausbruch aus der Warenwelt, so wie das berühmte Soziologen einst analysiert hatten? Nun ja, angesichts von Globalisierung, Vermögensreichtum und per Internet erleichtertem Zugang zur Reisebranche könnten da Zweifel erlaubt sein. Die Folgen vor Ort im fernen Traumland scheinen sowieso nicht zu interessieren. Da wäre beispielsweise die zunehmende Wasserknappheit angesichts des gewaltigen Verbrauchs der Touristen. Auch die Plastikmüllberge, die durch das Meer schwimmen, können das Vergnügen von Touristen mindern. Kreuzfahrtschiffe verpesten die Umwelt, das hat sich inzwischen herumgesprochen. Trotzdem: Nichts wie weg! Touristen sind natürlich nicht an allem schuld und das Bildungsbürgertum hatte diesbezüglich Privilegien, deren Zeit wohl so nicht mehr wiederkommen dürfte. Außerdem scheint ja gerade das grün-ökologische Milieu dasjenige zu sein, das am meisten verreist. Trotz Gretas Segeltörn. Es geht wohl auch um die Demokratisierung des Reisens, also das Herabdeklinieren des Tourismus zur Massenware. Selbstverständlich wollen sich Ökos davon abgrenzen und streben dem Exklusiven, Individuellen und Teuren nach, das sich als „Bio“ geriert.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Die Mächtigen des Tages

Ich schreibe ja wohl selten über die sogenannte "Tagespolitik". Heute hat es mich nach der Lektüre der Zeitungen dann doch gereizt. Und so mache ich eine Ausnahme:  Die Chefs der Länder (Ministerpräsidenten) haben offenbar eine Grundgesetzänderung zugunsten der Bildungspolitik des Bundes verworfen: richtig so! (das Grundgesetz ist ja nicht irgendein Papier, das aus der Feder der derzeit Mächtigen stammen könnte, vielleicht kann man die genügende finanzielle Austattung der Schulen und der Bildungspolitik auch auf eine andere Art hinkriegen, es scheint da institutionelle Wege zu geben). Allein, ich habe die Befürchtung, dass die Bildung und ihre finanzielle Ausstattung dabei unter die Räder gerät, d.h., dass nichts geschieht - und das auch noch mit einer gewichtigen Ausrede. Dass alles wie bisher weiter geht.
Die Kandidaten um den Parteivorsitz der CDU sondern die üblichen Phrasen ab (Steuersenkungen, „kleiner Mann“ usw.), die sie mit teils obskuren Vorschlägen zur Migrationspolitik garnieren, - überhaupt scheint es nur darum zu gehen, wer der AfD am besten wieder Wähler abluchsen könnte (auch hier richtet man sich auf kleinkarierte Weise nach einem Mitbewerber...) und keineswegs um die Qualitäten der Bewerber,,,,, Außerdem: es verlautete doch in der Vergangenheit, dass es eine ganze Reihe von weniger prominenten Mitbewerbern geben würde. Wo sind die geblieben? Haben sich bei der Kandidatenrunde in den Landesverbänden nicht vorgestellt? Ob sich hier wieder einmal ein Establishment durchgesetzt hat und dabei alle Mittel einsetzt (nicht nur die AfD hat Parteispendenskandal, in der Vergangenheit haben sich auch die „etablierten“ Parteien auf diesem Gebiet sehr profiliert und so manche Fragen offen gelassen....).
Es kommt mir so vor, als würde bei den „gelben Westen“ in Frankreich nicht gegen ökologische Gesetze, sondern gegen die gnadenlose Besteuerung überhaupt protestiert, die die in Paris sitzende „Elite“ rücksichtslos protegiert und jetzt ihr Gewissen beruhigen wollte, indem sie ökologische Steuern erheben wollte. Mir scheint,k dass die „gelben Westen“ einen Protest gegen die sich stark abschottende Klassengesellschaft in Frankreich artikulieren will, die sich meist aus Absolventen der ENA (Ecole Nationale) rekrutiert und dabei zunehmend ein Gebaren an den Tag legt, dass dem einer Marie Antoniette im Jahr 1789 (Französische Revolution) nicht unähnlich ist. 


Montag, 9. Juli 2018

Bildung

Mich regt allmählich dieser dauernd zu hörende Spruch massiv auf, Bildung sei in unserer Gesellschaft der Schlüssel zu sozialem Aufstieg und zu immerwährendem sozialem Glück. Ich persönlich habe mein Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie abgeschlossen. Ich hatte und habe keinerlei Chance, dies in den Formen der üblichen Lohnarbeit auszuüben, zu praktizieren oder gar zu eigener Selbstverwirklichung zu formen. Für mich, - und ich kenne genügend Leute, denen es mit ähnlicher Bildung ähnlich erging, - war dies keinerlei sozialer Schlüssel. Bei einigen dieser „Arbeitslosen“ läuft das auf Langzeitarbeitslosigkeit hinaus und auf viel freie Zeit. Sie haben somit die Möglichkeit, ihre humanistische Bildung zu vervollkommnen. Bildung ist heutzutage halt kein Garant mehr für sozialen Aufstieg, ja nicht einmal dafür, dauerhaft zur Mittelschicht zu gehören.
Das Bild der Arbeitslosen, das viele Menschen haben, ist menschenverachtend und in vielen Fällen falsch. „Selbst schuld“, so die oft gehörte Einstellung. Auch Intellektuelle und Wissenschaftler, Vertreter der geistigen Elite, gelten bei der Agentur für Arbeit als „die Bildungsprekarier“.
Es sollte endlich die Ehrlichkeit einkehren, zu behauptem, dass es bei der ständig geforderten „Bildung“ um eine bestimmte Form der Bildung geht. Und zwar geht es in sehr rigider Form um solche Bildung. Es sollte klar sein, dass es um aufstiegsbezogene Bildung geht. Welche sozialen Kanäle zum gesellschaftlichen Aufstieg führen (führten), dürfte klar sein. Außerdem hat sich längst die Größe „Erfolg“ anstelle des Parameters „Leistung“ in das gesellschaftliche Bewertungssystem eingeschlichen. Es gilt bei möglichst geringem Aufwand möglichst viel zu verdienen. Welche Berufe dafür in Frage kommen, dürfte auch klar sein.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Bildung? Welche?

Mich regt allmählich dieser dauernd zu hörende Spruch massiv auf, Bildung sei in unserer Gesellschaft der Schlüssel zu sozialem Aufstieg und zu immerwährendem sozialem Glück. Ich persönlich habe mein Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie abgeschlossen. Mit Urkunde und Siegel. Ich hatte und habe keinerlei Chance, dies in den Formen der üblichen Lohnarbeit auszuüben, zu praktizieren oder gar zu eigener Selbstverwirklichung zu formen. Für mich, - und ich kenne genügend Leute, denen es mit ähnlicher Bildung ähnlich erging, - war dies keinerlei sozialer Schlüssel. Bei einigen dieser „Arbeitslosen“ läuft das auf Langzeitarbeitslosigkeit hinaus und auf viel freie Zeit. Sie haben somit die Möglichkeit, ihre humanistische Bildung zu vervollkommnen. Bildung ist heutzutage halt kein Garant mehr für sozialen Aufstieg, ja nicht einmal dafür, dauerhaft zur Mittelschicht zu gehören.
Das Bild der Arbeitslosen, das viele Menschen haben, ist menschenverachtend und in vielen Fällen falsch. „Selbst schuld“, so die oft gehörte Einstellung, "wer will, der kann arbeiten...". Auch Intellektuelle und Wissenschaftler, Vertreter der geistigen Elite, gelten bei der Agentur für Arbeit schon mal als „die Bildungsprekarier“.
Es sollte endlich die Ehrlichkeit einkehren, zu behaupten, dass es bei der ständig geforderten „Bildung“ um eine bestimmte Form der Bildung geht. Und zwar geht es in sehr rigider Form um solche Bildung. Es sollte klar sein, dass es um aufstiegsbezogene Bildung geht. Welche sozialen Kanäle zum gesellschaftlichen Aufstieg führen (führten), dürfte klar sein. Außerdem hat sich längst die Größe „Erfolg“ anstelle des Parameters „Leistung“ in das gesellschaftliche Bewertungssystem eingeschlichen. Es gilt bei möglichst geringem Aufwand möglichst zu verdienen.Welche Berufe dafür in Frage kommen, dürfte klar sein.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Zusammenhänge und Bildung

Es könnte uns ja auch um Allgemeingültigkeit gehen, darum, Zusammenhänge entdecken und herleiten können. Dass das Bildungssystem darauf immer weniger ausgelegt ist, mag kein Zufall sein. Es geht wohl darum, möglichst willfährige Spezialisten und Fachidioten heranzuziehen, Ingenieure eines genau definierten und komplett vorgegebenen Gebietes zu dressieren, trainieren und abzurichten. So manch einer mag sich da denken, dass da die alte Disziplin der Philosophie eine korrigierende Rolle spielen könnte. Doch möglicherweise besteht auch ein Problem darin, dass die Hochschul-Philosophie heute hochgradig spezialisiert ist. Jeder Dozent beackert ein bestimmtes Gebiet, arbeitet sich an einem (genau vordefinierten und komplett vorgegebenen) Problem ab, und zwar nicht auf eine integrative Weise. Im Grunde müht er sich oft auch als Fachidiot. Seine „Erkenntnisse“ werden wohl sowieso eingehen in eine unbestimmte Flut, einen Flow dessen, was als „Erkenntnis“ vorgegeben und vordefiniert ist. Er ist zu Publikationen gezwungen, sich zu äußern um jeden Preis, auch wenn sich ihm Zusammenhänge noch lange nicht erschlossen haben. Und die anderen, die an den Universitäten arbeiten, sind zum größten Teil Historiker, also Leute, die sich exzellent mit Platon auskennen, aber sich keine Gedanken über die Gegenwart also Altbausanierung im Bereich des Geistes machen. Die Bildungspolitik beschäftigt sich vor allem mit der Züchtung von Spezialisten, die eine bestimmte Aufgabe zu lösen versuchen, die ihnen irgendeine Instanz (meist eine am maximalen Profit ausgerichtete Firma) gestellt hat. In welchem Zusammenhang diese Aufgabe stehen könnte, scheint ihr/ihm wenig interessant. Das ist vorgegeben, in bestimmten Disziplinen sogar maßgeblich von ökonomischen Interessen. „Grundlagenforschung“ an den Hochschulen ist da schnell in die Verwettungsinteressen der Industrie überführt. Der sogenannte Geisteswissenschaftliche Bereich erscheint in solchen Zusammenhängen als eine Art Hobby-Wissenschaftlertum, das hauptsächlich um sich selbst kreist, womit diese Kreise wohl nicht so ganz unrecht haben, weil sich die Geisteswissenschaften gefügig gemacht haben. Es ging wohl zu lange um Reputation im Elfenbeiturm und um verbeamtete Stellen, die sichere Renten bringen würden (was sich inzwischen auch stark geändert hat).

Mittwoch, 13. September 2017

Bildungspolitik

Warum spielt Bildungspolitik in diesem deutschen Wahlkampf eine so untergeordnete Rolle? Die Gesellschaft entwickelt sich von einer klassischen Angestelltengesellschaft weg in Richtung auf etwas, wo es immer mehr Selbständige geben wird, die ihre Kraft auf einem sehr schwer überschaubaren Markt verkaufen müssen. Das ist eine andere Berufswelt. Heute noch herrscht der 9 Uhr bis 5 Uhr Job. Davon werden viele wegfallen und durch Roboter oder Computer ersetzt werden. Für eine solche Arbeitswelt müssen Kinder mit sehr viel Vitalität, Kreativität und Neugier befähigt werden. Da ist niemand mehr da, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Heute ist das so: wenn man eine bestimmte und klar definierte Pflicht erfüllt, wird man mit viel Geld oder in der Schule mit guten Noten belohnt. Das ist die Idee der Leistungsgesellschaft. Das Bildungssystem ist dafür gemacht.
Alles strebt inzwischen darauf zu, dass mehr „höhere“ Bildungsabschlüsse erreicht werden. „Wenn jeder Abitur hat, hat irgendwann keiner mehr Abitur“, sagte neulich ein kritischer Bildungspolitiker. Viele Bildunspolitiker von Amts wegen und Eltern scheinen zu glauben, dass der wahre Mensch erst mit dem Abitur beginne. Danach beginne dann die wahre Auseinandersetzung des Lebens. Die Bildungspolitiker von Amts wegen sonnen sich allzu gerne in hohen Abiturientenquoten. Inzwischen haben wir in Deutschland etwa seit 3 Jahren mehr Studienanfänger als Leute, die eine berufliche Bildung anfangen. Es können viele Schwerpunkte und Spezialisierungen gewählt werden: alles für die wirtschaftliche Verwendung. Das große Problem ist, dass wir, um Quoten zu steigern, Ansprüche herunter gesetzt haben. Plötzlich haben alle gute Noten oder auf Notenerteilung wurde ganz verzichtet. Wir haben zwar zusammen mit Österreich und der Schweiz die niedrigste Quote an arbeitslosen Jugendlichen. Das ist die Leistung des beruflichen Bildungswesens und nicht der hoher Abiturientenquoten. Noch gibt es das.