Reise durch Wirklichkeiten

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Sonntag, 22. März 2026

Vielen gewogen

Es gehört wohl schon seit längerem zum „woken“ Selbstvertändnis, sexuelle Positionen einzunehmen, die nicht mit dem Moralkodex der „offiziellen“ Gesellschaft zu vereinbaren sind und angeblich neue Wege beschreiten wollen (was die Traditionellen brennend zu interessieren scheint). Künstler machen/machten es vor: Schnell eingegangene und wieder aufgelöste „Beziehungen“, Dating, Promiskuität, Dreier, Vierer, Rudelbumsen, Swingerclub, hedonistisch geprägte Austauschverhältnisse der sexuellen Art: Alles Belustigungen oder auch Mittel einer scheinbaren „Befreiung“ und Selbstverwirklichung, sowie auch jederzeit reiner Hedonismus. Als „Selbstverwirklichung“. In Wirklichkeit vielleicht auch der instrumentelle Gebrauch des jeweils Anderen zur eigenen Lustbefriedigung. Gegenseitiges Einverständnis voraus gesetzt. Ob das mit der „Befreiung“ allerdings nachhaltig ist oder unter Umständen gar neue Zwänge mit sich bringt, mag dahingestellt bleiben. Probleme der Eifersucht sollten hierbei nicht in jedem Fall verniedlicht werden, das eigene Seelenheil und das alternativ verbrämte „Vergnügen“ der Selbstverwirklichung scheint aber oftmals hierbei ex- und implizit klar im Vordergrund zu stehen. Jedenfalls ist es so, dass zum Beispiel ich meine Energie nicht zugleich an verschiedene Menschen vergeuden kann. Ich will mir schon bewusst werden, was mir wichtig ist und was weniger. Das würde mir zu oft in Stress ausarten und wäre für mich nicht befriedigend zu bewältigen. Man müsste zudem gegen Verletzungen psychischer Art ein bisschen resilienter sein. Aber mir fällt ja schon der Umgang mit mir scheinbar nahestehenden Personen oder gar mit mir selbst schwer. Ich machde dabei Fehler. Das „befreite Leben“ könnte zudem auf Kosten der Intensität gehen, geschweige denn dem gemeinsamen Bewältigen von Schwierigkeiten abgehen. Jedenfalls für einen wie mich, der nicht zum schnellen, oberflächlichen Genuss neigt, der sich und seine Gehemmtheiten/Schüchternheit oft vor dem „Genuss“ überwinden muss, scheinen "offene Beziehungen" angesichts dessen schwierig. Bin auch nicht gewohnt, mich auf einem "freien Markt" dauernd anzubieten und alles, was vom gemeinhin Gültigen und Konventionellen abweicht, als befreiend zu empfinden und dabei die Nähe zum Hedonismus der Konsumgesellschaft zu leugnen. Es gehört solches schon lange zu einem scheinbar „alternativen“ Liebesgetue, dessen handelnd Angehörige sich hauptsächlich aus der oberen Mittelschicht rekrutieren. Promiskuität als Emanzipation anzusehen, hat eine lange Tradition, die bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurück reicht. Man will und soll in ihrem Sinne „realistisch“ sein: jeden Wunsch zu erfüllen, sei kein einzelner Partner imstande, so das Credo der Polyamouranten. Also drängt es einen zu verschiedenen Partnern, von denen jeder ein bestimmtes Bedürfnis befriedigen soll. Dieser Mensch für dieses, ein anderer für etwas anderes! Als würde der Mensch nur aus solchen Bedürfnissen bestehen. Der Begriff der Entfremdung scheint mir da nicht weit zu sein. Man benutzt das an Menschen, was einem zunutze ist. Macht es sich passend. Den Rest wirft man weg. Das scheint mir Neoliberalismus und Egoismus in Reinkultur zu sein.

Montag, 12. Februar 2018

The Show must go on

Es wundern mich verschiedene Dinge bei diesen Olympischen Spielen. Da werden Pathos und Chauvinismus mit Fahnen und Medaillenspiegel beschworen, völlig ungebrochen, und, wie mir scheint, noch intensiver als zuvor. Wieso ungebrochen? Nun ja, es sind doch ziemlich begründete Dopingvorwürfe (auch im Hinblick auf „Schland“) aufgekommen, dazu die Fragwürdigkeiten der Entscheider rund um das Thema „Korruption“ und andere seltsame Machenschaften. Ob davon Fragen ausgehen? Hinzu kommt die Zerstörung der Umwelt, die spätestens nach den Spielen von Sootchi und Rio ein großes Thema geworden ist. Die Sportstätten vergangener Spiele scheinen ja nicht unbedingt durchweg gesattelt zu sein. Nachhaltigkeit scheint für die Maßgeblichen ein Fremdwort zu sein. Was bleibt, sind Ruinen. Es scheint um nationale Identitäten zu gehen, um die Effizienz von Sportförderung und verdrängte Trostlosigkeiten.
Doch hier und jetzt geht es wohl ziemlich klar um Geld und Unterhaltungswert, um „Goldene“ und Trophäen fürs ganze Leben. Die Reporter vom selben Sender, der ziemlich investigativ Dopingvorwürfe nach vorne gebracht hat, der den Blick hinter die Kulissen gewagt und dabei Merkwürdigkeiten entdeckt hat, berichten in naiver Begeisterung von nationalen Erfolgen, von Medaillenehrungen mit Hymnen, wo doch auch individuelle Disposition, Talent und die möglichst intensive Ausnutzung von Chancen im Vordergrund stehen könnten. Das Dauerlächeln im Gesicht der medial Begleitenden (es sind nicht durchweg Journalisten) ist wie eingefroren und festgezurrt, es hält über viele Stunden hinweg, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Gute Laune um jeden Preis, was aus anderen gesellschaftlichen Bereichen durchaus bekannt ist. Bei Reportern dominieren die Zipfelmützen, das aus Datenbanken gewonnene und dahergelaberte Wissen. Kombiniert mit der Hofberichterestattung über die Sieger(innen), bei den interviewten Siegern der bayerische Akzent und der Stolz (zu Recht). Es werden Nervenstärken gelobt und die Überlegenheit von technischem Können. Das Durchhaltevermögen und die „Fokussierung“ scheinen ganz besonders wichtig zu sein. Nie wurde das (US-amerikanische geprägte) Motto „The Winner takes ist all“ intensiver zelebriert.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Caravaggio Reloaded

Das habe ich mir in einem Sommer aufgeschrieben: 

Ein Gemälde von Caravaggio bewährt sich auch in großer Hitze, weil es meist in klimatisierten Räumen steht. Aber auch, weil es uns hineinzieht in seine eigene Realität und uns scheinbar Lästiges vergessen lässt. Weil darin eine verdichtete Wirklichkeit aufgehoben sein könnte. Weil es starke Momente in sich aufgesaugt hat und sie uns wiedergibt. Weil es aufgeladen ist mit Bedeutungen, - ja, auch mit den ganz sinnlichen Bedeutungen, - die helfen können, später wieder in der Hitze hinaus zu gehen. Gestählt. Wieso eigentlich so etwas den amtlich bestallten Kunstlehrern überlassen, den professionellen Bescheidwissern und Bildungsbürgern, die so etwas schon längst abgehakt haben und ohnehin alles besser wissen? Sind diese Bilder, diese Gemälde eigentlich etwas zum besser wissen? 
Alles vergessen, alles auf der Stelle wegwerfen! Sofort! Am besten sich hinein fallen lassen in diese Realität, die um die 400 Jahre alt ist! Erfrischt die Birne besser als koffeinhaltiges Cola. Was für eine Welt, was für eine Wahrnehmung muss da geherrscht und die Köpfe beherrscht haben! Ohne Fernsehen und Laptop, Mobiltelefon und Flieger? Ja ja, die Randbedingungen, die können uns die kundigen Erklärer in ihren trockenen Worten bestens auseinandersetzen. Welche Funktion Kunst hatte, Frühbarock und all das. Sie sind ja im Besitz der allein gültigen Deutung, naturgemäß, und haben ohnehin alle alten Meister begriffen, Ihre Gemälde sowieso. Jetzt aber endgültig weg damit! Das ist doch nur eine Möglichkeit! Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, die mehr der Stärke dieser Gemälde selbst vertraut!
Konzentrierte Momente, zu Bildern geworden, sind sie hier bei Caravaggio. Wir in unserer Realität  konzentrieren uns doch nur noch gezwungenermaßen,  im Job vielleicht. Ansonsten entspannen wir uns und verpassen die großen Dinge. Dieser Lombarde hat vielleicht aber die wesentlichen Dinge festzuhalten versucht. Und er hat sie in sein Licht getaucht. Unglaublich, wie dieser Typ mit dem Licht umgeht! Wie er seine mit dem Pinsel festgehaltenen und der Zeit abgetrotzten Momente damit steigert! Dahinter brütet das Dunkle, das Ungewisse und das Geheimnis. Ob diese Gegensätze auch zum Wesentlichen gehören? Seine Bilder eröffnen eine Ahnung davon. Sie ziehen einen hinein. Sofort stellt sich aber auch das Klischee dazu ein: Caravaggio, der ja eigentlich Michelangelo Merisi hieß, als verruchter Herumtreiber, als bisexuelles Genie, als Außenseiter, ewigen Outlaw und unverbesserlichen Rowdy. Für den die göttliche Liebe mit der sehr irdischen Liebe zusammengefallen sind: Klar, mag sein. Ist doch egal, ob das alles stimmt, was ihm nachgesagt wird. Was wichtiger ist: Er hat all das, seinen ganzen Horizont, eingepackt in seinen Bildern. Auch die afroamerikanische Musiktradition singt uns dazu so manches Lehrstücklein. Blues, Gospel, Soul, Songs. „Crossroads“. Dämonen und Engel. Verdichtete Momente. Geschäft auch. Caravaggio hatte mächtige Auftragsgeber und den Markt im Auge. Wie ein Popstar. Spagat zwischen der eigenen Identität und dem mit der Macht der Kohle ausgestatteten Kultur-Establishment. Er hat dann aber diese unfassbaren Dinger herausgeschleudert. Spirit, - spirituell. Sprit und Treibstoff aller Art: Trieb und Getriebensein. Geistiges, Geistliches und die Geister. Aber auch Humor und Ironie sind darin aufgehoben. Leichtigkeit - und nicht nur der seichte Abglanz davon.... In der Bilderflut von heute geht so etwas dann doch nicht so schnell unter. Das ist starker Stoff. Mal ehrlich, dieser schnellen Klicks und Kicks sind wir doch überdrüssig! Seine Bilder fordern Zeit und die Bereitschaft, sich einzulassen auf sie. Das dürfen sie. Das ist gut so. Alle fordern etwas. Aber bei diesen als Gemälde verdichteten Momenten kommt viel zurück zu uns: auch dieser lichte Moment, in dem wir gleichzeitig wissen und fühlen, dass wir endlich sind.