Reise durch Wirklichkeiten

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Freitag, 8. Oktober 2021

Valerie (35)

 Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll, aber im Moment spielt das sowieso keine Rolle. Ab und zu sollte man daran arbeiten, sich ganz neu zu sehen, von vorne anzufangen. Man sollte nicht immer in eine einzige Richtung rennen. Ich dachte mal, als Schauspielerin hätte man am ehesten dazu Gelegenheit, könnte vieles für sich ausprobieren. Doch dann hat man es plötzlich mit einem Image zu tun, das einem diese Leute und der ganze Apparat aufdrängen. Und eines Tages identifiziert man sich mit dem Bild, das von dir gemacht wurde. Du scheinst nichts mehr dagegen tun zu können. Du lebst deine Rollen nicht mehr nach, sondern du spielst sie, so wie man etwas gelernt hat, wie jeden Beruf, mit Routine und Handwerk. Es gibt Schauspielschulen, die produzieren diese Handwerker zu tausenden. Ich würde sagen, dass das gewiss keine schlechten Schauspieler sind. Aber für mich geht das alles weiter als bis zu diesen Vorgaben. Ich identifiziere mich anders mit den Rollen, habe aber schon zu viele Kompromisse geschlossen, die ich eigentlich nicht wollte. Ach!, ich weiß nicht, was ich da rede! Nimm nicht alles für bare Münze! Ich kann dir alles vorspielen und mein Ich kennt sich manchmal selbst nicht.

Freitag, 24. September 2021

Valerie (33)

 Er hatte ja auch versucht, ihr etwas vorzuspielen. Er hatte sich dabei beobachtet und sich miserabel gefunden im Verstellen und der Kunst der Täuschung. Ihr hatte er jedoch die Rolle als Studentin ohne Zögern abgenommen, er war gar nicht auf die Idee gekommen, daran zu zweifeln. Ihr Ich schien mit der Rolle eins zu sein. Es wären ihm aber bei einem längeren Zusammensein mit ihr Zweifel gekommen, so versuchte er sich einzureden. Es gab ja ohnehin viele Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der vorgestellten Existenz als Studentin. Das Alter hätte stimmen können, sie hatte sich in Literatur und Kunst ausgekannt. Sie erzählte vom Alltag in der Universität und den Typen, die dort verkehrten mit ihrer ignoranten Ausschließlichkeit und vermeintlichen Richtigkeit, was seinen eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet voll und ganz entsprach. Also musste sie mit großem Einfühlungsvermögen leben, mit der Neugier auf die Menschen und ihre verschiedenen Arten zu leben. Sie musste vielleicht sogar über eine spielerische Fähigkeit verfügen, sich in jemanden anderes Hinein zu versetzen und dabei nicht nur mit Klischees umzugehen, sie musste wohl ihre eigene Individualität in die Rolle einbringen, mit typischen Erkennungszeichen und den jeweiligen ureigenen Signalen. War das Talent oder erlernte Fähigkeit? In welchem Mischungsverhältnis stand das gegenseitig?

Freitag, 17. September 2021

Valerie (32)

„Ich mache uns frischen Kaffee!“ Sie schien bereits zur Tagesordnung übergegangen zu sein und machte sich in der Küche zu schaffen, während er sich in einen der herum stehenden Ledersessel fallen ließ. „Wir kennen uns erst seit heute morgen und trotzdem kommt es mir so vor, als hätt’ ich dich schon ewig gekannt. Was man halt so sagt. Ironisch fügte er hinzu: „...seit Jahrmillionen von Jahren. Alles was mir da bleibt, ist es, mich zu wundern“. „Das hast du heute morgen noch nicht gedacht!“. „Das war ein anderer Mensch, der heute morgen neben dir gesessen hat. So kommt’s mir auf jeden Fall jetzt so vor… Du möchtest jetzt wohl mit mir schlafen?“ Mit gespielter Schlagfertigkeit gab er zurück: „Ja klar, was denn sonst?“ Er gab sich alle Mühe, seine Stimme möglichst lässig klingen zu lassen. „Ihr seid als Männer trotzdem nicht alle gleich, nicht mal als Männer, - was gut ist“. Hm, sie hatte also seine Unsicherheit heraus gehört. Lächelnd stand sie vor ihm und stellte das Tablett mit dem Kuchen und dem Kännchen Kaffee auf den kleinen Tisch neben ihn. Ihre Jacke hatte sie ausgezogen und er ertappte sich dabei, wie sein Blick fortwährend an ihrem Körper hängen blieb, an ihren Konturen, ihren Bewegungen, die für ihn eine Bedeutung hatten, die etwas aussagten über sie. Aber vielleicht hatte sie sich das alles selbst beigebracht, konnte ihre Erscheinung kontrollieren und bewusst zu einem Zweck einsetzen, wann immer sie es wollte. Wusste er etwa, was sie jetzt, genau in diesem Moment, wollte? Jedenfalls schien sie wissen zu wollen, was er wollte. Wie perfekt konnte man als Schauspieler sein? Konnte man sich selbst etwas vorspielen?

Dienstag, 31. August 2021

Valerie (31)

Er versuchte, sich noch einmal zu versichern, so, wie man sich die Augen reibt, um sicher zu sein, nicht zu träumen: „Dann warst du das vorher auf dem Poster?“ „Ja, der Film läuft hier gerade erst an. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel mit der Studentin?“ „Hm, ich muss zugeben, dass ich auch kein Vertreter für Glühlampen bin.“ Ja eigentlich habe ich das schon längst bemerkt,“ fiel sie ihm ins Wort und lachte „Wer so aussieht und redet wie du, hätte es als Vertreter schwer….“, „Aber wenn du so gut bestallt bist, wieso stellst du dich an die Straße und hälst den Daumen raus…?“, „Jetzt gehen wir erstmal rein...oder?“ Er ging hinter ihr her, war noch von der schlagartigen Veränderung der Situation benommen es drängten sich ihm tausend Fragen auf und seine Phantasie lieferte spekulative Antworten, während sie die Türe aufschloss. Schon im Flur duftete es, - ein Geruch, den er noch nie in der Nase hatte. So sein erster Eindruck. Auf dem Boden lagen Teppiche, die wahrscheinlich recht teuer gewesen waren. Ob sie es wirklich gewesen waren, interessierte ihn eigentlich nicht. Vielmehr interessierte er sich derzeit nur für Valerie, auch wenn sie sich jetzt gerade in diesem Plastikparadies aufhielt und scheinbar eine andere war als noch vor einer Viertelstunde, was sie für ihn nur noch anziehender erscheinen ließ.

Samstag, 7. August 2021

Valerie (30)

„Die Studentin kannst du vergessen, ich bin Schauspielerin. Das hast du doch schon bei diesem Poster geahnt, - oder?“ Er konnte momentan mit der Situation nichts anfangen. Die Wirklichkeit hatte seine Träume und Ahnungen eingeholt mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn entwaffnete. Aber die Studentn hatte sie verdammt gut gespielt. Naja, wenn man so etwas professionell macht…. Da musste er mit seinem Spiel eines Vertreters irgendwie daneben wirken. Nun ja, die Frau auf dem Poster war tatsächlich Valerie! Ja dann musste sie ja wohl ziemlich groß und bekannt sein, wenn man so als Star heraus gestellt wurde und wunderte sich, dass er sie noch nie in irgendeiner Zeitschrift oder in einem Magazin gesehen hatte. Aber die Zeit der großen Stars war ja vorbei, wobei sich die Images und Bilder dieser großen Stars ohnehin geglichen hatten. Es war ja irgendwann langwilig geworden, sich deren Namen zu merken. Neue Stars tauchten auf, wurden gemacht und verschwanden wieder als austauschbare Konfektionsware. Sie waren Abziehbilder aus der Retorte, darin aber den Durchschnittsmenschen nicht näher, sondern nur alltäglicher. Aber Valerie war doch anders! Sie konnte ihre Ausstrahlung und Persönlichkeit nicht nur gespielt haben! Falls doch, dann war das virtuos!

Mittwoch, 28. Juli 2021

Valerie (29)

Da war die persönliche und gleichzeitig höchst erotische Ausstrahlung, was ja wohl etwas Kollektives hat und was durch die Stilisierung des Posters auf die Spitze getrieben schien. Vielleicht zielte das auf ein Bedürfnis vieler Männer, - und er fühlte sich als einer von vielen. In seinem Falle aber ging das über diesen kleinsten gemeinsamen Nenner aller Männer hinaus und wirkte auf alle Sinne anregend, war nicht wie jene Titelbilder gewisser Illustrierten oder die Girls gewisser Fernsehserien eine Spekulation auf den Unterleib, klar und einfach. Es war vielmehr ein Geheimnis, das ihn reizte, ein funkelnder Edelstein jener Träume, die ihn manchmal tagsüber, manchmal aber auch nachts überfielen. Immer, wenn er bei Frauen war, hatte er dies gesucht, was ihm nun schlaagartig klar wurde. Er kam sich vor wie eine Figur aus einem billigen Trivialroman. Die Häuser wurden nun immer nobler – und schließlich bat sie ihn, vor einer dieser Villen zu anhalten. „Wohnen da deine Eltern?“ fragte ich. „Nein, eigentlich nicht, aber steig’ doch aus, wir sind da“ meinte Valerie und kramte in ihrer Tasche, wahrscheinlich einen Schlüssel suchend. Ohne weiteren Kommentar ging sie schließlich auf das schmiedeiserne Gartentor zu, das etwas von einer kunsthandwerklichen Protzigkeit, von gestaltetem Geltungsbedürfnis hatte, was in ihm leistes Unbehagen auslöste. Dies besonders, nachdem er auf die in einiger Entfernung liegende Villa starrte, die dasselbe Flair ausstrahlte. „Das also ist deine Studentenbehausung“ stellte er fest und spielte ein bisschen Verwunderung. „Ach Quatsch“ meinte sie. „Diese Wohnung hat mir ein Freund für ein paar Wochen überlassen. Ich hätte auch in ein Hotel gehen können, aber ich wollte meine Ruhe und hab’s deswegen so eingerichtet“

Dienstag, 20. Juli 2021

Valerie (28)

München war ganz Alltag, von Rot auf Grün schaltende Ampeln, in hektischer Wichtigkeit für promenierende Gesichter. Für allerorten ablaufende Geschäfte, - es war Spätnachmittag wie in jeder mitteleuropäischen Großstadt auch. Doch dies erzeugte nicht seine Gleichgültigkeit, wie sonst, sondern weckte Interesse, Offenheit. Valerie dirigierte ihn durch die Stadt, sicher und bestimmt: er fuhr nicht ein einziges Mal fehl. Sie war imstande, ihn immer wieder anschaulich und rechtzeitig darauf vorzubereiten, wenn es irgendwo abzubiegen galt, - und das lässig lächelnd. Sie fuhren eine lange Straße entlang, die auf eine große Werbefläche zuführte, mit mehreren Bildern nebeneinander. Je näher sie kamen, desto mehr glaubte er, auf einer dieser Werbeflächen Valerie erkennen zu können. Es war Werbung für einen Kinofilm. Auf dem Hintergrund eines blauen Himmels war das Gesicht eines Mädchens mit braunen Augen zu sehen, wobei ihr der Wind einige Haarsträhnen ins Gesicht zu wehen schien. Das ganze Poster war auf die Lippen des Mädchens zugeschnitten, es war Mittel- und Ausgangspunkt seiner Werbewirksamkeit und hatte seine Aufmerksamkeit als erstes erregt. Unwillkürlich blickte er sich nach Valerie um, die freilich keinerlei Regung zu zeigen schien. Die Ähnlichkeit mit ihr war höchst frappierend, aber vielleicht waren es auch nur diese Lippen, die ihm diesen Eindruck verschafft hatten. Sie hatten ihm ja auch an Valerie als erstes so gefallen.

Mittwoch, 14. Juli 2021

Valerie (27)

Zu seiner Überraschung schien sie auf seinen Vorschlag eingehen zu wollen. Man könne ja noch einen Kaffee zusammen trinken, meinte sie. Er versuchte von nun an, seiner vermeintlichen Vertreterexistenz gerecht zu werden. Es war egal, früher oder später würde er ohnehin seine alberne Maske fallen lassen. Sie hatte bestimmt schon länger ihre Zweifel und würde davon nicht sonderlich schockiert sein, - oder gar amüsiert reagieren, das war ihm klar. Seine Existenz als eine Art Schriftsteller musste einer Studentin ohnehin viel sympathischer erscheinen, als die eines Vertreters für Glühlampen. Es fiel ihm auf, dass sie auch nicht mehr von der Universität und dem Drumherum erzählte. Man kam auf die jeweilige Lieblingslektüre zu sprechen und stellte etliche Gemeinsamkeiten fest. Unter anderem hatte sie viel Lyrik gelesen, wirklich gelesen und er konnte es sich nicht verkneifen, sie zu frage, ob sie Francois Villons „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ kenne. Sie lächelte und hatte ihn verstanden, dessen war er sich sicher. „Klar kenne ich’s. Ich kann mich sogar an einzelne Zeilen erinnern. Die Übersetzung finde ich übrigens gut“. Er dachte weniger an die Übersetzung als vielmehr an die Umsetzung dieses Textes. „Hast nur den Mund noch aufgespart für mich, so tief im Haar verwahrt“. Es fiel ihm auf, dass sie in einem roten Auto saßen, das jetzt gerade viel zu langsam war. Die Kilometer, die unter ihnen hinweg flogen, waren in Wirklichkeit viele Meter, die ihn von etwas tennten, was er sich in den Kopf gesetzt hatte.

Freitag, 25. Juni 2021

Valerie (26)

Es wäre ihm jetzt nach einem Rundschwenk über die Landschaft gewesen, rüber zur nächsten Einstellung von der Seite her auf ihr Gesicht geglitten und dort geblieben. Eine Blende dergestalt, dass man die Landschaft anfangs noch hätte deutlich erkennen können. Dann die Tiefenschärfe so verändert, dass sie zugunsten ihres Gesichts unscharf geworden wäre. Sie müsste in diesem Zusammenhang natürlich in einem Cabriolet sitzen und ihre Haare müssten im Wind flattern, so, wie er es in den künstlichen Welten oft gesehen hatte. Er selbst müsste einen weißen Anzug, wozu sie fragen würde „liebst du mich?“. Aber solche Filme getraute sich heute niemand mehr zu machen. Oder doch? Der Mut zur Sentimentalität, zur offensichtlichen Lüge aus dem Trivialen heraus war wohl ins Versteckte gewichen, - oder man zog es von vornherein ins Lächerliche, was ihm nicht grotesk genug erschien. Seine Phantasie war angeregt, er musste wohl ein Anderer geworden sein. Da war nichts mehr von dieser apathischen Müdigkeit, die ihn die letzten Tage begleitet hatte. Er fühlte sich plötzlich bis unter die Zehenspitzen lebendig. München war nicht mehr weit und er entschied sich, dorthin zu fahren, wohin sie wollte. Er würde sich an sie hängen und abwarten, was geschehe. Er durfte sich einfach nur nicht abwimmeln lassen. Also fragte er sie, wo er sie absetzen solle und machte ihr gleichzeitig den Vorschlag, sie heim zu fahren.

Sonntag, 25. April 2021

Valerie (25)

Er hätte auch anhalten können, um ihr unumwunden unter die Bluse oder zwischen die Beine zu greifen. So etwas musste absolut nicht entwürdigend sein, auch in dieser gegenwärtigen Situation. Aber dazu fehlte ihm im Moment der Mut, er dachte sich zu viel dabei, er musste sich erst mal wieder in ein Lochfallen lassen, die Leere der Lehre nutzen und sich als Nichts in Luft fühlen, was ihn schon so manches mal hatte in die Höhe heben können…..- oder in die Tiefe. Draußen zog die Welt wie auf einer riesigen Kinoleinwand vorbei und er begnügte sich mit der Kameraführung, wollte nicht Regie führen. Wind war aufgekommen und bog die Bäume, so dass sie alle in eine Richtung zeigten. Blaue Wolken, weiß umsäumt, glitten vorbei. Dazwischen die Sonne in ständig neuer Konstellation, ihre Intensität und Gegenwart ändernd, zeitweise verschwunden hinter ihrer eigenen Undurchdringlichkeit, zeitweise auch unerträglich hell leuchtend. Die Blätter der Laubbäume glänzten und glichen hellen Punkten auf dunkelgrün verwaschenem Samt.