Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll, aber im Moment spielt das sowieso keine Rolle. Ab und zu sollte man daran arbeiten, sich ganz neu zu sehen, von vorne anzufangen. Man sollte nicht immer in eine einzige Richtung rennen. Ich dachte mal, als Schauspielerin hätte man am ehesten dazu Gelegenheit, könnte vieles für sich ausprobieren. Doch dann hat man es plötzlich mit einem Image zu tun, das einem diese Leute und der ganze Apparat aufdrängen. Und eines Tages identifiziert man sich mit dem Bild, das von dir gemacht wurde. Du scheinst nichts mehr dagegen tun zu können. Du lebst deine Rollen nicht mehr nach, sondern du spielst sie, so wie man etwas gelernt hat, wie jeden Beruf, mit Routine und Handwerk. Es gibt Schauspielschulen, die produzieren diese Handwerker zu tausenden. Ich würde sagen, dass das gewiss keine schlechten Schauspieler sind. Aber für mich geht das alles weiter als bis zu diesen Vorgaben. Ich identifiziere mich anders mit den Rollen, habe aber schon zu viele Kompromisse geschlossen, die ich eigentlich nicht wollte. Ach!, ich weiß nicht, was ich da rede! Nimm nicht alles für bare Münze! Ich kann dir alles vorspielen und mein Ich kennt sich manchmal selbst nicht.
Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
Freitag, 8. Oktober 2021
Freitag, 24. September 2021
Valerie (33)
Er hatte ja auch versucht, ihr etwas vorzuspielen. Er hatte sich dabei beobachtet und sich miserabel gefunden im Verstellen und der Kunst der Täuschung. Ihr hatte er jedoch die Rolle als Studentin ohne Zögern abgenommen, er war gar nicht auf die Idee gekommen, daran zu zweifeln. Ihr Ich schien mit der Rolle eins zu sein. Es wären ihm aber bei einem längeren Zusammensein mit ihr Zweifel gekommen, so versuchte er sich einzureden. Es gab ja ohnehin viele Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der vorgestellten Existenz als Studentin. Das Alter hätte stimmen können, sie hatte sich in Literatur und Kunst ausgekannt. Sie erzählte vom Alltag in der Universität und den Typen, die dort verkehrten mit ihrer ignoranten Ausschließlichkeit und vermeintlichen Richtigkeit, was seinen eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet voll und ganz entsprach. Also musste sie mit großem Einfühlungsvermögen leben, mit der Neugier auf die Menschen und ihre verschiedenen Arten zu leben. Sie musste vielleicht sogar über eine spielerische Fähigkeit verfügen, sich in jemanden anderes Hinein zu versetzen und dabei nicht nur mit Klischees umzugehen, sie musste wohl ihre eigene Individualität in die Rolle einbringen, mit typischen Erkennungszeichen und den jeweiligen ureigenen Signalen. War das Talent oder erlernte Fähigkeit? In welchem Mischungsverhältnis stand das gegenseitig?