Reise durch Wirklichkeiten

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Samstag, 29. Mai 2021

Einzelner und Gesellschaft

Das Wort und die Relevanz sämtlicher Äußerungen des Individuums überhaupt
scheint in unserer Gesellschaft doch stark zurück gegangen zu sein. Dabei wird es nostalgisch immer noch gerne simuliert, liebevoll gepflegt, in Nischen gezüchtet - stirbt aber aus. Was vorerst bleibt, sind vielleicht Fragmente, Fetzen, Verfremdungen (auch in meiner Musik). Erinnerungen, gespeicherte Intensitäten, vergessene Strukturen, ein nostalgisches Gefühl von Aufbruch. Anarchisch. Chaotisch. Ich mache mir hier und jetzt auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei, - sie sind Erleichterungen und gleichzeitig geöffnete Schleusen. Der „Einzelne“ (die „Person“) scheint ohnehin selbst sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Die Aufmerksamkeit wird gelenkt. Die Lüge beherrscht unmerklich vorrückend und die Gedanken verschleiernd das Feld. Es herrscht das Kollektive, der Schwarm, die Masse, „Big Data“, der Algorhitmus, das kalte Berechnen, - auch gerade der Emotionen.
Klar, dass diese Szenerie im Gegenzug die „Experten“ (in die oft das Individuelle“ hinein projeziert wird) zu ihrem Spielfeld gemacht haben. Spezialisten drängen sich vor und erklären das Allgemeine für ihres. Sie kennen sich aus. Sie scheinen über Spezialwissen zu verfügen, wissen es besser. In der Coronazeit scheinen sie das leider allzuoft dergestalt aufzufassen, dass sie in die Entscheidungsprozesse direkt einbezogen seien. 
Das Überindividuelle (z.b. Auswahl aus 30 Yogurths) findet sein Gegenstück im gleichförmig Uniformellen. Das technokratisch „Gekonnte“ scheint das Ideal, nicht das Erschaffene, aus dem Nichts Geschöpfte, das mit Erfahrung Unterfütterte. An seine Stelle tritt das zurecht Manipulierte, das Angeordnete, das Programm. Reize werden abgerufen. Das „Tun-so-als-ob“ beherrscht die Szenerie. Eine Scheinindividualisierung verkauft sich, wird im Hintergrund aggregiert und zu Werten verarbeitet. Fingierte Authentizitäten überwältigen. Songlyrics werden heutzutage „gemacht“, zusammengesetzt aus Versatzstücken, aus Phrasen, Klischees, aus synthetischen Perspektiven. Es wird alles immer austauschbarer, es wird zur kalten Ziffer, zur Zahl, zum manipulierten Etwas. Das Analoge, das im alten Sinne „Tatsächliche“, wird von grinsenden Technokraten oft zum disfunktionalen (Kosten-)Faktor erklärt und sofort ausgemerzt. Freigesetzt. Entlassen. Hinaus geworfen.
Auch Bob Dylan, dies alte Chamäleon, hat mit seinem etwas narzisstisch eitlen Zaudern bei der Übergabe des Nobelpreises vielleicht ein Zeichen in dieser Richtung gegeben: die bisherigen Mechanismen sind ausgeleiert und bis zur Unkenntlichkeit missbraucht oder kompromitiert. Sie gelten offenbar längst nicht mehr unreflektiert im Verhältnis 1 : 1. Es haben sich längst andere (meist ökonomisch konnotierte) Faktoren dazwischen gedrängt. Oscar und Grammys sind mit Verkaufszahlen solide unterlegt, der Erfolg bemisst sich in Umsatz. Der Mensch reiht sich freudig ein und wird willig Kunde. 

Donnerstag, 21. März 2019

Fragen zum "wirtschaftlichen Erfolg"

Der wirtschaftliche Erfolg hierzulande ist unbestritten. Er wird öffentlich und in den Medien nahezu jeden Tag behauptet. Besonders der für „das obere Drittel der Gesellschaft“ könnte gemeint sein. Die "Eliten". Ob die Mittelschicht etwas davon, nämlich dem sogenannten Aufschwung, hatte, darf untersucht werden. Nur diejenigen unten scheinen leer auzugehen. Das steht weitgehend fest. Aber diese Schicht ist ja ohnehin jenseits der „offiziellen“ Wahrnehmung. Sie wird beharrlich ausgeblendet, ist an allem „selbst schuld“ und hat es ja nicht anders verdient. Typisch Neoliberalismus. Typisch Turbokapitalismus. Manche sagen zu diesen Welten "ganz unten": Parallelgesellschaften. Erledigt. Rechtsstaat. Blöd nur, dass die von früher noch gewohnten Aufstiegswege nicht mehr funktionieren. Lohndumping samt den Tricks zur Umgehung des Mindestlohns scheinen Alltag zu sein, mehrere Jobs gleichzeitig und Aufstockung werden „normal“. Und trotzdem herrscht das Mantra „Uns geht es gut“. Die Frage muss erlaubt sein: Wer ist „uns“?
Ob hier eine Umwandlung in andere Gesellschaftsformen gehandhabt wird, ob sich Mitteleuropa gewissen Verhältnissen annähert, besonders denen in den USA? Doch streben wir solche Verhältnis wie in den USA überhaupt an? Ob so etwas schleichend geht, ohne dass irgendjemand merkt?
„Uns geht es gut“: Tatsächlich arbeiten derzeit etwa 43 Millionen Menschen, - so viele wie noch nie. Welche Rolle dabei die Agenda 2010 gespielt hat? Ob sie eine Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg abgab? Ob sie Effekte für das Wirtschaftswachstum hatte? 

Samstag, 19. Januar 2019

Altern

Auch wenn mit dem Alterungsprozess viele körperliche und geistige Funktionen abnehmen - mit dem Altern steigt auch die Lebenserfahrung: Nicht umsonst werden viele ältere Menschen auch als "weise" bezeichnet. Doch schon äußerlich ist alten Menschen ihr Alter oft anzusehen (was sich in naher Zukunft ändern dürfte...) . Es scheint wie ein Spiegel des „inneren“, seelischen Alterns zu sein. Wenn wir nun aber das innere Altern aufhalten, wird auch das Äußere so sein, als „Spiegel“ - so die Annahme. Dazu gilt es nur, die Maschine Mensch etwas perfekter zu machen. Die Fehler, die sich im Genom mit dem Altern häufen, müssen repariert werden, die Stoffwechselprodukte in und außerhalb der Zellen entfernt werden....und so weiter, ein paar dieser technischen Eingriffe und das Altern wäre gestoppt, Dazu braucht es aber eine Änderung unseres Menschenbildes, so die Annahme. Der Mensch ist eine Maschine, das heißt eine Ansammlung von Informationen. Es gilt nun, meine Identität auf einem Apparat zu speichern. Mit diesem Apparat werden wir uns austauschen, so, dass er uns immer ähnlicher wird. Eines Tages wird dieser Apparat ein Bewusstsein haben. Wir könnten mit ihm körperlos (und beliebig speicherbar, kopierbar...) durch die Ewigkeiten zu treiben, das Universum erkunden. Dies könnte eine Zukunft ohne Tod bedeuten: Unsterblichkeit. Es liegt wohl alles in Gottes Händen. Sich von der Welt verabschieden und sterben.

Donnerstag, 15. November 2018

Digitaloffensive


Digitaloffensive der Regierung. Zweitägige Klausurtagung samt Presse- und Absichtserklärungen. Noch sind nicht mal alle Funklöcher geschlossen, da scheint Deutschlands Regierung zur Digitaloffensive zu blasen. Deutschland solle bei der KI (Künstlichen Intelligenz) ganz vorne sein, so wird die Kanzlerin zitiert. Dabei soll Deutschland einen enormen Nachholbedarf haben und in der Reihenfolge der Länder, was Digitalisierung angeht, weit hinten liegen. Länder wie China scheinen auf diesem Gebiet sowieso schon längst enteilt zu sein. Man wolle auch der Macht von Digitalkonzernen wie Facebook, Google und anderen etwas entgegensetzen, was eine für Europa einheitliche Steuer bedeuten könnte, so wird kolportiert. Haha. Schon werden erste Gegenstimmen aus dem Kabinett laut. Der Vizekanzler, Finanzklemmer und Spezialdemokrat Olaf Scholz scheint dabei besonders heraus zu ragen. Er fürchtet, so wird kolportiert, „Nachteile für die Wirtschaft“. Überhaupt kommt es einem so vor, als sei dies wieder einmal eine der typischen PR-Aktionen der Bundesregierung, der keinerlei Taten folgen und die vor allem eine gewisse öffentliche Wirkung zeitigen sollen. Davon gab es ja schon manche. Es werden wichtige Gesichter gemacht, Milliardenbeträge genannt und dann – nichts. Ach, und – ja: In der Verwaltung soll das, was jetzt eine Flut von Formularen und Beantragungen bedeutet, in Zukunft durch digitale Prozesse ersetzt werden. Mal sehen. Fest steht: in der Vergangenheit wurde alles konsequent verpennt, verschlafen. Jetzt soll wohl in einem Hauruckverfahren ohne jede Beteiligung der Bürger, die sogenannte Digitalisierung von oben herab durchgepeitscht werden. Was Digitalisierung alles bedeuten könnte, wird nicht diskutiert und scheint scheint "alternativlos". Ob das so recht demokratisch riecht?

Dienstag, 29. Mai 2018

Geworden

Wir waren vom Geist des Fragens, der Kritik und des Protests durchdrungen. Skepsis, ja sogar Verunsicherung, hatten wir gelernt, als etwas Positives zu deuten. Aber in Wirklichkeit gab es kein „wir“, waren wir längst auseinander gefallen in diejenigen, die sich der Realität möglichst optimal anpassen und „das Beste draus machen“ wollten und diejenigen, die eine Art Fundamentalopposition einübten, die sich nicht so einfach einfangen lassen wollten von den Zwängen, die „das Ganze“ auf einen ausübte, die ihrer Individualität nachjagen wollten. Die sich bewusst werden wollten über Zusammenhänge – und danach handeln. Waren wir in eine durch und durch verwaltete Welt hinein geboren worden? Kafka schon hatte Hinweise gegeben. Aber der galt als schwer verständlich. Ganze Heere von Exegeten, Auslegern und Interpretatoren führten ihre Auseinandersetzungen im akademischen Elfenbeinturm. Ich wollte damals aus diesem Elfenbeinturm ausbrechen und war entschlossen, mich an der empirischen, an der tatsächlichen Welt zu orientieren, auch, indem ich mich ihr gemäß ausdrücke, indem ich eine Übersetzung des Komplexen in weithin Verständliches, also Populäres versuche. Ich wollte Kafka zum Kumpel machen, mit dem wir alltäglich umgehen können. Ich wollte ihn den sogenannten „Eliten“ entreißen. Gleichwohl wollte ich nie eingeordnet werden, gehörte nie einer Bewegung oder Richtung an, verstand mich immer als Einzelkämpfer. Der Bürokratie, der Verwaltung (auch „privater“ Art) hingegen fühlte ich mich ausgeliefert. Mit der Zeit war ich zu einem winzigen Datensatz geworden. „Big Data“ umgab mich nun überall. „Big Data“ wusste alles besser. Konnte Algorithmen so richtig gut anwenden. Mit ihnen umgehen. Kalkulierend.