Reise durch Wirklichkeiten

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Freitag, 27. Dezember 2024

Romantische Reise

Der Mythos des Reisens, hinaus in die schöne Welt. In der Spätromantik stand Joseph Eichendorff dafür. Mir kommt es so vor, als habe sich die Szenerie seitdem radikal gewandelt: Aus dem (gewissen sozialen Ständen vorbehaltenen) „Reisen“ a la Mark Twain ist inzwischen der Massentourismus geworden, der die Menschen an die Strände von nahen und in fernen Länder spült. Ein gewisses passives und anscheinend erholsames Dahintrülen in der Sonne von einem von Einheimischen meist unter jämmerlichen Zuständen gewartetes Resort aus ist er ersehnte Zustand, der dann einen Zeitraum ausfüllen soll. Ob das etwas vollkommen anderes ist, als etwa Goethes „Italienische Reise“ oder Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“? Eichendorff bohrte sich erst später in eine enge Frömmigkeit hinein. Zunächst spekulierte er erst einmal in die Welt hinaus. Neugier oder Erkundung der Welt steht aber in der Gegenwart nicht mehr im Vordergrund: es geht vielmehr um Wiedergewinnung der Arbeitskraft (Adorno, Freizeit) in einer Art Erholung, die im Nichtstun und Heraustreten aus Funktionszusammenhängen besteht. Besonders beliebt scheinen in diesem Zusammenhang die Kreuzfahrten zu sein, die zwar eine verheerende ökologische Wirkung zu haben scheinen, was aber einem Massenpublikum weitgehend egal ist. Die Zerstörung der Welt mit offensichtlichen und einigen weniger offensichtlichen Mitteln scheint die Strategie zu sein, die vielmehr angesagt ist.

Dienstag, 30. Mai 2023

Heimat (1)

Heimat? Was für ein schillernder Begriff! Missbraucht, verwendet und heute als eingestaubt desavouiert. Doch was könnte Heimat sein? Gibt es ein Empfinden dafür, dass gerade nicht das Enge und Beschränkte bedeuten kann? Ja ja, für die Romantiker (besonders in Deutschland) war’s ein Ausdruck für eine Sehnsucht. Das Warme, Anziehende, Ursprüngliche, das eine Gegenwelt zur kalten industrialisierten Gegenwart darstellen konnte. Ob das bis heute einwirkt auf das, was wir in Deutschland mit „Heimat“ bezeichnen? Da ist immerhin die globalisierte, gnadenlos auf profitorientierte Funktionsabläufe und rücksichtsloses Effizienzdenken gerichtete Welt von heute, mit aller Gewalt und sozialen Sanktionierungsmöglichkeit ausgestattet, mit dem ihr eigenen Maß an Entfremdung, mit jenem „kalten Blick“, den heutzutage vielleicht sogar immer mehr roboterartige Wesen unterstützen werden. Natürlich kommt der Begriff „Heimat“ aus einer anderen sozialen Sphäre als jener, die sich mit Gender- und Sprachproblemen oder anderem angeordnet verordnetem oder sonstwie vorgeschriebenen Verhalten herumschlägt und sich ansonsten in einem wohlfunktionierenden Sozialstaat wähnt. Deshalb kommt auch wohlfeil oberflächlicher Spott aus dieser gesellschaftlichen Ecke. Ach, wie leicht ist es, einen Begriff wie „Heimat“ dem 19. Jahrhundert zuzuordnen, dem ganzen „vaterländischen Quatsch“ und ihn insofern als veraltet zu betrachten! Ob er politisch auch in die falsche Richtung führen kann? Ob er so etwas wie Orientierung verspricht und damit auf ein gerade sehr aktuelles Bedürfnis eingeht? Ob er am Ende aber doch etwas mit jener „Vertrautheit“ und „Geborgenheit zu tun hat, die jedem Menschen auf dieser Erde zusteht? Samt der damit einhergehenden wirtschaftlichen Geborgenheit zustehen müsste? Der ganze Kitsch, den die Filmwelt rund um den Begriff „Heimat“ entworfen hat, spielt wohl auch noch eine ungünstige Rolle. Gibt es angesichts der obwaltenden Umstände am Ende gar mehrere „Heimaten“? Ist das, für das Begriff steht, teilbar? Oder führt das in jene Fremde, die diese Gesellschaft gerne den Migrationsbewegungen zuschreibt? ….Fehlende Sprache und all das…...

Samstag, 8. Oktober 2022

Blau machen

Im Altertum verfolgen vor allem die Ägypter den Traum vom Blau auf Erden. Sie beschaffen Lapislazuli, den Stein der Pharaonen. Er soll den speziellen Farbstoff hergeben, mit dem man malen kann. Doch zerkleinert man Lapislazuli zu Pigment, etwa mit einem Mörser, bleibt nur ein graues Pulver. Was haben die Ägypter wohl gemacht, um ihr typisches „Ägyptisch-Blau“ herzustellen? Es scheint so, als habe das Metall Kupfer dabei eine große Rolle gespielt. Kupfererde wurde geschmolzen und ein Metall daraus gewonnen. Eine Art „Abfallprodukt“ war dabei die bei diesem Prozess entstehende Schlacke. Es kommt dabei vor, dass diese Schlacken blau anlaufen. Das mag schließlich unter gewissen Bedingungen zum Rezept des typischen „Ägyptisch-Blau“ geführt haben, das als Kupferoxid-Malfarbe für Glas und Glasuren taugt. Das Blau des Himmels sollte somit die Götter preisen. Doch die Ägypter sind nicht die einzigen, die dem Blau auf diese Weise nachjagen. Die Reiche des Altertums erfinden jeweils ihr eigenes Blau. "Smalte" ist ein Farbstoff, der zum Blau in Mesopotamien führt. Dann wurde "Han-Blau" im frühen China aus Barium erzeugt. Im frühen Mittelalter wächst die Sehnsucht der Menschen, Blau in ihr Leben zu integrieren. Es war dies ein mystisches Blau von einem mystischen Ort. Bis heute hält diese Faszination an. Laut Umfrage ist Blau die Lieblingsfarbe der meisten Menschen in der Welt. Wir verbinden mit ihr vor allem Vertrauen und Treue. Nicht umsonst hat auch hierzulande eine ganze Reihe von Markenartiklern, bei denen es vor allem um Vertrauen geht, Blau zu ihrer Farbe gemacht.

Sonntag, 28. Februar 2021

Feuilleton-Weisheiten

Gewisse Medien haben irgendwann beschlossen, das Feuilleton „leichteren“ Themen und Stilistiken zugänglich zu machen. Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig. Das Bildungsbürgertum alten Schlags befand sich in der Auflösung, neue Formen und Inhalte zogen in die Aufmerksamkeit und den Horizont bildungsnaher Kreise ein. Mittlerweile freilich hat sich das Rad wiederum weiter gedreht und überall beherrscht die Dampfplauderei das Feld. Man wird zugedröhnt vor lauter Meinungsäußerung, Bilderflut und „Schlagzeilenpoesie“, deren Inhalte meist nur noch vage zu erraten sind. Es ist genau zu diesem Zeitpunkt eine Sehnsucht zu konstatieren, über das Niveau des Plauderns hinaus zu kommen, sich etwas reflektivere Formen und Stilistiken zuzuführen. Genau über solche reflektivere Formen der Darstellung und des öffentlichen Verhandelns nachzudenken wäre Aufgabe gewisser Medien, die freilich meist den ausgetretenen Empfehlungspfaden ihrer Verbände und Organisationen folgen, dem Mainstream dessen, „was halt so gemacht wird“. Fest steht: Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist hart, es geht um Zeit, die einer gewissen Gedankenabsonderung geschenkt wird. Dazu müssten sich diese Medien mehr diesen Gedankenabsonderungen widmen.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Suchen......

Dem Nichts bin ich zugewandt, dem Flow, ich gehe darin offenbar unter und ich schaue in den leeren Raum ohne Illusionen…. „sieh doch alles einfacher!“ predigen die Oberflächensurfer, die Dauerlächler und Besserwisser. „Mach Dir nicht so viel Gedanken...“ lautet ihr Ratschlag. Ist man deshalb schon „verkopft“? Ein strenges Urteil. Bloß nicht zu viel grübeln. Man macht sich in meinem Falle leider lebenslang Gedanken. Sie können auch so aussehen: „Du bist nicht deine Wohnung! Du bist nicht dein Name! Du bist nicht dein Job! Du bist nicht dein Problem!“ Was dann? Wer? Was? Welche Rolle man spielt in dieser Komödie, müsste einen immer wieder interessieren. Humor wäre nicht nur an dieser Stelle wichtig. Man könnte Folgendem nachgehen: Was einem zugewiesen ist und was man ablehnen kann. Dass man einer von vielen ist, ein Gattungswesen, das sich in der Mehrzahl versteckt viel zu wichtig nimmt und dazu neigt, alles andere zu vernichten. Dass man einen Auftrag übernehmen muss, nämlich den der Evolution. Dass man einen Auftrag ablehnen kann, nämlich den der Gesellschaft. Dass man sich herausmodellieren muss, dergestalt, dass man sich auf die Spur begibt in Richtung auf der Suche nach sich selbst. Suchen! Aber nicht immer mit dem Ergebnis „optimieren“, bitteschön! Dass man den Dampfplauderern nicht immer zuhören muss, dass das vertane Zeit ist. „Social Noise“. Andere Leute sind konzentrierter und fokussierter, überhaupt, - besser. Ich selbst suche zu lange. versuche verschiedene Wege, was Zeit und damit verbundene Gelegenheiten kostet. Was aber auch mehr Überblick verschafft und unerwartete Gelegenheiten schafft. Ich wäge zu sehr ab, zweifle, zögere, zaudere……, versuche, Wahrnehmungsblasen und Echokammern zu vermeiden. Nicht nur in dieser Hinsicht könnte uns Leonardo da Vinci, der ja unlängst 500 Jahre alt wurde, eine Inspiration sein. Er freilich konzentrierte und fokussierte sich auf natürliche Weise, fand eine Lösung und ging schnell weiter zum Nächsten. Ich hingegen habe mich immer für das Verschiedene interessiert, einander widerstrebende Meinungen und Einschätzungen, blieb daran hängen und machte daran herum….. Darin kann man sich verlieren und einem allgemeinen Relativismus zuneigen, - ich weiß. Hier gilt es, die Balance zu behalten. Es wird schwer, dann etwas Eigenes zusammen zu bringen. Dennoch schien es mir fast immer möglich zu sein.

Montag, 4. Mai 2020

Das Blau

(Aus einem unveröffentlichten Roman)

Das Blau, dieses Blau. Es berührt dich. Es packt dich und zieht dich an. Du hattest lange nach einer solchen Unmittelbarkeit gesucht. Du hast es in deiner Kindheit gesehen und es war immer wieder in deinen Träumen aufgetaucht. Du hattest sogar versucht, es zu kaufen, in Form von Schalen, von Glas, von lauter seltsamen Gegenständen, die bei dir zuhause nutzlos herumstanden. Kaufen? Nun ja, du wolltest es um dich herum haben, möglichst nah bei dir. Nun ist es da. Dieses Blau mit der magischen Anziehungskraft. Jetzt ist es Christus am Himmel dieser Kirche, gehüllt in dieses Blau, gemalt von einem Maler mit dem Namen Martin Koller. Jetzt ist es Maria. Nach 250 Jahren strahlt es immer noch, dieses geheimnisvolle Blau, das den Menschen einst etwas Konkretes bedeuten sollte und uns nun so geheimnisvoll herab leuchtet. Dieses Blau, das tief in dir etwas anzusprechen schien, etwas, das dich früher einmal vorwärts getrieben hatte. Eine Kraft, von der die Romantiker aller Zeiten geradezu magisch angezogen waren. Von Novalis bis Neil Young.