Reise durch Wirklichkeiten

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Mittwoch, 10. August 2022

Urlaubsfluchten

Urlaub? Jeder spielt seine Abwesenheit, so gut er kann. Er will, dass man sie/ihn in irgendeinem Stau stehend vermutet, an den Abfertigungsschaltern von Flugzeug-Companies vielleicht, möglicherweise auch auf einer Reise in die Ferne, sicher aber auf der Flucht vor dem alltäglichen Sein. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie man die Zeit einteilt: Vor dem Urlaub, im Urlaub, nach dem Urlaub (was ja wieder „vor dem Urlaub“ bedeutet). Auch können ein paar Jugend- oder Kindheitserinnerungen hoch kommen. Anstrengende Passfahrten mit dampfendem Motor, beängstigende Enge und schlechte Straßen. Man selbst auf der Rückbank: Gottseidank lenkte da einer vorne, der wusste, wohin es gehen sollte und alle Routen kannte. Im seltenen Falle zog man die Landkarte zu Rate. Aber es war ja alles klar. Ach, wie nett das alles war: Das Ziel war klar erkannt. Später die Fahrten in der kleinen oder erweiterten Clique: der eine wollte sehen, was ihm im Reiseführer als empfehlenswert erschienen war, - der andere wollte ins Schwimmbad. Einsame Frankreichfahrten, felsige Adriaküsten und anschließend mitten in den Winnetou-Film hinein. Auto-Pannen und im Zelt die kalten Nächte (ja, die gab’s damals noch mitten im Sommer), später die Erkundungen in der Wüste, samt dem Malheur mit Einheimischen, von denen man fast beraubt wurde. Viel gelernt, aber für’s Leben? Man bildete sich aus und hatte kein Geld. Man suchte etwas und fand es nicht. Aber man lernte von der Natur, ließ sich von ihr verschlucken und blieb doch immer der Angsthase. Jetzt ist alles anders. Der Massentourismus hat all diese Ziele verschluckt. In diesem Sommer wird wieder geflogen, was das Zeug hält. Klimakrise hin oder her. Wohin wird geflogen? Egal, Hauptsache weg.

Donnerstag, 2. Juni 2022

Sein

Ich wache auf, in Liebe und Dankbarkeit. Wer weiß, welche üblen Zeiten kommen! In Anbetracht dessen will ich einverstanden sein mit dem, was um mich herum passiert. Ich kann essen und trinken. Ob mich im nächsten Winter eine Wärme umfängt, wird sich heraus stellen. Ich gleite durch die Zeit und muss entdecken, dass ich älter geworden bin. Ja klar, das oft gehörte Klagelied. Jeder seine Version. Na klar, ich habe (sogar schwerwiegende!) Fehler gemacht. Das drückt! Trotzdem bin ich dankbar, dass ich da sein darf. So viele Menschen um mich herum waren plötzlich weg. Ich entdecke auch zunehmend, dass ich alleine bin. Ich hatte mir das einmal ausgedacht und zurecht gelegt, auch unter Einfluss von Denkern wie Hermann Hesse. Zudem: Ökologie und all das Zeugs. Wachstum? Ist den Leuten egal. Zu viele Leute auf dieser Erde? Das sind Dimensionen, in denen Wirklichkeit nicht staatt findet. Jetzt weiß ich aber: Kinder in die Welt setzen hatte seinen Grund. Unter anderem aus sozialen Gründen. Ich hingegen glaubte, mich darüber hinwegsetzen zu können. Es mir leisten zu können. Außerdem vertraute ich auf den Sozialstaat. Heute belasten mich unveränderliche Zeichen um mich herum. "Kinder" werden verherrlicht, was im staatlichen Maßstab auf der materiellen Ebene noch nicht so recht klappt. Der „Sozialstaat“ ist nur noch an zukünftigen Rentenzahlern interessiert. Ob ich das alles gerade heute noch akzeptieren kann? Versäumnisse bedrängen mich: Ich müsste, sollte, könnte….. auch habe ich massive Angst vor (staatlichen) Institutionen, die einem immer wieder mit irgendwelchen bürokratischen Anliegen und Fristsetzungen auf die Pelle rücken. Tolles Argument, dass es anderswo viel schlimmer ist. Die Musik? Ob ich dieses Kapitel beenden muss? Nach der Erfahrung einer krassen Ablehnung über Jahre hinweg fällt mir das leichter.

Freitag, 10. Dezember 2021

Tod und Person

 Wo ist das Ende, wo ist der Tod? Für mich ist Tod nichts, was am Ende des Lebens passiert, sondern kann eine Einstellung zum Leben markieren. Manchmal. Er ragt hinein in unsere Existenz, in unser tägliches Leben. Er hält unsere mühsam zusammen geschusterte Identität zusammen. Einheit der Person? Zumindest gefährdet. Wer schon einmal sehr ernst krank war, weiß sehr unmittelbar, was ich meine. Der Tod begleitet uns täglich und hilft uns, unser Leben ein bisschen besser zu verstehen. Im besten Falle. Die Menschen wollen dem Tod möglichst aus dem Weg gehen, ihn ignorieren. Jeder Friedhof, jedes Altenheim ist ein Beleg dafür.  Wir versuchen, ihn zu verbannen, ihn als letztes großes Tabu aus dem Alltag hinweg zu zaubern. Es gibt Gerüchte und Erkenntnisse, dass gewisse Firmen im Silicon Valley ihn hinauszögern wollen. Ob der Tod etwas ist, worüber man ganz im Sinne Wittgensteins nicht reden sollte? Etwas Unbegreifliches? Etwas Größeres als wir? Ich glaube, wenn du erkennst, dass die Zeit jede Minute, jeden Tag verrinnt, dass du keine Gelegenheit hast, gemachte Fehler zu korrigieren, dann erkennst du, dass du den Moment irgendwie festhalten solltest. Du hast eine Verpflichtung gegenüber dem Leben.

Samstag, 7. März 2020

Schein (2)

Grinsende Lächler überall in den Medien. Wenn die Kamera ein wenig zu lange drauf bleibt, wird die Maske sichtbar, die es bedeutet. Überall der Schein. Die Maske. Das sich gegenseitig etwas vormachen. Die Wahrheit hat es schwer. Die Wahrhaftigkeit…? Die Gesichtsoperationen derer, die es sich leisten können. Die Ganzkörperoperationen, und die kleinen Mäuschen aus dem Solarium, die sich besser fühlen, wenn sie ihr ganzes Geld auch dafür ausgeben. Die „einfach mehr Selbstbewusstein“ haben. Die beim Schein mit dabei sind, zum Schein. Die gute Laune der beautiful people als Maskerade. Das absurde Spiel der elektronischen Medien und das ,was sie den Menschen antun. Alles, was wir wissen, wissen wir aus den Medien (Niklas Luhmann) Unterhaltung als Verdummungsmaschine. Als Suchtmittel für die Dummen. Als Überhöhung und gleichzeitig Verkehrung der Realität. Erpressung durch die Globalisierung. Ob das zu einer neuen Fremdenfeindlichkeit führt?

Mittwoch, 27. Februar 2019

Es war die Trägheit

Es war auch die Trägheit, die immer gebremst hat. Natürlich die Trägheit. Das im Sein sein. Das jämmerliche Vegetieren. Von einem zum andern. Dieses „man wird sehen“. Die Sphäre unter den Fingernägeln des Alltags, die hat dich nicht nur interessiert, sie drängte sich dir geradezu auf. Die Basics, die erkanntest du: Das „sich inszenieren“, egal als was. Wenn nötig als Intellektueller. Als Bohemian. Als Gutmensch. Als Durchsetzungsfähiger. Als Winner. Als Wichtig. Alles ist eine Frage der Menschenführung. Die Basics sind: es gibt Alpha- und Omegas. Du musst der Boxer sein. Die anderen vor dir her treiben. Bestimmen. Dominant sein. Ich habe mit der Muttermilch eingesogen, dass es auch darum ginge, solche von der Natur gesetzten Bedingungen zu überwinden. Es so weit bringen, dass man sich ihnen gegenüber souverän fühlt. Dabei sind sie, - Oh Irrtum! -  das einzig wichtige.
Doch da ist dieses im Halbschlaf Dämmern. Wenn du nur bei dir bist. Wenn der Fernseher nicht läuft und du auch kein Buch zur Hand hast. Keine Ablenkung. Du hast es mit dir aushalten müssen, du musst das ein Leben lang. Hast zu hohe Erwartungen an dich gehabt, implizit. Die Typen entwickeln sich in ihre Richtungen, Möglichkeiten. Taugenichts, Lehrer, Musiker, Programmierer. Familienmensch. New York. Auswanderer, Pionier im Westen. - jetzt sind wir viel weiter und können lachen über alles und über uns: wie naiv wir doch damals waren! Jetzt alles anders....Woher kommen solche „Resets“?
Es ist genau das, was ich zu überwinden suche, diese unharmonische, von außen bestimmte zerissene Persönlichkeit. Ich will eine vorläufige Einheit. Ich will über mich selbst lachen in der Gegenwart. Nicht über meine Vergangenheit.

Dienstag, 19. Juni 2018

Sein (Lyrik Novalis)

Novalis (1772-1801) schrieb folgendes Gedicht:

Gottlob! daß ich auf Erden bin...

Gottlob! daß ich auf Erden bin
Und Leib und Seele habe;
Ich danke Gott in meinem Sinn
Für diese große Gabe.

Der Leib ist mir doch herzlich lieb
Trotz seiner Fehl und Mängel,
Ich nehme gern mit ihm vorlieb
Und neide keinen Engel.

Ich küsse gern mein braunes Weib
Und meine lieben Kinder,
Und das tut wahrlich doch mein Leib,
Und mir ist es gesünder,


Als wenn ich mit Philosophie
Die Seele mir verdürbe,
Denn ein klein wenig Not macht sie,
Die liebe Weisheit, mürbe.


Montag, 6. November 2017

Die einen, die andern (New Rising)(Songtext)

Die einen, die andern (New Rising)
Party, Vergessen, Verdrängen, - Fortschweben
Party, Vergessen, Verdrängen, - Fortschweben



Die einen betreiben Schmierendienst zwischen Schenkeln
die andern treibt es zurück ins Kloster
die einen flüchten dringend ins Theater,
die andern saufen sich den Ballermann
die einen klettern Wände rauf und runter
die andern springen keck von Klippen
die einen wollen unbedingt fliegen,
die andern kommen schon mal ins Trudeln
die einen gehen auf den Fußballplatz
die andern in den Spielsalon
die einen zieht's in fremde Länder... nah
die andern in die hintere Sakristei.... Mongolei
die einen treiben Ausgleichssport... auf Leistung
die andern gleiten per Anhalter durch die Galaxie
die einen fahren goldene Autos mit güldenen Felgen
die andern treiben den Ochsenwagen



Die einen gehen zum Psychiater
die andern in den Imbissladen
der Moderne Mensch träumt von modernen Städten,
die sich zum Alptraum entwickeln
Party, Vergessen, Verdrängen, - Fortschweben
Party, Vergessen, Verdrängen, - Fortschweben
Fliehen – Abhaun – Vergessen
Fliehen – Abhaun – Vergessen



Die einen fallen aus der Zeit,
die andern wollen mit ihr gehen
die einen spielen Komödien, denen sie so recht nicht trauen
die andern glauben ans Kasperletheater
die einen geloben dem Papst ihre Treue
die anderen setzen ihrer Wahrheit den Turban auf
die einen loben die Wonnen des Fleißes als Gestalter
die andern haben keinen Job
und tun lieber so als ob



Fliehen – Abhaun – Vergessen
Fliehen – Abhaun – Vergessen
Fliehen – Abhaun – Vergessen

Fliehen – Abhaun – Vergessen - Fortschweben


(Songtext aus dem Jahr 2012)

Freitag, 3. November 2017

Schopi über den Tod (8)

Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt der Gedanke des Nichtseyns wäre; so müßten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiss, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden seyn kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerther. Eine ganze Unendlichkeit ist abgelaufen, als wir noch nicht waren; das aber betrübt uns keineswegs. Hingegen, daß nach dem momentanen Intermezzo eines ephemeren Daseyns eine zweite Unendlichkeit folgen sollte, in der wir nicht mehr seyn werden, finden wir hart, ja unerträglich. Sollte nun dieser Durst nach Daseyn etwa dadurch entstanden seyn, daß wir es jetzt gekostet und so gar allerliebst gefunden hätten? Wie schon oben kurz erörtert: gewiß nicht, viel eher hätte die gemachte Erfahrung eine unendliche Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese des Nichtseyns erwecken können. Auch wird der Hoffnung der Seelen-Unsterblichkeit allemal die einer besseren Welt angehängt, - ein Zeichen, daß die gegenwärtige nicht viel taugt. - Dieses allen ungeachtet ist die Frage nach unserem Zustande nach dem Tode gewiß zehntausendmal öfter, in Büchern und mündlich, erörtert worden, als die nach dem Zustande vor der Geburt. Theoretisch ist dennoch die eine ein eben so nahe liegendes und berechtigtes Problem, wie die andere; auch würde wer die eine beantwortet hätte mit der andern wohl gleichfalls im Klaren seyn. (in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, Artur Schopenhauer)

Montag, 30. Oktober 2017

Zum Sein (Text aus Bibel)

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darübergeht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr

 Ps 103, 15-16 

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Schopi über den Tod (7)

Artur Schopenhauer schreibt in seinem Werk „Parerga und Parapomena“: „....daß die große Anhänglichkeit an das Leben, oder vielmehr die Furcht vor dem Tode, keineswegs aus der Erkenntniß entspringt, in welchem Falle sie das Resultat des erkannten Werthes des Lebenssein würde; sondern daß jene Todesfurcht ihre Wurzel unmittelbar im Willen hat, aus dessen ursprünglichem Wesen, in welchem er ohne alle Erkenntniß, und daher blinder Wille zum Leben ist, sie hervorgeht. Wie wir in das Leben hineingelockt werden durch den ganz illusorischen Trieb zur Wollust; so werden wir darin festgehalten durch die gewiß ebenso illusorische Furcht vor dem Tode. Beides entspringt unmittelbar aus dem Willen, der an sich erkenntnislos ist. Wäre, umgekehrt, der Mensch ein bloß erkennendes Wesen; so müßte der Tod ihm nicht nur gleichgültig, sondern sogar willkommen seyn. Jetzt lehrt die Betrachtung, zu der wir hier gelangt sind, daß was vom Tode getroffen wird, bloß das erkennende Bewusstseyn ist, hingegen der Wille, sofern er das Ding an sich ist, welches jeder individuellen Erscheinung zum Grunde liegt, vor allem auf Zeitbestimmenden Beruhendes frei, also auch unvergänglich ist“. Schopi überdenken, solange noch Gelegenheit dazu ist! 

Montag, 11. September 2017

Schopi über den Tod (6)

„Auf den Menschen, als Erscheinung der Zeit, ist der Begriff des Aufhörens allerdings anwendbar und die empirische Erkenntniß legt unverholen den Tod als das Ende unseres zeitlichen Daseins nahe. Das Ende der Person ist ebenso real, wie es ihr Anfang war, und in eben dem Sinne, wie wir vor der Geburt nicht waren, werden wir nach dem Tode nicht mehr seyn. Jedoch kann durch den Tod nicht mehr aufgehoben werden, als durch die Geburt gesetzt war; also nicht das, wodurch die Geburt allererst möglich geworden. In diesem Sinne ist natus et denatus (geboren und gestorben) ein schöner Ausdruck. Nun aber liefert die gesammte empirische Erkenntnis bloße Erscheinungen: nur diese daher werden von den zeitlichen Hergängen des Entstehens und Vergehens getroffen, nicht aber das Erscheinende, das Wesen an sich. Für dieses existirt der durch das Gehirn bedingte Gegensatz von Entstehen und Vergehen gar nicht, sondern hat hier Sinn und Bedeutung verloren. Dasselbe bleibt also unangefochten vom zeitlichen Ende einer zeitlichen Erscheinung und behält stets dasjenige Daseyn, auf welches die Begriffe von Anfang, Ende und Fortdauer nicht anwendbar sind. Dasselbe aber ist, so weit wir es verfolgen können, in jedem erscheinende Wesen der Wille desselben: so auch im Menschen. Das Bewußtseyn hingegen besteht im Erkennen: dieses aber gehört, wie genugsam nachgewiesen, als Thätigkeit des Gehirns, mithin als Funktion des Organismus, der bloßen Erscheinung an, endigt daher mit dieser: der Wille allein, dessen Werk oder vielmehr Abbild der Leib war, ist das Unzerstörbare.“

Sonntag, 30. Juli 2017

Schopi über den Tod (5)

An verschiedenen Stellen, unter anderem in seinem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, geht der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) auf den Tod ein: „Auf seinen eigenen Tod blickt Jeder als auf der Welt Ende, während er denn seiner Bekannten als eine ziemlich gleichgültige Sache vernimmt, wenn er nicht etwa persönlich daran beteiligt ist.
Doch läßt er vielleicht noch eine höhere Betrachtungsweise zu. Man könnte nämlich alle Todesfurcht zurückführen auf einen Mangel an derjenigen natürlichen, daher auch bloß gefühlten Metaphysik, vermöge welcher der Mensch die Gewißheit in sich trägt, daß er in allen, ja in Allem, eben wohl so existirt, wie in seiner eigenen Person, deren Tod ihm daher wenig anhaben kann.“ In Allem aufgehen, das sagt sich zu leicht. Es steckt vielleicht auch etwas von dem Wort All dahinter. Es ist wohl aber auch das Allumfassende, das im Wort „Gott“ aufgehoben ist. Mit dem Tod gehen wir also ein in dies, das alles umfasst. Darin liegt Tröstliches. Aber wir geben darin auch unser Ego auf, - also auch all das, was uns scheinbar vom Tier unterscheidet. Das, was im Begriff Individuum liegt. Dabei könnten wir jetzt schon begreifen, dass es ein Teil von uns ist, das wir ein Teil des Ganzen sind. Noch etwas von Schopi, das ich hier anfügen will:

„Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuum etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt“. 

Freitag, 14. Juli 2017

Schopi und der Tod (4)

Schopenhauer schreibt: „Daraus ist zu schließen, daß das gänzliche Aufhören des Lebensprocesses für die treibende Kraft desselben eine wundersame Erleichterung seyn muß: vielleicht hat diese Antheil an dem Ausdruck süßer Zufriedenheit auf dem Gesichte der meisten Todten. Ueberhaupt mag der Augenblick des Sterbens dem des Erwachens aus einem schweren, alpgedrückten Traum ähnlich seyn.
Bis hierher hat sich uns ergeben, daß der Tod, so sehr er auch gefürchtet wird, doch eigentlich kein Uebel seyn könne., Oft aber erscheint er sogar als ein Gut, ein Erwünschtes, als Freund Hain. Alles, was auf unüberwindliche Hindernisse seines Dasyns, oder seiner Bestrebungen gestoßen ist, was an unheilbaren Krankheiten, oder an untröstlichem Grame leidet, - hat zur letzten, meistens sich von ihm selbst öffnenden Zuflucht die Rückkehr in den Schooß der Natur, aus welchem es, wie alles Andere auch, auf eine kurze Zeit heraufgetaucht war, verlockt durch die Hoffnung auf günstigere Bedingungen des Dasyens, als ihm geworden, und von wo aus ihm der selbe Weg stets offen bleibt. Jene Rückkehr ist die cessio bonorum (die Abtretung des gesamten Vermögens) des Lebenden. Jedoch wird sie auch hier erst nach einem physischen, oder moralischen Kampfe angetreten: so sehr sträubt sich Jedes sich, dahin zurückzugehen, von wo es so leicht und bereitwillig hervorkam, zu einem Daseyn, welches so viele Leiden und so wenige Freuden zu bieten hat.“ (Parerga und Paralipomena) Wie sich damit wohl der von Silicon Valley herbei gewünschte und geforschte Sieg über den Tod verträgt?

Montag, 17. April 2017

Schopi und der Tod (3)

Schopi schreibt in „Seniliae“, Gedanken im Alter“:
„Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen, oder Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich selbst zu nichts? Daß vielmehr nur eine Erscheinung, in der Zeit, dieser Form aller Erscheinungen, ihr Ende finde, ohne daß das Ding an sich selbst dadurch angefochten werde, ist eine unmittelbar, intuitive Erkenntniß jedes Menschen; daher man es zu allen Zeiten, in den verschiedensten Formen und Ausdrücken, die aber alle, der Erscheinung entnommen, in ihrem eigentlichen Sinn, sich nur auf diese beziehn, auszusprechen gewesen ist.
Und an einer anderen Stelle schreibt Schopi: „Das Leben kann, diesem Allem zufolge, allerdings angesehen werden als ein Traum, und der Tod als das Erwachen. Dann aber gehört die Persönlichkeit, das Individuum, dem träumenden und nicht dem wachen Bewußtseyn an.; weshalb denn jenem der Tod sich als Vernichtung darstellt. Jedenfalls jedoch ist er, von diesem Gesichtspunkt aus, nicht zu betrachten als der Uebergang zu einem uns ganz neuen und fremden Zustande, vielmehr nur als der Rücktritt zu dem uns ursprünglich eigenen, als von welchem das Leben nur eine kurze Episode war“.

Was wohl unsere Freunde von Silicon Valley oder bei Google zu solchen tiefschürfenden Ansichten sagen würden? Sie scheinen nicht auf eine Art transzendentaler Einsicht zu bauen, sondern vielmehr auf den geraden direkten Überlebenstrieb jedes Menschen der irdischen Welt. Dafür bringen sie allerlei technisches Gerät in Anschlag, dass sie nach und nach dem Menschen einverleiben möchten. 

Samstag, 8. April 2017

Fahren im Flow

Ich fahre vor mich hin. Es ist entspannend. Wie außergewöhnlich! Normalerweise bedeutet Straßenverkehr doch Stress! Aber auf den richtigen Strecken (die hierzulande freilich selten geworden sind) kann es auch entspannend auflockernd sein, motorisiert in eine Richtung zu streben. Klar, das schlechte Gewissen! Umwelt und so!.... Aber es kann schon besonders sein, sich treiben zu lassen, die Kilometer in Bewegung in sich hinein zu fressen, sie unter sich hinweg gleiten zu lassen, immer weiter...... Voraussetzung dafür ist aber, auf keinen Termin, am besten auch kein in einer bestimmten Zeit vorgegebenes Ziel hin zu steuern. Sich gehen lassen, nur, im Fluss mit der Zeit, im Fluss mit einem Verkehr, der scheinbar alles Aggressive verloren hat und einen flexibel umspült. In den USA hatte ich dieses Gefühl einst sehr intensiv kennen gelernt. Im Westen. Wenig Verkehr. Fast ohne Aggression. Hinein in gewaltige Landschaften, die sich in der Ferne immer wieder erneuern. Horizonte zogen einen an und entließen einen wieder wie selbstverständlich. Ein realer Fantasy-Film. Heute wohl in Virtual-Reality-Brillen gezwungen. Doch das Gute war: alles real. Sehr real. Man konnte anhalten und die Hitze spüren. Ein paar Schritte gehen. Schlangen begegnen (Igitt? Selbst ich Angsthase wähnte mich in einer Art Gleichklang mit ihnen.... hatte keine Furcht). Nachlesen, sich informieren, in sich aufnehmen. Dann wieder ins Auto, das Silberband entlang. Ich konnte auf diese Weise Hunderte von Meilen fahren, ohne das mich das anstrengte. Es hatte etwas Meditatives. Es erzeugte eine gelassene Stimmung in mir. Ohne jede Müdigkeit. Dass es möglich ist, hat mich tief beeindruckt. 

Donnerstag, 30. März 2017

Schopi und der Tod (2)

Arthur Schopenhauer schreibt in „Parerga und Paralipomena“: „Die Pflanze und das Insekt sterben am Ende des Sommers, das Thier, der Mensch, nach wenig Jahren: der Tod mäht unermüdlich. Desungeachtet aber, ja, als ob dem ganz und gar nichts so wäre, ist jederzeit Alles da und an Ort und Stelle, eben als wenn Alles unvergänglich wäre. Jederzeit grünt und blüht die Pflanze, schwirrt das Insekt, steht Thier und Mensch in unverwüstlicher Jugend da, und wie die schon tausendmal genossenen Kirschen haben wir jeden Sommer wieder vor uns. Auch die Völker stehen da, als unsterbliche Individuen; wenn sie gleich bisweilen die Namen wechseln: sogar ist ihr Thun, Treiben und Leiden allzeit dass selbe; wenn gleich die Geschichte stets etwas anderes zu erzählen vorgibt: denn diese ist wie das Kaleidoskop, welches bei jeder Wendung eine neue Konfiguration zeigt, während wir eigentlich immer das Selbe im Auge haben. Was also dringt sich unwiderstehlicher auf, als der Gedanke, daß jenes Entstehen und Vergehen nicht das eigentliche Wesen der Dinge treffe, sondern dieses davon unberührt bleibe, also unvergänglich sei, daher denn Alles und Jedes, was daseyn will, wirklich fortwährend und ohne Ende da ist“.

Donnerstag, 23. März 2017

Schopi und der Tod

Aus meiner Lektüre von Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ habe ich das Folgende herauskopiert:
„Der Tod ist die große Zurechtweisung, welche der Wille zum Leben, und näher der diesem wesentliche Egoismus, durch den Lauf der Natur erhält; und er kann aufgefaßt werden als eine Strafe für unser Daseyn. Er ist die schmerzliche Lösung des Knotens, den die Zeugung mit Wollust geschürzt hatte, und die von außen eindringende, gewaltsame Zerstörung des Grundirrthums unsers Wesens: die große Enttäuschung. Wir sind im Grunde etwas, das nicht seyn sollte: darum hören wir auf zu seyn. – Der Egoismus besteht eigentlich darin, daß der Mensch alle Realität auf seine eigene Person beschränkt, indem er in dieser allein zu existiren wähnt, nicht in den andern. Der Tod belehrt ihn eines Bessern, indem er diese Person aufhebt, so daß das Wesen des Menschen, welches sein Wille ist, fortan nur in andern Individuen leben wird, sein Intellekt aber, als welcher selbst nur der Erscheinung, d.i. der Welt als Vorstellung, angehörte und bloß die Form der Außenwelt war, eben auch im Vorstellungseyn, d.h. im objektiven Seyn der Dinge als solchem, also ebenfalls nur im Daseyn der bisherigen Außenwelt, fortbesteht.
Sein ganzes Ich lebt also von jetzt an nur in Dem, was er bisher als Nicht-Ich angesehn hatte: denn der Unterschied zwischen Aeußerem und Innerem hört auf. Wir erinnern uns hier, daß der bessere Mensch der ist, welcher zwischen sich und den Andern den wenigsten Unterschied macht, sie nicht als absolut Nicht-Ich betrachtet, während dem Schlechten dieser Unterschied groß, ja absolut ist; – wie ich dies in der Preisschrift über das Fundament der Moral ausgeführt habe. Diesem Unterschiede gemäß fällt, dem Obigen zufolge, der Grad aus, in welchem der Tod als die Vernichtung des Menschen angesehn werden kann. – Gehn wir aber davon aus, daß der Unterschied von Außer mir und In mir, als ein räumlicher, nur in der Erscheinung, nicht im Dinge an sich gegründet, also kein absolut realer ist; so werden wir in dem Verlieren der eigenen Individualität nur den Verlust einer Erscheinung sehn, also nur scheinbaren Verlust. So viel Realität jener Unterschied auch im empirischen Bewußtseyn hat; so sind doch, vom metaphysischen Standpunkt aus, die Sätze: »Ich gehe unter, aber die Welt dauert fort«, und »Die Welt geht unter, aber ich dauere fort«, im Grunde nicht eigentlich verschieden.

Ueber dies Alles nun aber ist der Tod die große Gelegenheit, nicht mehr Ich zu seyn: wohl Dem, der sie benutzt. Während des Lebens ist der Wille des Menschen ohne Freiheit: auf der Basis seines unveränderlichen Charakters geht sein Handeln, an der Kette der Motive, mit Nothwendigkeit vor sich. Nun trägt aber Jeder in seiner Erinnerung gar Vieles, das er gethan, und worüber er nicht mit sich selbst zufrieden ist. Lebte er nun immerfort; so würde er, vermöge der Unveränderlichkeit des Charakters, auch immerfort auf die selbe Weise handeln. Demnach muß er aufhören zu seyn was er ist, um aus dem Keim seines Wesens als ein neues und anderes hervorgehn zu können, Daher löst der Tod jene Bande: der Wille wird wieder frei: denn im Esse, nicht im Operari liegt die Freiheit: Finditur nodus cordis, dissolvuntur omnes dubitationes, ejusque opera evanescunt, ist ein sehr berühmter Ausspruch des Veda, den alle Vedantiker häufig wiederholen. Das Sterben ist der Augenblick jener Befreiung von der Einseitigkeit einer Individualität, welche nicht den innersten Kern unsers Wesens ausmacht, vielmehr als eine Art Verirrung desselben zu denken ist: die wahre, ursprüngliche Freiheit tritt wieder ein, in diesem Augenblick, welcher, im angegebenen Sinn, als eine restitutio in integrum betrachtet werden kann. Der Friede und die Beruhigung auf dem Gesichte der meisten Todten scheint daher zu stammen. Ruhig und sanft ist, in der Regel, der Tod jedes guten Menschen: aber willig sterben, gern sterben, freudig sterben, ist das Vorrecht des Resignirten, Dessen, der den Willen zum Leben aufgiebt und verneint. Denn nur er will wirklich und nicht bloß scheinbar sterben, folglich braucht und verlangt er keine Fortdauer seiner Person. Das Daseyn, welches wir kennen, giebt er willig auf: was ihm statt dessen wird, ist in unsern Augen nichts; weil unser Daseyn, auf jenes bezogen, nichts ist. Der Buddhaistische Glaube nennt jenes Nirwana, d.h. Erloschen.“

Mittwoch, 20. Januar 2016

Schein und Sein (2)

Ich habe neulich auf Youtube eine etwas ältere TV-Sendung gesehen, in der der jetzige Verkehrsminister Alexander Dobrindt noch als CSU-Generalsekretär auftrat. Ich habe ihn nicht wiedererkannt. Schien ein feister Speckkopf gewesen zu sein. Mit Eintritt in die Ministerexistenz scheint der Mann sich aber radikal verändert zu haben. Unter anderem schmückt ihn jetzt eine Zeitgeistbrille, mit der er viel lächelt. Auch scheint ein einigermaßen kasperhafter Anzug nun zu seinem Image zu gehören. Ein anderes Beispiel für eine solche „Verwandlung“ scheint mir der Justizminister Heilo Maas zu sein. Trat der früher eher sportlich auf, so befleißigt er sich nun des Äußeren eines smart erfolgreichen Jungmanagers im dunklen Anzug, mit akkurat gestriegelten und behandeltem Haar, einer neuen Brille und einer etwas zu sehr ausgeprägten Seriosität, was ihn aber nicht davon abhält, alte SPD-Glaubenssätze zu klopfen. Dies hat ihn wohl zum Liebling der Partei werden lassen. Als „Volkspädagoge“ leistet er zudem gute Dienste: Er sagt den Leuten nämlich, was sie zu tun, zu lassen, zu glauben und abzulehnen haben. Es scheint der Partei, aber nicht deren Umfrageergebnissen, gut zu tun.