Reise durch Wirklichkeiten

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Freitag, 29. Mai 2026

Gebaren

Man konnte über so manches Hierarchie- oder Autoritätsgebaren grinsen, denn man nahm so nun etwas nicht so recht ernst, man war alt, man fühlte sich nicht mehr so ganz ernst genommen. Man konnte es gar nicht ernst nehmen, so lange, bis man sich des Materiellen bewusst wurde. Es erschien einem damals als abgegriffene Pose, als Einstellung, die mit populärer Musik nur am Rande etwas zu tun hatte. Heute kapiere ich, dass das eine Lebenseinstellung war, die mich über eine lange Phase meines Lebens hinweg geprägt und determiniert hat, - worüber die Zeit verging. Ich verschob möglichst viel auf später, so lange, bis das „Später“ da war und ich nichts mehr vorhatte, - außer Ärzte zu besuchen und um meine Existenz zu bangen. Wie nahe war man eigentlich dem Tod? Um einen herum verstarben die Typen aus teilweise absurden Gründen, - oder sie fielen einfach tot um. Man selbst hangelte sich von Tag zu Tag, stieß aber immer wieder auf gewaltige Ignoranz und Beharren auf der eigenen Wahrnehmungsblase, besonders dann, wenn man glaubte, anderen und sozial deprivierten Menschen helfen zu können, weil man sich scheinbar ja gut ausdrücken konnte. Als Journalist. Man prallte damit aber ab, man geriet auf glitschiges Gebiet, man rutschte darauf aus und - bewirkte wieder einmal gar nichts. Von anderen wurde man über Jahre eines vermeintlichen Ruhestands nicht mal wahrgenommen, obwohl man guten und freundschaftlichen Umgang mit ihnen hatte, - wie man glaubte. Wissen und Einfühlungsvermögen? Zu Rock- und Popmusik? Scheint noch weniger wert zu sein, als man glaubte. Hin und wieder stirbt eine der alten Größen. Man lebt weiter im Narrativ eines Eingeschlossenseins in Datenhaufen, in Algorithmen, erhoben von jemand, der niemand ist. Influencer dominieren, Klamotten werden jetzt von Rappern verkauft, man gleitet ab…..

Dienstag, 26. Mai 2026

Im Journalismus

Man hat sich zunehmend von der Rolle des Journalisten entfernt, glaubt auch beobachtet zu haben, wie sehr sich Menschen in dieser Rolle für gewisse Interessen einspannen und gegen gutes Geld „kaufen“ ließen. Sie selbst schienen das oft als gutes „Handwerk“ zu verstehen, als professionell. Wie sehr sie die Positionen ihrer Auftraggeber danach vertraten und wie völlig charakterlos identitätslos diese Menschen offenbar waren! Ja klar, Familie, Verpflichtungen und das Haus will ja auch abbezahlt werden. Es wurde einem nun auch bewusst, wie wichtig in all den Jahren ein „Networking“ gewesen wäre, etwas, was man so gut wie gar nicht praktiziert hatte. Mit der unschönen Quittung diesen Verhaltens hatte man sich nun auseinander zu setzen. Man hatte stets auf eine gewisse Distanz zu den Leuten aus dem Geschäft wert gelegt und sah sich nun derb abgestraft dafür. Man war Luft, ignoriert, bestenfalls bemitleidet - und man fühlte sich - zugestandenerweise - einigermaßen verletzt dadurch. Scheise.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Reality hopping

Reality hopping Mir wurde jetzt wieder einmal klar, in welch unterschiedlichen Lebenswelten wir uns aufhalten: Ich wurde einst Journalist mit dem Bestreben, möglichst viele Lebenswelten kennen zu lernen, auf diese Weise etwas über die Welt erfahren, auch weil ich gelernt hatte, dass ökonomische oder soziale Determiniertheiten unsere Wahrnehmung stark beeinflussen. Auf diese Weise kam ich eine Zeit lang durch allerlei soziale Milieus und war in der privilegierten Position, Leute das fragen zu dürfen, was mich interessierte. Tatsächlich erweiterte sich mein Wahrnehmungshorizont dadurch und ich kam einer umfassenderen, weniger durch soziale Determiniertheiten geprägten Weltsicht in einer Welt der Tatsächlichkeiten (ergänzend zu den Theorien, die ich auf der Universität mitgekriegt hatte) auf die Spur. Das heißt: Ich begab mich auf eine Reise durch (sozial geprägte) Wirklichkeiten. Mit dem Stichwort „Reise“ meine ich eine gewisse Beweglichkeit, eine Neugier auch auf andere Horizonte, ein Heraustreten aus der eigenen Wahrnehmungswelt, andere Ansichten zur Welt, andere Einordnungen, das spielerische Einnehmen von Positionen, die Einsicht in eine relative Gültigkeit bringen, die anderes, das Andere, ja auch das Fremde grundsätzlich zulässt, ja, die sogar neugierig darauf ist. Dass Ansichten der Welt aus kulturellen und sozialen Gegebenheiten heraus nahezu programmiert sind, habe ich in der Soziologie gelernt. Dass damit oft Machtfragen zusammen hängen, brachte mir die Politikwissenschaft bei.

Montag, 26. Januar 2026

Zeitgeist und Musik,

Ich gehe jetzt an meiner CD-Sammlung entlang und entdecke einiges, was ich mal wieder hören sollte und wollte. Was in meiner Tätigkeit als Popkritiker für eine Tageszeitung auch aus Zeitmangel untergegangen ist. Input an Geschmack. Referenz. Was mir einfach Vergnügen bereitet. Was ich mag. Es reizt mich regelrecht. Hat wohl auch mit Lustgewinn zu tun. Wieso war dies eigentlich im Rückspiegel verschwunden? Die Freude daran? Oder jenes? Wär’ das was? Ich nehme die Scheibe heraus und betrachte sie: Es werden auch Spinnweben an ihr deutlich, direkt und im übertragenen Sinne. Da scheint ein immer größer werdender zeitlicher Abstand zu manchem zu sein, - etwas, was ich früher nie so empfunden hatte. Ob diese Spinnweben eine Art Zeichen sind - was ist eigentlich Zeit? Haha, Philosophisches? Mein Horizont scheint sich unwillkürlich wieder erweitert zu haben, seit ich mich nicht mehr regelmäßig in der Redaktion und deren hektischen Kurzfristigkeiten aufhalte. Den Kurzatmigkeiten des Tages. Der Hektik. Der Oberflächlichkeiten, die sich in Zeilen bemessen. Ich bin manchmal selbst erstaunt darüber und sehe die Gegenwart als meine neu gewonnene Perspektive, denn ich war ja sowieso nie wirklich zum „echten“ Journalisten geworden. Zum kundigen Informationstechnokraten. Zum öffentlich sich so verstehenden Vermittler. Darin war ich nicht wirklich gut. Oder besser: Da fühlte ich mich nicht wohl damit.

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Dada Gaga

In „Hinhören“ ein Blick zurück in die frühen achtziger Jahre (s.18): Irgendwann muss ich wohl damals eine journalistische Ader an mir festgestellt haben. Jedenfalls fabrizierten wir eine Zeitung nach dem Muster der Stuttgarter Zeitung, die damals eine Seite hatte, die „Brücke zur Welt“ überschrieben war und ihren Lesern essayistische Texte am Wochenende erschloss. Ich mochte diese Seite. Wir Daheimgebliebenen in unserer Rumpfclique machten flott eine „Brücke zur alten Welt“ daraus, kopierten, kolportierten und montierten, schrieben und produzierten nach dem realen Vorbild: Wow, eines Tages war das Ding da! Es gab darin unflätige Fotos, fingierte Berichte über die Eröffnung neuer S-Bahn-Linien und beispielsweise Suchanzeigen wie folgende: „Wer hat meinen Schlüssel gesehen? Er hat einen Bart und ist offenbar unrasiert“. Das Ganze hatte eine Auflage von 6 Stück und konnte als wohlgelungen betrachtet werden.

Mittwoch, 30. April 2025

Demütig frei

Ja, ich wollte mal Personen und Dinge besser erkennen, die „decodieren“, indem ich sie im Zusammenhang mit ihren Lebenswelten kennen lernte. Auf dem Weg dazu musste ich mich allerdings zu oft prügeln und „gebrauchen“ lassen, musste versuchen, mich anzupassen an ein vorgegebenes System, dessen Vertreter rüde auf mich einschlugen. Man stand als Freier Journalist zwischen der Redaktion und denjenigen, die zb. eine PK veranstalten, also Meinungsträger, Meinungsmacher, Personen des „öffentlichen Interesses“. Demütigungen waren ein Preis, den man zu zahlen hatte, Zurechtweisungen von Deppen, denen ich kein bisschen Respekt entgegen brachte und bringe. Ich hatte das alles am Anfang zu idealistisch gesehen (mein Fehler). Hatte hierarchische Überlegungen außer acht gelassen (dachte, das bedeute Journalismus!) und die Hierarchie als einen Teil des Lebens noch nicht richtig gesehen. Ich lebte zuvor in einer Welt, in der es gilt, schlaue Bücher zu schreiben oder in den USA das unternehmerische „Käpsele“ zu geben. Es gab in meinem Elternhaus auch Bekanntschaften zu Leuten, die in den USA als Dozenten und Professorinnen prosperierten. In der Ferme. Seltsam fern blieb mir diese Sphäre. Jetzt aber will man nicht mehr im Hamsterrad rennen. x x x Yes, I wanted to better understand people and things that "decode" by getting to know them in the context of their lives. Along the way, however, I had to put up with too many fights and be "used," trying to adapt to a predetermined system whose representatives rudely attacked me. As a freelance journalist, I stood between the editorial team and those who, for example, organized a press conference—that is, opinion leaders, opinion makers, people of "public interest." Humiliation was a price to pay, reprimands from idiots for whom I had and still have not the slightest respect. I had viewed it all too idealistically at the beginning (my mistake). I had ignored hierarchical considerations (I thought that was what journalism meant!) and hadn't yet fully recognized hierarchy as a part of life. Before that, I lived in a world where the goal was to write clever books or, in the US, to act like an entrepreneur. At my parents' house, I also had acquaintances with people who were prospering as lecturers and professors in the US. I felt strangely distant from that sphere. But now, I don't want to be stuck in the hamster wheel anymore.

Donnerstag, 5. Dezember 2024

Öffentlich, aber rechtlich?

Die dauernde Werbung bei der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung wirkt auf mich penetrant. Manchmal scheint es mir, als sei sie sogar ausgeprägter als diejenige der „Privaten“. Da zahlt man nicht gerade gering am GEZ-Beitrag und muss doch eine solche permanente Werbeoffensive über sich ergehen lassen. Wie das? Damit muss die Berichterstattung, die Sendung an sich, finanziert und müssen die Rechte samt der medialen Durchführung einer Idee bezahlt werden, so heißt es. Vielleicht auch die exklusiven Ansprüche von Funktionären/Managern/Repräsentanten aller Art (Skandale der jüngsten Zeit scheinen das zu stützen). Muss das sein? Nach allem, was heraus gekommen ist? Ich schalte jedenfalls oft um, „zappe“ herum und muss dann im privaten Kanal manchmal sogar weniger Werbespotstörung registrieren. Komisch, über Produktionskosten solcher Ansichtswaren erfährt man auffällig wenig. Wie die Strukturen bei den Öffentlich-Rechtlichen da wohl sind? Im Abspann wird manchmal die „durchführende („Executive“) Medienfirma erwähnt. Immerhin sind die Intendanten und Häuptlinge beim wohlverdienten Gehalt da ziemlich ungeniert, locker und mit einem Lächeln öffentlich voran gegangen (sie ergehen sich manchmal in Spekulationen „weiß nicht genau….u.ä.). Nach dem Empfinden einiger Leute greifen sie nicht gerade wenig „Aufwandsentschädigung“ ab. Doch mögliche Kritiker sind da sehr schnell als Störenfriede abgetan. Noch. Ob da etwas provoziert wird. Veränderung?

Freitag, 22. November 2024

Rentenmuse

Ich lese in der Zeitung die Kritik eines geschätzten und als Redakteur fest angestellten Journalisten, der seinen Artikel damit einleitet, dass er davon schreibt, wie frisch gebackene Rentner ihren Rentenbescheid in den Aktenordner stecken, um anschließend „zum Riesenschach in den Stadtgarten“ zu ziehen, „zum Bingo-Nachmittag oder für acht Wochen nach Madeira“. Es scheint mir dies typisch für Journalisten, die nur sich und ihre Verhältnisse im Blickfeld haben. Die, wenn sie es clever angefangen haben, zu den Besserverdienenden gehören oder gehören werden. Die sich für gewisse Zeit auf andere Realitäten einlassen, nur um sie sobald wie möglich und so gründlich wie möglich wieder zu verlassen. Vielleicht zum Bingo in den Abend oder zum Riesenschach in den Stadtgarten, das wäre für viele noch möglich. Aber darüber hinaus? Die Altersarmut beginnt meiner Meinung nach auf breiter Front an der deutschen Gesellschaft heftig zu nagen und viele Rentner können sich die 8 Wochen auf Madeira nicht mehr leisten. Das Abrutschen von einst fest installierten Karrieren ist ja längst Slang und Redewendung unter den Journalisten. Von den „Abgehängten“ und „Verlierern“ ist da ja auch immer wieder zu lesen. Die Realität ändert sich rasant und scheint eine abschüssige Bahn zu sein. Es polarisiert sich alles. Die besser Gestellten und Gutverdiener, denen die Talkrunden oft eine akademische Bildung zuschreiben und ansonsten mit einer „Prominenz“ auf das Publikum kommen. Die 8 Wochen in Madeira können sich diese „besser Gestellten“ sehr wohl leisten. Auch in Zukunft. Mag die Gegenwart und Zukunft noch so krisengeschüttelt sein. Ob aber die anderen immer mehr werden? Diejenigen, die sich so etwas nicht leisten können? Wo soll man sich selbst in diesem Umfeld ansiedeln? Kommt man darin überhaupt vor oder ist man von vornherein einer dieser „Verlierer“ und „Abgehängten“?

Sonntag, 27. Oktober 2024

Kurz und schnurz

Wie überrascht war ich damals, als ich lernen musste, dass es im Journalismus meist nicht darum geht, sich kurz, klar und präzise auszudrücken, sondern dass die hierarchisch abgestufte Zeilenschinderei und ausführliche Selbstdarstellung als probates Mittel gilt, - falls nicht ohnehin sich aus dem Layout ergebende Zeilenvorgaben einem „Untergebenen“ die Länge seines Artikels vorbestimmen. Dem zeitschindenden und selbstgefälligen Blabla war damals also Tür und Tor geöffnet. Die Qualität eines Journalisten wurde leider allzu oft nach seinem „Output“ bemessen, d.h. einer ausführlichen und mit Füllwörtern gespickten Schwafelei. Fremdworte waren zunächst einmal verbannt, gegen am Bearbeitungsgebiet orientierte Anglizismen oder Computersprache sprach allerdings nichts. Die einfließenden Erkenntnisse der Wissenschaft bedeuteten schon damals, dass es hauptsächlich darum gehe, die Aufmerksamkeit jedes Lesers in einem bestimmten Sinne zu (be)nutzen. Dies führte unter anderem dazu, dass gewisse Hierarchen endlos lange Artikel und Sprachpirouetten fabrizierten, um in alter bräsiger Bildungsbürgerlichkeit und selbstgewisser (Be)Deutungsgewissheit zu demonstrieren, wie gut (in ihrem Sinne) man doch mit Sprache umgehen könne und wie wichtig man selbst sei.

Samstag, 10. August 2024

Statistik

Schwarz auf Weiß, - kein Fake? Was mich als halbwegs ausgebildeten Statistiker immer wieder stört, ist die Verwendung und „Benutzung“ gewisser Zahlen in einem eindeutig definierten Interesse oder in dem stumpfen Vorsatz, gewisse Vorurteile im eigenen Interesse zu stützen. Berühmt ist ja das Beispiel, dass sich ohne Probleme ein Zusammenhang zwischen der Zahl der Geburten und der Häufigkeit der in einem bestimmten Gebiet auftretenden Störche herstellen ließ und lässt. Aber genauso gibt es Beispiele dafür, wie ein Zusammenhang zwischen Tierliebe und Arbeitnehmerfreundlichkeit hergestellt wurde. Statistische Zusammenhänge herzustellen ist nicht schwer. Es kommt aber darauf an, welcher Art diese Zusammenhänge sind. Entscheidend ist auch, in welcher Situation gewisse Fragen in Umfragen gestellt werden. Wenn ich beispielsweise vor einem Parkplatz frage, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort Autobesitzer befrage, ziemlich hoch und ich kann meine Ergebnisse nicht unbedingt verallgemeinern. Dies wird in einem bestimmten Segment des Journalismus aber oft getan, indem reißerische Überschriften produziert werden. Meist wird in einer solchen Journaille ein Beleg aus irgendeiner amerikanischen oder englischen Studie dafür herangezogen. Ein ganz wesentlicher Punkt bei solchen Manövern ist es, ob es einen kausalen (also einen in der Sache begründeten) oder einen rein statistischen Zusammenhang (zwei Phänomene in einen statistischen Zusammenhang zu bringen, den es nicht gibt, ist oft keine große Schwierigkeit) zwischen zwei Phänomenen gibt. Dies sollte auch jeder Laie berücksichtigen, wenn er sich mir reißerischen Schlagzeilen in den Medien konfrontiert sieht. Vielleicht sollte er in seine Erkenntnis auch einfließen lassen, dass viele „Wissenschaftler“ sich durch die Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs gezwungen sehen, etwas zu veröffentlichen, egal was. Daraus resultieren oft scheinbare „Beweise“, die aus einem Randphänomen das Wichtigste machen oder Zufallsergebnisse als das Relevanteste „verkaufen“. Besonders beliebt sind derartige Verbiegungen und „Formungen“ statistischer Ergebnisse in der Politik und im Gesundheitswesen. Das Beispiel der vielfach beeinflussten Arbeitsstatistiken ist ja bekannt, muss aber wegen fehlender Alternativen immer wieder akzeptiert werden. Eine wichtige Faustregel: es kommt immer darauf an, wie etwas definiert wird, wie es für eine Untersuchung „passend gemacht“ wird. Wie es gefasst wird. Danach richten sich dann auch Ergebnisse, die als „seriös“ verkauft werden können, um nahezu jedem Ergebnis ein wisenschaftliches Mäntelchen umzulegen. Die sogenannte Schere zwischen „Arm und Reich“ ist ein gutes Beispiel dafür. Wähle ich die „richtigen“ Untersuchungsparameter und definiere ich Phänomene in einem bestimmten Interesse, so lässt sich auf diesem Gebiet nahezu alles beweisen, auch gegen die offenkundige Überzeugungskraft des Augenscheins, den die Wissenschaft gerne als „empirisch“ definiert, den sie aber ohne Probleme wegdefinieren kann, weil er auf einer zu geringen „Stichprobe“ resultiert und keinerlei Beweiswert habe. Erst die Menge der so erhobenen Daten schaffe so etwas wie „Beweiskraft“. Weil aber Alltagserfahrung selten darauf aufbaut, dass wissenschaftlich einwandfreie Daten (u.a. auchsauber dokumentiert) erhoben werden, ist sie noch nicht unbedingt wertlos. (in unregelmäßig folgenden Blogs werden weitere Beispiele und Phänomene erwähnt....) x x Black and white, no fake? What always bothers me as a halfway trained statistician is the use and "application" of certain numbers in a clearly defined interest or with the blunt intention of supporting certain prejudices in one's own interest. The famous example is that a connection between the number of births and the frequency of storks in a certain area could and can be established without any problems. But there are also examples of how a connection between love of animals and employee friendliness has been established. Establishing statistical connections is not difficult. But it depends on the type of these connections. The situation in which certain questions are asked in surveys is also crucial. If I ask in front of a parking lot, for example, then the probability that I am asking car owners there is quite high and I cannot necessarily generalize my results. However, this is often done in a certain segment of journalism by producing sensationalist headlines. In such journalism, evidence from some American or English study is usually used to support this. A very important point in such maneuvers is whether there is a causal (i.e. a factually based) or a purely statistical connection (bringing two phenomena into a statistical connection that does not exist is often not a great difficulty) between two phenomena. Every layperson should also take this into account when confronted with sensational headlines in the media. Perhaps they should also take into account that many "scientists" feel compelled by the mechanisms of the scientific community to publish something, no matter what. This often results in apparent "evidence" that makes a marginal phenomenon the most important thing or "sells" random results as the most relevant. Such distortions and "shaping" of statistical results are particularly popular in politics and the health care system. The example of labor statistics, which are influenced in many ways, is well known, but has to be accepted again and again because there are no alternatives. An important rule of thumb: it always depends on how something is defined, how it is "made suitable" for an investigation. How it is framed. This is also the basis for results that can be sold as "serious" in order to give almost every result a scientific veneer. The so-called gap between "rich and poor" is a good example of this. If I choose the "right" parameters for the investigation and define phenomena in a certain interest, almost anything can be proven in this area, even against the obvious persuasiveness of the evidence, which science likes to define as "empirical", but which it can easily define away because it results from too small a "sample" and has no evidential value. Only the amount of data collected in this way creates something like "evidential value". But because everyday experience is rarely based on scientifically flawless data (including clean documentation) being collected, it is not necessarily worthless. (More examples and phenomena are mentioned in irregular blogs.…)

Sonntag, 21. Juli 2024

Zeile um Zeile

Wie überrascht war ich damals, als ich lernen musste, dass es im erweiterten Kulturjournalismus meist nicht darum geht, sich kurz, klar und präzise auszudrücken, sondern dass die hierarchisch abgestufte Zeilenschinderei und ausführliche Selbstdarstellung als probates Mittel gilt, - falls nicht ohnehin sich aus dem Layout ergebende Zeilenvorgaben die Länge eines Artikels bestimmen. Dem zeitschindenden und selbstgefälligen Blabla, der eitlen Schwurbelei war also Tür und Tor geöffnet. Auch das ist etwas, was die breiten Massen heute womöglich von diesen eitlen „Journalisten“ abhält. Die Qualität eines Journalisten klassischen Zuschnitts wurde leider allzu oft nach seinem „Output“ bemessen, d.h. einer ausführlichen und mit Füllwörtern gespickten Schwafelei (was auf ungerechtfertigten Zeitverbrauch hinaus läuft…) und des versteckten sowie offenen Hinweises auf die eigene Wichtigkeit. Fremdworte waren zunächst einmal verbannt, gegen am Bearbeitungsgebiet orientierte Anglizismen oder locker verwendete Computersprache sprach allerdings nichts. Die einfließenden Erkenntnisse der Wissenschaft bedeuteten schon damals, dass es hauptsächlich darum gehe, die Aufmerksamkeit jedes Lesers in einem bestimmten Sinne zu (be)nutzen. Dies führte unter anderem dazu, dass gewisse Hierarchen endlos lange Artikel und Sprachpirouetten fabrizierten, um in alter bräsiger Bildungsbürgerlichkeit und selbstgewisser (Be)Deutungsgewissheit zu demonstrieren, wie gut man doch mit Sprache umgehen könne und wie unendlich wichtig man selbst in jeglicher Beurteilung sei. Das oberflächliche und mit "Keywords" gespickte Streifen von Inhalten war dabei meist wichtiger als das Verstehen. In anschließenden Konferenzen lobte man sich zu oft in voraus eilend beredter Unterwürfigkeit dann gegenseitig dafür, trug ein paar pro-forma-Kontroversen aus und übte sich in einer Buckelei den Hierarchie-Wichtigs gegenüber. Man pflegte ja auf diese Weise unter anderem jenes „Networking“, das für Journalisten gerade in Zeiten der Personaleinsparung, des Facharbeitermangels und des Papiermangels so wichtig erscheint. Auch schien der Aufbau von Barrieren rund um die eigene Wahrnehmungsblase und Verstehenskaste, um die internen und gesellschaftlich heraus gehobenen „Versteher“ kein wichtiges Element. Manchen „Journalisten“ scheint das ganz erheblich geschadet zu haben. Sie fielen schließlich trotz eines ausgewiesenen und mit großzügigen Abfindungen ausgestatteten Status den „Rationalisierungen“ (d.h. Personaleinsparungen von Verlagen) zum Opfer, mochten sie noch so große, intellektuell überwältigende und bedeutungsschwangere Artikel abgesondert haben. x x How surprised was I when I had to learn that expanded cultural journalism is usually not about expressing oneself briefly, clearly and precisely, but rather that hierarchically graded line-pushing and detailed self-portrayal are considered an effective means - if that is not the case anyway The line specifications resulting from the layout determine the length of an article. So the door was open to time-wasting and self-satisfied blah blah, to vain swearing. This is also something that may be keeping the broad masses away from these vain “journalists” today. Unfortunately, the quality of a journalist of the classic type was all too often measured by his “output”, i.e. a detailed rambling filled with filler words (which amounts to an unjustified consumption of time...) and the hidden and open reference to one's own importance. Foreign words were initially banned, but there was nothing against Anglicisms oriented to the area of work or loosely used computer language. Even back then, the incoming scientific findings meant that the main thing was to use the attention of each reader in a certain sense. This led, among other things, to certain hierarchs producing endlessly long articles and linguistic pirouettes in order to demonstrate, with the old brash educated middle-classness and self-assuredness of meaning, how well one can use language and how infinitely important oneself is in any assessment. The superficial strip of content peppered with “keywords” was usually more important than understanding. In subsequent conferences, people all too often praised each other for it with eloquent submissiveness, had a few pro forma controversies and indulged in humping the hierarchy. In this way, among other things, one cultivated the “networking” that seems so important for journalists, especially in times of staff cuts, a shortage of skilled workers and a shortage of paper. The construction of barriers around one's own perception bubble and understanding caste, around the internal and socially prominent “understanders” also did not seem to be an important element. This seems to have caused considerable harm to some “journalists”. Despite a proven status, they ultimately fell victim to “rationalization” (i.e. staff cuts by publishers), no matter how large, intellectually overwhelming and meaningful articles they published.

Freitag, 12. Juli 2024

Runde Runde

Ist das Ausdruck einer „geschlossenen Gesellschaft“ in Berlin? Meinungen aus dem Raumschiff? Wieso sind eigentlich immer dieselben Journalisten bei den großen TV-Talkshows zu Gast? Ständig die gleichen Gesichter in unterschiedlichen Zusammensetzungen, das nervt und ist öde. Das ergibt dann diesen vernünftigen, rationalen, differenzierten Diskurs, der draußen im Lande so ungeheuer geschätzt wird. Oder? Sind diese „ausgewählten“ Leute wirklich so oberkompetent oder sind das „Beziehungen“, die da eine Rolle spielen? Man kennt sich, man schätzt sich. Manchmal ist man auch per Du. Beruht das sich unerträglich oft wiederholende Endergebnis solcher Einstellungen auf der Faulheit der jeweiligen Redaktionen, auf dem Erscheinen eines zu bewerbenden Buches oder auf Zeitfragen, die sich einem stellen? Oder gilt hier gar das System der amigo-artigen „Beziehungen“ in besonders krasser Weise? Man weiß es nicht. Intransparent kommt das über einen. „Experten“ und „Chefs“ unter sich. Eine Hand scheint da die andere zu waschen.

Freitag, 5. Januar 2024

Unter Über

Politiker führen sich allzu oft als Herren des Volkes auf. Dabei müssten sie dessen Diener sein. Journalisten assistieren ihnen dabei manchmal in einer unerträglichen Unterwürfigkeit, die zum Fremdschämen ist. Dass diese „Journalisten“ beispielsweise Minister immer und von unten mit „Herr“ oder Frauen mit „Frau Bundesministerin“ ansprechen, ärgert mich. Auch dass gewisse „Experten“/Journalisten/Autoren/Wissenschaftler sich bei bestimmten Anlässen in Gesprächsrunden plötzlich viel „zahmer“ geben, als man das nach ihren bisher absolvierten Auftritten von ihnen erwartet hätte, fällt mir auf. Es entsteht so der Eindruck einer Inszenierung, in der gewisse Rollenmuster einer hierarchisierten Gesellschaft durchgespielt werden.

Mittwoch, 22. November 2023

Dampfplauderer

Da sind nette Dampfplauderer, die sich in nichts und niemanden hineinversetzen können, am allerwenigsten in „den Konsumenten“. Weil sie nur sich selbst und nichts anderes kennen (was ja Zeichen eines Künstlers sein könnte, aber keineswegs das des Journalisten). Sie bestechen durch nettes Wortgeklingel, das sie mehr oder weniger der Realität anhängen, das sie abkupfern, umformen und in neue Schläuche gießen. Feuilletonisten, Schwätzer, Halbgebildete...... schon mal von was gehört Habende, dem Zeitgeist halbherzig und gefällig auf der Spur, je nachdem, ob's ihnen und ihrem Imageaufbau, ihrer Karriere oder ihrem Verlag, ihrer Medienfirma was nützt. Und dann gibt es die, die penibel die Einhaltung sich selbst gegebener Regeln überwachen, die Abmahnungen verteilen und ein strenges Gesicht machen, während die Geschäftsleitung ihnen aus Rationalisierungsgründen schon längst den Boden unter den Füßen weg gezogen hat und ihre Austauschbarkeit offenkundig geworden ist. Smarte Dampfplauderer von Halbwahrheiten, die sie nicht richtig verstanden haben. Unterhaltsam quatschen, Inhalt völlig egal, den Konsumenten/Leser binden, ihn dahin ziehen, egal zu was. Am besten zum Umsatz. Schwadronieren, fabulieren. Der Job des Journalisten ist es, Autorität vorzuspiegeln, von allem etwas zu verstehen, - und doch schlittert er nur auf seinem Halbwissen entlang (mit Ausnahmen von ein paar Fachjournalisten). Das kommt dem Bedürfnis der Leser nach Orientierung entgegen. Jeder durchschnittliche Leser, der sich ein wenig um ein Thema bemüht, kann sich in die selbe Ratlosigkeit meadial begeben, einlesen. Nun gilt es, Entschiedenheit zu demonstrieren.

Donnerstag, 16. November 2023

Was ich hier mache...

Was ich hier mache? Ich greife etwas heraus aus der Flut von Informationen, Meinungen, Einschätzungen und Aussagen, die täglich auf uns einstürmen. Von „Experten“, Wichtigtuern, Meinungsstreuern, -bestätigern, Multiplikatoren und vielen anderen. Das große Rauschen halt. Aus irgendeinem Grunde ist sie an mir hängen geblieben, diese Meinung, hat sich in meinem Hirn verhakt. Ich schreibe sie auf, versuche, sie mir bewusst zu machen. Es gehen mir bestimmte Sachen eine Zeit lang durch den Kopf. Also versuche ich mich zu erinnern, versuche möglichst genau zu recherchieren, - und dann aufzuschreiben. Auch in Notizen. Liegen herum, fallen mir auf – oder auch nicht. Nicht immer kann dabei das Copyright-echte und auf jede journalistische Nachfrage korrekt Beantwortbare heraus kommen. Ein zugestandener Mangel, gewiss. Auch ist nicht alles in mir selbst gewachsen. Keineswegs. Ich gebe mir im Hinblick darauf jedoch alle Mühe, allein schon, um mich nicht angreifbar zu machen. In erster Linie versuche ich dabei ohnehin, eigene Gedankenfrüchte aufzunehmen. Reaktionen. Einstellungen. Haltungen. Sichtweisen. Gelegentlich versuche ich aber auch das aufzunehmen und hier zu deuten, was mich „aufgekratzt“ hat, was an mir hängen geblieben ist, was mich freut, was mich ärgert, was mich provoziert. Ich versuche dann daran das zu finden, was alle betrifft, was gesellschaftliche Lebenswelten prägt, was Einfluss auf uns als Gesellschaft hat, wie wir leben (müssen), ob wir wollen oder nicht. Machtstrukturen, schichtspezifisch typische Einstellungen, sozial geprägte Meinungen, ökonomische „Verdichtungen“, „Apèrcus“: alles kann hier Eingang finden. Ich versuche auf diese Weise eine Reise durch Lebenswelten und den mit ihnen verbundenen Perspektiven zu machen. Empathie einüben. Spielerisch eine andere Position einnehmen. Verständnis dafür entwickeln. Ich nehme dabei Informationen auf, versuche über meinen Tellerrand zu schauen und zu staunen. Aber ich versuche auch, mich auf das zu verlassen, was ich empirisch kennen gelernt habe. x x What am I doing here? I pick something out of the flood of information, opinions, assessments and statements that bombard us every day. From “experts”, busybodies, opinion makers and confirmers, multipliers and many others. Stop the big noise. For some reason it stuck with me, this opinion got stuck in my brain. I write them down, try to become aware of them. Certain things go through my head for a while. So I try to remember, try to do as much research as possible, and then write it down. Also in notes. Lying around, I notice - or not. It is not always possible to get the right copyright and one that can be answered correctly on every journalistic request. An admitted deficiency, to be sure. Also, not everything grew within me. no way. However, I do my best in this regard, if only to avoid making myself vulnerable. First and foremost, I try anyway to absorb my own thoughts. reactions. Settings. attitudes. points of view. Occasionally, however, I also try to take in and interpret what has "scratched" me, what has stuck with me, what makes me happy, what annoys me, what provokes me. I then try to find what affects everyone, what shapes social environments, what influences us as a society, how we (have to) live, whether we want to or not. Power structures, class-specific typical attitudes, socially shaped opinions, economic "compression", "apèrcus": everything can find its way here. In this way, I try to make a journey through living environments and the perspectives associated with them. practice empathy. Playfully adopt a different position. develop an understanding of it. I absorb information, try to think outside the box and be amazed. But I also try to rely on what I have learned empirically.

Montag, 10. Juli 2023

Journalismus und werbliche Täuschung

Henri Nannen, der längst verstorbene hochberühmte Journalist und Redaktionsleiter, sagte einst, zu besseren Zeiten der Printzeitungen: „Aufgabe der Redaktionen ist es, den von den Anzeigenredaktionen frei gelassenen Raum zu einem von der Herstellung bestimmten Termin in einer für den Vertrieb geeigneten Weise zu füllen“. Und was verschafft den Raum für die Journaille? Anzeigen? Werbung? Anpreisungen? Der Journalismus scheint, wie er für sich selbst behauptet, etwas mit Inhalten zu tun zu haben. Die Werbung freilich hat inhaltlich allzuoft nichts mit den Produkten zu tun, für die sie Reklame macht, - schon gar nichts mit inhaltlicher Information. Die Bundesrechtsanwaltsverordnung bemerkt dazu, dass Werbung eine „allgemeine Anpreisung ohne sachlichen Inhalt“ sei. Die Versprechen, die sie macht, sind die Mittel eines permanenten Misstrauens, das desillusionierender ist, als es je eine zuvor war. Sie hält von den Dingen, die sie bewirbt, - nichts. Productplacement ist allzu oft ein Eingeständnis, dass niemand die von ihr beworbenen Produkte eigentlich braucht. Sie befördert die grenzenlose Produktion, - oft mit eingebauter Obsoleszenz - der kein Konsum mehr gewachsen ist. Das Endziel ist dann sowohl Leichenhalle also auch Müllhalde des Überflüssigen. Exzess ist das Ziel. Technologische Innovationen, wie etwa die digitale Revolution, forcieren auf der Produzentenseite eine überproduktive Arbeit, gekoppelt mit einer Abnahme der Arbeitsmöglichkeiten, der keine Expansion des Konsums mehr gewachsen ist. Wachstumsgrenzen werden zwar erreicht, doch in erster Linie stößt nicht die Produktion darauf, sondern der Konsum. Die Werbung zaubert für jedes Bedürfnis eine Nachfrage aus dem Hut. Aber um welchen Preis? Was fehlt, ist, dass etwas fehlt. Ein Trick der Werbung, der mir zuletzt oft aufgefallen ist, geht so: Es werden Spots produziert, die scheinbar aus dem Alltag zu kommen scheinen, mit allen Unvollkommenheiten, Versprechern, unbeholfenen Gesten usw. Diese Figuren empfehlen dann ein bestimmtes Produkt, eine bestimmte Marke in diesem unbedarften Alltagsdeutsch, das sich selbst beglaubigt und weit vom Werbedeutsch entfernt zu sein scheint, das ja immer mehr meint, als es sagt. Auch die sogenannten „Offenen Briefe“ gehören in diese Kategorie: reiner Inhalt, zum Nutzen und Frommen einer ganz bestimmten Meinung, hinter der manchmal auch Egoismen, Interessen und spendenfreudige Konzerne stehen.

Sonntag, 23. April 2023

Zielgerichtete Sprache

Wie überrascht war ich damals, als ich lernen musste, dass es im Journalismus meist nicht darum geht, sich kurz, klar und präzise auszudrücken, sondern dass die hierarchisch abgestufte Zeilenschinderei und ausführliche Selbstdarstellung als probates Mittel gilt, - falls nicht ohnehin sich aus dem Layout ergebende Zeilenvorgaben die Länge eines Artikels bestimmen. Dem zeitschindenden und selbstgefälligen Blabla war also Tür und Tor geöffnet. Die Qualität eines Journalisten wurde leider allzu oft nach seinem „Output“ bemessen, d.h. einer ausführlichen und mit Füllwörtern gespickten Schwafelei. Fremdworte waren zunächst einmal verbannt, gegen am Bearbeitungsgebiet orientierte Anglizismen oder Computersprache sprach allerdings nichts. Die einfließenden Erkenntnisse der Wissenschaft bedeuteten schon damals, dass es hauptsächlich darum gehe, die Aufmerksamkeit jedes Lesers in einem bestimmten Sinne zu (be)nutzen. Dies führte unter anderem dazu, dass gewisse Hierarchen endlos lange Artikel und Sprachpirouetten fabrizierten, um in alter bräsiger Bildungsbürgerlichkeit und selbstgewisser (Be)Deutungsgewissheit zu demonstrieren, wie gut man doch mit Sprache umgehen könne und wie unendlich wichtig man selbst sei. Das oberflächliche und mit "Keywords" gespickte Streifen von Inhalten war dabei wichtiger als das Verstehen. In anschließenden Konferenzen lobte man sich zu oft in voraus eilend beredter Unterwürfigkeit dann gegenseitig dafür, trug ein paar pro-forma-Kontroversen aus und übte sich einer Buckelei den Wichtigs gegenüber. Man pflegte ja auf diese Weise unter anderem jenes „Networking“, das für Journalisten gerade in Zeiten der Personaleinsparung und des Papiermangels so wichtig erscheint. Auch schien der Aufbau von Barrieren rund um die eigene Wahrnehmungsblase und Verstehenskaste, um die internen und gesellschaftlich heraus gehobenen „Versteher“ ein wichtiges Element. Manchen Journalisten scheint das aber auch nichts genutzt zu haben. Sie fielen trotz eines ausgewiesenen Status den „Rationalisierungen“ (d.h. Personaleinsparungen) zum Opfer, mochten sie noch so große und bedeutungsschwangere Artikel abgesondert haben.

Donnerstag, 20. April 2023

Die Profi-Versteher

Die Gut-Informierten, die Unbestechlichen, die Neugierigen, die mit den Mächtigen dealen: Journalisten neigen oft dazu, ihre eigene, noch immer finanziell gut ausgepolsterte Mittelklasse-Weltsicht, absolut zu setzen. Dabei könnten sie in einer digitalen Welt relativ zuverlässige Mittler zwischen den immer stärker fraktionierten Deutungen sein, könnten einer schweigenden Mehrheit die Relativität ihrer Weltsicht deutlicher machen. Sie glauben gerne, sie täten das ohnehin implizit, indem sie sich immer wieder neu auf verschiedene Perspektiven einlassen. Doch ist dies ihrer mehr oder weniger ausgeprägten Professionalität geschuldet. Was gefragt sei, so glauben sie gerne, sei Orientierung und klare Vorgaben, weniger die Empathie. Überhaupt: Klarheit. In einer unklaren Welt dies zu liefern, ist natürlich schwierig und meist nur mit rhetorischen Tricks zu schaffen. Mit Mimikry und einer gewissen Verstellung, die sich scheinbar einlässt auf die von außen kommenden Erwartungen (Informiertheit, „Auskennen“, „ernsthafte Beschäftigung“... usw.). Vorzugeben, man kenne sich (möglichst überall) aus und sei wegweisender Experte, gehört da zur Berufsrolle. Inbegriffen ist natürlich, man sei der Stellvertreter der Ahnungslosen und der breiten Masse, die ohnehin das Schauspiel von außen zu betrachten verurteilt ist. Also quasi ein populistisches Element. Der Spagat gelingt immer weniger, je unübersichtlicher die Verhältnisse werden. Anmaßende Oberflächlichkeit ist das, was oft dabei herauskommt. Mit „journalistischer Distanz“ wird auch gerne eine gewisse Gleichgültigkeit anderen Welten gegenüber kaschiert. (Ver-)Absolutiert wird andererseits das eigene Herzensanliegen, aus dem heraus sehr Subjektives und Beliebiges abgesondert wird und Fakten nahezu beliebig so lange interpretiert werden, bis sie in die eigene Weltsicht passen. Dies wird gerne mit einem „Liberalismus“ kaschiert und als „Qualitätsjournalismus“ verkauft. All das trägt mehr zur Verwirrung als zur Klarheit bei. Es entsteht ein Biedermeier der Ahnungslosigkeit, in dem ein unprofessioneller Dilettantismus der vergesellschafteten Informationsvermittlung blüht.

Freitag, 14. April 2023

Mein Blog

Dies hier ist kein Journalismus! Alleine schon, weil ich keine Namen nenne. Allein schon dies würde zu rechtlichen Auseinandersetzungen führen, für die ich mich nicht gerüstet sehe. Also versuche ich, im Allgemeinen zu bleiben, lasse mich aber durch aktuelle Ereignisse durchaus inspirieren. Apropos Aktualität: Ich verspüre hier keinerlei Aktualitätsdruck oder Auflagendruck, da alles, was hier geschrieben wird, von mir selbst stammt und ich bisher keine Rendite erwirtschaften muss. Und ja, ich habe Angst vor juristischen Auseiandersetzungen. Juristen agieren überall im Interesse von Interessen. Und besetzen oder besitzen Parlamente. Vor Gerichten gibt es allenfalls „Deals“, wenn nicht ohnehin alles und jedes verjährt ist (auf Eigentumsdelikte scheint immerhin noch ganz besonders geachtet zu werden, sie scheinen sakrosankt….) und selbst auf gröbste Verstöße hin nahezu nichts passiert, weil das Rechtswesen zu seiner Selbstrechtfertigung sich als überlastet darstellen lässt. Auch interessieren mich hier im Blog gewisse Strukturen, das Allgemeine, das hinter dem Einzelnen steht. Namen, Firmen und Individuen sind mir in diesem Zusammenhang (!!) oft scheisegal! Dies macht einen Unterschied zum klassischen Journalismus aus, der überall Ross und Reiter nennen sollte. Namen, Firmen und Individuen sind ja meist nur Rädchen in einem bestimmten Getriebe, einem System, das mich interessiert, in gesellschaftlichen Zusammenhängen, Strukturen und Abläufen, die verschiedene Menschen unterschiedlich betreffen. Wenn deren Bedeutung etwas heraus ragt, widme ich mit einigermaßen „rechtssicheren“ und anonymisierenden Formulierungen (wichtig!) gerne auch ihnen!

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Talkjournalisten

Die oberschlauen Journalisten in ihren Talkshows. Mir fallen sie immer mehr auf, ja, sie stoßen mir sogar herb auf: die in den Medien auftretenden Stars der engagiert vertretenen Meinung, die professionellen Besserwisser, Klugscheißer, akademisch wohlbestallten Vorleser, die "Starjournalisten" und die Bestsellerautoren, die uns in möglichst kontroversen Talkshows wortreich und akademisch gesiegelt erzählen, was alles falsch sei und was die Gesellschaft samt ihrer Industrie mit uns treibe. Dabei sind dies die smarten jungen Jungs, die kampfkostümtragenden Damen und die alten Rauschebärte, die uns etwas von Konsumverzicht, Klimawandel etc. erzählen und es sich anschließend im 8-Zylinder bequem machen, wo sie das Mobiltelefon der Luxusmarke sich ans Ohr halten, um den nächsten Termin etwas nach hinten zu verlegen und das Gourmetessen in der sternbewehrt feinen Fresskaschemme schon mal vorbestellen. Gewiss, es ist eine Spielart der Trennung von Sach- und Personenebene. Sie mögen in so mancher Sache durchweg recht haben. Und ich bin dann auf der von ihnen vertretenen Seite. Das ist die Sachebene. Doch persönlich habe ich keinerlei Respekt vor solchen Personen, deren Theorien nicht mal dazu gut sind, der eigenen Person etwas für die Existenz an die Hand zu geben. Ihre Bücher sind für die, denen ihr Inhalt tatsächlich etwas bringen würde, in dieser gescholtenen Gesellschaft keinen Cent günstiger als die gescholtene Konsumware. Sie werfen sie auch in unübersichtlicher Anzahl auf den Markt, um ja im Gespräch zu bleiben und den sich daran knüpfenden Umsatz zu machen. Darin sind sie den von ihnen so hingebungsvoll kritisierten Personen oft nicht ganz unähnlich, die ja so gerne Wasser predigt, um umso unverhohlener Wein zu trinken.