Reise durch Wirklichkeiten

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Freitag, 26. Januar 2018

Im Klo

Im Klo
In der Nebenkabine drückt und furzt es sehr verbissen, bis etwas auf Wasser klopft, hektisch Reinigung, Papier  dann berieben, das Geräusch tut weh, raues Papier klingt roh, man mag sich's nicht vorstellen und tut es doch unwillkürlich....

Geruch und Geräusch vermischen sich auf alltägliche ordinäre Weise, im Geiste kotzt man kurz ab, dann drückt ein Furz, eiserne Disziplin ist angesagt, wer könnte das sein? Wurde man selbst beobachtet, wie man in der Kabine verschwand? Wer so furzt und leicht gebremst stöhnt, der hört sich nicht gut an, das erschüttert und weckt unser Mitgefühl. Ob wir dem Kollegen Trost zuzusprechen versuchen? Es muss ein Kollege sein, das steht schon mal fest, die Bewegungen könnten typisch sein, haben wir ihn reingehen sehen, er war nicht da, als wir uns aufmachten, man macht sich Sorgen, Verdauung kann vieles zeigen, womöglich nicht genügend Abstand zu seiner Existenz, die sich in diesen hektisch herausgedrückten Winden offenbart, Leittiere furzen nicht so gedrückt, das klänge offensiver, selbstbewusster, das klingt nach Ärger hinunter gedrückt, mühsam weggedrückt. 

Freitag, 5. Januar 2018

Vorsätze

Die guten Vorsätze zu Neujahr werden doch nicht heute schon überflüssig geworden sein? Nichtdoch! Stress vermeiden, besserer Umgang mit den Ressourcen, mit der Umwelt, mehr Zeit für sich selbst, mehr Zeit für Familie und Freunde, weniger fressen, mehr Bio, mehr Bewegung und Sport, sich mehr um andere Menschen kümmern....? Ach ja, dann aber mal ran! Oder jetzt schon erlahmt? Müde geworden?
Oder bringt es auch Genuss und Spass, das Richtige zu tun? Ob es mehr gilt, den eigenen Weg zu finden? Den Mittelweg zwischen den Extremen? Das Maß? Muss dazu Verzicht geleistet werden?  Es kommt wohl darauf an, von welchem Niveau aus und mit welcher Einstellung. Dürfen wir uns unsere Fehler eingestehen? Ist alles nur eine Sache des Willens? „Nur“? Oder der „Haltung“? Ist das alles politisch überhaupt umsetzbar und zu verallgemeinern, oder gilt nur das, was jeder in seiner kleinen Umwelt kann? Ob man mit seiner Einstellung unbedingt andere Leute missionieren sollte, oder man ihnen damit mehr auf die Nerven geht? Fragen über Fragen, die wir uns zuerst zu beantworten versuchen sollten, ehe wir Vorsätze fassen.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Empathie on the Rocks

Ich schäme mich für meine Regierung. Leute, die eben mal mit einem Federstrich ein paar Milliarden vergeben, lassen für jedes Todesopfer auf dem Berliner Breitscheidplatz 10 000 Euro auszahlen. Und das, nachdem klar geworden ist, dass der Staat und seine Institutionen eklatant versagt haben in dieser Sache. Eklatant!, - was keinerlei personelle Konsequenzen nach sich gezogen hat. Die Regierungschefin kondoliert über ein ganzes Jahr hin nicht mal, machte aber unmittelbar danach ein betroffenes Gesicht (und jetzt auch wieder...), wie sie es immer bei solchen Gelegenheiten macht. Sehr routiniert und professionell, das! Und die Berliner Behörden fordern passend dazu jetzt die Angehörigen der Todesopfer auf, nur ja die billigsten Verkehrsmittel zur Fahrt zur Trauerfeier zu benutzen, Taxis beispielsweise würden nicht bezahlt. Man will im Boden versinken angesichts solcher „Bescheide“. Empathie ist ein Basisthema hier in diesem Blog. Dies ist ein Beispiel für radikales Versagen. Die Aufmerksamkeit aller scheint sich immer mehr auf wirtschaftlichen Erfolg zu zentrieren, unabhängig davon, ob sich andere Menschen dafür aufopfern müssen. Wenigstens wirtschaftlichen Erfolg, so höre ich schon diejenigen seufzen, die davon profitieren. Aber es ist ja alles so gut hier, wir lassen uns nichts schlecht reden. Auch nicht eine gesichts- und empathielose Gesellschaft, in der die Häuptlinge etwas nicht mal gut vorzuspielen vermögen. 

Samstag, 9. Dezember 2017

Obdachlose im Winter

Ich erinnere mich an die vielen Obdachlosen, denen ich begegnet bin. Auf der Straße schlafen, seinen Horizont im Alkohol ersäufen, sich langsam damit umbringen, das als letzte Fluchtmöglichkeit begreifen, sich als Abfall wahrnehmen und von anderen dauernd so "bewertet" zu werden, wo doch in dieser Gesellschaft alles einen Wert haben muss. Jetzt ist es Winter. Da tauschen Leute Geschenkideen für Weihnachten aus. Bloß nicht zu viel fressen!, dort, wo andere so gut wie gar nichts zu essen haben...... Tagsüber bin ich wie im Tran durch die Stadt gelaufen. Mal in eine Tagesaufenthaltsstätte. Dann in ein Geschäft. Ohne richtige Wärme und Halt. Abfallkübel durchstöbert (jawohl, auch mal im Klischee sein!). Ich sehe durch ihre Augen und habe etwas gegen die Erbarmungslosigkeit dieser Gesellschaft. Natürlich, Alkohol ist nicht gut. Sagt sich leicht aus der Wärme heraus. Dass es als Fluchtmöglichkeit funktioniert, das machen wohlbestallte Leute auch aus den oberen Gesellschaftsschichten vor und schieben noch etwas teures Pulver nach. Moralisch darf man das nicht sehen, so wird einem beschieden. Aber bei den Obdachlosen, da soll man es sehr wohl moralisch sehen......! Nun ja. Geschichten gehört. Nach den materiell Abgesicherten stimmen sie ja alle nicht. Sie, die den „Fake News“ aus ihrer jeweiligen Filterblase so inbrünstig nachhängen. Sie sind schnell fertig, gehen vorbei, vorüber, lassen hinter sich, ignorieren, wollen nichts wissen davon..... Dabei könnten sie auch in eine solche Lage kommen. Scheise. Diejenigen, die Angst vor sozialem Absturz haben, werden ja immer mehr. Sie haben ja auch Anlass genug dafür. Wie weit kann ein solcher Absturz führen. Auch schon mal unters Hartz4-Niveau? Es gäbe kein Elend in dieser Gesellschaft, behaupten ehrgeizige Politikernasen fortwährend. Ein Blick hinaus in die Wirklichkeit sagt anderes......

Freitag, 17. November 2017

Wer und Wo?

Ich frage mich, was für ein soziales Klima das schafft, wenn nicht erst nach den „Paradise Papers“ offensichtlich ist, dass sich allüberall Reiche mit tausend Tricks und Anwälten dumm und dämlich verdienen, indem sie ihren Steuersatz in Richtung 0 % drücken, während der Normalbürger brav seine Steuern zu zahlen hat. Wie redet man sich das etwa in den USA schön? Und hier? Wenn die unteren Lohngruppen vom sogenannten konjunkturellen Aufschwung praktisch gar nicht profitieren, während die oberen überdurchschnittlich abkassieren. Wenn Manager Jahresgehälter im Millionenbereich beziehen, selbst wenn sie offensichtlichen Misserfolg bis hin zur Insolvenz haben, während ihre Facharbeiter mit einem Bruchteil eines solchen Lohns über die Runden kommen sollen. Noch nie war der Billiglohnsektor so groß wie heute, noch nie waren so viele Menschen am Existenzminimum, noch nie drohte derart intensiv die Altersarmut großer Schichten. Was für ein Klima schafft dies? 
Mir scheint, dass da etliche Dinge schief laufen, ob sich nun eine „Jamaika“-Koalition einigt oder nicht. Es scheint mir auch eine Spielart der „Fake News“ zu sein, wenn wir hinaus schauen und überall nur großartige und erfolgreiche Verhältnisse sehen sollen. Ja, gewiss, das Wachstum, die Jobs, die marktkonforme Demokratie, die Industrie, die großen Limousinen und all die wirtschaftlichen Erfolge: Die Schattenseiten freilich werden allzu offensichtlich abgeblendet. Ich verstehe noch nicht die Logik, nach der es die gesellschaftliche Polarisierung auf allen Gebieten geben muss. Ist das eine Art Selbstentfaltung? Soll hier die Gier als eine Art Urtrieb des Menschen und seiner Gesellschaft gedeutet werden? Ist das im Sinne eines Neoliberalismus, wie ihn etwa Hayek und Friedman gepredigt haben? Soll es dadurch in Richtung eines Fortschritts gehen? Fortschritt für wen? Wollen wir uns es leisten, dass nur bestimmte Menschen etwas von diesem Fortschritt haben sollen? Wollen wir es uns leisten, das bestimmte Menschen weitgehend ausgegrenzt sein sollen von Chancen und Teilhabe? Dass eine übergroße Spreizung der Besitzverhältnisse fatale Folgen haben kann, wurde ja inzwischen "wissenschaftlich" untersucht. Soll von dem allem ein Anreiz ausgehen? Welche Auswirkungen könnte so etwas auf das Ganze einer Demokratie haben? Wollen wir solche Probleme auch verschleppen und schönreden, wie etwa das einer Steuergerechtigkeit in breiten Kreisen, - auch der EU? Wo stehen wir? Wer sind wir? Wollen wir zusammen etwas unternehmen? Soll das eine Gesellschaft sein oder werden oder gewesen sein?  

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Mensch und Tier (5)

Ich hatte einst mein ganzes Zimmer zu einer Art Mäusehöhle umgebaut, um meiner Rennmaus (die ich geschenkt bekommen hatte...) Platz zu verschaffen. Überall gelbe Drainagerohre und eine ganze Anzahl von verschiedenen Bauten/Aquarien, in denen die Maus übernachten konnte. Ich nannte die Maus, mit der ich auch oft zum Tierarzt musste, „Hector“ - und notierte damals in meinem Tagebuch:
„Hector verzaubert mich. Seine Äuglein, was sagen sie? Sie schauen aufgeweckt und mäuseklug. Unheimliche Mäusewelt, von mir zu betreten, wie bist du?, welche Farben, welche Gefühle kennst du?
Ungeheures Mitleid mit Hector in seinem kleinen Loch, ganz allein, ein paar Quadratzentimeter Auslauf und ich als der Vergewaltiger, der Quäler. - Ich will es ihm so annehmlich wie möglich machen, dem kleinen Hector. Ein Leben, ein kleines Mäuseleben; es liegt mir am Herzen, im eigentlichen Sinn. Ich werde laufen und rennen für ihn. Ich sehe ihm zu und er verzaubert mich, Faszination Natur und Existenz. Was ist ein solches Säugetier? Verwandt der Natur des Menschen. Dazwischen. Was sagen mir seine Augen? Nichts Logisches, Begriffliches, aber ein Gefühl der Verbundenheit, der Bedeutung. Unbegreiflich, nicht zu greifen, mir entzogen, doch gleichzeitig mich anziehend. Ein Schicksal. Ein Spiel der Natur und der Evolution, - wie ich selbst. Mein Ebenbild. Natürliche Identität.“ 

Montag, 17. Juli 2017

Die Wirklichkeit des Grafen Stössel zu Stösselsfelde

Ich gehe davon aus, dass es auf dieser Welt sehr verschiedene Lebenswelten gibt. Teilweise in sie zu blicken, sie zu bereisen, sie ein Stück weit sogar sich anzueignen und wieder loslassen zu können, mag dabei für jeden sehr aufschlussreich sein. Wir können uns dabei gewahr werden, wie sehr wir geprägt sind, wie sehr wir und unsere Erkenntnis in verschiedenartig geprägte Rollen hinein usw. beeinflusst ist. Ich will hierzu erst mal einen Charakter aus der deutschen „Wirklichkeit“ heraus greifen, wie ich ihn vielfach erlebt und beobachtet habe, obwohl gerade diese hier geschilderten Leute sehr viel Wert auf ihre Einmaligkeit legen. Es handelt sich hierbei um den Grafen Stössel zu Stösselsfelde, aufgewachsen in einem Eliteinternat Trudpert in Sankt Trudpert und per Erbe ausgestattet mit zahlreichen Ländereien, etwa 200 Firmen, mit Chauffeur, Vermögensberater und einer großen Entourage, die Herr Graf „Personal“ zu betiteln pflegt. Studienaufenthalte führten ihn in die USA und nach England, die er deswegen „gut zu kennen“ glaubt. Er sitzt im Verwaltungsrat und in dem Aufsichtsrat sehr vieler Firmen, wobei ihm besonders die Gestaltung der Zukunft und ihre ständige technische Wandlungsfähigkeit im Rahmen einer global ausgerichteten Wirtschaft wichtig ist. Selbstverständlich steht seinem Chauffeur und damit ihm selbst ein riesiger Fuhrpark zur Verfügung, wobei der nette fette Tesla mit seinem E-Motor und seinen anderen fortschrittlichen Features in letzter Zeit bevorzugt wurde. Man will ja schließlich politisch korrekt sein, denn man ist ja erst 45 Jahre alt und will noch eine Weile leben. Er fühlt sich als eine Art „Auserwählter“, wobei ihm das, wie er sagt, durchaus bewusst ist. Als Alphatier freilich glaubt er durch Bildung und Ausbildung trotzdem den vielen anderen, für die er eine Art Verantwortung spürt, die Richtung vorgeben zu können und zu müssen. Selbstverwirklichung ist ihm als Wert sehr wichtig und er glaubt an die Innovation als eine bestimmende Kraft des Menschen.
Ob so jemand in einer anderen Welt lebt als wir? Wieso, aufgrund welcher Legitimation? Schleppen wir nicht alle ein Skelett durch diese Welt, das sich nicht gar so entscheidend von anderen unterscheidet? Ob so jemand durch das Erben eine andere Startposition hatte als andere? Ob in so jemand das Selbstverständnis eines souveränen Überblickers entstanden ist, im Gegensatz zu uns, die wir eher die Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit wahrnehmen und nicht mit ihr zurecht kommen? Ob so jemand täglich Prospekte wälzt, auf der Suche nach dem günstigsten Sonderangebot und ob ihn die Strompreise zwicken? Was hält er wohl vom Thema „Altersversorgung“? Ob es ihm wichtig ist, seine Meinung in jedem Gremium „durchzusetzen“, eben weil sie von ihm selbst stammt? Das tut ihm gut. Wenn ihn irgendwelche Probleme bedrängen, so hat er jederzeit jede Hilfe zur Seite, - dafür sorgt nicht zuletzt sein persönlicher Assistent.

Donnerstag, 18. August 2016

Competition

Das Ego, ist das einzige, was du wirklich hast auf dieser Welt
deshalb scheint es dir das Wichtigste
aber du stehst in einem Zusammenhang
der dir Leben erlaubt
du lebst mit anderen auf dieser Welt
schauen in Bauchnabel, haben keine Ahnung, nach was sie suchen
vergöttern das Ego, wie die Mächtigen das gerne hätten
immer glücklich und sonnig sein
egal, ob sie um dich herum verrecken
die anderen sind nur Mittel zum Zweck – Warenwelt
Mittel zur Bedürfnisbefriedigung
und bist du nicht willig
so brauch ich Gewalt
subtil und ganz offen
stehlen
Gedankensplitter, die herumliegen:
die Hölle, das sind immer die anderen
sich eins fühlen mit allem, Empathie
das wäre etwas anderes als Raffgier
große Autos und große Häuser
den Streitwagen, wer hat den schnelleren, besseren?
Wer hat mehr unter der Haube?
Competition, Wettbewerb und Krieg
mit anderen Mitteln – muss das sein?
Wichtigtuer, verliebt nur in ihr Selbst
pflegen hingebungsvoll ihre Selbstsuche
und scheren sich dabei einen Dreck um die andern
die andern haben's ihnen gesagt
sie sollen sich nicht bloß nicht kümmern
und immer treu bei sich selbst bleiben
die Zwiebel immer weiter schälen

immer weiter......aber da kommt kein richtiger Kern

(Notizen 2013) 

Freitag, 15. Juli 2016

Generation und Sozialisationen

Es ist doch nicht so, dass gestern alles besser war. Bewahre! Diese altbackene Abschätzigkeit der Jugend gegenüber haben wir doch alle auch abgekriegt, als wir jung waren. Überheblichkeit. Selbstgerechtigkeit. Pauschalansichten. Wäre leicht zu entlarven. Aber wenn man nichts anderes kennt, als den wohlständigen Überfluss, wenn man durch dauernde Ablenkung programmiert ist, wenn man ausschließlich in Manuals lebt und die englische Sprache als globale Verständigungsformel akzeptiert, wenn man aus ökonomischen Gründen gehätschelt wird und dies erst als Selbstverständlichkeit und dann als Aufforderung zum Kampf der Generationen auffasst, wenn man glaubt, Annäherung zwischen zwei Menschen beruhe vor allem auf durch Partnerbörsen angestifteten Ficksport, wenn man glaubt, vor den Auswirkungen einer unkontrollierten Globalisierung schon irgendwie bewahrt zu werden, schon darum herum zu kommen, wenn man glaubt, immer zu den Gewinnern zu zählen und unbedingt zählen zu müssen, zu denen, die andere Menschen erniedrigen, wenn man Phänomene wie die Klimaerwärmung verdrängt und sie glaubt, in lächerlichen Konferenzen gebändigt zu sehen, wenn Kriege aller Art zum akzeptierten Alltag („mach das Beste daraus!“) gehören und die Wirklichkeit etwas Manipuliertes ist, das sich vor allem aus Bildern zusammensetzt, Wenn Tiere etwas sind, was es zu produzieren und zu gebrauchen gilt, als kommerzielles Objekt, das im Supermarkt feil geboten wird, wenn das Sterile das Normale ist, - was für eine Sicht der Welt entsteht dann? Sollte hier nicht tatsächlich ein behutsamer Dialog stattfinden, der gerade nicht sein eigenes Zerrbild schafft, sondern auch aufmerksames Zuhören, ein Eingehen aufeinander, ein Verstehen als angestrebte Möglichkeit beinhaltet?  

Sonntag, 22. Mai 2016

Krankheit, Mensch, Normalität

Es ist doch eine vollkommen unsymmetrische Kommunikationssituation: Der sogenannte Patient ist unter Umständen ganz plötzlich aus allen Selbstverständlichkeiten und seiner alltäglichen Normalität heraus gerissen. Die Schwestern und Pfleger hingegen erleben eine solche Situation jeden Tag, für sie ist der Patient einer unter vielen, er symbolisiert den „ganz normalen“ Alltag. Sozusagen eine Durchlaufposition. Im Bewusstsein. Im Empfinden. Das Gesicht des Patienten wechselt zwar, aber er scheint doch immer der gleiche zu sein. Von diesem Patienten aus gesehen ist alles hingegen einmalig. Auch die Gesichter seiner Pfleger sind das. Er ist vielleicht in eine absolute Ausweglosigkeit gestoßen, in eine Einmaligkeit, die sogar, wenn's schlecht läuft, in den Tod führen kann, - die gröbste und elementarste Einmaligkeit, die einem passieren kann.... Schwestern und Pfleger treten im Krankenhaus ihm gegenüber aber als Vertreter der „Normalität“, des „Lebens draußen“ auf. Sie sind jenseits der Mauer, die sich plötzlich zwischen einem selbst und „den anderen“ (den sogenannten Gesunden) auftut. Und tatsächlich, sie, die Schwestern und Pfleger schalten nach Dienstschluss sehr schnell ab und sind wieder ganz draußen aus dieser abgeschlossenen Welt des Krankenhauses, in dem ganz andere Bezüglichkeiten und auch Abhängigkeiten gelten. Sie sind ja sowieso überlastet und sollten sehen, wie sie alles aushalten. Jawohl, der Patient ist in vielem sehr abhängig von seinen Schwestern und Pflegern. Er ist ihnen ausgeliefert. Es entsteht möglicherweise dadurch eine Vertrautheit, die aber keine ist, sobald eine andere Situation eintritt. Es ist ein sehr seltsames Gefühl. Mit Entlassung aus dem Krankenhaus ist man dann ein anderer, es sind diejenigen, die einen gepflegt haben, andere.... als würde ein Schalter umgelegt. Ob man das als Schwester und Pfleger empfindet? Diese Situation? Gibt es eine Art Mitgefühl? Gibt es Mitleid? Oder gibt es - viel besser - eine Art „Mitleiden“. Sich in jemand hinein versetzen. Im Englischen gibt es das Wort „Compassion“, das auch in anderen Kulturkreisen eine wichtige Rolle spielt und ein sich in jemanden anderes hineinversetzendes Mitleiden meint. Ich habe schon einmal mit einer Schwester darüber gesprochen. Sie meinte, man könne sich so etwas nur sehr eingeschränkt oder gar nicht erlauben. Sonst ginge man kaputt. Die Distanz zum Schicksal des Patienten sei eine Art Selbstschutz. Das Abschalten. Das Sich Distanzieren. Das ist völlig nachvollziehbar. Vom Verstand her. Aber es sehen einen doch Augen an!! Kann man sich emotional auch in dieser Situation distanzieren?