Reise durch Wirklichkeiten

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Samstag, 30. August 2025

Poesie der Straße

Dieser unglaublich hässliche Mann hatte sich in mein Bewusstsein geschlichen und mich über eine lange Zeit hinweg im positiven Sinne beeinflusst. „I love Everybody“ heißt das 1994 erschienene Album von Lyle Lovett, das ich mir so oft reinziehe, es in mir wirken und rückkoppeln lasse. Da ist ein Meister des Songschreibens, ein begnadeter Beobachter, ein toller Gitarrist (nur und ausschließlich acoustic-gtr) und Sänger. Ein Meister des Understatements, des sich gekonnt Zurücknehmens ohne E-Gitarre, ohne Imponiergehabe….., Straßenmusik von der sehr gepflegten Sorte. Natürlich tummeln sich hinter ihm, der eine kurze Zeit (93 bis 95) mal mit Julia Roberts in ihrer besten Zeit verheiratet war, wieder Studiomusiker der allerbesten Sorte. Diesmal fallen mir Russ Kunkel und Kenny Aronoff an den Drums auf: Russ (unzählige CDs) ein bisschen verspielt, Kenny (John Fogerty, Cougar Mellencamp u. Studio) mit harter Snare den Punkt treffend. Sie machen das unauffällig toll. Beide. Wie geht denn sowas? Sie spielen wie gewöhnliche Straßenmusiker, bauen aber Kleinigkeiten ein, holen Feeling heraus, blenden auf und ab, dosieren sich...beiläufig, unprätentiös, ganz normale Drummer Boys, denen man aber länger zuhören möchte… unbedingt. Ach, da sind die Paradoxa, die ich immer an ihm liebte: „I love everybody, but especially you…“ Das leicht Schräge, niemals übertrieben „Ich mag Pinguine, andere mögen tolle Schlitten, Juwelenringe oder Filmstars (haha….Roberts!), „Pinguine sind so sensibel, nur für mich…“ Der Pferdenarr Lovett lässt das Einfache einfach sein, mit dieser komischen Vieldeutigkeit, das Spiel mit dem scheinbar Beliebigen, plötzlich abgebogen in eine Art Parabel. „Just this morning“: So kann der Tag beginnen. „It`s just the morning, the coffee is almost done, you can smell it crawling in here from the kitchen, it`s just the morning, falling through the window and the floor is always cold….“ Wie konnte man so was, solch ein Alltagsfeeling in einen Song kleiden? Toll. Wie Lovett da schleift, phrasiert, zieht und vibriert, so völlig unaufdringlich und doch unglaublich gezielt dosiert und gekonnt….. Auch im Sound das Spiel mit dem Paradoxon verankert. Er gab mal das Biest im Spiel mit der Schönen. Sein Sound zerfließt episch zu Miniaturen der Lässigkeit…..ach, man zerplatzt fast…….

Mittwoch, 25. September 2024

Ro ro Romantik

Ob das etwas mit dem Zwang/Drang zur „Selbstoptimierung“ zu tun hat? Mit der Entwertung lange gültiger Werte? Heute ist ja jeder ein Künstler. Dieses Bedürfnis, sich auszudrücken, wird auch über die Medien verteilt und über die Leute gebracht. Einen Höhepunkt erreichte dies damals mit Joseph Beuys’ Aussage, dass ja jeder ein Künstler sein könne. Doch: Warum sich selbst ausdrücken, warum nicht das Universum? Sich selbst dermaßen wichtig nehmen, ist das….wie? Richtig? Es könnte ja sein, dass man in einem größeren Zusammenhang steht. Die Malerei kam ja mal vom Religiösen her, hatte darin ihren Zweck. Es sollte Himmel und Hölle, Gutes und Böses, Gott und Teufel so veranschaulicht werden, das es jeder verstehen möge. Es gab eine Art Bildsprache, die einen Zweck hatte. Es ging um Vermittlung zu „einfachen Leuten“, die der Schrift nicht mächtig waren. Dieser Zweck kam mit der Zeit abhanden und wurde zum Selbstzweck. Es gab später dann das romantische Modell einer „progressiven Universalpoesie“ (nach F Schlegel), in der sich wechselnde Wirklichkeiten so durchdringen, dass die vulgäre materielle Wirklichkeit überwunden wird. Es gab aber auch Picasso, der einer Selbstschöpfung nachhing, die ihre eigene Reflexion ständig überholt und dadurch dem Grenzenlosen Absoluten entgegen strebt. Dadurch entstand nur ein Scheingegensatz zur Romantik. Subjektives und Objektives vermischen sich. Imagination und Unterbewusstsein wirken zusammen. Das ist romantisch im besten Sinne. Nur: das kann und will nicht jeder nachvollziehen. Es entsteht eine Schwierigkeit der Vermittlung. Eine kleine Zelle der „Wissenden“ bildet sich, Kunst wird zunehmend elitär und eine Sache der sich nun immer rascher etablierenden „Kunsttempel“, oft in Gestalt von Museen, die zu einem wichtigen Inventar des Bildungsbürgertums werden. X x Does this have something to do with the compulsion/urge to "self-optimize"? With the devaluation of long-standing values? Today, everyone is an artist. This need to express oneself is also distributed through the media and conveyed to people. This reached a high point back then with Joseph Beuys' statement that anyone could be an artist. But why express yourself, why not the universe? To take yourself so seriously, is that... how? Right? It could be that you are part of a larger context. Painting once came from religion, and had its purpose there. Heaven and hell, good and evil, God and the devil were to be illustrated in such a way that everyone could understand. There was a kind of visual language that had a purpose. It was about communicating to "ordinary people" who could not read. Over time, this purpose was lost and became an end in itself. Later, there was the romantic model of a "progressive universal poetry" (according to F Schlegel), in which changing realities interpenetrate in such a way that vulgar material reality is overcome. But there was also Picasso, who pursued a self-creation that constantly outstrips its own reflection and thus strives towards the limitless absolute. This only created an apparent opposition to romanticism. Subjective and objective are mixed. Imagination and subconscious work together. This is romantic in the best sense. But not everyone can or wants to understand it. It becomes difficult to communicate. A small cell of "knowers" forms, art becomes increasingly elitist and a matter of the "art temples" that are now establishing themselves ever more quickly, often in the form of museums, which become an important fixture of the educated middle class.

Sonntag, 3. November 2019

Worte

Worte sind heutzutage befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung sehr gezielt „eingesetzt“, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sie können jemandem sogar seine Eitelkeiten aufblasend zum Künstler machen. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder.....

Freitag, 2. November 2018

Drogen (1)

Fette Rave oder Techno-Parties ohne Drogen? Scheinbar undenkbar. Oktoberfest? Wies‘n ohne Bier? Undenkbar. „Höhere Kreise“ dieser aktuellen Gesellscchaft scheinen zumindest leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus fröhnen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben….Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreis sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und außen zusammen fallen. Der Rausch als Mittel zum Zweck? Schon die alten Romantiker wie Tieck, Eichendorff oder Novalis mochten so etwas im Sinne gehabt haben, teilweise mit anderen Mitteln als mit Drogen… möglicherweise kann der Phantasie auch anders auf die Sprünge geholfen werden. Manche Romantiker meinten, dass auch die Poesie ein gutes Pegasus“, also ein Pferd zum anderen Ufer, sein könne.

Freitag, 22. Juni 2018

Format Perfect

Das hatten wir damals herniedergebracht, als eine Art Manifest, als eine gedachte Gemeinsamkeit, die so nie existierte:

FORMAT PERFECT

ist -
Begrenztes Unbestimmtes
Paradox Formel,
Programm für den Ablauf von Prozessen wie:
Musik, Erkenntnis, Kunst
funkelnde Unendlichkeit ein Wort - und Gedankenverbindung,
die Zauber besitzt
Anstoß zum Nachdenken
Geheimnis und Provokation
Magic & Secret (M&S) zum Beispiel:
Musik auf anderer Ebene
formale Unbegrenztheit
abgeschlossener Anfang und angefangenes Ende
dilettantische Perfection
erspekulierte Gewissheit
Traum vom Alltag
Bahnen entlang gelenkte Phantasy
Fraktur an der Gefühlswand des Unendlichen,
die sich am Seil des Absoluten
zum Bewusstsein hochzieht
Ziel, nicht brüllender Kult
ein Stück abstraktes, auf den Begriff gebrachtes Leben
Verfremdung von Wirklichkeit
Sicht durch die Brille (durch die Ohren, durch die Sinne)
von bestimmten Menschen
Anti: Ablehnung des Förmlichen bis zur Identifikation mit nicht recognostizierten Gedächtnislücken (schwarze Löcher, Blackouts, objektiv-subjektiv)
aber auch Pro: ironisierende Ästhetik,
gezügelte Form
Hotel Trampolini
ein Augenblick Konzentration auf das Tatsächliche
F.F. = prinzipiell wandelbar relative Relativität
Konflikt
vielschichtig verarbeitete Umwelt
morgen anders, als ES heute ist
wie ein glitschiger Fisch, der dir immer wieder entgleitet
traurige Lustigkeit – oder?

Komik? Reiz, - geht weiter!

Dienstag, 8. Dezember 2015

Reisen mit Goethe

Ich versuche mich auf verschiedene Deutungen unserer Wirklichkeit einzulassen, mit einem imaginären Leser zusammen eine Reise durch sie zu unternehmen. Noch verbindet die Deutung der Wirklichkeit uns alle in der analogen Welt. Doch es wird heftig daran gearbeitet, dies zu verändern. Datenbrillen simulieren digitale Wirklichkeiten, austauschbar gespeist mit abgepressten Daten (übrigens: der Staat in Gestalt des Einwohnermeldeamts darf nach Gesetzesänderungen Deine Daten an beliebige Abnehmer verkaufen, wenn Du nicht ausdrücklich widersprichst...). Auf Laufbändern können wir bald durch Einkaufsstraßen (wichtig!) schlendern oder auf alpine Gipfel kraxeln. Es gibt dann keine Notwendigkeit mehr, sich mit anderen Menschen abzusprechen oder mit ihnen zu interagieren. Dies gehört dann alles der alten analogen Welt an. Selbst das Kopulieren wird dann digital möglich sein. Reiz-Stimulus-Modelle stehen zuhauf zur Verfügung. Aber noch ist es eine gewisse analoge Anstrengung, sich einzulassen, Empathie aufzubringen, so neugierig zu sein, wie das beispielsweise ein Johann Wolfgang von Goethe uns in grauen Vorzeiten vorgemacht hat. Auch er hat diese Werte geprägt, die derzeit so gerne beschworen werden. Er hat sich auf Individuen genauso eingelassen wie auf Kulturen und den mit ihnen zusammenhängenden Mechanismen. Er hat sich bis ins hohe Alter für den Fortschritt der Technik interessiert und hat die Folgen, die sich für alle ergeben, antizipiert.  

Samstag, 10. Oktober 2015

Etwas zu Georg Trakl

Georg Trakl war ein armes Schwein, auch wenn seine Gedichte heute zu den wichtigsten jener Zeit zählen. Wichtig! Bedeutend! Expressionismus. Ihm war's damals egal. Kafka im Bereich der Prosa, Trakl als Lyriker. Sein Werk hat in einem einzigen Bändchen Platz. Er war nur kurz auf dieser Welt (1887 bis 1914). Mit seiner viereinhalb Jahre jüngeren Schwester hatte er wohl ein inzestuöses Verhältnis. Zudem war er als gelernter Apotheker schwer drogenabhängig (Opium, Morphium u.a.). Eine absolute Grenzerfahrung war für ihn der Einsatz als Sanitäter im Ersten Weltkrieg. Menschen ob ihrer wahnsinnigen Schmerzen schreien hören müssen. Bombeneinschlag, chemische Kriegsführung mit ihren fürchterlichen Folgen. Das verarbeitete er trotz Gedichten wie „Grodek“ bald gar nicht mehr. Er unternahm einen Selbstmordversuch und ging schließlich selbst mit einer Überdosis Kokain zugrunde. Sein Werk steht für eine extreme Weltsicht, für eine krasse poetische Wirklichkeit. Der Herbst und der mit ihm verbundene Verfall durchzieht als Motiv sein ganzes Werk. Der Mann arbeitete hart an seinen Gedichten, feilte manchmal über Jahre hinweg und schuf so ein poetisches Konzentrat, das dem heutigen Zeitgeist wohl total widerspricht, aber wie eine reinigende Flamme, ein Bunsenbrenner der Poesie auf alle Schönrednerei wirkt. Er wurde mir schon sehr früh sehr wichtig. Sein neulich hier aufgeführetes Gedicht „Verfall“ mag auf diesem Blog nur als ein Beispiel dafür stehen, dass es sich gerade jetzt wieder sehr lohnt, einen Blick in sein schmales Werk zu werfen und sich von dieser sehr eigenen intensiv verdichteten Wirklichkeit beeindrucken zu lassen.     

Sonntag, 13. September 2015

Im Lauf der Zeit

Der Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders hat sich damals (1976) als „Roadmovie“ ausgerufen und hat mich damals sehr stark beeinflusst und beeindruckt. Rüdiger Vogler und Hanns Zischler als Bruno und Robert ziehen darin der damaligen Zonengrenze entlang, einer Art Niemandsland. Der eine repariert Kinoprojektoren, der andere hat eben eine Trennung hinter sich und ist selbstmordgefährdet. Beide sind relativ in sich gekehrt, sind einsam und sehnen sich nach Frauen, zu denen sie aber aus sich heraus in einer Art gezwungenem Abstand bleiben (müssen) und zu denen jegliche Verbindung problematisch ist. Sie übernachten in ihrem Möbelwagen, der durch die Dachluke wunderbare Blicke in den Nachthimmel eröffnet und so den Film in etwas Alltagsmystisches und aus dem Augenblick Kommendes hinüber ragen lassen, das schon viele Filmemacher gesucht haben und das manche Western augenblicksweise eingefangen haben: Der ruhige Blick, die gelassene Haltung, die im scheinbar Kleinen das Große sehen kann, der Welt nahe kommen in der Poesie. Es entwickelt sich eine ganz langsame Handlung, die eigentlich keine ist, sondern das Reisen, das „Sich bewegen von einem zum andern Punkt“ zum Thema macht. Heute ist Wenders ein Großwesir der Hochkultur. Er macht viel, stellt auch mit großem Erfolg seine Fotos aus und ist so etwas wie der romantische Herold des Kinos. Wie er, der ja sein Projekt damals mehr aus dem Ungefähren heraus lenkte, als er ihm klare Konturen gab, wohl auf meine Reaktionen reagiert hätte. In einem Interview zu seinem 70.-sten Geburtstag hat Wenders neulich gesagt: „Sich überhaupt auf etwas einzulassen, wird ja immer schwerer. Das gilt für das Kino, aber auch für das tägliche Leben. Denn uns allen fehlt es an Zeit, die ständig noch kostbarer wird.“ That's it: Zeit. Der Film heißt „Im Laufe der Zeit“.  

Donnerstag, 9. Juli 2015

Abendrot

ABENDROT


Sie geht unter
sinkt rot zurück
könnt ich jetzt ihr folgen,
ich säh': dahinter wird es Tag:
immerfort Versprechen
wird sie mir und zugleich
Ahnung vom Ende
ist sie morgen noch
und wird ein neuer Tag?
blaue Ränder säumen Gedachtes

von Frost durchstochen