Reise durch Wirklichkeiten

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Dienstag, 17. März 2026

Rock de luxe

Ob Rockmusik ein Mittel der Distinktion war, mit dem wir uns unterscheiden wollten von dieser „mechanischen“ und geldorientierten Welt? Das Verlangen danach war deutlich, - zumindest. Heutzutage ist oft genug das Bedürfnis daran geknüpft, sich möglichst einzigartig zu machen. Doch die Warenwelt kaperte das schon damals alles, die Drogenwelt tat oft ein Übriges, so dass nichts Zählbares davon übrig blieb. Die Typen mit den langen Haaren und Pferdeschwänzen sind heutzutage oft genug die schlimmsten unter den Schlimmen und geben sich als Geschäftlesmacher der übelsten Sorte. Ob wir uns Schutzräume durch die Musik gebaut hatten? Das sehr wohl. Nur war jeder dieser Schutzräume sehr individuell und speziell auf uns abgestimmt, wurde später von manchen unter uns auch nur zu gerne wieder aufgegeben, wenn es die Situation (ökonomisch bedingt) zu verlangen schien. Soziale Motivation war jedenfalls kaum dabei. Irgendwie "Soziales"….. Ob Rockmusik der Soundtrack unserer Gefühlswelt war? Uneingeschränkt ja. Nur, dass später die Könner und Kenner kamen, die akademisch Ausgebildeten, die alles nachmachen konnten, die alles simulieren konnten, auch wenn es inhaltlich mit ihrer Existenz nichts zu tun hatte. Die keine neuen Grenzen suchten, sondern das Gegebene nur perfekt reproduzieren konnten. Was war uns das Wort „alternativ“? Es wurde leider sehr schnell zu einer Art Verkaufsetikett, das seinen Anspruch zu selten einlöste. Lieblingsband? Wir standen mehr auf Lieblingsstücke, mochten aber auch bestimmte Künstler, denen wir im Hören näher kommen wollten - etwa Frank Zappa. Was für eine merkwürdige und mutige Gestalt! Einer, der auf seiner Phantasie Flügel ritt.... der sich davon tragen lassen konnte. Richard Thompson, Elvis Costello ("My aim is true"), Joe Jackson, - aber auch Nice, Tim Hardin, Tim und Jeff Buckley, Radiohead, Ruyichi Sakamoto, - Spürer, Explorateure, Abenteurer, Neugierige...… Die Nähe zum Rock ging ihnen aber bald über in eine Nähe zum Pop......“

Dienstag, 2. Dezember 2025

Muster für Experimente

Wir greifen das King Crimson-Album aus dem Jahr 2011 heraus und lassen uns einspinnen in eine Klangwelt, die über den führenden Linien des Bandchefs und Gitarristen Bob Fripp maßgeblich geprägt wird vom flinken Gebläse des Saxofonisten Mel Collins, den wir von den früheren King Crimson-Alben und tausend Studioproduktionen schon kennen, den wir aber auch live mit der Band Camel schon einmal erlebt haben. Jetzt durchsticht er oft den warmen Gesang von Gitarrist und Violinist Jakko Jakszyk, der dem Fripp`schen Klangideal einer Bariton-Stimme zu entsprechen scheint und uns mit seinem dunklen Timbre an frühere KC-Besetzungen erinnern kann. Wir entschließen uns, unsere Kritiken der KC-Konzerte hervor zu kramen und in diesem Horizont die Fripp-Alben, die uns zugewachsen sind, nicht zu vergessen. Ach ja, hier das Abschweifen ins Groteske, die Klangfäden überall, dies wuchtige Kraft holen, diese Feier des Eigenen Individuellen, das wir heutzutage so oft vermissen. Erst unsere Konzertbesprechung des Jahres 2003, dessen Einleitung uns bleibend beeindruckt hat: „Es ist doch nur ein kurzes Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums: Ein Rockprofessor im dunklen Anzug nimmt Platz auf einem Hocker und macht sich an einer Gitarre zu schaffen, der er sphärische Klangwolken zu entlocken scheint, harmonisch, aber doch im Nichts um sich selbst kreisend, aus dem Ungewissen herkommend und dorthin wieder verschwindend. Doch irgendwann legt der Herr Professor seine Gitarre ab, verschwindet und ein Herr Prozessor spielt immer weiter, wodurch niemand im Beethovensaal weiß, wer was gespielt hat und wie das überhaupt zustande gekommen ist. Der in sich gekehrte Professor war Robert Fripp, der ja nicht nur als Kopf der Band King Crimson die seltsamen Experimente geliebt hat, über 35 Jahre hinweg, in tausend Besetzungen und personellen Kombinationen. Ein Enfant terrible, das auf dem Barhocker im Dunklen sitzend dem Publikum den ganzen Abend keinen einzigen Blick geschweige denn eine Ansage schenken wird und Fotoaufnahmen allerstrengstens untersagt hat. Dafür jedoch schenkt er dem Publikum seine Musik, die nun bald im vorzüglich ausgesteuerten Sound losbricht: King Crimson ist nach langen Jahren der personellen Fluktuation nun ein stabiles und traumhaft eingespieltes Quartett, das vier unterschiedliche Charaktere vereint. Schroffe, sehr eigenwillig strukturierte Massive aus elektronisch manipuliertem Klanggut türmen sich auf zu einer Art durchkomponiertem Edelmetal, fallen in sich zusammen, werden zu zerkrittelten, von ungeraden Rhyhtmen durchstochenen Klangphantasien oder gehen über in schräge Balladen voller bizarrer Einfälle: ist so etwas Prog Rock? Avantgarde Rock? Kunstrock? Nein, es ist King Crimson. Keine Etiketten. Keine Schubladen. Die zurückliegenden 35 Jahre scheinen nur Anlauf für dieses Konzert gewesen zu sein, dessen Grundlage die aktuelle CD „Power to believe“ ist. Großartig, welche Dynamik diese Band nun entfaltet, mit welcher Präzision sie fortwährend verblüfft, wie uneitel sie ihr Publikum staunen lässt, wie sie das Grobschlächtige mit dem Filigranen zusammenbringt und es zu einer schlüssigen Bestandsaufnahme ihrer musikalischen Entwicklung formt. „Prozac Blues“, Eyes wide open“, Elektrik“, „Dangerous Curves“: Nie war King Crimson so rhythmisch wie heute. Drummer Pat Mastelotto gibt selbst den schrägsten Passagen massiven Drive. Trey Gunn fingert dazu höchst einfallsreich den Stickbass, ein gut gelaunter Adrian Belew steuert als Sänger, zweiter Gitarrist aus dem Rampenlicht heraus den Abend, der zum Abenteuer wird. Keine sentimentale Erinnerung an die Vergangenheit. Kein „21st Century Schizoid Man“, kein „Moonchild“. Nur stilistische Stringenz. Alles ist aufgehoben in der Gegenwart. Überragend. Es folgt meine CD-Besprechung aus dem Jahr 2003: „Lange ist’s her, da waren sie Schrittmacher des Progressiv Rock, schienen integriert in den Zirkus der Trends. Musiker kamen und gingen die folgenden Jahre, nur einer blieb: King Crimson wurde zur Kopfgeburt ihres Gitarristen Bob Fripp. Diese musikalische Sprache, diese schroffen Klangmassive, die sich in weite elektronische Flächen öffnen konnten oder sich von feinem Rhythmusgestotter in ungeraden Takten zerlegen ließen, sie waren alle in Fripps Phantasie gewachsen. Doch dann, in der dritten Dekade ihres Bestehens und inzwischen weit vom Alltag des Rockgeschäfts entfernt, entwickelte sich King Crimson wieder zurück zur Band mit stabiler Besetzung. Die neue King Crimson-CD „The Power to Believe“ scheint diese Entwicklung zu reflektieren, indem sie die Fripp’schen Egomanien mit Bandgefühl interpretiert. Da ist es wieder, dieses mit fieser Gitarrengewalt drohende, mühsam kontrollierte Breitwandchaos: das Stück „Level Five“ und „Facts of Life“ etwa scheint es trotz aller gekünstelt paranoiden Strukturen schier zerbersten zu lassen. Das eher lyrische „Eyes wide open“ könnte aus King Crimsons Frühzeit stammen und weist doch auf den wichtigen Einfluss, den Fripps Co-Gitarrist und Sänger Adrian Belew hat. So geht’s weiter: Alt und Neu fließen zusammen, Experimente gehen in längst geprägten Mustern auf. Eine Platte für Fans und solche, die King Crimson noch nicht kennen. (King Crimson, The Power to believe, Sanctuary Sancd 155)“. Jetzt finde ich auch noch meine Konzertbesprechung aus dem Jahr 2016: „Schon der Bühnenaufbau kann überraschen: Drei Schlagzeuge nebeneinander, das ist in der Rockmusik unüblich und ward nie gesehen. Aber die Band King Crimson ist ja immer schon komplett überraschend gewesen, hat während der vergangenen fast 50 Jahre um ihren Kopf herum, den Gitarristen Robert Fripp, fortwährend die Besetzung geändert und stilprägenden Avantgarde-Rock der verschiedensten Ausprägung gespielt. Ein Mythos. Eine Legende. Gleich ein Doppelkonzert ihrer aktuellen Tournee spielen sie im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart, natürlich vor jeweils ausverkauftem Haus. Die drei Herren Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey eröffnen denn auch gleich mit ihrem Dreier-Intro das Konzert. Wir ahnen, dass diese Besetzung kein Gag ist, sondern dass sich diese drei auf das Trefflichste ergänzen wollen, dass sie hochkonzentriert ohne jede Showeinlagen ihre Rolle spielen werden, die eine fantasiereiche Aufsplitting der einzelnen percussiven Abläufe bringt, fein abgestimmte Übergaben des Rhythmus selbst mitten in ungeraden Metren und filigrane Ziselierungen mittels kurzer Akzente, aber auch Keyboardeinlagen und andere elektronische Einspielungen. Es ist ein Team, genauso wie die ganze Band, in der niemand herausragt oder sich als überragender Solist profilieren kann, weil die Dinge meist exakt festgelegt erscheinen und die Räume für allzu ausufernde Soli gar nicht existieren. Am ehesten noch scheint da Mel Collins, der aus den Anfangstagen der Band aufgetauchte Saxofonist und Flötist, sich noch gelegentlich in diese solistische Rolle hineintröten zu dürfen. So geht’s nach der Schlagzeugereinleitung in die erste, sehr abgehoben und teilweise schroff wirkende Folge von Stücken, die weit vom üblichen Rockklischee entfernt scheinen. Wir, aber womöglich auch die Musiker, werden hineingezogen in einen eigenen Strom der Bezüglichkeiten, in der selbst der Bandboss Fripp nur ein Teil des Ganzen ist und in keinster Weise heraus ragt. Neben ihm agieren auf der zweiten Linie der Bühne mit dem Bassisten Tony Levin, mit dem Sängergitarristen Jakko Jaksyk und dem frühen Weggefährten Collins sowieso nur ausgewiesene Könner, die keinerlei Profilierung nötig haben und in diversen Bands ihre Spuren hinterlassen haben. Es taucht nun das eher grobe Stück „Easy Money“ auf, aber auch das feingliedrige „Epitaph“ oder das bekannte „In the Court of Crimson King“ aus den Anfangstagen der späten sechziger Jahre auf. Solche Stücke markieren ein typisches Kennzeichen der Band durch alle Besetzungen hindurch: das Wüste, Grobe und zuweilen auch stark rifforientierte Musizieren kann hier neben feingliedrigen Klangspekulationen stehen, die auf die verschiedenste Art verbunden erscheinen. Um die drei Stunden dauert der Auftritt und keine Sekunde davon ist langweilig: zum Schluss kommen beim Bowie-Heuler „Heroes“ und dann bei „21 Century Schizoid Man“ natürlich die gemeinschaftstiftenden Ohrwürmer: ein großartiges Konzert.

Freitag, 19. September 2025

Frau Lammkotelett

Auszug aus meinem Buch „Zuhören“, das auch Besprechungen einiger von mir besuchter Konzerte bringt. Am Sound der folgenden Band hing ich lange Jahre, ich verdaute das in meinem Empfinden und meinem Hirn, bezog es in mich ein, lebte damit: „Was ich gerade höre?“: Mit dieser Frage hatte ich viele meiner derzeitigen Blogs eingeleitet, was von Anfang an so geplant war. Ich wollte das, was mich beeinflusst hatte, auf diese Weise streifen und es manchmal sogar wiederentdecken. Die Produktionen, die mich und mein Weltbild beeinflusst haben. Zum Beispiel dieses Album: Lambchop „Is a Woman“. Das Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es oft hervor. Ich lasse mich in diesem Gefühl gehen, lasse mich an den CDs entlang schlendern und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Oft greife ich dann zu Lambchops „Is a Woman“. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, die mir noch immer sehr gemäß ist. Ist es melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief, eine kreative Mitteilung. Wie in einer weichen Trance haucht der Wagner da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel beiläufig hindurch, untendurch. Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es aus heutiger Sicht so. Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen. Eher ein Spiegel, mit der Möglichkeit unseres Selbst. In die Band Arcade Fire wurde zb. auch so etwas hinein projeziert. Lambchop sind da meiner Meinung nach aber viel näher dran. Noch im Jahre 2002 schrieb ich über einen Auftritt von Lambchop: „Kotelett, serviert auf doppeltem Boden“ - Lambchop in der Manufaktur in Schorndorf - Wieso soll das Lammkotelett eine Frau sein? Eine Frage, die uns bewegt, seit Lambchop ihre neue CD "Is a Woman" auf die Welt gebracht haben. Allein die Antwort, sie ist und bleibt das Geheimnis von Kurt Wagner, des Sonderlings aus Nashville, der als Sänger und Songschreiber diese wunderbare Platte so maßgeblich geprägt hat. Es wohnt noch so manches andere Geheimnis in Lambchop, jenem Kreis von Musikern, die einem normalen Tagesberuf nachgehen und abends ihren musikalischen Ideen einen weiten Auslauf gewähren. 17 waren sie, als sie mit der CD "Nixon" einer seltsamen Figur der jüngeren US-Geschichte nachspürten und dabei eine verschrobene Fusion aus Country und Soul auf die Beine stellten. 17 Musiker waren sie auch, als sie "Is a woman" jenen völlig intim wirkenden Rahmen gaben, der lauter schräge und auseinander strebende Elemente so überzeugend zu einer Einheit fasst. Und jetzt versammeln sie sich zu acht um jenen bebrillten Kauz in der Bühnenmitte, der auf einem Stuhl sitzend seine eigentümlichen Verse krächzt. Würden sie es schaffen, die in sublimen Klangfarben schillernde Atmosphäre der Platte auf die Bühne zu übersetzen? Nicht nur diese Frage, sondern auch die Medienresonanz auf die CD mögen bewirkt haben, dass die Manufaktur in Schorndorf an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist. "Down the street you go, rumors of a one man show, how silly we can be about the future...": jene Stimme, sogleich durchsticht sie den Song "Daily Growl" so mit ihren scharfen Betonungen und einer Sehnsucht, dass er geradezu zu einem Menetekel wird. Für alltäglich schlummernde Abgründe? Für fremde Zusammenhänge, die uns die Orientierung nehmen? Es bleibt im Geheimnis. Dieser Gesang, der ja in seiner whiskeygeschwängerten Knarrzigkeit viel von einem dramatischen Erzählen hat, er gleitet nun dahin auf einem instrumentalen Film, in dem das Piano mit seinen weichen Harmonien die Führungsrolle spielt. Vom Barjazz mag da manches kommen, von einer Kammermusik des wilden Westens und vom lyrischen Plüsch längst vergangener Radiotage. Das Schlagzeug streichelt sachte die Felle und der Bass setzt leise Akzente, künstliche Aufgeregtheiten sind verpönt. Darüber schillern die Gitarren in allerlei Farben, schrammeln in braver Gleichmut die Akkorde, schwelgen in gläsernem Vibrato, verlieren sich in digitalen Räumen und kreischen auch mal scharf. Hinter alldem tut sich ein unauffälliger Kosmos der elektronischen Geräusche auf, ein Gurgeln, ein Schleifen, ein Quietschen und Quetschen, das dem Ganzen eine unwirkliche Atmosphäre gibt und die scheinbar disziplinierte Harmonie fortwährend in Frage stellt. Die Arrangements sind genau, selbst das seltsame Saxofon-Riff von "The new cobweb summer" und die spitz gefistelten "Ah ah"-Chöre fehlen nicht. Eine feine Doppelbödigkeit durchzieht diese Musik, deren Entwurf von der Platte tatsächlich kongenial auf die Bühne übersetzt ist, ohne in eine feierlich verkrampfte Kunstanstrengung zu verfallen. Im Gegenteil: zwischen den Songs geht es lustig zu, der Pianist Tony Crow erzählt Witze, während der freundliche Biertrinker Kurt Wagner eine Zigarette nach der anderen qualmt. Am Ende sind die zwei Stunden wie ein Traum vorübergezogen, unwiderstehlich, intensiv, anrührend.“

Montag, 21. Juli 2025

Gitarrenschlieren

Dies ist das Ergebnis einer Begegnung mit nur 3 Titeln von Bill Frisell: Wunderbare Schlieren ziehen durch mein Zimmer. Es umschmeichelt mein Ohr, zieht lyrische Fäden und Bögen ein. „Have a little faith“. Ich verfüge hier über ältere Titel, die in Zeitlosigkeit baden. Seine Gitarre klingt elektrisch, mit ihr formt Bill Frisell Tonzusammenhänge, Luftgespinste, die die Phantasie reizen und ihr Raum geben für Gefühle, für seltsame Erkundungen. Er streichelt die Gitarre, entlockt ihr geformte Skulpturen aus Klang, man ist fortwährend gespannt, wie das weiter geht….gelegentlich auch aus scheinbarer Verwirrung heraus. Er nimmt so viel mit, lässt es anklingen, spielt damit. Manches kommt aus seiner Folklore, formt offenbar das, was auf sein Gehirn hernieder gekommen ist. Er hat es aufgenommen und spielt es bei Gelegenheit aus, mit Respekt, Einfühlsamkeit und Einsicht in das kollektive Gedächtnis der Leute. Da gab es so vieles, was ihn auf allerlei Arten beeinflusst haben mag. „Blues Dream“, „What do we do?“ gleitet dahin, nimmt mich mit, ich darf dabei sein und ihm bei seinen Andeutungen folgen. Er kommt ja aus dem Jazz-Ghetto, gab den Avantgardisten und spielt schon lange mit den Dimensionen seiner Gitarre. Alles blitzt auf und wird gebogen, angeglichen an seine Vorstellungswelt, kommt aus ihm.

Dienstag, 10. Juni 2025

Drogös

Sich auf einfache Art entgrenzen? Über sich hinaus treten? Wie wurde das gehandhabt über Jahrtausende hinweg? Bis hin zum Heute? Fette Rave oder Techno-Parties ohne Drogen? Scheinbar undenkbar. Oktoberfest? Wies‘n ohne Bier? Undenkbar. „Höhere Kreise“ dieser aktuellen Gesellscchaft scheinen zumindest leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus fröhnen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben….Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreise sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…… was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag einem dermaßn zusetzt, weil er so öde „rational“ sein kann…?), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und außen zusammen fallen. Der Rausch als Mittel zum Zweck? Schon die alten Romantiker wie Tieck, Eichendorff oder Novalis mochten so etwas im Sinne gehabt haben, teilweise mit anderen Mitteln als mit Drogen… möglicherweise kann der Phantasie auch anders auf die Sprünge geholfen werden. Manche Romantiker meinten, dass auch die Poesie ein gutes Pegasus“, also ein Pferd zum anderen Ufer, sein könne.

Dienstag, 4. März 2025

Klangspielfeld

Ich will und wollte andere Klangräume auftun, ein anderes Spielfeld, eine andere Phantasie, akustische Ereignisse, die da hindurch gehen, die manchmal herbe Gegensätze aufreißen, um sie sogleich wieder zuzuschütten in Klängen, die gelegentlich auch das Populäre und Vulgäre in sich tragen. Ich will nicht mehr das Vorführen von technischen Fertigkeiten, die sich im Hektischen Rasanten ergehen, sondern eine gezielte Langsamkeit dagegen setzen. Ich will andere akustische Erlebnisse schaffen, will Alltagsgeräusche einbeziehen und doch meiner Biographie entsprechend an Pop andocken. Ich will auch die Leere abbilden, will mit schöner Ereignislosigkeit umgehen. Beschauliche Besinnlichkeit und das Baden in Klangschäumen ist weniger mein Ziel, als vielmehr die Irritation, auch das Zusammenführen von Gegensätzen in der Entäußerung. Nicht das Event, dass sich plötzlich in urwüchsiger Vitalität Bahn bricht, sondern das langsame Überführen von Gegensätzen auf eine andere Ebene ist mein Ziel. Nicht das selbstbesoffene „In-Sich-Waten“, die narzisstisch vorgeführte Ichsuche, die spirituelle Selbstoptimierung wäre mein Ziel, sondern vielmehr das Abschreiten der Einöde, des Steilen und Unwägbaren, das "Ungewöhnliche", das Streifen des Vulgären, Banalen und des „dreckigen“ Alltäglichen.

Montag, 7. Oktober 2024

Der Wagner

Auszug aus meinem Buch „Zuhören“, das auch Besprechungen einiger von mir besuchter Konzerte bringt. Am Sound der folgenden Band hing ich lange Jahre, ich verdaute das in meinem Empfinden und meinem Hirn, bezog es in mich ein, lebte damit: „Was ich gerade höre?“: Mit dieser Frage hatte ich viele meiner derzeitigen Blogs eingeleitet, was von Anfang an so geplant war. Ich wollte das, was mich beeinflusst hatte, auf diese Weise streifen und es manchmal sogar wiederentdecken. Die Produktionen, die mich und mein Weltbild beeinflusst haben. Zum Beispiel dieses Album: Lambchop „Is a Woman“. Das Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es oft hervor. Ich lasse mich in diesem Gefühl gehen, lasse mich an den CDs entlang schlendern und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Oft greife ich dann zu Lambchops „Is a Woman“. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, die mir noch immer sehr gemäß ist. Ist es melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief, eine kreative Mitteilung. Wie in einer weichen Trance haucht der Wagner da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel beiläufig hindurch, untendurch. Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es aus heutiger Sicht so. Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen. Eher ein Spiegel, mit der Möglichkeit unseres Selbst. In die Band Arcade Fire wurde zb. auch so etwas hinein projeziert. Lambchop sind da meiner Meinung nach aber viel näher dran. Noch im Jahre 2002 schrieb ich über einen Auftritt von Lambchop: „Kotelett, serviert auf doppeltem Boden“ - Lambchop in der Manufaktur in Schorndorf - Wieso soll das Lammkotelett eine Frau sein? Eine Frage, die uns bewegt, seit Lambchop ihre neue CD "Is a Woman" auf die Welt gebracht haben. Allein die Antwort, sie ist und bleibt das Geheimnis von Kurt Wagner, des Sonderlings aus Nashville, der als Sänger und Songschreiber diese wunderbare Platte so maßgeblich geprägt hat. Es wohnt noch so manches andere Geheimnis in Lambchop, jenem Kreis von Musikern, die einem normalen Tagesberuf nachgehen und abends ihren musikalischen Ideen einen weiten Auslauf gewähren. 17 waren sie, als sie mit der CD "Nixon" einer seltsamen Figur der jüngeren US-Geschichte nachspürten und dabei eine verschrobene Fusion aus Country und Soul auf die Beine stellten. 17 Musiker waren sie auch, als sie "Is a woman" jenen völlig intim wirkenden Rahmen gaben, der lauter schräge und auseinander strebende Elemente so überzeugend zu einer Einheit fasst. Und jetzt versammeln sie sich zu acht um jenen bebrillten Kauz in der Bühnenmitte, der auf einem Stuhl sitzend seine eigentümlichen Verse krächzt. Würden sie es schaffen, die in sublimen Klangfarben schillernde Atmosphäre der Platte auf die Bühne zu übersetzen? Nicht nur diese Frage, sondern auch die Medienresonanz auf die CD mögen bewirkt haben, dass die Manufaktur in Schorndorf an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist. "Down the street you go, rumors of a one man show, how silly we can be about the future...": jene Stimme, sogleich durchsticht sie den Song "Daily Growl" so mit ihren scharfen Betonungen und einer Sehnsucht, dass er geradezu zu einem Menetekel wird. Für alltäglich schlummernde Abgründe? Für fremde Zusammenhänge, die uns die Orientierung nehmen? Es bleibt im Geheimnis. Dieser Gesang, der ja in seiner whiskeygeschwängerten Knarrzigkeit viel von einem dramatischen Erzählen hat, er gleitet nun dahin auf einem instrumentalen Film, in dem das Piano mit seinen weichen Harmonien die Führungsrolle spielt. Vom Barjazz mag da manches kommen, von einer Kammermusik des wilden Westens und vom lyrischen Plüsch längst vergangener Radiotage. Das Schlagzeug streichelt sachte die Felle und der Bass setzt leise Akzente, künstliche Aufgeregtheiten sind verpönt. Darüber schillern die Gitarren in allerlei Farben, schrammeln in braver Gleichmut die Akkorde, schwelgen in gläsernem Vibrato, verlieren sich in digitalen Räumen und kreischen auch mal scharf. Hinter alldem tut sich ein unauffälliger Kosmos der elektronischen Geräusche auf, ein Gurgeln, ein Schleifen, ein Quietschen und Quetschen, das dem Ganzen eine unwirkliche Atmosphäre gibt und die scheinbar disziplinierte Harmonie fortwährend in Frage stellt. Die Arrangements sind genau, selbst das seltsame Saxofon-Riff von "The new cobweb summer" und die spitz gefistelten "Ah ah"-Chöre fehlen nicht. Eine feine Doppelbödigkeit durchzieht diese Musik, deren Entwurf von der Platte tatsächlich kongenial auf die Bühne übersetzt ist, ohne in eine feierlich verkrampfte Kunstanstrengung zu verfallen. Im Gegenteil: zwischen den Songs geht es lustig zu, der Pianist Tony Crow erzählt Witze, während der freundliche Biertrinker Kurt Wagner eine Zigarette nach der anderen qualmt. Am Ende sind die zwei Stunden wie ein Traum vorübergezogen, unwiderstehlich, intensiv, anrührend.“

Montag, 21. Mai 2018

Reisefeeling

Ob dazu die Musik von Brian Eno passt? Das Unbestimmte versucht, Gestalt anzunehmen. Oder ob alles „nur“ Projektion ist? Ob man sich hinweg tragen lassen könnte? Weiter, und immer weiter? Ich lese gerade im „Taugenichts“: Den meisten Leuten mag der Gestus von Joseph von Eichendorff seltsam vorkommen. Seltsam. Ob man auch von unserer Zeit loslassen kann und es als Zeugnis einer bestimmten Zeit und ihrer Sehnsüchte lesen kann? Ja klar, lesen ist sowieso out. Aber damals war das die gängige Ausdrucksweise, man war noch weit entfernt von Internet und App. Jedenfalls kann es auf deinen Einfluss ausüben, einen einlullen in eine Stimmung, die immer mehr aus einem selbst zu kommen scheint, je länger man sich ihr aussetzt.
In Joseph von Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist die Hauptfigur unterwegs und sinniert im siebenten Kapitel kurz vor Rom über ihren gegenwärtigen Zustand nach. Das „Unterwegs-sein“ ist wohl auch dem „modernen“ Ich nicht ganz ungeläufig. Schon mal eine Parallele. Etwas Gemeinsames. Vielleicht können wir ja profitieren von diesem Feeling. Das Leben als eine Reise. Roadmovie. Fantasy: 
„Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in den Ohren, als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, daß ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind viel wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an Sonntagnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so stille war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldenen Toren und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldenen Gewändern sangen. - Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. - Das Meer leuchtete von weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen Nebelstreif erkennen konnte wie ein eingeschlafener Löwe auf der stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn bewachten.
Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes, verfallenes Gemäuer oder ein trockener, wunderbar gewundener Strauch; manchmal schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen Burgen und Tore und goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondschein, als ständen wirklich die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber.“

Mag auch dieses Blog kaum gelesen werden, so hoffe ich doch, dass der "Taugenichts" ab und zu gelesen wird. 

Donnerstag, 22. März 2018

Kreativität (1)

Der Zauberbegriff: Kreativität. Was bedeutet er eigentlich? Die Frage danach schon erscheint überflüssig, denn in unserer Gesellschaft ist der Begriff eindeutig besetzt: er ist so etwas wie eine Problemlösungskompetenz. „Was ist das Problem?“, so lautet die Frage dahinter. Doch das deutet genau nicht auf so etwas wie Kreativität, sondern ist nur eine eingeschränkte Form davon, was gut in unsere durchökonomisierte Welt passt. Ein Ingenieur macht sich mit ihr ans Werk, um die ihm gestellte Aufgabe und das „Problem“ zu lösen. Dazu braucht er Kreativität, nichtwahr? 
Ob dazu nicht vielmehr etwas wie Lebendigkeit nötig ist? Vitalität, Erlebnisfähigkeit? Lust am absichtslosen Spiel, bei dem niemand weiß, was dabei herauskommt? Dabei die Welt einbeziehen, die anderen beteiligen....? Gerade nicht in der Passivität verbleiben, sondern sich aufmachen.... Das Effizienzdenken und die instrumentelle Vernunft, all die Planbarkeit hinter uns lassen! Der Überraschung in der Realität und nicht nur per Fiktion entgegen gehen, die uns überall in Filmen, Büchern etc. geradezu fortwährend zu verfolgen scheinen und uns fortwährend aufregt, erregt, in Anspruch nimmt. Über die typische Frage „Na, schon was dabei heraus gekommen?“ abgrinsen. Denn bei Kreativität darf auch nichts dabei „heraus kommen“. Ob Leonardo Da Vinci ein Problem gelöst hat? Ob bei ihm in Stein Gemeißeltes heraus gekommen ist? Kreativität ist halt nicht Problemlösung sondern hat womöglich etwas mit Gestaltung zu tun. Diese Welt des Denkens in einer bestimmten technisierten Weise hat uns längst in Besitz genommen, bewusst und unbewusst. Nach ein paar Weinen (oder anderen Drogen) darf dann geträumt werden, wie es denn wäre, nicht diesen Zwängen ausgeliefert zu sein.  

Sonntag, 7. Januar 2018

Was wäre Wirklichkeit?

Schon Teenager lassen sich Nase und Lippen richten, üben sich im Tarnen und Täuschen, wollen sich verstellen zu anderen Identitäten. Heraus zu finden, wer man selbst ist und gar auf den warten, der das akzeptiert, könnte zu lästig sein. Man kann ja nachhelfen, es kann schneller und besser gehen. In Richtung auf vorgegebene Ideale. Und man hat mächtige Freunde. Maschinen als „Freunde“. Roboterfreunde. Ob Roboter nicht schon bald schlauer als wir selbst sind? Programmierte Einheiten? Erst mal gilt es, abzudriften in bessere Welten.
Die Virtual Reality-Brillen scheinen ja bis jetzt nicht gerade der große Schlager zu sein. Aber sie holen auf. Sie werden eines Tages mit ihren genussvollen Angeboten voll da sein. Erschwinglich. Für jeden. Brillen für alle, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließen wollen und sich lieber in Realitäten herumtreiben, die andere für sie ausgedacht haben. Naja, die Gamingindustrie hat sich dies schon längst zum Vorteil gemacht und nutzt das nach allen Regeln aus. Illusionen zu verkaufen ist ohnehin ein altes Gewerbe. Menschen scheinen ja leicht zu manipulieren sein. Die Art, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Wir unterscheiden und differenzieren das, was uns als wichtig erscheint. Berühmt ist in diesem Zusammenhang das Beispiel mit den Hopi-Indianern, die andere Zeitbegriffe als wir haben und die Zeit auch anders wahrnehmen. Aber auch an anderen „Naturvölkern“ sind solche sprachlichen Mechanismen nachzuweisen. Über die Augen und Sinne empfangen wir immer dieselben Reize. In der anschließenden Verarbeitung könnte allerdings die Sprache und die Art unserer Wahrnehmung der entscheidende Faktor sein. Die Realität könnte im Auge des Betrachters liegen.
Viele Beispiele aus dem Bereich der optischen Täuschungen sind uns diesbezüglich ja bekannt. Unser Gehirn ist programmiert durch immer wiederkehrende Prozesse. Es rechnet sie sich mit der Zeit mehr aus, als dass es sie wahrnimmt. Es hat eine bestimmte Art der Realität „gelernt“ und sie sinnvoll strukturiert. Unser Gehirn versucht, aus allem, was wir sehen, Sinn zu konstruieren. So können die Grenzen zwischen Wirklichkeiten auf einfachste Weise verschwimmen. Das menschliche Gehirn hat ja die besten Voraussetzungen dafür, sich täuschen zu lassen. So kann auch eine Virtual-Reality-Brille die Kontrolle über die Realität übernehmen. Diese Teile ziehen uns in ihre Bilderwelten. Man ist erstaunt, hat Angst, ist erschrocken oder erfreut - man erlebt etwas.

VRBrillen sprechen Sinne an, die älter als unser Großhirn sind. Das heißt, sie gehen am Verstand vorbei. Es gilt, Erfahrungen zu machen, ohne sie wirklich zu machen. Wirklich? Was ist Wirklichkeit? Sie scheint auf solche Weisen beliebig manipulierbar zu sein, schöngefärbt, gebogen, verbogen, in bestimmte Richtungen geführt. Der neueste Trend? Avatare. Also künstliche Doppelgänger, Identitäten, in die wir uns hinein- und hinaus geträumt haben. Irgendwann glauben wir tatsächlich an die Realität, die solche Avatare umgibt, egal, wie das Erlebnis zustande gekommen sein mag. Unser Stellvertreter macht Erfahrungen, mit denen wir uns identifizieren. Die Vermischung von Realität und Vorstellung davon wird perfekt sein. In sozialen Medien könnte das bald gängige Praxis sein: man schickt einen Avatar zu abenteuerlustigsten Verabredungen mit anderen Avataren. Sich in einen solchen Stellvertreter hinein zu versetzen, wird erstaunlich gut funktionieren und uns mit allen Mitteln (vor allem der Werbung mit allen Mitteln....wir kennen das ja) schmackhaft gemacht. Nachdenken oder Grübeln? Wird verschwinden. Wir sind auf dem Weg. Weg aus der analogen Welt. Hinein in eine Schöne Neue Welt.... 

Dienstag, 13. Oktober 2015

Djuna

DJUNA


Du sagst, Djuna, und schreibst, Djuna, was man bei Tag nicht denkt
du spielst mit Schatten, malst den Schrecken, formst daraus unser Bild
deine Augen sehen, durchdringen das Dunkel, so viel was sich uns verbirgt
du findest Worte, baust damit Sätze, die Vision der Nacht in uns


rote Lippen, rote Haare
du suchst die Liebe in der Dämmerung des Schlafs
rote Lippen, rote Haare
du suchst die Liebe in einem fremden Land


Du versuchst, Djuna, die Welt einzufangen, schickst sie als Flaschenpost an uns
fällst aus dir, tauchst in die Tiefe, holst die Schätze uns herauf


rote Lippen, rote Haare
du suchst die Liebe in der Dämmerung des Schlafs
rote Lippen, rote Haare
du suchst die Liebe in einem fremden Land


Haus ohne Adresse, Straße keiner Stadt
Kind ohne Namen, spielt Alltagstheater
wir gehen rückwärts, als Schlafwandler
durch tausend Augen seh' ich dich


Ich traf dich im Mai, Djuna, du sagst, du seist längst gestorben
dein Flüstern, Djuna, an unserem Ohr, verhilft einem Baron zu ewigem Leben
ein Fakir der Ängste, eine wahre Lüge, so stellst du dem Doktor die Diagnose
ein Nachtfalter, mit selt'nen Farben, so fliegst du durch unseren Traum


rote Lippen, rote Haare
hinter den Fenstern wartet Lachen auf dich
rote Lippen, rote Haare
hinter den Gesichtern wartet Nacht auf dich


Haus ohne Adresse, Straße keiner Stadt
Kind ohne Namen, spielt Alltagstheater
wir gehen rückwärts, als Schlafwandler

durch tausend Augen seh' ich dich

(ein Songtext aus den 80er Jahren, den ich damals mit Gedanken an die Schriftstellerin Djuna Barnes geschrieben habe, der Buch "Nachtgewächs" ich damals las, ich spürte eine Nähe zu meinen eigenen Ansichten....und wollte dem eine Form geben)

Montag, 20. Juli 2015

Durch Virtualitäten

Derzeit ist es möglich geworden, mit einer Pappbrille und einem Handy sich in virtuelle Welten so hineinzuversetzen, als sei man Teil des Videos. Ab ins Videospiel, wir sind ein Teil davon, alles wird ein Spiel per Datenbrille, per Fiktion! Und die großen Firmen, die üblichen Verdächtigen, sind mit von der Partie! Die Geschichte soll sich nicht nur in uns abbilden, sondern direkt vor uns und in uns. Die Vision ist perfekt. Eine Menge Rechenkapazität wird dazu in Bewegung gesetzt und gaukelt die Nähe der virtuellen zur „analogen“ Realität vor – alles natürlich gegen Kohle. Reisen, etwas bauen usw., die einschlägigen Anbieter sind natürlich so begeistert von ihrem neuen Gimmick, dass das alle „innovativ“ Gesinnten so mitreißt, dass daraus bald viel Profit werden wird. Immer mehr angesagt wird auch ein Mix aus der virtuellen und realen Welt sein: in Simulatoren fürs Militär (natürlich!, - die sind immer vorne mit dabei!), für den Flugbetrieb und in anderen phantastischen Wirklichkeitssimulationen. Zumindest in einer Übergangszeit könnte sich die Frage stellen: wem wird diese Technologie zur Verfügung stehen? Denjenigen, die sowieso die Kohle für alles haben und entsprechende Gebühren abdrücken können? Arbeitslosen, wie es sie auf der ganzen Welt und zuletzt auch in hohem Maße in Europa gibt? Angehörigen von armen Staaten? Wann? Wird das alles ein weiteres Instrument der gesellschaftlichen Polarisierung zwischen Reich und Arm werden? Wird es Patente auf bestimmte Realitäten oder Realitätsausschnitte geben und wie werden sich diese auswirken wem wird es nützen, dass sich die Realitäten zunehmend vermischen? Die Talking Heads entwarfen in der Rockmusik vor vielen Jahren eine solche Vision einer Realität und landeten schließlich in den Verwertungsprozessen der Medienindustrie. Es gab ein Buch, das „Die Berliner Simulation“ hieß und schon vor Jahrzehnten einem solchen Lebensgefühl der austauschbaren Realität auf der Spur war. Auch Aldous Huxley ahnte schon vor vielen vielen Jahren etwas davon und setzte das in literarische Visionen. Der frühere Drogenpapst Timothy Leary faselte etwas von der Austauschbarkeit Bewusstseinsebenen und drängte auf Erweiterungen. Doch jetzt wird es scheinbar Realität, tritt auf technische Weise in unsere Existenz. Von nun an und in alle Ewigkeit. „Realität, was ist das?“ es wird dies möglicherweise die typische Frage der Besitzenden sein.