Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
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Mittwoch, 8. April 2026
Stimmig
Stimme als Mittel der Manipulation: gerade als Journalist lernt man, Worte als Instrumente einzusetzen. Sie an der richtigen Stelle zu gebrauchen, sie missbrauchen, auf Tränen- und andere Drüsen im rechten Moment zu drücken, sie zu gebrauchen, auch in der Werbesprache, subcutan und anders, für Reaktionen zu sorgen, Aufmerksamkeit abzusaugen, in die Kommunikation allgemein einzubringen. Mir blieb in meiner Musik zu einem bestimmten Moment aber nur noch die Dekonstruktion, der Versuch, etwas Individuelles und nicht so leicht zu Entzifferndes zu erschaffen, was auf die scheinbare Ablehnung des Wortes im gängigen Sinne zielte und Ironie mit einbezog. Gerade heute im KI-Zeitalter, erscheint diese Einstellung nicht gar zu übertrieben. Es wird uns suggeriert, dass nahezu alles über die KI funktionieren müsse, dass sie die Voraussetzung für rettendes Wirtschaftswachstum sei. Ich versuchte, mich im Vorhof anderer Bedeutungen herum zu treiben, ich versuchte elementare Laute (Sport, Kopulation, Husten usw. Alltagsgeräusche) mit in meine Musik ein zu beziehen. Ich fasste diese Musik meist als akustischen Ereignisraum oder als Hörspiel auf und weniger als Musik im konventionellen Sinne. Dabei ließ ich durchaus meine eigene Vergangenheit als Rockmusiker zu, benutzte auch triviale Formen, füllte mit dem Meinen auf, gab jenen verschiedenen Einflüssen Raum, denen ich durch mein Spiel in Bands und mit anderen Musikern ausgesetzt war und in die ich oft mein Eigenes, meinen Ausdruck einzubringen versuchte. Der Trend zum Gebrauch des Wortes hat sich in der Öffentlichkeit verstärkt. kurzum: ich wollte Text/Wort anders einsetzen. Ich verfremdete, schnitt in Fetzen, kehrte um, ließ Worte sich den Lauten annähern. Habe allerdings Worte auch „konventionell“ eingesetzt in Texten, bei denen man die Distanz zum Pop-Mainstream stark empfand. Dieser Konsumoptimismus ist da raus, ich erwähne meist Existentielles, auch den
Samstag, 19. Juli 2025
Songlyrik
Ich habe gefunden und lese bei mir folgende Notizen „Jetzt scheint Bob Dylan doch noch seine Vorlesung auf dem Audio-Weg bei der Nobelstiftung eingereicht zu haben.“ Ich habe sie zwar nicht gehört, lasse mir aber erzählen, dass er dazu das Statement „ muss man hören, man kann sie nicht auf Papier lesen“ abgesondert hat. Nun ja, das habe ich als Journalist oft gehört. Ist quasi ein Gemeinplatz. Wenn wir schon bei Gemeinplätzen sind: Dass Songtexte ohnehin nicht so übertrieben wichtig seien, habe ich auch oft gehört. Es ginge ja ohnehin immer um die Grundtatsachen des Lebens, um das, was uns bewegt: die Liebe vor allem, - und vieles andere. Ernst Bloch, der neomarxistische Philosoph aus den siebziger Jahren, meinte dazu einst: „Musik ist eine Hure, die mit jedem Text geht“. Ist das nicht ein bisschen delikater? Ein bisschen raffinierter? Ob in jeder Musik ein Text verborgen ist? Eine Art „innerer Melodie“? Aus was könnte dies bestehen? Ist im Jahr 2025 wahrscheinlich etwas anderes, als im Jahr 1969..... Tatsache ist, dass in meiner Umgebung viele Leute, die sehr an Rock- und Popmusik interessiert waren, kein bisschen auf den Text geachtet haben, wenn sie einen Song gehört haben. Alleine schon aus sprachlichen Gründen. Was sie interessiert hat, war die Stimme und die emotionale Botschaft, die dahinter vage aufschien. Dazu trug auch bei, dass sie das englischsprachige Gesinge ohne eine weitergehende Bemühung sowieso nicht verstanden haben. Das Unmittelbare und Direkte, was ja auch zur Rockmusik gehört, fiel also in diesem Falle weg. Kommt es eigentlich darauf an, aus welchem Kontext heraus und in welchen Kontext hinein so etwas „gesendet“ wird? Ist die Erwartungshaltung gegenüber einem Singer/Songwriter-Nachfahren nicht ganz anders, als die einem Jazzer gegenüber? Es ist keine Beleidigung, wenn zu vermuten wäre, dass ein „richtiger“ Jazzer kaum Wert auf besonders gepflegte und elaborierte Inhalte seines Textes legt.
Samstag, 12. Juli 2025
Hinein gleiten
Was ich mal geschrieben habe, auch, weil es mir wichtig war: Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren New Yorker Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.
Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records
Mittwoch, 2. Juli 2025
Klarheit
Was ich entdecke, weil ich eine Art „Investitur“ mache: Ich habe etwas aufbewahrt, dem ich über die Jahre hinweg so etwas wie eine Präferenz zumaß, an dem ich anderes maß, bewusst und unbewusst. Über lange Jahre hinweg war Sandy Denny trotzdem nicht an meine Ohren getreten. Sie war kein musikalisches „Fast Food“, das zu hören ich oft gezwungen war. Aber jetzt, die Sandy Denny-Kassette „A boxful of Treasure“ („eine Kiste mit Kostbarkeiten“). Ich erinnerte mich, dass mir damals Wege gezeigt wurden, Arten, wie man etwas ausdrücken kann. Ben, ihre Lieder, teilweise unveröffentlicht und Live-Mitschnitte. Ein unprätentiöser fast bäuerischer Gesang eines Engels der Klarheit. Ich habe mir in Erinnerung gebracht, was mich immer schon bewegte: Dieses uneitle Singen, niemals auf massenhaftem Gefallen abgestimmt, nicht auf „Verkaufen“ abgerichtet, sondern eine angestrebte Übereinstimmung mit sich selbst. Da sind diese langsam sich entwickelnden Balladen, die dem in Deutschland herrschenden Zeitgeist fremd blieben. Sie machte sowas auch als Sängerin für Fairport Convention und deren zahlreiche Splittergruppen. Sie sang einmal für Led Zeppelin. Die sich ziehenden Verläufe, die einem das Zuhören abnötigen, bevor sie einem etwas geben. Auf dass man mit Perlen beschenkt werde. Dieses unbeirrte „in eine Richtung gehen“. Dieses „identisch mit sich selbst“ sein wollen. Sie hat in ihrem Leben viel Pech gehabt. Soll schließlich eine Treppe herabgestürzt und gestorben sein. Sie schien manchmal ins Unglück verliebt zu sein, melancholisch sinnierend, über sich hinaus schauend, eine große Klarheit ausstrahlend. Sie schwelgte, so scheint es mir wieder, nie in Übertreibungen, sondern blieb bescheiden direkt. Sie pflegte ihre spezielle Art der Konzentration und Ernsthaftigkeit. Ihre Lieder waren menschlich individuelle Äußerungen, nicht Ergebnis eines kollektiven Zielens auf Zuspruch. Ihre Version der Leidenschaft, ihr Brennen waren ihr Ausdruck. Sie spielte mit dem Bekannten und mit dem Unbekannten. Mit „Ecoute, ecoute“ sang sie gar einen kompletten Song auf Französisch. Sandy Denny hat an Wände gespielt und die Abpraller kamen auf uns. Wir sollten damit natürlich umgehen. Da war kein Protzen, kein „Sich verkaufen“. Vielmehr so etwas wie ein „Hier steh ich und kann nicht anders“. Introversion statt Extroversion. Ein „In sich gekehrt sein“ und weniger ein „aussich heraus gehen“. Nicht dieses zeitweise etwas verlogene Zusammenrücken am Lagerfeuer, sondern die musikalisch umkreiste Einsamkeit, das Leid. Und ihre Stimme. Das ein verborgenes Juwel aus dem Schatten heraus leuchten ließ. Da ist noch kein „einer möglichst großen Masse von Leuten gefallen“, da sind noch nicht die Meuten an Managern, die alle was ab haben wollen, die Berater, Experten und Parsiten. Stattdessen ist uns eine große Klarheit geschenkt.
Sonntag, 5. Januar 2025
Aus elysischen Feldern
Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren wechselnden Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner Elysian Fields-CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.
Sonntag, 2. Dezember 2018
An eine Sängerin (Lyrik, Mörike)
An
eine Sängerin (Eduard Mörike, 1804-1875)
Soll
auf der Jungfrau Mund die begeisterte Rede verpönt sein,
Ist
euch des tiefern Gefühls volles Bekenntnis versagt:
O,
wie preis ich die Sängerin drum, die, unter der Muse
Schutz,
mir den lieblichen Grund ihres Gemütes enthüllt!
Niemand
ärgert sich mehr, ja entzückt steht selbst der Philister,
Fühlt,
in des Schönen Gestalt, ewige Mächte sich nah.
Samstag, 7. März 2015
The Show must go on
Wie
habe ich mich über diesen Andreas Kümmert in diesem Moment gefreut! Habe diese
Ausscheidungsinszenierung ESC im Fernsehen zwar nicht gesehen,
konnte mich aber danach eingehend über die Geschehnisse informieren.
Da hat doch tatsächlich der Sieger den Sieg bei der nationalen Ausscheidung des „European Song
Contest“ nicht angenommen und ihn einfach so an die Zweitplatzierte
weiter gereicht, weil er sich „im Moment nicht in der Lage“ sehe,
das Ding durchzustehen. Ungeheuerlich. Frechheit. Solch eine Ausscheidung! Wir kennen alle
diese Lage, in der wir uns in eine Situation begeben, aus der wir
plötzlich im harten Griff der Realität wieder aufwachen. Es ist
dann wohl die letzte Gelegenheit für Kümmert gewesen, der ansonsten
den Wettbewerb klar dominiert hat, aus dieser Geschichte
herauszukommen. Wir könnten es nachvollziehen. Die Showmaschine
stottert, er schlägt sogar die Zweitplatzierte als neue Siegerin vor
(darf er das überhaupt?) und muss sich jetzt dafür fertig machen
lassen. Ein Sensibler, einer, der es ernst meint mit sich und seiner
Kunst, passt im Moment des Sieges nicht in das unbarmherzige
Räderwerk dieses Gewerbes? Ist alles so, wie es scheint? Die Moderatorin macht Glupschaugen: Wie
das? Einer, der sich nicht stromlinienförmig an die sogenannten
„Zwänge“ dieses Geschäfts angepasst hat, stolpert
öffentlichkeitswirksam und wird dadurch zum „Fall“? Ein „Fall“,
wie ihn die einst kultige Showikone Madonna als PR für ihr neues Album bei den
„Brit Awards“ auf ganz andere Weise vorgeführt hat. Eiskalt ist die nach ihrem
ausführlichen Sturz von der Bühne aufgestanden und hat einfach weiter gemacht als jene Kunstfigur, die sie uns nun schon seit Jahrzehnten vorführt. Ein Moment ist sie aus der Rolle gefallen. Es ist wie beim Märchen
„Des Kaisers neue Kleider“. Klar, war ja eine gute Werbeaktion für sie!
Die versteht die Medien und kann mit ihnen umgehen. Das war schon immer so und ist es auch jetzt so. Beifall. Eine zur Millionärin verkörperte Postmoderne!
Es wird ja ansonsten viel über „Würde“ im Alter gequasselt. Alte Säcke passen ihren Stil ihrem Alter an. Versuchen nicht, als Springinsfeld iuvenil wie einst herumzuhüpfen, sondern verkaufen sich geläutert bedächtig. Ob Madonna nun ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist? Ob für sie ein paar Züge abgefahren sind?
Kultfigur und Megastar zu sein, ist für sie wohl Vergangenheit. Jetzt muss man schon froh sein, wenn man nicht von der Bühne fällt. Es ist ein glatt polierter Scherz, immer schon gewesen. In jeder Hinsicht. Und jetzt kommt einer, tritt auf deutsche Bühnen, führt seine Stimme und nichts als seine Stimme vor, um anschließend zu erklären, dass er den klaren Sieg nicht annimmt? Ein Wurzelsepp, einer, der nicht in die Abläufe und Erwartungen des Showgeschäfts passt, einer, dem man zuschreibt, krankhaft sensibel zu sein? Einer, der im letzten Moment aus dieser Kunstwelt aussteigen will? Einer, den der NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber vom veranstaltenden Fernsehen, wie er in einer Pressekonferenz bekannt hat, zuvor gar nicht gekannt hat? Ein Nobody und No name, der „nur“ eine großartige Stimme hat? Ein Sieger in einem Wettbewerb, der den Egoismus auf seinem Feld durchdekliniert, um zuletzt doch zu passen? Oder ist's alles ganz anders gewesen? War's ein ganz besonderer Gag von ihm, oder war's sein tatsächliches Erschrecken? Wir werden's erleben.
Es wird ja ansonsten viel über „Würde“ im Alter gequasselt. Alte Säcke passen ihren Stil ihrem Alter an. Versuchen nicht, als Springinsfeld iuvenil wie einst herumzuhüpfen, sondern verkaufen sich geläutert bedächtig. Ob Madonna nun ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist? Ob für sie ein paar Züge abgefahren sind?
Kultfigur und Megastar zu sein, ist für sie wohl Vergangenheit. Jetzt muss man schon froh sein, wenn man nicht von der Bühne fällt. Es ist ein glatt polierter Scherz, immer schon gewesen. In jeder Hinsicht. Und jetzt kommt einer, tritt auf deutsche Bühnen, führt seine Stimme und nichts als seine Stimme vor, um anschließend zu erklären, dass er den klaren Sieg nicht annimmt? Ein Wurzelsepp, einer, der nicht in die Abläufe und Erwartungen des Showgeschäfts passt, einer, dem man zuschreibt, krankhaft sensibel zu sein? Einer, der im letzten Moment aus dieser Kunstwelt aussteigen will? Einer, den der NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber vom veranstaltenden Fernsehen, wie er in einer Pressekonferenz bekannt hat, zuvor gar nicht gekannt hat? Ein Nobody und No name, der „nur“ eine großartige Stimme hat? Ein Sieger in einem Wettbewerb, der den Egoismus auf seinem Feld durchdekliniert, um zuletzt doch zu passen? Oder ist's alles ganz anders gewesen? War's ein ganz besonderer Gag von ihm, oder war's sein tatsächliches Erschrecken? Wir werden's erleben.
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