Reise durch Wirklichkeiten

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Montag, 23. März 2026

Sinnsuche

Natürlich suchen wir alle nach dem Sinn in unserem Leben. Ein sinnloses Leben ist ein schwer zu ertragendes, wenn überhaupt zu ertragendes Leben. Also schafft sich jeder seine eigene Wirklichkeit, die in mancher Hinsicht eine familiäre, gesellschaftliche und idiologische Wirklichkeit. Jeder hat die Ansicht, dass seine eigene Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit sei. Jeder, der sie anders sieht, ist „verrückt“. In diesem Zusammenhang mag sich auch ein Blick in den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse lohnen, in dem es genau um dieses „Verrückt sein“ geht. Jedenfalls ist es so, dass das, was für den einen Unsinn ist, für den andern Sinn bedeuten. Was für den andern Sinn hat, ist für den ersten unter Umständen Unsinn. Ein Hinweis darauf ist, dass in verschiedenen Kulturen ein und dieselbe nonverbale Kommunikation eine ganz andere Bedeutung haben mag. Z.b. wird in Griechenland mit Kopfnicken ein „Nein“ angezeigt. Es gibt viele weitere Beispiele dieser Art. Ein mittlerweile viel beobachtetes Phänomen in unserer Gesellschaft kann es sein, dass die persönliche Wirklichkeitskonstruktion zusammen gebrochen ist (meist durch gravierende Ereignisse…). Durch Einführung einer anderen, neuen Wirklichkeitskonstruktion kann hier geholfen werden.

Donnerstag, 27. November 2025

Moderne Sinnsuche

Gott, Liebe, Suche, Erlösung. Schlüsselworte eines sozialen Mechanismus, der als „spirituelle Suche“ die Nachfolge der organisierten Religionsausübung angetreten zu haben scheint. Die Tradition scheint uns anderes zu überliefern: Papst, Inquisition, Hexen etc.. Aber ab wann geht es um eine selbstbestimmte Suche, um den individuellen Weg und jene Erlösung im Selbst, die nie zu Ende ist und eine beständige Suche voraus setzt? Kurz: die Emanzipation des Geistes und Verhaltens? Kirchenstrukturen der kanalisierten spirituellen Suche zu erkennen und damit umgehen zu können, scheint wohl eine meiner Lebenslinien zu sein, die mich ins Hier und Jetzt geführt haben. Ich versuche, Verhaltensmuster zu erkennen. Dazu gehört, dass oft ein Mensch die Regeln und die Weisheit verkündet, der alle folgen sollen. In der Politik führt das über die Autokratie in den Faschismus. Jetzt werden im Geschäft der Spiritualitäti oft Köder der Mitmenschlichkeit und der Empathie ausgelegt, die selbstverständlich honoriert und teuer bezahlt werden sollen. Das bisher Unerkannte im einzelnen Menschen zu heben, mag da als Ziel ausgegeben sein. Auch ganz allgemein dem Licht entgegen zu gehen, davon geht die geheimnisvolle Kunde. Es wird auch gerne mal von der „Wertschätzung des Individuums“ geschwafelt, es werden teure Seminare und Veranstaltungen angeboten, bei denen sich ein “Meister“ oder „Wissender“ als Seelenführer inszeniert. Im Übrigen überlässt dieser Führer vieles dem Gruppendruck: Wer sich nicht dem Regelwerk gemäß verhält, wird sanktioniert oder vor der Gruppe bloßgestellt (siehe auch politische Mechanismen). Es geht offensichtlich explizit oder auch latent um Macht und Machtausübung, um Gruppenzwang und in Aussicht gestellte Erlösung. Auch scheint eine gewisse sexuelle Enthemmung und Einübung einer Promiskuität vieler solcher Selbsterfahrungssitzungen zu sein. Sich auszuziehen und dann ungehemmten sexuellen Kontakt in einer „In-Group“ zu suchen, scheint mir da unabdingbar und ein Muster zu sein, das sich oft durch die „moderne“ Sinnsuche zieht. An seine Grenzen zu gehen, auch darum geht es oft als Hauptzweck. Man solle sich selbst in seinen Bedürfnissen erkennen, sehen und finden, so heißt es. Auch werden dann gerne Drogen und mystische Rituale zu diesem Zwecke eingesetzt. Es gilt bei allem, eine In-Group der Wissenden, der Erfüllung und Erlösung Suchenden und eine Outgroup der Ahnungslosen, der tumben und ahnungslosen Masse distinktiv zu erzeugen, sie zu erkennen, - natürlich gegen reichlich Kohle.

Montag, 29. September 2025

Unübersichtlichkeit

Wir leben in einer unübersichtlichen Welt. Unüberschaubarkeiten umgeben uns. Chaotisches zieht in die Existenz ein. Clowns werden Chef, Unkundige machen Karriere. Klar ist: alle haben zu allem eine Meinung. Aber sie suchen gleichzeitig nach Orientierung, nach der klaren Trennlinie zwischen Schwarz und Weiß, sie suchen nach dem, was wahr (!) ist. Dabei spielen auch Ängste eine Rolle. Etwas nicht mitzukriegen, kann spielentscheidend sein. An dieser Stelle wird man schnell empfänglich für Verschwörungstheorien. Diese wollen einem erklären, was hinter den Kulissen „wirklich“ abläuft. Ob das unter anderem auch eine Folge davon ist, dass wir oft genug von staatlichen Institutionen falsch informiert und mit „frisierten“ Informationen "beruhigt" worden sind? Es bilden sich auch Ängste vor einer Realität, die einen womöglich sozial blitzschnell abrutschen lässt... Eine Realität, die Fremdes und Fremde zu bieten hat, das Uneinheitliche, Wilde. Nicht nur an dieser Stelle wird gerne nach „Experten“ gerufen. Diejenigen, die sich stellvertretend für uns mit einer Sache intensiver beschäftigen. Blöd nur, dass diese „Experten“ auch ihrem eigenen Interesse und ihren eigenen Erkenntnismöglichkeiten unterliegen. Dass sie als Lobbyisten oft genug Einfluss nehmen, im Sinne derer, die sie bezahlen. Doch diese "Experten" können für uns auch Kontrollverlust bedeuten. Wir wollen Eindeutigkeiten, nicht Vieldeutigkeiten. Wir wollen die Reduktion der Komplexität. Komplexitätsreduktion nennt das die Soziologie. Wir wollen sie in uns wissen, die „Wahrheit“. Wir wollen ES wissen. Uns plagt eine tiefe Sehnsucht danach. Es muss doch für nahezu alles einen Sinn und eine Verantwortung geben! Blöd nur, dass die heutige Wirklichkeit viele solcher Vieldeutigkeiten und Ungewissheiten (auch in Bezug auf die „Verantwortung“) auf uns bringt. Wie damit umgehen? Angesichtes solcher Verhältnisse könnte so mancher Mitmensch auf die Idee kommen, sein Ego neu erfinden zu wollen (ein gängiger Gesprächsstoff und fast schon zur Redewendung geworden). Es ist dies ja aus den auch hier nachgezeichneten Gründen ein Modethema geworden und hat viele Dimensionen. Wir könnten auf diese Weise ( in einer "Neuerfindung" des Egos) bei der sogenannten und viel beschworenen „Globalisierung“ vielleicht besser dabei sein. Mitreden, dabei sein ist alles, - wirklich? Diese „Globalisierung“ scheint ohnehin nicht mehr zu beherrschen zu sein und überspült uns auf mannigfache Weise alle. Sie scheint die Welt zu prägen und bringt auch diese autoritären Politikstile hervor, die scheinbare Antworten geben. Es geht um das, was die Soziologie „Komplexitätsreduktion“ nennt. Vereinfachungen, die das Leben leichter machen wollen, indem sie die Unübersichtlichkeit reduzieren.

Donnerstag, 18. September 2025

Maßvoll

Vielleicht kommt es auf das richtige Maß an, auf den ehrlich gesuchten Ausgleich (was nicht immer Kompromiss heißen muss). Man hat oder probiert auf der Suche nach Sinn verschiedene Ansätze aus (es geht möglicherweise gar nicht darum, sich mit seinem kleinen Ego mit etwas zu identifizieren, oder recht zu haben). Vielleicht gilt es um ein unspektakulär behutsames Abwägen, um ein Herausdestillieren von Möglichkeiten (mit dem man auch spielt). Wie bei Vielem im Leben: es geht um die Dosis. Wenn ich jetzt die Entwicklungen hierzulande sehe, scheint es mir vor allem um das Herausschälen eines Egos zu gehen, um einen Führungsanspruch, um das Verschwinden in „Schützengränben“ der Meinung. Um das Hinterlassen von „Spuren“, eines Stallgeruchs, der om politischen Raum gerne auch mal von Parteien verwaltet wird. Ob sie je wieder die Mitte des Volkes repräsentieren werden? Was ist die Mitte? Wer will denn heute ein solches Sinnbild des Mittelmaßes sein? Großartige Soziologen haben längst bewiesen, dass es in der heutigen Gesellschaft um das Herstellen von „Einzigartigkeit“ geht. So manchem mögen bei der Behauptung einer mittigen Wählbarkeit Zweifel kommen, auch angesichts der aktuellen Auftritte der „Köpfe“ solcher Parteien. Gelassener mag einem da zumute sein, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass es nach den Erkenntnissen der Quantenphysik darauf ankommt, ob man und von wo aus man eine Sache beobachtet. Je nachdem kann das Ergebnis variieren. Mithilfe der „kognitiven Dissonanz“ kann man sich „Realität“ sogar gefügig machen, indem man das Unangenehme oder scheinbar Unpassende ausblendet. Der Mensch fühlt sich halt unwohl, wenn er auf Informationen trifft, die seinen Überzeugungen zuwider laufen. Dciese Informationen werden gerne mal wegrationalisiert, ausgeblendet.

Montag, 16. Juni 2025

Auf der Suche nach Etwas

Nun ja, es entwickelte sich sogar ein Wir-Gefühl zwischen uns: Wir fühlten uns wie ein kreativer Stoßtrupp, wir suchten ganze Nachmittage lang nach der einen, der großartigen Melodie, nach dem Einfall, der uns hinweg tragen würde in all seiner.... . Aber wir fanden nur fremd klingende Breaks, verhuschte Passagen, rhythmische Katastrophen, tonale Andeutungen, die völlig unbrauchbar für die richtige Rockmusik der Tatmenschen waren. Wir streiften zusammen durch musikalische Landschaften, die zwar wildromantisch waren, aber einfach nicht auf eine Weise zu kultivieren waren, dass sie in einem Jugendhaus irgend jemanden von einem dieser alten, verstunkenen und verfurzten Sofas gerissen hätten. Das ging nicht ab. Das ging schon gar niemanden in die Beine. Das war einfach nur unverständlich und verschroben. Im Grunde die reine klangliche Kloake. Aber wir waren infiziert davon, wir waren - glücklich - damit. Wir hatten etwas aus dem Nichts geschaffen, über das wir eine Weile staunten und das dann wieder zurück fiel in das Nichts. Wir waren auf einer Mission, deren Sinn, deren Reichtum sich erst noch später enthüllen sollte, - vielleicht sehr viel später. Erst musste von uns aber noch die dafür nötige Erforschung gemacht werden…

Montag, 19. Mai 2025

Sinn

Sinn, eine Kategorie, die mich früh beschäftigte. Schon damals, als wir in der Schule den „Mythos des Sysyphos“ von Albert Camus durchnahmen. Leuchtete mir ein. Mir freilich war schon damals klar, dass es darum ging, sich einen persönlichen Sinn zu schaffen – und nicht den absoluten zu begreifen. Einer wie Viktor Frankl war es, der mich darin beeinflusste. Sinn ist womöglich das, was wir aus uns machen. Nicht nur im Sinne eines Status. Mir war klar, dass wir limitiert sind. Dass uns allenfalls Ahnungen möglich sein können. Auch in plötzlichen Erleuchtungen. Ich habe darauf gehofft, so etwas aber bis heute nicht erlebt. Also konnte ich nur mich selbst und noch viel besser "Das Göttliche" in mir suchen. Wissen, wer man ist und wo man ist. Welchen Einflüssen man als soziale Existenz ausgesetzt ist. Dabei eine Sinnlosigkeit aushalten, das könnte ein Ziel sein. Den Stein immer wieder nach oben rollen. Und mit ansehen müssen, wie er unweigerlich nach unten rollt. Dies könnte auch auf das Glück zuführen. Als ein Ziel, das jenseits von diesem alltäglichen Pragmatismus liegt, der unseren Alltag prägt. Kreativität verschafft uns einen Spielraum. In ein bestimmtes Tun einen Sinn hinein legen. Nicht dem Sinn folgen, den andere postulieren. Wir müssen versuchen, uns selbst unseren Sinn zu stiften und ihn keineswegs verallgemeinern. Dies hängt mit der Idee der Selbstbestimmung zusammen. Selbstgenügsamkeit. Achtsamkeit. In sich selbst suchen.

Donnerstag, 1. Mai 2025

Arbeit und Moral

Ist Arbeit sinnstiftend in unserem Leben? Wie weit geht das? Wann ist man erschöpft? Wann will und kann man nicht mehr? Hilft der fortwährende Vergleich mit denen, die viel mehr arbeiten? Welche Rolle spielt hierzulande das Renteneintrittsalter und wieso gibt es da so große Unterschiede in der EU? Der große neue Vorsteher sagt „Wir müssen wieder (!) eine andere Beziehung zur Arbeit haben. Es kann ja auch Spass machen“. Ja klar, dieses „es könnte Spass machen“ sitzt einem ja drohend im Nacken. Man weiß davon, aber man kommt da nicht mehr ran. Außerdem: Die Identifikation mit dem Job ist nicht mehr das, was es einmal war. Ob da gewisse Massenentlassungen eine Rolle gespielt haben? Ob der Mensch da als möglichst zu beseitigender Kostenfaktor angesehen wurde? Schnell mal austauschen, wenn`s beliebt? In Zukunft zugunsten der KI (AI)? Wer kennt nicht diese Gestalten, die sich im Laufe der Jahre für eine Firma aufgeopfert haben und am Ende doch ziemlich unwürdig entlassen wurden? Raus geschmissen? Weg geschmissen? Ob es sich dann gelohnt hat, sich für diese Firma einzusetzen? Es entscheidet allzu oft das Maß an Rücksichtslosigkeit über ein Dasein, das sich gerne locker und in Wohlstand gut abgesichert gibt. Sich kurzfristig auf Kosten eines anderen durchsetzen. Arbeit zu ihm verschieben. Ihn ausnutzen. Davon profitieren. Die alten Unterschiede der Menschen werden „kultiviert“: diejenigen, die etwas haben und es zu etwas gebracht haben und diejenigen, die sich als Versager fühlen sollen. Hoch bezahlte Schwerverbrecher eines großen Automobilkonzerns haben die Öffentlichkeit zu täuschen und zu betrügen versucht. Was sind das für Leute, die überall damit angeben, „Verantwortung“ zu tragen? Wo ist bei denen die ethische Dimension neben dem Profitstreben? Ob das unseren Begriff von Arbeit auch ein bisschen beeinflusst?

Donnerstag, 27. Februar 2025

Gedanken zu meiner Musik

Ich begegne meiner Musik und bin mal wieder erstaunt. Nabelschau ist damit angesagt. Kann man so sehen. Natürlich. Man entlarvt sich selbst. Erfahren, was man da macht und vor allem: was man gemacht hat. Ich weiß ja, dass konventioneller Gesang in meinem Konzept keine Rolle spielt. Ich habe ein paar Stücke mit einer Art von poetischem Sprechgesang, meine Stimme in rhythmisierten Worten, weich und hart, sachlich und verklärend zugleich. Melodien tragen bei mir meist die Flöte und das Sax (meist Bariton). In der Pop- und Rockmusik ist ansonsten meist ein Gesang angesagt. Im günstigen Fall selbstvergessen, im weniger günstigen Falle ist das eitel und „Sich-andienend“. Mein zweites Instrument, die Gitarre, taucht meist verzierend im Hintergrund auf. Was mir darin vorschwebt? Ich mochte einst Gitarristen der Vergangenheit wie Steve Hackett und David Rhodes. Lautmaler. Trotzdem tauchen bei mir immer wieder Stimmfetzen auf, deuten etwas an, und verschwinden. Sie wollen die gängigen Formen von Sinn verleugnen. Ich nehme nur noch Bruchstücke, weil ich den gängigen Formeln der Selbsterfahrung misstraue, die meist genannt wird. Ich füge mich ein in mich selbst, ich lasse Klischeehaftes, Andeutungen durch Räume rinnen. Gleichzeitig nehme ich bewusst und unbewusst meine Vergangenheit als Rockmusiker auf und wandle sie in meine Musik. Das Körperliche und Sinnliche der Musik versuche ich in pulsierenden Rhythmen einzufangen. Das Hypnotische auch. Das hinaus Zeigen ins Kosmische, in das wir eingebettet sind. Von hinten kommen zudem Erfahrungen von Kirchenmusik hinzu. Ich behaupte nicht, dass ich das alles kann, sondern ich stelle es in den Raum. Ich habe Respekt vor dem und denen, die ich als wahre Musiker erlebt habe. Meine Stärken vermute ich woanders.

Montag, 24. Februar 2025

Himmel und Erde

„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir (noch) keine Ahnung haben“ pflegte mein Vater zu sagen. Er ließ dabei eine Art freundlicher Skepsis walten, die das „wissenschaftliche Weltbild“ nicht absolut setzte, sich ihm aber dennoch verpflichtet fühlte. Diese Schwebe in sich auszuhalten, damit umzugehen, war eine der Aufgaben, die sich einem stellte, der sich in seinem Geiste mit derartigen Phänomenen auseinander setzen wollte. Er hatte den Respekt, der eine andere Meinung gelten ließ und ihr Interesse entgegen brachte. Er hatte aber auch den Mut, sie in seinem Sinne nach allen Seiten hin zu befragen und dann eventuell abzulehnen. Was er wohl zu dem Trend der „Manifestation“ sagen würde, der sich nach der Pandemie durchgesetzt und befestigt hat? Was zur einfachen Beschaffung von etwas wie „Sinn“, durch Handauflegung und „Geistheilung“? So etwas Fragiles wie Sinn, das uns immer wieder zu entwischen droht, das Mühe und Aufwand erfordert? Man müsse nur an etwas fest genug glauben, dann würde es sich auch einstellen, so lautet die Botschaft. Positives Denken würde positive Gedanken und Daseinsformen anziehen: Der Grundgedanke des „positiven Denkens“ ist nicht neu und eine fester Bestandteil des „american dream“, also der gesellschaftlichen Verfasstheit der USA. Jeder kann es schaffen, wenn er es nur stark genug will. Man muss positiv denken, damit Positives passiert, so eine oft hingebungsvoll gepflegte Grundannahme. Du kannst dir alles erschaffen, was du willst. Du musst es nur wollen. Der Sprüche sind viele, die sich uns in diesem Zusammenhang einstellen. Ein unerschütterlicher Glaube scheint dabei auch grundlegend, nämlich dass alles aus sich selbst heraus komme, dass ein Individuum alles in sich habe und nur die falschen Gedanke es hindere, positive Daseinsformen aufzusuchen. Werte wie Selbstliebe, Glück oder Zufriedenheit sind oft dem versprochen, der sich finanziell entsprechend engagiert und bereit ist, hohe Summen für die Fortentwicklung seines Ich zu investieren, - wobei wir auch schon bei einem relativ unangenehmen Punkt des Trends zur „Manifestation“ sind: Die vielen Scharlatane und durch gewisse Äußerlichkeiten blendenden Weisen, die sich auf diesem Felde tummeln und sich ihr Eingehen auf ihr Gegenüber fürstlich honorieren lassen. Eine Art Tauschgeschäft liege dabei vor, so ihre oft gepflegte Einlassung: Du gibst mir Ehrlichkeit und Offenheit und ich gebe dir meine Offenheit, Hilfe und Zuwendung, so das Tauschgeschäft, das ihnen schon mal ein finanziell günstiges Auskommen verschaffen kann. Ob solche Annahmen in eine neoliberales Weltbild passen, in dem es vor allem darum geht, das Beste aus sich heraus zu holen und das Beste aus sich zu machen? Ob es eventuell darum geht, gewisse „Verspannungen“ aus einem Ich zu vertreiben um sich dem Kosmos des Positiven öffnen zu können? Mein Vater würde lächeln, ich weiß es genau, er würde davon reden, dass zu allen Zeiten gewisse Figuren versucht hätten, Schwächen des Menschen auszunutzen. Die Aussicht auf Stärkung, innere Reinigung und ein Vorwärtskommen auf der Karriereleiter mag dabei schon immer zu den gängigen Verlockungen gehört haben. Wozu in unseren Zeiten eine gewisse Einseitigkeit des „wissenschaftlichen“ Weltbildes führt, zu welchen Zuständen der Entfremdung, zur Konzentration auf Einzelsymptome, wo vielleicht ein Blick auf „das Ganze“ angezeigt wäre, das ist in jedem Krankenhaus zu erfahren. Solche Zustände für sich selbst auszunutzen scheint mir ein wesentlicher Antrieb der meist esoterisch orientierten Figuren auf dem Gebiet der „Manifestation“ zu sein. x x "There are things between heaven and earth that we (still) have no idea about," my father used to say. He showed a kind of friendly skepticism that did not make the "scientific world view" absolute, but still felt obliged to it. Tolerating this limbo within oneself, to deal with it, was one of the tasks facing someone who wanted to grapple with such phenomena in his mind. He had the respect to accept a different opinion and to show interest in it. But he also had the courage to question it from all sides in his own way and then possibly reject it. What would he say about the trend of "manifestation" that has prevailed and consolidated after the pandemic? What about the easy acquisition of something like "meaning" through the laying on of hands and "spiritual healing"? Something as fragile as meaning that always threatens to elude us, that requires effort and expense? You just have to believe in something strongly enough and then it will come, that is the message. Positive thinking would attract positive thoughts and ways of being: The basic idea of ​​"positive thinking" is not new and is an integral part of the "American dream", i.e. the social constitution of the USA. Anyone can do it if they want it strongly enough. You have to think positively for positive things to happen, is a basic assumption that is often devotedly maintained. You can create anything you want. You just have to want it. There are many sayings that come to mind in this context. An unshakable belief also seems to be fundamental, namely that everything comes from within, that an individual has everything within themselves and only the wrong thoughts prevent them from seeking out positive ways of being. Values ​​such as self-love, happiness or contentment are often promised to those who are financially committed and prepared to invest large sums in the further development of their ego - which brings us to a relatively unpleasant point in the trend towards "manifestation": the many charlatans and wise men who dazzle with certain external appearances who are active in this field and who are handsomely rewarded for their interactions with others. This is a kind of barter deal, according to their frequent statement: you give me honesty and openness and I give you my openness, help and affection, the barter deal, which can sometimes provide them with a financially favorable income. Do such assumptions fit into a neoliberal worldview in which the main thing is to get the best out of oneself and make the best of oneself? Is it perhaps about driving certain "tensions" out of one's ego in order to be able to open oneself up to the cosmos of the positive? My father would smile, I know it for sure, he would say that at all times certain figures have tried to exploit people's weaknesses. The prospect of strengthening, inner purification and moving up the career ladder may have always been common temptations. What a certain one-sidedness of the "scientific" world view leads to in our times, to what states of alienation, to concentration on individual symptoms, when perhaps a look at "the whole" would be advisable, can be experienced in every hospital. Exploiting such states for one's own benefit seems to me to be a major motivation of the mostly esoterically oriented figures in the field of "manifestation".

Donnerstag, 20. Februar 2025

Einfach einfach

Gedanken, die einen immer wieder gestreift haben und die einen jetzt mittels eines kleinen Textes getroffen haben. Es hat mich dieser kleine Text inspiriert, beiläufig - und schon sitze ich wieder hier… und erfinde meine eigenen Worte. Ich sehe: „Einfaches kann von bezwingender Schönheit sein. Einfaches kann uns zum Staunen bringen“ Wir fragen uns: Was ist einfach? Wovon hängt es ab, ob etwas „einfach“ ist? Ist etwas objektiv „einfach“? Oder relativ? Entscheidet da die „Erfahrung“? Diese „Erfahrung begleitet uns. Es gehört zur Lebenskunst, dieser Erfahrung nachzugehen und ihr Raum zu geben im Leben“. „Einfach kommen wir zur Welt, nackt und bloß und ungeschützt.“ Stimmt, das ist der Ausgangspunkt. Nun ja, so viel um uns herum lagert sich an, Strukturen und Personen, Blicke und Worte, die versuchen, uns zu biegen, uns zu verbiegen in einem bestimmten Sinne. Eines Tages wachen wir auf und sind alt geworden. Wir blicken auf all dies Formen, Anpassen, passend machen, auf das „Hamsterrad“ und seine Gesetze, auf die narrische Mühle des anonymen Alltags herab. Wieder suchen wir eine Art Sinn. Ein Ziel. Einen „roten Faden“. Und wieder fallen wir auf uns selbst zurück. Diogenes hat wenige Erfahrungen außerhalb seiner selbst gemacht. Er hielt wohl „das Einfache“ für das „Normale“. Sein Ich hat seinen Blickwinkel bestimmt - und möge er noch so kluge Gedanken von sich gegeben haben. Ob er sie heutzutage „verkauft“ hätte? Auf Lesereisen im Fass? Nun ja, man hätte ihn zumindest für skurril gehalten. Für einen Narren. Einen, der aber schreiben, sich ausdrücken kann. Aussteiger sind noch in Mode. Er wäre der Klassiker auf diesem Gebiet gewesen. Einer, der „vom Einfachen“ berichten kann. Glaubwürdig. Einfach authentisch.

Samstag, 15. Februar 2025

Innere Musikökonomie

Ich setzte meine Stimme sehr oft als Ton/Geräusch, als eine Art Platzhalter der Sinnlosigkeit oder des versteckten Sinns ein. Ich wollte das Gespenstische/Verträumte/Surreale, mit den Stimmen raus aus der Struktur der „Profis“, raus aus dem Vielgehörten, aus dem untermalerischen Hintergrund, hinein in meine eigene Welt. Ich wollte das. Ob ich es erreicht habe, steht auf einem anderen Blatt. Die Akustikgitarre ist da oft dabei, auch weil ich früh vom Folkrock infiziert war. Ich entnahm die Titel meiner Stücke oft den Begriffen, Vorstellungen, die mir im Alltag begegnet sind. Sie sind meist nicht tiefgehend. Meist.

Dienstag, 12. November 2024

Schlittern

„Ich fühle mich wie ein in die Enge getriebenes Tier: wenn ich meine Rente anschaue, wird mir schlecht und ich werde depressiv. Ich war als selbständig Einzelner durch alle sozialen Netze und Raster gefallen. Ich wundere mich. „Selber schuld“ sagt mir der grinsende Neoliberalismus frech ins Gesicht. Ich bin ein Nichts geworden und sollte mich möglichst bald verkrümeln, denn man zeigt mir deutlich: Ich bin nichts wert. Alle Versuche nach der Entlassung/Freisetzung/Aufgabenentbindung sind krass daneben gegangen. Krass. Sie haben mich in der Einschätzung bestärkt: Ich bin in diesem Zusammenhang nichts wert. Somit existiere ich nicht. Man merke auf!: Ich müsste alles ganz anders anfangen. Ich kann nichts. Leider. Ich bin nichts. Trotz Universitätsstudium. Ich sollte nicht (mehr) da sein. Bin zum Kostenfaktor geworden. Panik ergreift mich. Vorläufig (!) habe ich noch keine Sinn- oder Einsamkeitskrise. Es zerbröselt nur alles um mich herum. Ob ich das noch verarbeiten kann?

Mittwoch, 29. März 2023

Göttliche Sinnstiftung

Wir hätten gern einen Sinn, unabhängig von allem. Sinn und Gott, als Zusammengehörigkeit, als Paar. Stiftet Gott Sinn? Ja, weil allem in der Welt die geistige Wirklichkeit Gottes zugrunde liegt. Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit. Hier ist der Urgrund der Wirklichkeit von vornherein etwas Sinnvolles, was als solches nachvollzogen werden kann. Das ist ein anderer Ausgangspunkt, als wenn man sagt: es gibt da diese Elementarteilchen, und nach ihrem Zusammenwirken in sinnlosen Gesetzen entsteht alles. Diese sinnlose Entstehungsgeschichte hat mit uns eine Verbindung, weil wir alles in allem dann sinnfreie Zufallsprodukte einer Materie sind. Dem gegenüber steht die Auffassung, dass der Gottesgedanke ein vernünftiger Gedanke ist, den man ernst nehmen kann. Man braucht dazu nicht die Vorstellung, dass der Gottesgedanke vernünftig zu beweisen sei. Es kann dann sehr aufbauend und tröstlich sein, nicht zu der Position greifen zu müssen, dass alles nur sinnfreie Materie sei. Es kann aber auch sehr aufbauend und tröstlich sein, sich vorzustellen, dass eh alles sinnlos sei. Albert Camus sagte in seinem Mythos des Sysiphos, dass der Gläubige eigentlich feige sei. Er erkenne nicht an, dass es darum geht, einen Stein nach oben zu stemmen, der postwendend wieder nach unten rollt. Von Feigheit könnte er aber nur dann schreiben, wenn schon von vornherein klar wäre, dass alles sinnlos sei. Dann wäre der Gläubige ein Traumtänzer, der den Realitäten nicht ins Auge blicken will. Dann müsste man vor den Atheisten den Hut ziehen, weil sie die einzigen wären, die ihrem Leben einen Sinn abzutrotzen imstande wären, in einer Welt, die sinnlos und absurd ist.

Donnerstag, 16. März 2023

Was Arbeit ist

Viele Menschen und auch viele mächtige Interessenverbände versuchen, herein zu rufen ins Geschehen und sich einzumischen in eine Diskussion, die sich vor allem um Arbeitsmoral und den Willen zur Arbeit dreht. Estimmten Kräften in dieser Gesellschaft scheint das Bestreben nach einer „Work-Life-Balance“ zu weit zu gehen. Sie trompeten ihr Anliegen hinaus, man als junger Mensch möge doch bitteschön in der Arbeit so aufgehen, dass man Tag und Nacht erreichbar sein solle, dass man für die „Karriere“ wirklich alles unternehmen solle und sich möglichst so zu Tode arbeiten solle, wie das Generationen einer sogenannten „Leistungsgesellschaft“ ihren jungen Jahrgängen vorgemacht haben. Ob dies das Versprechen, dass es einem besser gehen sollte als der Vorgängergeneration voraussetzen würde? Die „Generation Z“, so das Schlagwort für diejenigen zwischen 1995 und 2010 Geborenen, hat dazu aber keine Lust und sieht darin für sich kein Ziel, zumal das „Wohlstandsversprechen“ doch etwas löchrig geworden ist. Und: hat sich der „Markt“ nicht geändert und ist längst zu einem „Bewerbermarkt“ geworden? Bewerber können nicht zuletzt im „Fachkräftemangel“ ihre Bedingungen stellen, nicht mehr die Personalleiter. Der Personalengpass ist ja auf allen Gebieten sehr direkt spürbar (was bisher nicht deutlich dazu geführt hat, dass man ältere Arbeitskräfte in das Rentenalter hinein bisher auch durch besondere und maßgeschneiderte Bedingungen zu "nutzen" bereit war. Darf man viele Individuen mit den unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnissen überhaupt zu einer „Generation Z“ zusammen fassen? Nun ja, möglicherweise hat sich gesellschaftlich eine Verschiebung der Werte ergeben, die besonders von einer jungen Generation getragen werden. Dies könnte ein statistischer Befund sein. Einfach mal ein Datum! Der Sinn von Arbeit könnte ein Wert sein, der ins Blickfeld vieler junger Menschen geraten ist. Sinn? Eine „gültige“ Kategorie?

Donnerstag, 23. Februar 2023

Identität

Man müsste wie die Figuren bei Max Frisch von vorne anfangen können. Seine Identität wechseln können. Gar nicht mal aus Unzufriedenheit, sondern nur um ein Leben noch einmal neu zu leben. Aus anderer Perspektive. Für jemanden wie mich ist das sogar vollkommen logisch. Dieser Gedanke hat mich unter anderem an den Pionieren fasziniert, die im 19. Jahrhundert in die USA aufgebrochen sind. Neue Horizonte. Sich selbst neu erfinden. Sich quasi umdrehen, derselbe bleiben und doch alles anders sehen. Ich selbst habe zu wenig Urvertrauen dazu. Man sehnt sich nach einer anderen Auszeit. Das unter anderem war es, was ich bei meinen Kirchenbesuchen empfunden habe. Das ist eine Sphäre, ein Ort, der mitten im Geschehen steht und doch außerhalb. Ein Ort, der Zeitlosigkeit verspricht, und doch ein Zeugnis der Zeitläufte, der Historie, ist. Ein Raum, eine künstlerisch gestaltete Höhle, ein Ort der Besinnung, des Suchens und vielleicht ein Ort des Findens. Des Innehaltens. Des Aussteigens aus dem Rat Race. Stein statt Beton. Die Kühle in der Hitze. In einem gestalteten Raum, absichtslos in sich ruhend, und doch mit vielen inneren Absichten, in architektonischen Zwangsläufigkeiten und religiösen Sinngebungen erbaut. Überhaupt, - der Sinn. Vielleicht sind (Kloster)kirchen ein Ort des Sinns. Per se. Auch ohne die christliche Lehre mitzudenken. Mich wundert, dass ich das so über die Empfindung, über das reine Spüren erfahren konnte, - früher war ich da eher ein Kopfmensch. Es erschließt sich mir jetzt, Jahre später, ein anderer Zugang zu dieser Sphäre.

Samstag, 3. Dezember 2022

Verlorene Begriffs- und Lebenswelten: Heimat (2)

Wieso der Begriff „Heimat“ immer wieder mit Enge, Eingeschränktheit und dem privaten Glück im Kleinen vermengt wird? Wenn „Heimat“ sich verschließt gegenüber einer Andersartigkeit, dann wird sie zu etwas Engem dort, wo sie auch weit sein könnte. Sie könnte großzügig offen sein und sich gleichzeitig bewahren. Sie könnte soziale Dimensionen und gesellschaftliche Entwicklungen aufnehmen und sich damit selbst erkennen. Sie könnte dieses oft zitierte „Geworfensein“ akzeptieren und an sich selbst wahrnehmen. Sie könnte an sich erkennen, das wir auch ein Produkt unserer Sozialistion sind, die doch stark von dem beeinflusst ist, was „Heimat“ bedeutet. Sie könnte erkennen, dass wir auf der ganzen Welt gewisse Probleme haben, die uns einen. Sie könnte erkennen, das eine beispiellose gesellschaftliche Polarisation statt gefunden hat, die sich in unserer „Heimat“ auf eigene Weise abbildet. Sie könnte erkennen, das wir auf der ganzen Welt Menschen sind und doch unseren konkreten Lebensbedingungen und Lebenswelten, Sinnwelten ausgeliefert sind. Dass sich dadurch eine eigene und eigenständige Ebene der Solidarität und des Verbundenseins ergeben kann. Mit dem Lauf der ganzen Welt. Dass nicht alles der von Politikern so gern beschworene „Strukturwandel“, der zudem viel zu oft auf den technologischen und ökonomischen Wandel beschränkt wird.

Freitag, 18. November 2022

Befreit?

Ob wir das Freiheit nennen sollten? Da ist beispielsweise die Entscheidung, wo jemand sich beerdigen lassen will, zu welcher Gemeinschaft er sich dadurch bekennen oder nicht bekennen will: es gibt also eine Wahl, der sich ein modernes Individuum überall stellen muss. Nicht mehr die Tradition organisiert ein Leben. Dadurch wird keine bestimmte und relativ genau definierte Rolle mehr angeboten, sondern Individuen müssen ständig selbst entscheiden, wer und was sie denn in welchem Zusammenhang sein wollen. Dazu sind wir befreit, aber auch verdammt und verurteilt. Jeder muss sich selbst zu einem „Projekt“ machen, wodurch auch das Risiko des Scheiterns dramatisch steigt. Mutmaßlich hat man unendlich viele Wahlmöglichkeiten, wodurch sich das eigene Leben aber als fortwährend begrenzt erweist. Dies zieht natürlich entsprechende Frustrationen nach sich, was die sogenannte „Frustrationstoleranz“ immer wichtiger werden lässt. Es geht bei diesem Begriff darum, gewisse Fehlschläge in mannigfacher Hinsicht verkraften zu können, mit Bedürfnisverweigerungen von Seiten der Umgebung zurecht zu kommen und die Schere zwischen dem, was man hätte erreichen können, und dem, was man erreicht hat, besser aushalten zu können. Aber auch das Bedürfnis nach Sinnfindung ist allgegenwärtig. Sinn wird dabei vor allem im persönlichen Bereich gefunden, unter anderem in einem sehr individuell angelegten Glauben an Werte und Normen, der als individuell veränderbar und meinem Profil anpassbar erscheint. Gleichzeitig wächst aber auch der Druck, etwas aus seinem Leben machen zu müssen. Ein Leben in Sicherheit? In mir angemessenen Formen? Ob meine Kraft dafür ausreicht? Wie kann ich angesichts dessen bestehen? Was wird aus mir und wann werde ich es? Wie kann ich mich möglichst optimal entwickeln? Menschen am Anfang ihrer bürgerlichen Existenz und ihres nach einer Initiation wahrgenommen Lebens müssen Antworten ganz alleine finden. Dabei wächst das Bedürfnis nach einem Orientierungsrahmen, einer Vorgabe von außen, die klare Richtungen weist. Selbstbestimmung erweist sich insofern auch als dauernde Last, wird zu einer Aufgabe, der jemand ständig nicht genügt. Orientierung und Reduzierung der Unübersichtlichkeit des Lebens ist gefragt: Freunde und Familie sind hierzulande in diese Rolle der Beratungsinstanz geschlüpft, die anderswo die Religion ausfüllt.

Samstag, 1. Oktober 2022

In verschiedenen Lebenswelten

Wer versteht wen noch? Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer mehr ausdifferenziert. Dadurch sind entstanden und entstehen immer mehr teils streng voneinander geschiedene Lebenswelten, unter denen das Verständnis und ein demokratischer Umgang immer schwieriger wird. Diese Lebenswelten (oder Wahrnehmungsblasen) sind teils sozial bestimmt (etwa durch ökonomischen Status) teils durch Interessen, die selbstverständlich ihrerseits von ökonomischen Möglichkeiten abhängen. Dies ist eine Entwicklung, die quasi „vertikal“ innerhalb einer Gesellschaft vonstatten geht. „Horizontal“ mag uns zunehmend bewusst werden, dass verschiedene Kulturen sehr unterschiedliche Werthaltungen begründen. Unser Verständnis mag gerade noch für verschiedene Phänomene in Mitteleuropa ausreichen. Mag die Globalisierung auf ihren verschiedenen Ebenen noch so fortgeschritten sein, in weiter entfernt Winkel dieser Erde reicht unser Verständnis trotz allem nicht (man scheint sich z.b. hierzulande gar nicht darum zu bemühen und „das deutsche Wesen“ relativ unreflektiert zum Maßstab allen Geschehens zu machen). Auch dadurch entstehen teils extrem unterschiedliche Lebenswelten samt den damit zusammen hängenden Werthaltungen. Zwischen solchen, auf verschiedene Weise hervor gebrachten Lebenswelten zu pendeln, sie überhaupt erst kennen zu lernen und die damit verbundenen Abläufe besser zu verstehen, war zeitlebens eine „Herausforderung“, ein Anliegen für mich. Ich versuchte, mit Personen verschiedener Lebenswelten Kontakt aufzubauen, mit begüterten Personen und Personen, die auf direkte Weise abhängig vom in Deutschland herrschenden Sozialsystem sind. Der Journalismus schien ein Weg dazu zu sein. Später mag dies Anliegen auch durch mein Blog „Reise durch Wirklichkeiten“ charakterisiert sein. Es versucht oft, durch kurze Texte, Photos und – sogar – Musik, die eigene Position in einem größeren Zusammenhang besser zu bestimmen. Mein anderes Blog, „ubpage.de“ knüpft mehr an meine musikalische Daseinsform an, bleibt persönlicher, umkreist meine eigene Person...

Donnerstag, 22. September 2022

Wohin anfangen?

Flucht aus der Wirklichkeit? Oder Begier nach Erfahrung? Man müsste wie die Figuren bei Max Frisch von vorne anfangen können. Gar nicht mal aus Unzufriedenheit, sondern nur um ein Leben noch einmal neu zu leben. Aus anderer Perspektive. Für jemanden wie mich ist das sogar vollkommen logisch. Dieser Gedanke hat mich unter anderem an den Pionieren fasziniert, die im 19. Jahrhundert in die USA aufgebrochen sind. Neue Horizonte. Sich selbst neu erfinden. Sich quasi umdrehen, derselbe bleiben und doch alles anders sehen. Ich selbst habe zu wenig Urvertrauen dazu. Man sehnt sich nach einer anderen Auszeit. Das unter anderem war es, was ich bei meinen Kirchenbesuchen empfunden habe. Das ist eine Sphäre, ein Ort, der mitten im Geschehen steht und doch außerhalb. Ein Ort, der Zeitlosigkeit verspricht, und doch ein Zeugnis der Zeitläufte, der Historie, ist. Ein Raum, eine künstlerisch gestaltete Höhle, ein Ort der Besinnung, des Suchens und vielleicht ein Ort des Findens. Des Innehaltens. Des Aussteigens aus dem Rat Race. Stein statt Beton. Die Kühle in der Hitze. In einem gestalteten Raum, scheinbar absichtslos in sich ruhend, und doch mit vielen inneren Absichten, in architektonischen Zwangsläufigkeiten und religiösen Sinngebungen erbaut. Überhaupt, - der Sinn. Vielleicht sind (Kloster)kirchen ein Ort des Sinns. Per se. Auch ohne die christliche Lehre mitzudenken. Mich wundert, dass ich das so über die Empfindung, über das reine Spüren erfahren konnte, - früher war ich da eher ein Kopfmensch. Es erschließt sich mir jetzt, viele Jahre später, ein anderer Zugang zu dieser Sphäre.

Donnerstag, 18. August 2022

Normalitäten

Es gibt wohl Sinn- und Lebenswelten, die sich trotz des Kriegs speziell in den Industrienationen immer mehr ausdifferenzieren. Da sind Zeichen, Rituale, Verhaltensweisen und Bezüglichkeiten, mit denen wir uns jeden Tag dieser Realität wieder versichern und die uns (Vorsicht! Modebegriff!!) Narrative verschaffen. Ein Rapper aus der sozialen Unterschicht geht mit seinen „Gewissheiten“ durch seine Welt, ein Konzernlenker badet in der Selbstverständlichkeit, dass ihm seine Mitmenschen alltäglich alle jederzeit gefügig seien und dass seine Limousine samt dem mit einer lächerlichen Uniform angetanen Chauffeur jederzeit bereit stehen. Im Kopf wägt er dauernd Strategien ab, sich gegen Mitwettbewerber "durchzusetzen". Ein Internet-Nerd in den frühen Zwanzigern macht in seiner Agentur auf Selbstausbeutung und kündigt schon mal an, dass heute bis nach 24 Uhr gearbeitet werde. Der Auftrag! Der Druck! Ein fremdes Müssen! Eine Leidenschaft für eine Leistung, deren Lohn andere kontrollieren, das ist es, was einen hier umgibt! Ein Bauer bringt seinen Mist aus und ein Fabrikarbeiter schafft am Band, möglicherweise ohne sich suchen zu können. Das System sagt ihm tausendendmal: Du musst dankbar sein, dass du überhaupt arbeiten darfst, auch wenn dringend Facharbeiter gesucht sind: DU bist nicht darunter! Ein Rechtsanwalt im weißen Hemd gibt seiner Gehilfin schon am frühen Morgen einen Arschtritt, um siefür ihren fremdbestimmten Tag anzufeuern. Alle sind sie legitimiert durch dieses gesellschaftliche Einverständnis, das sich als möglichst „normal“, gottgegeben und unveränderlich darstellt, weil durch eine erbrachte Leistung legitimiert. Dabei ist auch das gesamte Kommunikationssystem eingeschlossen, das unter anderem Tribalismus und allerlei Verhaltensmodelle umfasst. Die Folge: Einer versteht den andern nicht mehr. Es differenziert sich die menschliche Formation nach sozialer Herkunft und Alter aus, was übrigens auf verschiedenen Wegen mit der sogenannten „Bildung“ zusammenhängt. Was das sei, auch darüber gibt’s inzwischen sehr verschiedene Ansichten. Rein technokratisches Einordnen in die Verwertungszusammenhänge (also möglichst ein Ingenieur sein, weil dieser etwas Verwertbares „schafft“!) und ökonomischenBedeutsamkeiten läuft so etwas wie einer „Menschwerdung“ entgegen. Sie hat ihre Wurzeln möglicherweise im Humanismus, der davon ausging, dass der Mensch seine verschiedenen Seiten möglichst zur Blüte bringen solle und sich dadurch erfahren könne. Star sein, prominent sein, das hingegen resultiert aus purer emotionaler Erfahrung. Aus Leistungselite" Ein Nobelpreisträger ist nichts, eine Art Influencerin oder It-Girl, das in einer Fernsehsendung etwas vor sich hin trällert, ein Rennfahrer, der eine spritverschleudernde Kiste möglichst schnell im Kreis fahren kann, werden gefeiert und vergöttert. Von wem? Von "den Anderen". Sie lechzen nach "Siegern" in einem fortwährenden Wettbewerb. "Powered by emotion"Das allumfassende Band einer solchen Gesellschaft ist nur noch und ausschließlich die fortwährende Kosten/Nutzen-Abwägung, die sich am Profit orientiert. Wie kann ich bei möglichst geringem Aufwand ein möglichst effektives Ergebnis erzielen? Die Möglichkeiten des Profites und die des Überlebens sind zudem ganz wesentlich und von vornherein geographisch differenziert. Wer aus der mitteleoropäischen Region stammt, hat Glück gehabt. Wer in Afrika geboren wurde, hat seine liebe Müh, über die Runden zu kommen.