Reise durch Wirklichkeiten

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Montag, 4. Mai 2026

Melanchoblues

Kopf in die Hand stützen: eine Geste, die auf Melancholie weist? Ist da ein Zurück treten aus dem Getriebe, ein „Aus der Welt-Fallen“? Das Ungenügen an der Welt ist jetzt vom Zeitgeist nicht mehr so recht angesagt, entspricht es doch nicht dem amerikanischen „Manifestations“-trick: Alles geschieht, wenn du es nur verbissen genug willst! Vom Tellerwäscher zum Millionär. Ha ha. Der schwer in der Hand liegende Kopf findet aber auch schon in der Antike statt: Da ist Penelope, die Odysseus Rückkehr ersehnt, oder Ajax, bevor er sich in das Schwert stürzt. Was ist das Auftreten der Melancholie in der Kunst? Dürer, Friedrich, Goya, van Gogh oder de Chiroco (und das ist per name dropping nur eine winzig kleine Auswahl!). Es ging in der Antike um „Temperamente“. Um das Schwarzgallige. Gleichzeitig aber auch um ein Nachdenken oder eine Tat. (Sokrates). Solche Einstellungen scheinen zur Zeit nicht gerade beliebt zu sein, hauen sie doch eine Art Bremse in das Dasein rein, anstatt es dem ungehemmten Neoliberalismus entsprechend zu beschleunigen. Und dann später, die Bilder, die wir alle einigermaßen im Sinn haben: Heilsgewissheiten gehen in der Aufklärung flöten, die Romantik versucht das mit ihrer Sehnsucht nach dem Unendlichen auszugleichen. In der empfindsamen Strömung, die als Gegengewicht den Rationalismus ergänzt, wird die Melancholie zum poetischen Gefühl für das Erhabene, das in der Folge immer mehr zum Sentimentalen verflacht und heutzutage in der Werbung einer Sentimentalität „Urständ‘ feiert.

Samstag, 12. April 2025

Melancholie

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin? Es überfällt einen zuweilen das, was die Allgemeinheit gerne Melancholie nennt. Man steht dazu, oder nicht. Doch es gibt sozusagen die "große" und die "kleine" Melancholie. Die große ist die philosophische, auf die Welt gewandte, die das Ganze im Blick hat. Die "kleine" ist ein kleiner, persönlich gefärbter Ausschnitt davon, die Erkenntnis, dass es einem eigentlich viel besser sein könnte. Und da ist das eigene kleine Ego, eines unter Milliarden, also kein Einzelfall, und doch: - es ist das einzige, das man hat. Es überfallen einen Gefühle: nicht, dass die Welt beschissen sei, nein, vielmehr die, dass sie für einen viel besser sein könnte. Das ist ein Anlass zur Melancholie der dumpfen Art. Das ist auch nicht bloß etwas für die anonymen Melancholiker, das ist nix kollektives, sondern eine schwer verständliche Form davon. Es hat etwas damit zu tun, dass man den Hebel einfach nicht zu fassen krieget den es gilt, im richtigen Augenblick umzulegen. Und wenn, dann geht's irgendwie doch schief. Dies Gefühl trage ich schon seit ich denken kann mit mir herum und meine kleine Welt bestätigt es täglich. Die ganzen Selbstüberlistungsstrategien, die Psycho-Tricks, die kennt man inzwischen auch zu einem großen Teil, - in meinem Falle hab' mich mal eine lange Strecke in meinem Leben mit Psychologie beschäftigt. Na und? Es kommt einem vor, als würde auf diesem Feld die größte Verwirrung herrschen.

Mittwoch, 5. Februar 2025

Weichgespülte Melancholie

Ich höre Chet Baker, aber nicht nur die melancholischen Stücke a la „My funny Valentine“, die alle so gerne hören, sondern auch die Sachen, die ihn als tollen Trompeter im schnelleren Tempo zeigen. Er musste halt mit der Zeit immer mehr das spielen, was die Leute hören wollten und tat das wegen seiner Sucht, weil es ein Teil von ihm war. Unter rätselhaften Bedingungen soll er aus dem Leben geschieden sein (fenstersturz), wobei auch seine Musik manchmal rätselhaft sein konnte. Er schmeichelte der Seele in wohligem Weltschmerz (oder?) und zeigte gleichzeitig seine Verletzungen. Charlie Parker, Gerry Mulligan….all die großen Wegmarken, sie konnten ihn nicht halten. Cool Jazz. Wirkt heute sehr cool auf mich. Hard Bop.

Montag, 30. Dezember 2024

Songs

Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder „One“ höre, in der Version von Johnny Cash. Ob es da etwas ausmacht, dass das für mich etwas (end)Gültiges hat? Oder ob es mir nur einfach gefällt? Das Baden im schönen Weltschmerz? Kitschy? Dann auch „Bird on the wire“, Beides uralte Songs, die mich begleitet haben, die immer da waren. Ich höre die Version von Tim Hardin. Im Unterschied zu der von Leo Cohen ist sie nackt, unumwunden, niederschmetternd für das Ego. Jedenfalls tief gehend. Themen, Motive, die mich umspülten, einhüllten, Trost gaben, aufmunterten, Richtungen, Möglichkeiten zeigten. Jetzt gewinnen sie einen anderen Ernst. Ja klar, prominente Songs. Jeder ab einem bestimmten Alter kennt sie. Aber sie gewannen Persönliches für mich. Es gab einen Kokon aus Songs, Ausdrücken, emotionalen Statements, die mich – wie das „Geschäft“ sagt – berührten und immer wieder auf mich zukamen.

Samstag, 28. Dezember 2024

Fernando P

Jaja, das ist nicht Deutsche Romantik! Ob es auch eine europäische Romantik gibt? Man weiß nicht. Trotzdem: Fernando Pessoa. Wer kennt ihn? Ein großartiger und längst verstorbener Schriftsteller aus Portugal, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts Weltbürger war, aber nie groß über Lissabon hinaus kam und den ersten Stadtführer über die Stadt am Tejo verfasste. Sein Hauptwerk, das uns auch heute noch viele Impulse geben mag, ist das famose „Buch der Unruhe“, das er unter dem Namen Pessoa verfasste und das einen inneren Zustand des Ungenügens und Getriebenseins sehr poetisch in kurzen Sentenzen und Aphorismen reflektiert. Es hat auch mit jenem unablässigen Hinausgezogensein aus Lissabons Hafen zu tun hat, mit dem Fernweh, das in vieler Hinsicht mit einem starken romantischen Gefühl zu tun hat und wohl auch solche kühnen Seefahrer wie Magellan und Vasco da Gama inspiriert haben mag. Pessoa hatte mehrere Pseudonyme, unter denen er weitere literarische Werke verfasste, die alle mit einem sehr romantischen, aber in sich selbst abgepufferten Grundgefühl zu tun haben. Auch zog er dauernd innerhalb der Stadt um und verwischte damit die Spuren seiner Person, ganz im Gegensatz zum heute herrschenden Ego- und Starkult. Eine weitgehende musikalische Entsprechung fand er in der 1999 verstorbenen Fado-Sängerin Amalia Rodrigues, die tiefe Gefühle in ihrem Gesang ausdrücken konnte und wohl bis heute stilprägend auf ihrem Gebiet ist. Zerrissenheit, Depression, Schwermut und Melancholie kennzeichnet über weite Strecken ihre Musik, die oft mit dem amerikanischen Blues verglichen wurde, sich aber vollkommen anders anhört und wohl im Hafenviertel von Lissabon entstand. Im Werk der ursprünglich aus Mozambique stammenden und später nach Portugal übergesiedelten Sängerin Mariza ist so manches aus Amalia Rodrigues Liedern aufgehoben. Sie ist damit auf Tourneen auf der ganzen Welt unterwegs.

Mittwoch, 15. November 2023

Melancholische Heiterkeit

Es war ja vergangene Woche viel Loriot, auf allen Kanälen. Zu Recht! Er erschien mir zuletzt (auch ohne runden Geburtstag!) immer mehr als Exponent einer mit der alten Bundesrepublik untergegangenen Epoche, des Einzelhandels, der Etikette, des nach außen dokumentierten Status, der zur Schau getragenen Führungsaufgaben mit samt ihren Ritualen, der spießigen Miefigkeit, die damals herrschte. Aber man lebte in einer gewissen Sicherheit, die Loriot nach meinem Geschmack auf liebenswürdig distinguierte Weise antippte, präzise und – was sich später auszahlen sollte – detailverleibt. Seine Sachen (er war ja eine Universalbegabung!) konnten auf diese Weise einsickern in uns: Steinlaus, Grzimek, Bettenkauf und „Sie haben da was im Gesicht“, „Mutter, wir danken dir“, "Ich heiße Erwin Lottemann..." und Opa Hoppenstedt und Vieles andere. Ich las zuletzt von einer Heiterkeit, einer melancholischen Heiterkeit, die ihn mit einer direkten Verbindung zum schwarzen Untergrund des Lebens ausgestattet habe, die die Tragik nicht leugne und auch nicht weglache, sondern in etwas anderes wende. Nun ja, in was, das ließ das Bildungsbürgertum stets offen. Aber genau das scheint mir der Punkt: Im heutigen Zeitalter der social media-Kanäle, der schnell flüchtigen Aufmerksamkeit und der offen demonstrierten Gewalttätigkeit ist so etwas nicht mehr gefragt. Der Rest des übrig gebliebenen Bildungsbürgertums kreist um sich selbst, ergeht sich in eitler Selbstbewunderung, preist seine verlogene Weltgängigkeit oder ist ohnehin längst abgesunken in ein Prekariat, vor dem sich nur die – „Survival of the Fittest“ – „Tüchtigsten“ noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Gut abgefederte Heiterkeit muss man sich heute mehr denn je leisten können.

Montag, 3. Oktober 2022

Großpoesie

Was sich vielfach promoted und in tausend Anzeigen beworben ins Bewusstsein schleicht: Höchst gelangweilte Anwälte ihrer selbst scheinen als Großschriftsteller gefeiert und nach Einscheidungsschlachten mit den üblichen Moralbegriffen nun mit verdrießlichem Gesicht auf dem Buchdeckel ihres bekennerischen und rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erschienen Buches ihre Depressionen in Büchern auszuleben. Illustrationen eines dekadenten Großbürgertums sind diese literarischen Ergüsse meist und Erweckungen „richtungslos sehnsüchtiger Stimmungen“. Ob sie darin den Schlagern und den von ihnen verbreiteten Welten gleichen mit denen sich Leute jeglicher Herkunft gerne bespaßen lassen? Sonnenuntergang auf der Trauminsel? Vergangenheitsbewältigungen, aus teuren Hotelzimmern heraus geschrieben? Sich von der Unbill des Lebens behaglich berühren lassen? Sich dabei einer „Traurigkeit“ immer gewahr sein? Ach, das böse Schicksal! Mutet einem trotz prall gefülltem Bankkonto und mehrfach abgefedertem Dasein so viel zu! Schwein und guter Mensch gleichzeitig sein? Ach, welcher Zwiespalt! Können einen politische Entscheidungen, die gerne als „Entlastungen“ daher kommen, belasten? Iwo! - schnell in den Flieger steigen und – weg!

Montag, 13. September 2021

Melancholie

Es überfällt einen zuweilen das, was die Allgemeinheit gerne Melancholie nennt. Man steht dazu, oder nicht. Doch es gibt sozusagen die "große" und die "kleine" Melancholie. Die große ist die philosophische, auf die Welt gewandte, die das Ganze im Blick hat. Die "kleine" ist ein kleiner, persönlich gefärbter Ausschnitt davon, die Erkenntnis, das es einem eigentlich viel besser sein könnte. Und da ist das kleine Ego, eines unter Milliarden, also kein Einzelfall, und doch: - es ist das einzige, das man hat. Es überfallen einen Gefühle: nicht, dass die Welt beschissen sei, nein, dass sie für einen viel besser sein könnte. Das ist ein Anlass zur Melancholie der dumpfen Art. Das ist auch nicht bloß etwas für die anonymen Melancholiker, das ist nix kollektives, sondern eine schwer verständliche Form davon. Es hat etwas damit zu tun, dass man den Hebel einfach nicht zu fassen krieget den es gilt, im richtigen Augenblick umzulegen. Und wenn, dann geht's irgendwie doch schief. Dies Gefühl trage ich schon seit ich denken kann mit mir herum und meine kleine Welt bestätigt es täglich. Die ganzen Selbstüberlistungsstrategien, die Psycho-Tricks, die kennt man inzwischen auch zu einem großen Teil, - in meinem Falle hab' mich mal eine lange Strecke in meinem Leben mit Psychologie beschäftigt.

Montag, 27. Juli 2020

Melancholische Vergnügtheit (lyrischer Text)

Melancholische Vergnügtheit


Es ist doch nur ein Phantom, das ich jage
bin doch immer wieder alleine,
kurz davor
alles ist ein Kommen und Gehen
nichts bleibt
Du kannst nichts auf Dauer haben
nicht mal ein bisschen
das du jetzt zwischen den Fingern hast
Es heißt, Abschied zu nehmen
du bist alleine
und willst es manchmal nicht wahr haben

(aus grauer Vorzeit) 

Freitag, 25. Oktober 2019

Flucht und Chemie

Vorsicht! Dies ist kein Loblied des Eskapismus! Hier ein weiterer Ausschnitt aus meiner Arbeit (ca. 1984) „Der Typ des Außenseiters im Frühwerk Hermann Hesses“, der durchaus auch vom Zeitgeist geprägt gewesen sein mag, aber auch heute noch zu denken geben mag: „Nicht selten wird versucht, Melancholie, Depressionen mit Alkohol zu betäuben. Auch hier führt eine gerade Linie von Hermann Lauscher zu Harry Haller, bei dem schließlich auch noch andere Drogen ins Spiel kommen. Auch dies Phänomen ist ist unter die Versuche einzuordnen, sich Fluchtwege zu schaffen. Hesse selbst meint in „kurzgefasster Lebenslauf“ dazu: „Häufig suchte ich meine Freude, meinen Traum, mein Vergessen in einer Flasche Wein, und sehr oft hat sie mir geholfen, sie sei dafür gepriesen. Seinen Hang zum Trinken belegen auch deutlich die Verse der Gedichtsammlung „Krisis“, der lyrischen Vorform des „Steppenwolf“. Das Trinken seiner literarischen Figuren erscheint als Reflex dieser Einstellung.“

Donnerstag, 27. Juni 2019

Dasein und Begegnung

Auszug aus einem ungeschriebenen Roman von mir, der nie vollendet wurde und in ausgewählten Teilen eine Begegnung beschreibt, die scheinbar nicht in Oberflächlichkeiten versackt:  

"Vielleicht bin ich in all den Jahren ein anderer geworden, so dachte er. Kann ihr nichts mehr geben. Habe meine „geistige Existenz“ vertrocknen lassen. Weil sie nichts wert war. Weil sie geradewegs in die Arbeitslosigkeit führte. Weil ich sie nicht verkaufen konnte. Weil ich keine Ahnung vom Verkaufen hatte. Nicht die geringste. Weil genau das die wahre Wirklichkeit war, diese verdammte harte Wirklichkeit, diese Sphäre der Stärke, die zählte. Auch für sie. Sie hatte die Leichtigkeit, damit umzugehen. Du bliebst in deiner bedrückenden kleinen Melancholie zurück. In deiner Untätigkeit und scheinbar reinen Betrachtung.
Du und Ich. Wie können wir „wir“ sagen? Können wir das denken? Wie kommen wir überhaupt dazu? Löst sich das im entscheidenden Moment in einer Lächerlichkeit auf? Keine Ahnung. Du hast das Fragen aufgegeben. Das hieß für dich „Erwachsen werden“."

Trotzdem ist dies hier in Dokument der Resignation...