Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
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Montag, 4. September 2023
Leo und das Nass
Leonardo da Vinci (geb. 1452) liebte zeit seines Lebens die Unbeständigkeit, Unvorhersehbarkeit und Spontaneität des Wassers. Stundenlang verbrachte er seine Zeit damit, seinen Lauf zu betrachten und es verstehen zu wollen. Unter anderem hat sich das in seinen Bildern in Wasserfälle, Strudeln und aufsteigenden Luftbläschen abgebildet. Die Dynamik des Wassers war nicht nur unheimlich schwer tu verstehen – und erst recht: es abzubilden. Was ist Wasser? „Wasser ist eine beständige Menge. Es fließt vom Meer in die Flüsse und von den Flüssen ins Meer. Wasser stürzt, wogt, spritzt und strudelt, es tropft und strömt, es murmelt und gurgelt, es kracht und dröhnt. Die Bewegung des Wassers scheint zwei unterschiedliche Formen anzunehmen: Ein Wasserstrahl fällt hinab wie eine Haarsträhne und seine Wirbel kräuseln sich wie Locken“. Das erinnert ihn an Blätter, die ebenfalls spiralförmig aus den Pflanzen heraus wachsen und an all die anderen Erscheinungsformen der Natur mit demselben Energiemuster. „Bewegung ist die Ursache allen Lebens und das Gesetz der Notwendigkeit macht aus jeder Wirkung das direkte Resultat seiner Ursache“. Er sagt: ,Das Wasser, das sich im Fluss bewegt, wird entweder gerufen oder vertrieben, oder es bewegt sich von selbst. Wenn es gerufen oder, will ich sagen, hergebeten wird, wer vertreibt es dann? Wenn es sich von selbst bewegt, zeigt es, dass es denken kann; es ist aber bei einem Körper, der fortwährend seine Gestalt wechselt, nicht möglich, dass er denken kann, denn einem solchen Körper fehlt die Einsicht." Leonardo da Vinci sucht nach einem zugrunde liegenden Muster, nach einer Struktur. Leo kommt zu dem Schluss, dass die Erde seit ihrem Beginn riesige Veränderungen durchlaufen hat, unter anderem begründet in Erosionseffekten des Wassers, das durch Felsen schneiden kann, - womit er so ziemlich im Gegensatz zur herrschenden und sehr stark von der katholischen Kirche beeinflussten Meinung stand, wonach die Erde genauso erschaffen wurde, wie sie sich heute präsentiert. Doch Leo spielte seine Einschätzung eher klein, vermerkte es klein in seinen berühmten Notizbüchern und gab sich nach außen als kirchentreu. „Es dreht sich im Kreis und bildet Strudel, die alles auswaschen, was ihnen in die Quere kommt. Sie zerklüften die Erde, sie zerstören Flussläufe und verändern sie “. Er sah sich das Arnotal (der Arno ist der Fluss bei und durch Florenz) näher an. Er hat sich durch Täler gegraben und legte Leonardo den Schluss nah, dass die vorhistorische Landschaft ganz anders ausgesehen haben muss.
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Leonardo da Vinci (born 1452) loved the impermanence, unpredictability and spontaneity of water throughout his life. He would spend hours contemplating its run and trying to understand it. Among other things, this is reflected in his pictures in waterfalls, whirlpools and rising air bubbles. The dynamics of the water was not only incredibly difficult to understand - and even more so: to depict it. what is water “Water is a constant quantity. It flows from the sea into the rivers and from the rivers into the sea. Water tumbles, surges, splashes and whirls, it drips and streams, it murmurs and gurgles, it cracks and roars. The movement of the water seems to take two different forms: a jet of water cascades down like a strand of hair and its swirls curl like curls”. This reminds him of leaves that also spiral out of plants and all the other manifestations of nature with the same energy pattern. "Movement is the cause of all life, and the law of necessity makes every effect the direct result of its cause." He says: 'The water that moves in the river is either called or driven away, or it moves by itself. When it is called or, I mean asked, who drives it away? If it moves by itself, it shows that it can think; but it is not possible for a body that is constantly changing shape to be able to think, because such a body lacks insight." Leonardo da Vinci is looking for an underlying pattern, for a structure. Leo concludes that that the earth has undergone huge changes since its inception, due in part to erosive effects of water being able to cut through rocks - quite contrary to the prevailing view, heavily influenced by the Catholic Church, that the earth was created in the same way as it presents itself today. But Leo played down his assessment, making small notes in his famous notebooks and professing to be faithful to the Church. "It spins in circles, forming whirlpools that wash out everything that gets in their way They cleave the earth, they destroy river courses and change them.” He took a closer look at the Arno valley (the Arno is the river near and through Florence). He dug through valleys, leading Leonardo to conclude that the prehistoric landscape must have been very different.
Montag, 18. November 2019
Außenseiter bei Hesse (ca. 1984) (2)
Hier ein weiterer Ausschnitt
aus meiner Arbeit (ca. 1984) „Der Typ des Außenseiters im Frühwerk
Hermann Hesses“, der durchaus auch vom Zeitgeist geprägt gewesen
sein mag, aber auch heute noch zu denken geben mag: „Der Outsider
ist ein Wanderer, ist unterwegs im konkreten und übertragenen Sinne.
Camenzind erlebt wandernd die Natur, jedoch ist auch sein Lebensweg
eine Wanderung. Sesshaftigkeit wird mit Erstarrung gleichgesetzt. Der
Outsider muss bereit sein, vertraut Gewordenes hinter sich zu lassen,
und Einsamkeit dafür in Kauf zu nehmen. Am direktesten umgesetzt ist
dieser Gedanke in der Figur des Landstreichers Knulp, die Hesse
entwarf, als sein Leben äußerlich von Sesshaftigkeit und
bürgerlicher Erstarrung bedroht war.
Die
Stilisierung der Einsamkeit kann auch als Ausdruck und Abbild einer
historischen Situation verstanden werden. Angesichts der zunehmenden
Verdinglichung und Anonymität der zwischenmenschlichen Beziehungen,
der Relativierung aller geschlossenen Sinnsysteme und der daraus
resultierenden Orientierungslosigkeit verweist das Bild des einsamen
Menschen auf einen gesellschaftlichen Zustand, der sich im ersten
Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts voll entwickelte. Auf der
anderen Seite steckt darin auch ein Wunschbild: Die Idee des nicht
fremdbestimmten, eigensinnig seinen eigenen Weg suchenden
Individuums, niemanden außer sich selbst verpflichtet.“
Dienstag, 1. Oktober 2019
Schritte (Text)
SCHRITTE
Er geht weiter, federnden
Schrittes, unter grauen Himmeln, den alltäglichen Vorzeichen seines
Daseins. Aus der Ferne tönt eine Sirene, die vielleicht irgendeinen
Ernstfall simuliert, und hinter ihm liegt eine Strecke, an deren
Ausgangspunkt er sich nur manchmal in den Augenblicken der Dämmerung
erinnern kann. Die weißen Markierungsstriche auf der Straße hatten
einmal die Aufgabe, Orientierung zu bieten. Sie sind nun aber
verblasst und schwer zu erkennen. Er gönnt sich den bescheidenen
Spass, sie im Slalom immer wieder zu umgehen und dabei nicht auf sie
zu treten, was ihm Zerstreuung und Ablenkung von der Tatsache bietet,
dass er alleine ist. Seine gleichförmigen Bewegungen werden immer
wieder unterbrochen von kleinen Unregelmäßigkeiten, bedingt durch
Unebenheiten der Straße, durch Nervositäten, Unaufmerksamkeiten.
Rechts und links der Straße erstrecken sich weite Felder,
flurbereinigte, kultivierte, chemisch gedüngte Anbauflächen,
Nutzungsgebiete, die, so will es ihm scheinen, für ihn gerade in
ihrer geometrischen Anonymität wirklich sind.
Die Zwecklosigkeit seines
Wegs entspannt ihn innerlich, er gibt sich der Bewegung hin – und
nur ihr. Er versucht, sich innerlich zu leeren. Fetzen einer
vielleicht vorgestern gehörten Melodie vermischen sich mit Eigenem,
aus dem Moment Entstandenen. Ansonsten will er sich nicht erinnern,
er baut geradezu Mauern auf gegen alles, was aus der Vergangenheit
einbrechen will in sein augenblickliches Idyll. Stattdessen versucht
er , sich sein Gesicht vorzustellen...jetzt,...gerade jetzt...und nun
wieder....eine Konzentrationsübung mit Selbsterfahrungswert! Seine
Schritte durchschreiten fünf Minuten, als wären sie
Sekundenzeiger einer Quartzuhr. Es geht leicht bergauf und seine
Beine lösen die gestellte Aufgabe ohne ihrem Benutzer auch nur ihre
Existenz ins Bewusstsein treten zu lassen, sie funktionieren.
Es ist Rhythmus zu
erkennen in dem, was er tut. Eine Struktur, die ihm etwas bedeutet,
über der er gleichwohl bescheiden geworden ist. Diese
wiederkehrenden Regelmäßigkeiten geben Sicherheit, betäuben Angst.
Die Luft ist zu spüren, die rohe Erde zu
riechen, es fängt langsam an zu regnen. In einiger Entfernung ist
ein verwilderter Hain zu erkennen und er ist erstaunt darüber, dass
sich Derartiges hier noch halten konnte. Erinnerung trifft ihn: an
andere Zeiten, andere Orte, Gegenden, von denen er gehört hat.
Der Hain ist belebt,
bildet hier eine Enklave in seiner Wildheit und Unberührtheit, was
ihn fast wie einen Magneten anzieht. Eine Ganze Welt verspricht sich
hier an diesem Stückchen Erde, bewachsen mit seltenen, nie gesehenen
Pflanzen. Dazwischen glaubt er Kristalle zu erkennen, funkelnd in
allen Farben. Plötzlich erstrahlt der Hain, er wird zusehends
durchsichtiger, gläsern, illuminiert von Mannigfaltigen
Lichtkaskaden...aber auch Gerüche gehen von diesem Hain aus, wie
betäubend!...Musik dringt aus dem Gesträuch, Harmonien, die Töne
auf solche wunderbare Weise zueinander führen und miteinander
versöhnen, dass alles bisher Gehörte nur ein Entwurf zu dieser
Harmonie gewesen ist: sie hat alles in sich aufgenommen! Alles!
Kleine Tiere kriechen, sich fortwährend verwandelnd, durch das
Gezweig, ohne jemals eine feste Gestalt anzunehmen. Zuweilen sehen
sie Menschenähnlich aus, zwergenähnlich, gnomenhaft, jedoch werden
sie niemals vollkommen menschengleich. Untereinander brauchen sie
scheinbar keine Sprache, um sich zu verständigen, denn über der
ganzen Szene liegt nur der Schleier dieser wunderbaren Harmonie.
Er glaubt zu träumen: das
ist nicht wahr!,...und schon hat er das Bild, die Szene gelöscht!
Der Hain ist nun wieder ein Streifen unkultivierten Bodens, der
mittlerweile etwas nähergerückt ist, denn er ist weitergegangen.
Für den Bruchteil einer Sekunde streift ihn die Ahnung, dass er
alleine ist, - aber auch das ist nicht wahr.
Die Zeit übergeht diesen
Einbruch wie selbstverständlich mit ihrem Kokon. Sicher ist, dass
auf die blasse Markierung in einem gewissen vorhersehbaren Abstand
die nächste folgt. Er ist nicht alleine. Automatisches Gehen, unter
Zwang, - und doch jederzeit aufhören können? Weiter....!
Ein leichtes Hungergefühl
schleicht sich in seine Gegenwart. Aber es ist ja alles da, man
braucht nur zuzugreifen! Das Wasser läuft einem im Munde
zusammen...aber er kann sich beherrschen. Gelernt ist gelernt!
Nachher. Morgen. Bald.
Aus dem Hain scheint nun
Lebendiges zu dringen. Zuerst ganz leise, dann immer lauter: Vokale,
Stimmen, Lachen... Das Lachen wird immer lauter, kommt auf ihn zu,
schwillt an, bläht sich zu einem Orkan des Lachens: es ist nur noch
Lachen! Siehe da: Stille! Eine Fläche der Lautlosigkeit., Ozean der
Ruhe!
Er spürt sich selbst kaum
mehr. Doch plötzlich ein Stolpern und er wäre beinahe gestürzt:
eine Minute liegt im Weg! Bedächtig und vorsichtig wird sie
aufgehoben und von allen Seiten betrachtet. (Minuten liegen ja
nicht alle Tage auf der Straße herum!) Die Minute ist ein seltenes
Exemplar, sie hat eine wunderbare Maserung, geheimnisvoll wie die
Ziffern einer nie gezählten Zahl, Buchstaben einer gesprochenen
Sprache. Er steckt sie in seine Tasche. Aber kaum ist dies
geschehen, löst sie sich einfach auf! Sie ist weg! (Aber das ist
nicht weiter beunruhigend, denn er hat sie ohnehin schon fast
vergessen!)
Die Straße beschreibt
einen Bogen und er wird nun immer langsamer, kommt kaum noch voran.
Es durchdringt ihn eine Überlegung, ob er auf dem richtigen Weg sei,
- aber der Weg führt ja doch nicht zum Ziel. Dumpfheit breitet sich
aus, Konturen verschwimmen seltsam. Er fühlt jeden Herzschlag wie
etwas Fremdes, ihm nicht Gehörendes. Erhört ihm zu, ungläubig und
gespannt auf den nächsten, der wie ein Gongschlag durch sein
Bewusstsein dröhnt. Schließlich – er weiß nun wirklich nicht
mehr, wie lange er schon unterwegs ist, ist es ihm nur noch möglich,
langsam und bedächtig einen Fuß vor den anderen zu setzen, winzige
Schritte nur noch zu machen. Er konzentriert sich darauf und wagt
gleichzeitig noch einmal, aufzublicken. Da sieht er neben sich, vor
sich und hinter sich unendlich viele Doppelgänger seiner selbst, die
wie Spiegelfiguren seiner eigenen Person just im Moment gerade
aufblicken. Er sieht ihnen in die Augen und merkt gleichzeitig, dass
er sich selbst in die Augen sieht. In diesem Moment versagen seine
Beine und die aller Kopien seiner selbst und sie bleiben alle stehen.
Er kann sich nicht mehr von der Stelle rühren und ist wie gelähmt.
Vor ihm tut sich ein schwarzer Graben auf, unendlich tief. Es gibt
nun kein Vor und Zurück mehr: er starrt abwechselnd in das Loch vor
sich und in sein eigenes Auge, das ihm milliardenfach anblickt. Wen?
Ihn? Wer? Er?
Dienstag, 9. April 2019
Wandern (1)
Es ginge darum, sich
selbst besser wahrzunehmen, den „Tunnelblick“ ein bisschen
abzulegen und die Gedanken woanders hinzuführen. So wird einem kund
getan, wenn man versucht, sich in der Literatur ein bisschen besser
über das Wandern zu informieren. Doch egal, ob Wandern, Joggen oder
Radfahren: mit diesen Bewegungsarten tue man etwas Gutes für sich,
- wenn man es nicht übertreibt. Beim Wandern sollte etwa eine
Strecke von 7,5 bis 15 km erreicht werden, wenn man das einmal pro
Woche praktiziert, schreibt ein Sportwissenschaftler mit wichtigem
Gesicht hinterher. Es sind also sofort wieder Marken gesetzt,
Leistungsempfehlungen gegeben, Optimierungsgedanken eingeführt. Was
ist, wenn ich unter den Richtwerten bleibe? Habe ich dann versagt? Es
muss sich positiv auf den Körper auswirken... das ist die Denke von
heute, die in einem gewissen Widerspruch zum eher absichtslosen Gehen
in der Vergangenheit steht. Bekannt ist ja beispielsweise, dass
Friedrich Nietzsche seine Ideen meist beim Gehen, beim Wandern kamen.
Zitat?
„Nur
die ergangenen Gedanken haben Wert“, „Wir sind so gerne in der
Natur, weil diese keine Meinung über uns hat“, „Neue Wege
entstehen, indem wir sie gehen“, etc.
Schön, wenn das
alles so klappt!, so möchte man ihm in seinem Grab zurufen. Gut
gebrüllt, Löwe..... Vielleicht geht es darum, Wanderwege zu
bewerten, Leitsysteme sinnvoll einzusetzen, Abwechslungsreichtum zu
spüren..... Es geht Waldwege entlang, sie sind naturbelassen,
schmale Wege, aber nicht unwegsam: man kann noch nebeneinander gehen,
Kleidung gegen das Wetter und Equipment gegen Hunger und Durst... Man
kriegt mit, wo man ist, - was einen ruhiger macht. Es fällt einem
auf, was sich verändert um einen herum. Es eröffnen sich einem neue
Perspektiven. Feldübergreifendes wird sichtbar...... Es geht voran.
„Der Weg ist das Ziel...“ etc. Spätestens im Mittelalter begab
man sich auf einen Pilgerweg, - wenn man in die Lage versetzt war.
Lourdes, Santiago de Compostella, Hape Kerkeling usw. „Ich bin dann
mal weg....“. Ab dem 14. Jahrhundert zogen Handwerksgesellen
durchs Land, um auf den verschiedenen Baustellen zu arbeiten. Es
galt, die Handwerkskunst zu erweitern und darin Erfahrungen zu
machen. Abenteuerlust und Fernweh tauchten als Motive auf. Dass es
in der Romantik viel um das Reisen ging, um Selbsterfahrung im
Äußeren, in das das Innere projeziert wurde, ist bekannt.
Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist nicht der
einzige Beleg dafür. Berge und von Wandervereinen angelegte Wege
mögen die nächste Stufe markieren. Dadurch konnten auch die Massen
ins Freie strömen, um neue Aussichten zu gewinnen. Bis heute haben
sich verschiedene Motivationen entwickelt: Lange Wandertouren, Nordic
Walking, Ausdauer gewinnen, Drachenfliegen, .... Was ist eigentlich
mit dem demjenigen Wandern, das einfach nur die Landschaft wahrnehmen
und genießen will? Ein Gefühl der Verbundenheit spüren..... die Natur erleben, Stress abbauen, zur Ruhe kommen.... Ob man
dadurch heraus kommt aus der vielfach bearbeiten, benutzten und
kultivierten Wirklichkeit?
Sonntag, 27. Januar 2019
Schritte
Es mag wohl in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, als ich Folgendes schrieb, das immer noch aktuell zu sein scheint:
SCHRITTE
Er
geht weiter, federnden Schrittes, unter grauen Himmeln, den
alltäglichen Vorzeichen seines Daseins. Aus der Ferne tönt eine
Sirene, die vielleicht irgendeinen Ernstfall simuliert, und hinter
ihm liegt eine Strecke, an deren Ausgangspunkt er sich nur manchmal
in den Augenblicken der Dämmerung erinnern kann. Die weißen
Markierungsstriche auf der Straße hatten einmal die Aufgabe,
Orientierung zu bieten. Sie sind nun aber verblasst und schwer zu
erkennen. Er gönnt sich den bescheidenen Spass, sie im Slalom immer
wieder zu umgehen und dabei nicht auf sie zu treten, was ihm
Zerstreuung und Ablenkung von der Tatsache bietet, dass er alleine
ist. Seine gleichförmigen Bewegungen werden immer wieder
unterbrochen von kleinen Unregelmäßigkeiten, bedingt durch
Unebenheiten der Straße, durch Nervositäten, Unaufmerksamkeiten.
Rechts und links der Straße erstrecken sich weite Felder,
flurbereinigte, kultivierte, chemisch gedüngte Anbauflächen,
Nutzungsgebiete, die, so will es ihm scheinen, für ihn gerade in
ihrer geometrischen Anonymität wirklich sind.
Die
Zwecklosigkeit seines Wegs entspannt ihn innerlich, er gibt sich der
Bewegung hin – und nur ihr. Er versucht, sich innerlich zu leeren.
Fetzen einer vielleicht vorgestern gehörten Melodie vermischen sich
mit Eigenem, aus dem Moment Entstandenen. Ansonsten will er sich
nicht erinnern, er baut geradezu Mauern auf gegen alles, was aus der
Vergangenheit einbrechen will in sein augenblickliches Idyll.
Stattdessen versucht er , sich sein Gesicht
vorzustellen...jetzt,...gerade jetzt...und nun wieder....eine
Konzentrationsübung mit Selbsterfahrungswert! Seine Schritte
durchschreiten fünf Minuten, als wären sie Sekundenzeiger einer
Quartzuhr. Es geht leicht bergauf und seine Beine lösen die
gestellte Aufgabe ohne ihrem Benutzer auch nur ihre Existenz ins
Bewusstsein treten zu lassen, sie funktionieren.
Es
ist Rhythmus zu erkennen in dem, was er tut. Eine Struktur, die ihm
etwas bedeutet, über der er gleichwohl bescheiden geworden ist.
Diese wiederkehrenden Regelmäßigkeiten geben Sicherheit, betäuben
Angst. Die Luft ist zu
spüren, die rohe Erde zu riechen, es fängt langsam an zu regnen.
In einiger Entfernung ist ein verwilderter Hain zu erkennen und er
ist erstaunt darüber, dass sich Derartiges hier noch halten konnte.
Erinnerung trifft ihn: an andere Zeiten, andere Orte, Gegenden, von
denen er gehört hat.
Der
Hain ist belebt, bildet hier eine Enklave in seiner Wildheit und
Unberührtheit, was ihn fast wie einen Magneten anzieht. Eine Ganze
Welt verspricht sich hier an diesem Stückchen Erde, bewachsen mit
seltenen, nie gesehenen Pflanzen. Dazwischen glaubt er Kristalle zu
erkennen, funkelnd in allen Farben. Plötzlich erstrahlt der Hain, er
wird zusehends durchsichtiger, gläsern, illuminiert von
Mannigfaltigen Lichtkaskaden...aber auch Gerüche gehen von diesem
Hain aus, wie betäubend!...Musik dringt aus dem Gesträuch,
Harmonien, die Töne auf solche wunderbare Weise zueinander führen
und miteinander versöhnen, dass alles bisher Gehörte nur ein
Entwurf zu dieser Harmonie gewesen ist: sie hat alles in sich
aufgenommen! Alles! Kleine Tiere kriechen, sich fortwährend
verwandelnd, durch das Gezweig, ohne jemals eine feste Gestalt
anzunehmen. Zuweilen sehen sie Menschenähnlich aus, zwergenähnlich,
gnomenhaft, jedoch werden sie niemals vollkommen menschengleich.
Untereinander brauchen sie scheinbar keine Sprache, um sich zu
verständigen, denn über der ganzen Szene liegt nur der Schleier
dieser wunderbaren Harmonie.
Er
glaubt zu träumen: das ist nicht wahr!,...und schon hat er das Bild,
die Szene gelöscht! Der Hain ist nun wieder ein Streifen
unkultivierten Bodens, der mittlerweile etwas nähergerückt ist,
denn er ist weitergegangen. Für den Bruchteil einer Sekunde streift
ihn die Ahnung, dass er alleine ist, - aber auch das ist nicht wahr.
Die
Zeit übergeht diesen Einbruch wie selbstverständlich mit ihrem
Kokon. Sicher ist, dass auf die blasse Markierung in einem gewissen
vorhersehbaren Abstand die nächste folgt. Er ist nicht alleine.
Automatisches Gehen, unter Zwang, - und doch jederzeit aufhören
können? Weiter....!
Ein
leichtes Hungergefühl schleicht sich in seine Gegenwart. Aber es ist
ja alles da, man braucht nur zuzugreifen! Das Wasser läuft einem im
Munde zusammen...aber er kann sich beherrschen. Gelernt ist gelernt!
Nachher. Morgen. Bald.
Aus
dem Hain scheint nun Lebendiges zu dringen. Zuerst ganz leise, dann
immer lauter: Vokale, Stimmen, Lachen... Das Lachen wird immer
lauter, kommt auf ihn zu, schwillt an, bläht sich zu einem Orkan des
Lachens: es ist nur noch Lachen! Siehe da: Stille! Eine Fläche der
Lautlosigkeit., Ozean der Ruhe!
Er
spürt sich selbst kaum mehr. Doch plötzlich ein Stolpern und er
wäre beinahe gestürzt: eine Minute liegt im Weg! Bedächtig und
vorsichtig wird sie aufgehoben und von allen Seiten betrachtet.
(Minu8ten liegen ja nicht alle Tage auf der Straße herum!) Die
Minute ist ein seltenes Exemplar, sie hat eine wunderbare Maserung,
geheimnisvoll wie die Ziffern einer nie gezählten Zahl, Buchstaben
einer gesprochenen Sprache. Er steckt sie in seine Tasche. Aber kaum
ist dies geschehen, löst sie sich einfach auf! Sie ist weg! (Aber
das ist nicht weiter beunruhigend, denn er hat sie ohnehin schon fast
vergessen!)
Die
Straße beschreibt einen Bogen und er wird nun immer langsamer, kommt
kaum noch voran. Es durchdringt ihn eine Überlegung, ob er auf dem
richtigen Weg sei, - aber der Weg führt ja doch nicht zum Ziel.
Dumpfheit breitet sich aus, Konturen verschwimmen seltsam. Er fühlt
jeden Herzschlag wie etwas Fremdes, ihm nicht Gehörendes. Erhört
ihm zu, ungläubig und gespannt auf den nächsten, der wie ein
Gongschlag durch sein Bewusstsein dröhnt. Schließlich – er weiß
nun wirklich nicht mehr, wie lange er schon unterwegs ist, ist es ihm
nur noch möglich, langsam und bedächtig einen Fuß vor den anderen
zu setzen, winzige Schritte nur noch zu machen. Er konzentriert sich
darauf und wagt gleichzeitig noch einmal, aufzublicken. Da sieht er
neben sich, vor sich und hinter sich unendlich viele Doppelgänger
seiner selbst, die wie Spiegelfiguren seiner eigenen Person just im
Moment gerade aufblicken. Er sieht ihnen in die Augen und merkt
gleichzeitig, dass er sich selbst in die Augen sieht. In diesem
Moment versagen seine Beine und die aller Kopien seiner selbst und
sie bleiben alle stehen. Er kann sich nicht mehr von der Stelle
rühren und ist wie gelähmt. Vor ihm tut sich ein schwarzer Graben
auf, unendlich tief. Es gibt nun kein Vor und Zurück mehr: er starrt
abwechselnd in das Loch vor sich und in sein eigenes Auge, das ihm
milliardenfach anblickt. Wen? Ihn? Wer? Er?"
Mittwoch, 7. Februar 2018
Schnelle Schnecke (Text)
Schnelle
Schnecke
Dem
Theater der Welt zusehen,
es
geschehen lassen
welch
seltsame Rolle ich darin wohl spiele!!!!!
Gar
keine?
wo
bin ich? Wer bin ich?
Ich
schreie es hinaus, niemand hört mich,
alles
geht immer weiter, die Rollen sind austauschbar
es
ist ein Flow, ein Fluß, eine Bewegung
Wir
gehen nebeneinander her,
Da
ist eine Herrlichkeit und ich staune
ich
bin neugierig
ist
da noch jemand anderes?
Sich
verstellen, dabei sein,
schreib
deine Gedanken auf
aber
frag dich: sind es wirklich deine?
Hey
Alder, was geht?
es
ist ein Flow, ein Fluß, eine Bewegung
(Lyrischer Text in den 2000er Jahren...)
Mittwoch, 1. Juni 2016
Mit Nietzsche in Bewegung sein
„Sie
steigen wie Tiere hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu
sagen vergessen, dass es unterwegs schöne Aussichten gebe“, sagte
Friedrich Nietzsche einmal. Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass
der Mensch oft fremdbestimmt sei, von Zielen, die ihm gegeben werden
und deren Zwecke ihm unklar sind. Ob das heutzutage etwas mit dem
Profit zu tun hat, den jeder aus jedem zu ziehen versucht? Sich das
Verhalten des Anderen gefügig zu machen, das scheint ein
Naturgesetz zu sein. Meinen Zwecken Menschen und Tiere untertan machen,
aber selbst nicht wissen, wohin die Reise geht, geschweigedenn einen
Blick links oder rechts zu riskieren. Das könnte schädlich sein,
raunen diejenigen, die etwas erreichen wollen. Tunnelblick, auf ein
Ziel fixiert. So lehrt's die Zeit. Die Fußballspieler liefern
Anschauungsmaterial, das die Massen vor den TV-Geräten und im
Stadion kopieren. Die können was, die konzentrieren sich! Mal im
Ganzen gesehen: Ob das aber so günstig ist? Es könnte ein Teil
unserer Selbstbestimmung sein, zu wissen, wohin es geht und wie ich
an der Zielfindung mitwirken kann. Nietzsche soll auch gesagt haben:
„Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen
Weg, wenige in Bezug auf das Ziel“. Ob wir mal wieder über das
Verhältnis von Weg und Ziel nachdenken sollten, angeregt von einem
alten Denkersack wie Nietzsche?
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