Reise durch Wirklichkeiten

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Montag, 11. November 2024

Unruhe

„Ich zögere bei allem, oft ohne zu wissen, warum. Wie oft suche ich – als mir eigene gerade Linie, indem ich sie im Geiste als die ideal gerade Linie voraus setze – die weniger kurze Entfernung zwischen zwei Punkten. Nie besaß ich die Kunst, im Leben tatkräftig zu sein. Mir missglückten immer die Handlungen, die niemand missglücken; was die Andern zu tun geboren waren, das bemühte ich mich stets gezwungenermaßen zu tun. Ich wünsche immer zu erreichen, was die Andern fast ohne es zu wünschen erreichen“ (Fernando Pessoa, Buch der Unruhe)

Mittwoch, 31. August 2022

Vor dem Schloss

Es läuft der Tankrabatt aus und eine Ministermenge steigt vor dem Schloss aus riesigen schwarzen (Verbrenner-) Limousinen, um anschließend in ermüdenden Statements über Digitalisierung zu schwadronieren. Die weiblichen und männlichen Anzugsträger bedauern sodann pflichtgemäß Gorbatschows Tod und suhlen sich auf ihrer „Klausur“ in beredt uneiniger Untätigkeit. Sie kommen aus einer Sphäre, in der es kein Hartz4 und keine Grundsicherung gibt, wollen aber, - wie sie betonen - "Entlastung" organisieren. Sie verkehren neben ein paar gut organisierten "Treffen" mit Bürgern in ihrer Politikerblase meist mit wichtigen und sehr vermögenden Leuten aus Gesellschaft und Wirtschaft, Hochglanzfiguren, gestylt und erfolgreich grinsend. Im Gegensatz zu Gorbatschow ändern sie mit ihrem Aktionismus auf dieser Welt wenig, labern aber viel darüber. Man sonnt sich unter dekadenter Sonne, um sich anschließend selbstgefällig ein paar mal um sich selbst zu drehen.

Donnerstag, 25. August 2022

Nervositätsentschleunigung

Rechts und links schwirrt und flirrt an uns die Realität vorbei, trotz Pandemie-Entschleunigung, Selbstreflektion und Besinnung. Nichts scheint mehr zu begreifen zu sein, Fake-News triumphieren. Der Mensch ist nervös, er steht unter Strom. Da sind tausend Informationen über kleine und große Notstände, Kriege, Umweltkatastrophen usw. Und wir haben es uns angesichts dessen geleistet, uns in der Komfortzone einzurichten, können scheinbar ja sowieso nichts machen, behaupten das fortwährend. Doch die Welt und die Gesellschaft rückt zusammen (so wird behauptet), sich abzuschotten wird schwieriger, Dinge werden transparenter - aber nur für diejenigen, die sich darum bemühen: Die Gelegenheit dazu haben, zu bedenken, umzudenken, sich zu korrigieren, im Kopf, im Verstand. Gleichwohl sind wir dauernd online, erreichbar, verfügbar, einsetzbar. Zerissenheit macht sich breit. Auch zwischen denen, die haben, und denen, die nichts haben. Ungleichheit hat sich ausgebreitet. Als Gleichmacherei wird alleine schon das Bewusstsein dafür beschimpft von denen, die in einem gewissen Interesse sprechen und handeln. PR-Sprech. Auch im Interesse dessen, das die Macht des Faktischen für sich hat. Alles war scheinbar so und wird so immer sein. Die Grundordnung ist unumstößlich, weil der gierige Mensch anscheinend die Konstante ist. Ein Neuentwurf, ein Aufbruch wirkt angesichts solch behaupteter Verhältnisse leicht lächerlich. Jeder will den Moment festhalten, nicht die Vergangenheit oder gar planen. Eine Frage wird geradezu diktatorisch: Wie fühlt sich das Jetzt an, der Moment? Müssen wir ständig aktiv sein? Auch durch das Internet verliert sich das Gefühl für den Abstand von der Vergangenheit zur Zukunft. Wir können alle Informationen dauernd haben, wir können alles nachschlagen und die Zukunft planen. Es zerfließt. Möglicherweise verliert sich darin auch so etwas wie Empathie. Von allen Seiten kommt das, schlägt das in uns ein. Es prägt unsere Art zu sprechen, weil wir möglichst viele und gute Informationen damit transportieren wollen, weil wir nichts Falsches sagen sollten, weil wir ständig getrieben sind und uns gut darstellen wollen. Wir sind in einer Art Dauerhysterie und Dauerpanik, Nervosität und Unruhe erhebt sich – mitten aus der scheinbaren Entschleunigung. Damit erhebt sich auch die Frage: Wie gehe ich damit um? Entweder lasse ich mich in meiner Unruhe treiben, oder ich lerne darüber, versuche zu sortieren, Abstand zu gewinnen, andere Perspektiven einzunehmen - und werde dadurch ruhiger.

Freitag, 28. Mai 2021

Warten auf....

In meinem Leben habe ich mir viel zu oft die Beine in den Körper gestanden. Lebenszeit vertan. Gewartet auf etwas Außergewöhnliches und auf etwas Gewöhnliches. Habe versucht, diese Zeit aufzuschreiben, sie zu reflektieren. Etwas daraus zu machen. Meine Reaktionen einzuordnen, sie zu analysieren. Sie in Verhältnis zum Mainstream „der Leute“ zu setzen. Mich überhaupt in andere Leute hinein versetzen. Auch abgewartet und dann versucht, zu reagieren, mich selbst dabei beobachtet. Bestimmte Leute behaupten beharrlich, dafür keine Zeit zu haben. Gewisse Vorgesetzte jedoch haben währenddessen Damen flach gelegt und zahlreiche Familien gegründet, gefressen, gefickt, gehätschelt, betreut, geliebt, gehasst, getrennt, gegründet, gemacht und getan, sie haben am „aktiven Leben“ teilgenommen, - so wie das vorgegeben erscheint. Trotzdem: der morgendliche Druck zu Denken, etwas aus mir heraus zu quetschen, das Machen und Tun, in dem ich mich auch vorwärts zu bewegen versuchte, das gemeinsame Schaffen an etwas Größerem, all das, habe ich vielleicht dann doch vermisst. Ich habe um mich geblickt und versucht, dabei das zu empfinden, was ich möglichst wortreich phantasievoll aufschreiben konnte. Ausgerechnet ich bewegte mich in einer Bahn, einer Art, die jedermann gefallen wollte und davon sogar ökonomisch abhängig war.

Sonntag, 22. März 2020

Trickle-Down-Theory (1)


Trickle-Down-Theorie? Sie scheint noch immer in den Köpfen zu grassieren. Sie besagt unter anderem, dass, wenn es den oberen 1 % einer Gesellschaft gut gehe, das den anderen nütze, weil ja von „den Oberen“ investiert werde und „Wohlstand für alle“ erzeugt werde. So würden die Ausgaben der Reichen uns allen nützen. Doch diese Theorie ist schon seit langem in Frage gestellt. Es ist ein Problem, dass viele der Superreichen ihr Geld für Luxusgüter wie Hubschrauber, Privatjets, Yachten etc. ausgeben. Große Ausgaben dieser Art mögen Superreichen spannend erscheinen und einigen Leuten Arbeit verschaffen, doch sollte dieser „Trickle-Down-Effekt“ wirklich funktionieren, so müssten mit der wachsenden Zahl der Superreichen allesamt reicher werden. Doch das ist ganz offensichtlich nicht so. Während die Spitzenvermögen immer mehr anwachsen, bleibt das Vermögen der restlichen 99 % auf niedrigem Niveau bestehen. Einzelne Demonstrations- und Protestbewegungen waren und sind die Folge, unter anderem fast vergessene Bewegungen wie „occupy-Wallstreet“ oder die „Gelbwesten“ samt der sie umgebenden Bewegungen gegen eine „Reform“ des Sozialsystems in Frankreich. 
Doch solche Bewegungen scheinen für die Vertreter des herrrschenden Systems, also der Macht, leicht unter Kontrolle zu bringen zu sein. Doch eine Zunahme der Ungleichheit scheint auch Probleme zu schaffen: geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander, so erscheint die Stabilität des Gesamtsystems ernthaft bedroht zu sein. Wer hat uns eigentlich weis gemacht, dass wir vom Reichtum der Superreichen profitieren würden – und warum? Wie geht das? Man bunkert seine Gewinne in den Offshore-Zentren und genießt gleichzeitig sein Leben in den Metropolen“ lässt dazu ein unerkannt bleibender Banker wissen. Nun ist es ja so, dass von der Finanzoberschicht und den sie flankierenden Politikern gerne verbreitet wird, dem sei durch einen internationalen Datenaustausch ein Riegel vorgeschoben. Doch Veröffentlichungen wie die „Panama Papers“ mögen daran so manche Zweifel gestreut haben. Gewisse Banken und Vermögensberater scheinen gerne dabei behilflich zu sein, sein Geld vor dem Fiskus im Ausland zu verstecken. Auch scheint es so, dass es dem Staat ganz recht ist, Tycoons und Superreiche etwa dadurch anzulocken, dass eine Senkung der zu entrichtenden Steuern in Aussicht gestellt wird. So läuft derzeit eine Kampagne, die die Senkung der Unternehmenssteuern zum Ziel hat. „Man hat die Grenzen des Akzeptablen immer weiter ausgereizt, weil von den Finanzbehörden möglicherweise keine wirksame Kontrolle ausgeht“ lässt eben dieser unerkannt bleibende Banker dazu verlauten. „Drohen Sanktionen, so sind sie für die Superreichen locker aus der Portokasse zu bezahlen“.

Dienstag, 24. Oktober 2017

Zukunft

„Das Leben hat an und für sich nur Nachteile“ soll der Schriftsteller Thomas Bernhard gesagt haben. Klar, der Mann war unverbesserlicher Pessimist. So etwas ist ja heutzutage nahezu verboten, obwohl die Zweifel sägen. Jemand stirbt, das Leben aber geht ungerührt weiter, so als sei nichts gewesen. Menschen scheiden aus, gehen ab, die einen gehen, andere kommen, es ist ein Fluss, den man zumindest erkennen sollte. Wohin gehen wir, woher sind wir gekommen? Da ist ein Fluss, der uns scheinbar von solchen Fragen wegreißt. Ablenkungen, Betäubungen, das „wahre Leben“, die Aktivität an sich..... usw. Die Begründungen stehen alle billig bereit. Wir fallen, wir werden weniger, wir.... wen juckt's? Das allgemein gültige Bild der Wirklichkeit suggeriert uns, als habe all das keine Gültigkeit, als gelte nur das unmittelbar geführte Leben..... Die Parolen wurden schon früh ausgegeben: „Sei du selbst, alle anderen sind schon besetzt“, soll Oscar Wilde gesagt haben. Es ist der Satz der Selbstverwirklichung und der Selbstoptimierung, den so viele Menschen derzeit anbeten. Ob wir Angst haben vor der Zukunft?  

Sonntag, 20. August 2017

Reaktionen

  Ich wundere mich, wie die Politiker als Häuptlinge jetzt wieder scharf verurteilen, wie sie Gedenkminuten einlegen lassen, irgendetwas auf Halbmast setzen lassen und stellvertretend unsere Werte verteidigen wollen. Dabei sind sie genauso machtlos wie jeder andere. Symbole? Nun ja, sind vergänglich. Inzwischen sogar schnell. Werte? Nun ja, auch hier wurde vielfach darüber nachgedacht. Beileidskundgebungen: gut und recht, aber was bringen sie uns? Ein Gefühl der Solidarität? Der Gemeinsamkeit? Es kann tragen, wenigstens eine Zeit lang. Ob dies aber geschürt und befeuert ist? Oder ob sich jemand bewusst ist, dass auch viel direkte Gewalt von dieser Gesellschaft ausgehen kann, in der wir leben? Es scheint schon Vieles eine ungute Gewohnheit geworden zu sein, auch wenn es direkt neben einem einen Menschen zerreißt. Drei Wochen später scheint alles vergessen, das Leben geht weiter, als wäre nichts. Hass. Mord. Ich denke, das alles muss man sich leisten können. Ein Gefühl der Unsicherheit wird ausgenutzt, für Ziele, die vielleicht auch mit staatlicher Repression zu tun haben. Dies ist auch in anderen Gesellschaften so. Dort wird das offenbar noch viel wilder betrieben. Es muss etwas getan werden, es muss etwas passieren: so etwa lässt sich dies grassierende Gefühl auch beschrieben. Dies kann auch zu Aktionismus führen, dazu, dass etwas getan wird, damit etwas getan wird. Dies kann auch zu Behauptungen führen, dass etwas getan werden müsse, man selbst wisse genau, was dies sein könne. Die Kröte, die geschluckt werden müsse, würde natürlich nur der Anfang sein. Danach erst würde sie sich als Wohltat herausstellen.