Ulrich Bauer Reise durch Wirklichkeiten
Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
Mittwoch, 4. Februar 2026
Zimmerreisen
Ich lese manchmal hinein, mein Verweilen ist kurz, im Extremfall ein paar Sätze nur, ich lasse mich inspirieren, durch Texte, die mir wertvoll geworden sind und die auch in Kürze ihren Gehalt offenbaren. Diesmal war es mal wieder das Buch Xavier de Maistre, Reise um mein Zimmer. Es liegt ständig bereit. Ich möchte aus dem Anfang des 2. Kapitels zitieren:
„Ich könnte die Lobrede auf meine Reise damit beginnen, dass sie mich nichts gekostet hat; dieser Punkt verdient Beachtung. Er ist hier vor allem für weniger bemittelte Leute von Bedeutung; es gibt eine andere Gesellschaftsklasse, bei der ein glücklicher Erfolg aus demselben Grund, weil es nichts kostet, noch sicherer ist. – Bei welcher also? Wie! Sie wissen es nicht? Bei den reichen Leuten. Von welchem Vorteil ist im Übrigen nicht diese Art zu reisen für die Kranken! Sie werden die Unbilden des Wetters und der Jahreszeiten nicht zu fürchten brauchen. – Für die Hasenfüße, sie werden gegen Diebe gefeit sein; sie werden weder auf Abgründe noch auf Morastlöcher stoßen. Tausende von Menschen, die vor mir nicht gewagt, andere, die nicht gekonnt, schließlich andere, die zu reisen nicht beabsichtigt hatten, werden sich auf mein Beispiel hin dazu entschließen. Würde das schwerfälligste Geschöpf Bedenken tragen, sich mit mir auf den Weg zu machen, um sich ein Vergnügen zu verschaffen, das ihm weder Mühe noch Geld kosten wird? – Also, mutig vorwärts!“
Dienstag, 3. Februar 2026
Zufriedenheit
Zufriedenheit, was ist das für ein Wert? Anscheinend streben wir das alle an. Doch wenn irgendjemand zufrieden wäre, würde der Kapitalismus lahmen und würde (und nicht nur der! womöglich liegt das an der menschlichen Natur, falls es die gibt...) sofort zusammen brechen. Denn dieser strebt unentwegt ein Mehr und Noch mehr an. So war es schon im Mittelalter. Wer damals König wurde und sein Reich hatte, war selten zufrieden damit. Er wollte mehr erobern. Auch die Einnahme des Nachbarreiches konnte ihn nicht befriedigen. Er wollte noch eines und danach noch ein weiteres. Und so schuf er sein Imperium. Diese Neigung, auf Erfolg mit dem Verlangen nach dem Mehr zu reagieren, ist möglicherweise Teil der menschlichen Natur. Auch Marx griff in seiner Bedürfnistheorie auf dieses Erkenntnismuster zurück. Der Kapitalismus baut darauf auf, ist aber nicht die Ursache.
Montag, 2. Februar 2026
Selbstoptimierung
Sich in Posen werfen. Sie wollen gut aussehen. Wollen Spass haben. Hier ein Strähnchen, dort ein passender Lippenstift. Mal dick, mal dünn aufgetragen. Abgetragen. Hier ein vielsagendes Lächeln, dort ein bedeutungsschwangerer Ausdruck im Gesicht. Möglichst makellos gestylt und mit einem Lächeln. Glatt passend. Ausstellen eines perfekten Selbst. Jeder in sich selbst verliebt. In das Bild, das er von sich hat und bearbeiten lässt. Weichzeichner. Alles ist schön. Selbstverwirklichung ist normal. Wahrnehmen, bewundert werden, gehasst werden. Schönheitschirurgie, Stoffe und Stimulanzien, die auf unser Gehirn einwirken und uns leistungsfähiger machen sollen. Neuroenhancer. Unbedingt der Durchschnittlichkeit entkommen. Schönheit als der Weg zur Perfektion. Jung aussehen. Falten mit Botox wegspritzen, die Lippen aufspritzen, die weibliche Brust vergrößern.
Das Ideal einer jungen unverbrauchten Vagina herstellen: Reparieren zu einer Art unverbrauchten Barbie. Muskelkraft für Frauen, antrainieren, - aber schnell! Stark sein. Fit sein. Alles im Griff haben. Der Tracker wirft Zahlen aus. Liefert Motivation zur Verbesserung. Überhaupt: Durch Gesundheit leistungsfähiger werden. Das Gehirn optimal nutzen und unter anderem die Konzentrationsfähigkeit damit steigern. Das Liebesleben optimieren. Den Nachwuchs sichern, pränatale Diagnostik und Crispr. Ob daraus ein Zwang zum makellosen Kind werden kann? Danach Förderwahn und eingepflanzte Chips. Mehrere Instrumente spielen und etliche Fremdsprachen lernen. Auf Leistung, Konkurrenz und Wettbewerb dressiert. Im Drang nach Selbstverbesserung leben. Noch besser werden. Noch schöner. Noch perfekter.
Donnerstag, 29. Januar 2026
Reich-Arm-Mensch
Diese Ungleichheit geht nicht mehr. Irgendwo ist die Grenze, so möchte man meinen. Auf der einen Seite die ärmere Hälfte der Menschheit. Auf der anderen Seite stehen etwa 50 000 reiche Menschen, wie etwa die wohlbekannten Elon Musk, Jeff Bezos und ähnliche Figuren. Diese Gruppe verfügt über etwa dreimal soviel Vermögen wie die andere Hälfte der Menschheit. Glasklare Zahlen. Ob das alles an ihrer „Leistung“ in dieser sich selbst so bezeichnenden Leistungsgesellschaft liegt? Diese Auseinanderentwicklung und Ungleichheit scheint derzeit noch weiter zu wachsen. Komische Figuren meist rechter Gesinnung wie etwa Donald Trump verteidigen dies bis dazu, dass sie solche Ungleichheit als eine Art Menschenrecht im Kapitalismus verteidigen. Meist knüpft sich darn die Leugnung des menschengemachten Klimawandels. Und: Der ärmeren Hälfte der Menschheit fehlt es oft genug an Essen oder an Bildung. Sie hat auch kein Geld dafür, die Folgen des Klimawandels abzumildern. Dafür verbrauchen die Reichen deutlich mehr an Energie, was für Klimaschaden verantwortlich ist, der vor allem die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung trifft. Die ärmeren Menschen, die am wenigsten Schäden verursachen, sind also am stärksten von Klimawandel betroffen. Wir müssen uns hier in Europa die Freiheit nehmen, solche Dinge wenigstens zu erkennen, ohne gleich dem woken „Kommunismus“ zugerechnet zu werden.
Mittwoch, 28. Januar 2026
Baumfresst (Blaue Träume)
Baumfresst (Blaue Träume)
Immer bunter, immer munter, immer gut drauf
Wir fliegen und träumen - in das Nichts –
Wir fühlen und tanzen - in das Licht
uns berauschen derbe Triebe
wir sind immerzu bereit
sag mir nur ein Wort der Liebe
alles andre bin ich leid
leck Praline
Ekel lässt die Birne kalt
Nachtgestalt
kotz die Soße
ich glaub' ich steh im Wald
Strafanstalt
lass uns warten auf Gefühle
bis die Sonne golden scheint
ein Berühren ein Gedanke,
ohne Ende, das noch keimt
und (der nur) mich meint
(das mich meint)
immer fetter, immer krasser, immer noch ein Kick
Wir grunzen und stöhnen – nur im Kreis (mach mein Scheis)
wir gleiten und schweben – hack das Eis
uns beherrschen feiste Diebe
der Anzug macht dich heute (trottel-) fett
leck die Dame die ich liebe
alle Menschen sind so nett
schneller rennen
eine Motte (Schnecke) nutzt dich aus (nutzt mich aus)
niemals pennen
eine Gier, die spritzt heraus
(dicht) am Gipfel (bald) ist es aus
viele warten, alle glotzen
nur ein Spiegel schaut aus dir
blauer Gerd, ich seh dich kotzen
Deine Leiche stinkt nach Bier
nicht nach Dir
oder mir
uns berauschen herbe Triebe
wir sind immerzu bereit
sag mir nur ein Wort der Liebe
alles andre bin ich leid
Dienstag, 27. Januar 2026
Montag, 26. Januar 2026
Zeitgeist und Musik,
Ich gehe jetzt an meiner CD-Sammlung entlang und entdecke einiges, was ich mal wieder hören sollte und wollte. Was in meiner Tätigkeit als Popkritiker für eine Tageszeitung auch aus Zeitmangel untergegangen ist. Input an Geschmack. Referenz. Was mir einfach Vergnügen bereitet. Was ich mag. Es reizt mich regelrecht. Hat wohl auch mit Lustgewinn zu tun. Wieso war dies eigentlich im Rückspiegel verschwunden? Die Freude daran?
Oder jenes? Wär’ das was? Ich nehme die Scheibe heraus und betrachte sie: Es werden auch Spinnweben an ihr deutlich, direkt und im übertragenen Sinne. Da scheint ein immer größer werdender zeitlicher Abstand zu manchem zu sein, - etwas, was ich früher nie so empfunden hatte. Ob diese Spinnweben eine Art Zeichen sind - was ist eigentlich Zeit? Haha, Philosophisches? Mein Horizont scheint sich unwillkürlich wieder erweitert zu haben, seit ich mich nicht mehr regelmäßig in der Redaktion und deren hektischen Kurzfristigkeiten aufhalte. Den Kurzatmigkeiten des Tages. Der Hektik. Der Oberflächlichkeiten, die sich in Zeilen bemessen. Ich bin manchmal selbst erstaunt darüber und sehe die Gegenwart als meine neu gewonnene Perspektive, denn ich war ja sowieso nie wirklich zum „echten“ Journalisten geworden. Zum kundigen Informationstechnokraten. Zum öffentlich sich so verstehenden Vermittler. Darin war ich nicht wirklich gut. Oder besser: Da fühlte ich mich nicht wohl damit.
Samstag, 24. Januar 2026
Im Geldexpertentum
Leute, die viel Geld haben, glauben, Spezialisten dafür zu benötigen, die sie im Hinblick auf ihre Anlage beraten: „Experten“. Diese „Experten“ der Geldverwaltung sind rastlos dafür unterwegs, die Anlagen ihrer „Klienten“ zu erhalten oder - je nach Risikoprofil - sie trickreich zu mehren. Indem sie also versuchen, sämtliche Vorteile (inklusive „Steueroptimierungen“ oder gar „Cum-Cum oder Cum-Ex-Geschäfte), für ihre Klienten und letztlich sich selbst, zu erreichen, tragen sie mit dazu bei, die Kluft zwischen Arm und Reich zu vergrößern. Denn welcher „arme“ Mensch hat schon einen Anlageberater zur Verfügung und wäre dadurch „auf Augenhöhe“? Wer sich als Angehöriger eines schmaler werdenden Mittelstands unter Umständen bei den Banken beraten lässt (so wie es halt dem vergleichsweise „armen“ Menschen möglich ist), der wird oft in Fonds getrieben, von denen viele Leute und Institutionen profitieren, nur nicht der Eigentümer des Fonds. Solche Fonds scheinen mir oft Kapitalverwahrstellen mit hohen Nebenkosten zu sein, von denen meist Banken, Fondsgesellschaften oder deren Mitarbeiter profitieren. Für den Anleger selbst bleibt da oft nur eine schmale Rendite in guten Zeiten und hoher Verlust in schlechteren Zeiten. Ist halt so. Muss hingenommen werden. Basta! Verkaufen, gut. Aber was dann? Wer sich dann genauer einarbeiten und in relativ „erfolgreiche“ (was das ist, bestimmen die Fonds selbst, per für den Kunden oft intransparenter „benchmark“) Fonds (auch Upstarts und relativ unabhängige kommen da in Frage) investieren will, wird merken, dass die Rendite auch da unter Schwindsucht leidet und lächelnde Fondsmanger nichtsdestotrotz in den Medien sich großartige Sportwagen leisten und allerlei Erfolgsmeldungen verbreiten.
Freitag, 23. Januar 2026
Beliebig
Heute herrscht dieses „Wenn ihnen dieses gefällt, dann müsste ihnen auch jenes gefallen“…... Eine Beliebigkeit des Austauschbaren, des jeweils überall und jederzeit Verfügbaren. Ob da inzwischen auch menschliche Beziehungen hinzu gehören? Die Hinweise sind nicht gerade rar. Ja klar, der Algorithmus herrscht. KI kommt. Es hat sich eingeschlichen in die Gehirne und besetzt sie jetzt. Und zwar nach und nach, ganz langsam, dann immer schneller, so, dass es kaum ein Individuum merkt. Es schleicht sich ein und wird schließlich für etwas „Normales“ gehalten. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass diese menschlichen Gehirne sich selbst auch nach technischen Rezepten verändern werden, - und zwar orientiert an kommerziellen und machtpolitischen Gesichtspunkten. Sie werden besser verwaltbar sein, ansprechbar, Reize werden gezielter und individueller verabreicht werden. Sie werden sich selbst immer mehr überführen in einen Zustand des digitalen Gespeichertseins, in die Verfasstheit einer generellen Machbarkeit. Die Pointe dabei: Kaum jemand wird das merken, denn es wird durch tausend Mechanismen nach und nach eingeführt in diese Wirklichkeit, es wird als „angenehm“ propagiert und es wird sehr schnell zur Selbstverständlichkeit, zum „Normalen“.
Donnerstag, 22. Januar 2026
Integrationsfallen
Punk als Bewegung, als musikalischer Impuls hatte ich in seiner ganzen Tragweite eigentlich gar nicht so richtig ernst genommen, damals, Ende der siebziger Jahre. Als dann die zweiten und dritten Revivals über uns hereinbrachen, waren das für mich zeitgeistbewegte Aufgüsse und Zitate, - aber ohne Überzeugungskraft. Das übliche, wenn junge Menschen sich abgrenzen wollen und müssen. Aufbegehren als Pose. Der nihilistische Impuls darin wurde mir erst später klar, das Aufbegehren, das darin lag. Im Rotzigen auch, im nicht Gefälligen.
Abgesehen davon, dass ich damals selbst musikalisch aktiv war und andere musikalische Sorgen hatte, dass ich an der Universität studierte und unbedingt zum Ende kommen wollte, verschwendete ich nicht viel Energie auf dieses Symptom, nahm dieser „Bewegung“ die Rebellion, den Protest nicht ab. Da waren für mich zu viele Äußerlichkeiten dabei. Dahinter war für mich der Impuls oft nicht zu entdecken. Man konnte eigentlich auch ganz gut Punk in sich selbst sein, da brauchte es keine Sicherheitsnadel in der Wange, etwas was ich ohnehin verabscheute und mindestens genauso verabscheue, wie all die unsäglichen Tatoos, die inzwischen mainstreammäßig jeder zu tragen hat, der etwas Individuelles nach außen bedeuten will. Außerhalb und eigenwillig sein, Prol, direkt - das war wohl die ursprüngliche Message. Doch leider hat sich das (genauso wie der „Heavy“ Metal) in Richtung Mainstream bewegt, ist akzeptiert, toleriert und integriert. Diese Integrationsfalle hat auch bei Punk zugeschnappt. Das System funktioniert so, dass es einfach alles integriert, was ursprünglich widerborstig war. Es wird zur äußerlichen Masche, zum Auftritt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gegen den Strom schwimmen? Verweigerung? Das war vielleicht am Anfang so.
Dienstag, 20. Januar 2026
Jederzeit
Dies ist aus meinem Buch "Zuhören", s.78 "„Zuhören“ s.7/8 (FB27112025)
Ist es nicht so, dass heutzutage alles irgendwie und irgendwo immer präsent und abrufbar ist, dass eine gewisse (möglichst verkaufstechnische) Relevanz nur auf eine bestimmte ausgeforschte Zielgruppe trifft - und das möglichst schnell und effektiv? Dass oberflächliche schnelle Effekte zählen? Gags? Kicks? Sensationen? Möglichst platte Pointen? Virale Effekte? Influencergebaren? Ich nehme jetzt noch stärker wahr, dass Tonträger einst meine Emotionen getragen haben, meine Lebenswelt, dass sie mir Sinn gespendet haben, dass sie mein Leben begleitet und „eingefriedet“ haben. Dass sie mir Struktur gegeben haben, Ziele. Herausforderungen.
Ist es nicht etwa so, dass „die Leute“, das Publikum, die Leser damals mehr oder weniger direkt Orientierung erwarteten, - den Fingerzeig auf das, was „gut“ sei? Immer habe ich mich damit schwer getan. Ich hätte mit einer solchen Fähigkeit Lehrer werden können. Derjenige, der die Welt erklärt. Gut und Schlecht scheiden. Leider war ich nicht ein solcher. Anderen erklären, wie alles tickt? Hm, war nicht mein Naturell. Es lockte mich vielmehr immer so etwas, was man heute als „Dekonstruktion“ bezeichnet. Das Auseinandernehmen und neu Zusammensetzen - unter meinen eigenen Vorzeichen. Meinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, meinen Einfällen und Gesponnenheiten entlang. Den schlauen, allwissenden und souveränen Autoren oder Lehrer zu geben lag mir nicht, auch was die Rock- und spätere Popmusik angeht. Es hat sich einfach zu vieles zu schnell zerfleddert, ehe ich es ernst nehmen konnte. Es änderte sich, ehe man es erfassen konnte."
Montag, 19. Januar 2026
Tausch
Heute herrscht dieses „Wenn ihnen dieses gefällt, dann müsste ihnen auch jenes gefallen“…... Eine Beliebigkeit des Austauschbaren, des jeweils überall und jederzeit Verfügbaren. Ob da inzwischen auch menschliche Beziehungen hinzu gehören? Die Hinweise sind nicht gerade rar. Ja klar, der Algorithmus herrscht. KI kommt. Es hat sich eingeschlichen in die Gehirne und besetzt sie jetzt. Und zwar nach und nach, ganz langsam, dann immer schneller, so, dass es kaum ein Individuum merkt. Es schleicht sich ein und wird schließlich für etwas „Normales“ gehalten. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass diese menschlichen Gehirne sich selbst auch nach technischen Rezepten verändern werden, - und zwar orientiert an kommerziellen und machtpolitischen Gesichtspunkten. Sie werden besser verwaltbar sein, ansprechbar, Reize werden gezielter und individueller verabreicht werden. Sie werden sich selbst immer mehr überführen in einen Zustand des digitalen Gespeichertseins, in die Verfasstheit einer generellen Machbarkeit. Die Pointe dabei: Kaum jemand wird das merken, denn es wird durch tausend Mechanismen nach und nach eingeführt in diese Wirklichkeit, es wird als „angenehm“ propagiert und es wird sehr schnell zur Selbstverständlichkeit, zum „Normalen“.
Samstag, 17. Januar 2026
Donnerstag, 15. Januar 2026
Gut kommt besser (Lyrik ub)
GUT KOMMT BESSER (besser als voran)
Graue Thermostaten versperren uns die Sicht
der Senator trifft ins Schwarze
sieht im Wald die Bäume nicht
vom Hahn tropft kalter Schweiß
die Mücken spieln' Versteck
die Jacke gleicht der Hose
einen Fahrstuhl gibt es nicht
Sahnemischmaschinen drehen uns im Kreis
die Lieder werden schneller man sinkt jetzt wieder mit
REFR.
Die Masken auf - Masquerade los, knöpf den Regenmantel zu
Gut kommt besser, besser als voran Gut kommt besser, - als voran
Alle Sternengötter treffen sich im Klo
man spiegelt sich im Scheine
Astrophie macht Konjunktur
die Katzen bleiben cool
das Radio dirigiert Mancini
und abends ins Theater:
Mignon fährt jetzt Rolls-Royce
Schicksalsproduzenten zaubern Riesenräder
sie stellen wieder Fallen und schaukeln auf und ab!
REFR.
Der schöne Fred trägt sein Gesicht spazieren
schwarz ist groß in Mode
er sagt sich: Gute Nacht!
man hört ihn manchmal lachen
und keiner weiß wieso
sein Gesicht spielt immer heiter
dahinter blökt das Nichts
Champagnerfrösche quaken süchtig weiter
es kriegen sich die Sterne - der Mond bleibt heute leer
Wenn alle Schenkel gierig zittern
tritt Zampano auf's Podest
wünscht: Schluckauf!
am Sterz blüht ein Furunkel
man klagt jetzt weh und ach
Engel im Affenzimmer
treiben schnöd Frevelwitz
die alten Bärte sprießen wieder
neu unter rost'gem Helm hervor es läutet leis´ zur letzten Rund!
Mittwoch, 14. Januar 2026
Morgentraum (Lyrik ub)
MORGENTRAUM
Montagmorgens zehn, und lieg' noch im Bett
der Wecker weckt sich selber
und ich dreh' mich nochmal um
steh , heut' nicht auf, bleib' einfach liegen
und schon regen sich die Stimmen
Hey, faules Ekel hör doch auf mit dem Trödeln
Manche laufen hin und her, geschäftig und recht fleißig
sie suchen alle und wissen doch nicht was
ich geh' her und kassier' den Lohn der Angst
was kümmert mich das Morgen, ich will es jetzt
ich will es jetzt und nicht erst morgen
los komm mit vergiß deine Sorgen
Wir machen heut' alles nur zu unserem Spaß
im Garten der rosa Träume sind wir die Stars
wir fahrn' nach Honolulu und hörn auf zu friern'
wir fahrn' nach Berlin und sehn' uns in die Augen
Hey, faules Ekel hör auf mit dem Trödeln
Ich fang heut' morgen an wirklich zu leben
führ Norma Jean auf all' diese Parties
ich werf das Frühstück ein mit Dracula
und verlieb mich in die aufgehende Sonne
Hey, faules Ekel hör doch auf mit dem Trödeln.
Spring über meinen Schatten und spiel' mit den andern Löwen
geh ins Treibhaus und such nach einer Rose
und frag' den Kalif des neuen Lebens
ob wir das Paradies doch noch fänden
ich will es jetzt und nicht erst morgen
los komm mit vergiß deine Sorgen
ch will es jetzt und nicht erst morgen
los komm mit, vergiss deine Sorgen
Da läutet's wieder, das Ding gibt keine Ruh'
der Alltag hat soeben wieder aufgeholt
ich frag' mich: war das nur ein Traum?
oder bin ich soeben aufgewacht?
Dienstag, 13. Januar 2026
Anhaltspunkte, Kriterien
Ein paar Gesichtspunkte meiner ehemaligen Tätigkeit als (Pop)Musikkritiker, etwas, was etwas Schwieriges, etwas ernsthaft Gespieltes auf meine Weise umkreist: Es geht manchmal um Raffinement, aber auch um erkennbaren Gestaltungswille. Es geht um Originalität und Individualität, um Wiedererkennbarkeit und um Prägnanz. Passt das gut in ein Umfeld, in ein Repertoire, in eine „Darbietung“? Ließ sich damit eine Spannung erzeugen, hat das Ganze einen Unterhaltungswert, kann es uns reizen?… Aber es gilt in der Pop- und Rockmusik auch der kurzfristige Kick. Das springt einen an, das packt einen, das bindet unsere Aufmerksamkeit, abseits der per KI praktizierten Phrasen. Wir sollten registrieren, ob uns da etwas in der Sprache der Musik „mitgeteilt“ wird, populär ausgedrückt „kommt da etwas rüber?“. Es gilt auch der Knalleffekt, das Grelle auch, das, was einen unbewusst sofort packt und augenblicklich berührt. Nicht nur das akademisch Abgefahrene. Da ist etwas auf dem ganzen Hintergrund unserer Hörerfahrungen. Ja, wird da überhaupt etwas außerhalb eines Hedonismus mitgeteilt, mit dem wir in Gleichklang sein wollen? Gibt es da eine gefühlte Verbindung, fließt da eine Energie zwischen Interpret und Konsument? Inwieweit sollte ein Ohr geschult und bereit sein, über Grenzen zu gehen, das Unbedingte zu ahnen? Den Gleichklang, das Gefühl „so und nicht anders“ ist es richtig. Und jetzt wird es geradezu esoterisch: Da ist das gewollt Oberflächliche, das etwas „auf den Punkt bringt“. Es wird dann hoffentlich erkennbar: Ist da so etwas wie eine Haltung? Und da ist immer noch der Eindruck, dass hier jemand gut spielen und sich ausdrücken kann. Jeden Trick und Kniff hat er drauf. Meine Aufgabe ist es, das zu erkennen es zu beurteilen. Auch im technischen Können kann sich ein Künstler offenbaren. Aber ob das reicht? Bloß nicht einseitig werden, bloß nicht abstürzen! Das „technische“ Können orientiert sich vor allem daran, was gespielt/gemacht werden soll. Es ist vielleicht Mittel zum Zweck – und nicht Selbstzweck.
Montag, 12. Januar 2026
Richtungsweisend
Meine langen Haare hatten früher einmal etwas bedeutet. Ich spüre, wie ich mich jetzt verliere und mich immer schon verloren habe. Falsch abgebogen. Nicht richtig eingeschätzt. Die dauernd drohende Krise nicht richtig gesehen. Sie nicht gesehen, gerade weil falsch eingeschätzt, mich selbst falsch eingeschätzt. Fühle mich plötzlich sehr alleine. Ein Alarmzeichen? Dies kannte ich bisher nicht so konkret. Scheine von allen guten Genistern verlassen. Ich denke über die Situation nach, begreife aber nicht, sondern verschiebe lieber. Es ist lange her, dass ich um eine Person kämpfte, die ich sowieso nicht in Reichweite brachte. Das Genick dabei gebrochen? Amüsiert lese ich meine Zeilen aus meinem vorigen Leben. Aus vergangenen Phasen. Ich sitze jetzt und schlürfe einen Kaffee in mich hinein. Höre Musik und die Zeit vergeht. Ich sollte, müsste……. Konkretes, Pragmatisches hängt von mir selbst ab. Ich machte zu viele Termine und hatte keine Zeit für irgendetwas….hatte teilweise nicht gründlich genug zuvor recherchiert. Mich interessierten die Boulevardgeschichten und „das Drumherum“ zu wenig. Überflugmodus jetzt. Rückblicke. Die körperlichen Ausfälle werden kommen und mich bremsen. Ich bin bald 70 und plötzlich in dieses Alter hinein aufgewacht. Wow? Wo bin ich? Wer bin ich? Wie bin ich da hinein gekommen? Du hattest ein tiefes Gefühl für den Blues, durftest auch den Fado beschrieben. Die Tiefe, das darin versenkte Leid. Manchmal war ich den „falschen“ Menschen begegnet. Gegen Wände gelaufen. Du warst im Rennen, hattest zu viel Abstand und Ironie, trotzdem meinen Hut in den Ring geworfen. Das alles ist jetzt Vergangenheit. Dein Versagen. Deine Depression. Du lebst jetzt in der Stille mit dir selbst, weinst dich in Selbstmitleid aus. Ich zelebriere meine eigene Verletzlichkeit, habe gelernt, dass ich meist die Ausnahme bin, dass das Außerhalbstehen mein Weg ist....
Freitag, 9. Januar 2026
Verfall (Lyrik Georg Trakl)
Verfall (Georg Trakl)
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Donnerstag, 8. Januar 2026
Erfahrung
All das, was durch meine Augen gegangen ist, mein Erleben, meine Erfahrung: kann ich`s bewahren? Festhalten? Was mich im wahrsten Sinne des Wortes berührt hat? Steckt auch in meinen Fotos. Versuch, es abzubilden samt all den unbewussten Beeinflussungen, von unten, von der Seite, von oben. In dieser Welt. Wir haben uns stets so begriffen, dass wir in einem Zusammenhang mit der gesamten Natur leben. Auch mit ihren garstigen und wenig romantischen Seiten. Dort, wo sich Natur und Kultur begegnen. Dass wir geprägt wurden, wie eine Münze, dass wir aber auch autonom aus uns selbst geschöpft haben. Wir geben zu, wir haben nicht immer nach unseren Vorsätzen gehandelt. Wir waren fahrig. Ich sammle halt nur Splitter meiner Zeit. Um mich herum: Zerstörung im Namen eines „Vaterlandes“, dem Begriff aus dem neunzehnten Jahrhundert. Peinlich. Wir hatten uns immer wieder als darüber hinweg gekommen gesehen. Es nicht ernst genommen. Ein Fehler. Wieso ist es nicht gleichzeitig ein Mutterland? War mir immer selbstverständlich. Aber jetzt? Raketen fliegen, Drohnen zerstören genauso wie der auf uns einprasselnde Sprachabfall. Es wird wieder marschiert. Das Lächeln ist vorbei. Die Freundlichkeit damit auch. Wir wollen per Foto etwas festhalten davon, was uns konkret umgeben hat in all der Zeit. Was unsere Welt war. Wir wollen inmitten dem allem leben. Wir wollen dabei auch „das Negative“ und das Hässliche abbilden. Ja klar! Sind doch sowieso nur Projektionen und Konventionen. Wir wollen uns daran festhaken, was „das Negative“ und die Alltäglichkeit überhaupt sein soll. Wir wollen es abbilden, es einbeziehen in unser Bild von der Welt.
Mittwoch, 7. Januar 2026
Optimierung
„Innere Optimierung“. So etwas wie Selbstoptimierung lehnte ich stets ab, weil ich – kurz zusammen gefasst - mich nicht einem System, einer Richtung, einem „Flow“ anpassen und mich einer Richtung „gefügig“ machen wollte/konnte. Es geht um Ziele, Werte, Normen. Den Preis für solches Verhalten habe ich bezahlt, denke ich. Meine Individualität beruhte oft darauf, den „eigenen Weg“ zu suchen - und nicht das, was mich scheinbar optimal voran brachte in den Strukturen dieser Wirklichkeit. Wie sehr diese „Wirklichkeit“ manipulierbar und veränderbar ist, habe ich unter anderem auf der Universität im Fach Soziologie erfahren, wo es unter anderem um die Erforschung von „Lebenswelten“ ging. Es gelang mir nicht, ich wollte es nicht, mich in diesen Anforderungen des Lebens zu verlieren, auch mein „Eigensinn“ und mein Beharrungsvermögen machte mir da zuweilen einen Strich durch die Rechnung. Eine kritische Distanz zu allen Dingen hatte ich sowieso mit dem Zeitgeist aufgesaugt, hinterfragen war da eher „mein Ding“. Schein und Sein in ihrer Beziehung zueinander zu betrachten, das schien in mir angelegt. Es gibt nicht nur im schwäbischen Pietismus, mit dem sich etwa der hier um die Ecke geborene Schriftsteller Hermann Hesse auseinanderzusetzen hatte, den „breiten und den schmalen, steinigen Weg“. Über Hermann Hesse, der auch und gerade in den USA sehr angesagt war, hatte ich gar meine Magisterschrift verfasst. Den amerikanischen Vulgär-Materialismus freilich lehnte er genauso wie ich radikal ab. Ich erinnere mich da an so manch heftige Diskussion mit „Kollegen“, die, wie die meisten Journalisten, im gängigen Vulgär-Materialismus verhaftet waren („Was ich nicht sehe, glaube ich nicht“). Über meine Reaktionen auf solche Einstellungen geben unter anderem auch meine Posts auf Facebook Aufschluss. Jaja, da fällt mir ein: Hesse lebte lange in der Schweiz, unter anderem in Montagnola im Tessin. Dort malte er auch viel. Aber was ist das alles angesichts der „Trump-Welt“? „Fake-News“ und ähnliche Phänomene. Durchregieren. Machtgetue. Narzisstische Peinlichkeiten. Auch wenn man selbst sich als konservativ bezeichnet, kann man damit, so meine ich, nicht unbedingt glücklich sein. Wohin treiben die USA?
Dienstag, 6. Januar 2026
Gesellschaftliche Kommunikation
Social Medias und Blogs tragen insgesamt wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei, - sie sind Erleichterung und gleichzeitig geöffnete Schleusen. Der „Einzelne“ (die „Person“) scheint ohnehin selbst sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch nicht zuletzt durch KI scheinbar lyrische Texte und „Reels“ (kurze Videostreifen) industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Die Aufmerksamkeit wird gelenkt. Die Lüge beherrscht unmerklich vorrückend und die Gedanken verschleiernd das Feld. Es herrscht das Kollektive, die immanente Manipulation, der Schwarm, die Masse, „Big Data“, der Algorithmus, das kalte Berechnen, - auch gerade der Emotionen. KI ist da ein Beschleuniger.
Montag, 5. Januar 2026
Traumtheater
Aus den neunziger Jahren:
Rock-Spagat und Bocksprung - Dream Theater in der Rockfabrik
Ludwigsburg - Kann denn das funkionieren?Musik für Heavy-Metal-Fans und für Freunde des Kunstrock?Für Leute, die's gerne laut haben wollen und gleichzeitig für diejenigen, die konzentriert zuhören können? Von Leuten, die als naive Rock'n Roller und intellektuelle Schöngeister gelten dürfen? Solch faustischen Rock-Spagat führt die amerikanische Band Dream Theater seit vier Jahren vor und sie findet tatsächlich ein wachsendes Publikum dafür. Dies zeigte sich auch in der schier aus den Nähten platzenden Rockfabrik Ludwigsburg, wo Dream Theater jetzt ihren Tournee-Weg durch Deutschland begannen. Viel zum Mitklatschen und -Singen kam die Gefolgschaft allerdings nicht. Die diesbezüglichen Versuche bei den wenigen dafür geeigneten Passagen wirkten geradezu rührend.
Denn sprunghaft und allzeit überraschend geht's in Träumen zu, das monotone Gleichmaß ist ihnen fremd: das musikalische Traumtheater von der amerikanischen Ostküste begann heftig rockend, um dann plötzlich in einem musikalischen Bocksprung alle klischeehaften Erwartungen abzuwerfen, und die Phantasie befreit aufspielen zu lassen. Passagen, die an King Crimson oder Gentle Giant erinnerten, wechselten mit zappaesken Einschüben und melodiösen Gitarren-Ausflügen a la Joe Satriani, an dessen Virtuosität John Petrucci durchaus herankommt. Trotzdem verloren sich Dream Theater nie in einem eklektizistischen Zitatrock, sondern wirkten bei aller kalkulierten Komplexität frisch, direkt und originell. Sänger James LaBrie verzichtete auf die üblichen Posen und zog sich besonders bei den längeren Stücken diskret zurück, während Keyboarder Kevin Moore weniger wegen seiner Virtuosität, sondern mit ungewöhnlichen Einfällen und einem überlegten Soundkonzept brillierte. Geradezu beispielhaft zeigte er, wie die einst so beliebten Tasteninstrumente nicht nur als Begleitung in einen Gitarrenorientierten Heavy-Rock-Kontext einzubetten sind, wie selbst Synty-Soli dort wirkungsvoll zu integrieren sind. Aber auch Schlagzeuger Mike Portnoy und Bassist Myung glänzten mit Ideen, ohne sich in Selbstgefälligkeiten zu verlieren. Noch manches wäre von der musikalischen Qualität dieser Band zu berichten. Da Dream Theater in Zukunft noch viel von sich reden machen werden, mag dies an anderer Stelle geschehen.
Samstag, 20. Dezember 2025
Freitag, 19. Dezember 2025
Gelassenheit
Gelassenheit. Gelassener werden. Das ist ein Ziel, um das ich kämpfe. All das Leid, das auf einen täglich einprasselt: Es nicht an sich ran lassen, das wäre Ignoranz und egoistisch. Es an sich ran lassen, lässt einen aber verzweifeln. Wie halte ich ein solches Nichtgelingen aus? Bin ich innerlich zu weich strukturiert? So geworden im Laufe der Zeit. Zu offen für nahezu alles? Früher dachte ich, ich müsse das alles verbinden mit einer Art Widerstand gegen das Elend. Eine Verbundenheit mit den Mitmenschen spürend. Problem war nur, dass diese Umwelt mit all ihren wohlmeinenden Menschen mich eines Tages krass im Stich gelassen hat, was auch damit zusammen hängen mag, dass ich mich ungern mit anderen Menschen zusammentue, eine Gemeinsamkeit nicht so leicht herzustellen ist. Da gibt es und gab es viele innere und äußere Widerstände, die mir schadeten.
Aber heute weiß ich immer klarer, dass ich auf andere Menschen angewiesen bin. Das macht mir oft Angst. Es prasseln Fristsetzungen, Abmahnungen und andere Rechnungen auf einen ein, denen ich mich ausgeliefert fühle. Man macht Dinge falsch, ohne das zu wollen - und wird stracks und anonym dafür abgestraft, sanktioniert, unter Druck gesetzt. Wehleidig willst du aber hier nicht sein. Du musst dich offenbar an ein paar Dinge anpassen und gewöhnen, auch wenn dir das schwer fällt. Versuchen. Überkommenes aus der Vergangenheit bricht ein. Du fragst dich zum tausendsten Male „Wo bist du?, Wer bist du?“. Da ist keine jener vielleicht tröstlichen Gleichgültigkeiten, die dich gelegentlich überfällt. Egoismus, so lange man glaubt, sich das leisten zu können, umgibt dich, siehst du in allen, ja, auch in dir selbst. Gerade diese vielen gleichgültig anonymen Menschen um einen herum tun einem weh. Die bohren in dir drin. Die fordern von einem, machen betroffene Gesichter. Auch die sozialen Ungerechtigkeiten habe ich tätig kennen gelernt. Überlange Jahre. So etwas wie Grundsicherung mit all ihren Gesetzen und Begrenzungen kannte ich früher gar nicht. Diese überall vorhandene rücksichtslose Jagd nach dem Mehrwert nagt an einem. Wo steht man da?
Donnerstag, 18. Dezember 2025
Kritische Kritik
Im Grundsatz gilt ja: Die Subjektivität muss in der Presse als Objektivität behauptet werden. Es ist etwas so, wie der Kritiker behauptet. Basta. - was womöglich all den Größenwahn nach sich zieht, der in den Feuilletonstuben all die staubigen Jahrzehnte herrschte. Das ging so lange, bis das Internet sie in Richtung auf das Populäre und Verkaufbare befreite. Ich habe gerne den Pluralis Majästatis benutzt, (auch Thomas Bernhard benutzte ihn gerne, womöglich habe ich das auch von ihm). Mit dem kalten Blick abseits zu stehen, nicht Teil der Masse zu sein und sie trotzdem zu verstehen versuchen, das ist der Part des Kritikers. Wenn alle begeistert aufspringen und mitklaschend zur Bühne gehen, wie ein Fremdkörper im Gestühl sitzen bleiben und vor sich hin räsonnieren, der professionelle Spielverderber sein....., das könnte genauso wie das „Wir“ die Rolle des Kritikers kennzeichnen. Ungewohnte Perspektiven aufreißen, etwas zu erfassen versuchen. Aber auch sich hineinversetzen in die Masse und das übliche „stylish“ geklonte Material.
Mittwoch, 17. Dezember 2025
Reality hopping
Mir wurde jetzt wieder einmal klar, in welch unterschiedlichen Lebenswelten wir uns aufhalten: Ich wurde einst Journalist mit dem Bestreben, möglichst viele Lebenswelten kennen zu lernen, auf diese Weise etwas über die Welt erfahren, auch weil ich gelernt hatte, dass ökonomische oder soziale Determiniertheiten unsere Wahrnehmung stark beeinflussen. Auf diese Weise kam ich eine Zeit lang durch allerlei soziale Milieus und war in der privilegierten Position, Leute das fragen zu dürfen, was mich interessierte. Tatsächlich erweiterte sich mein Wahrnehmungshorizont dadurch und ich kam einer umfassenderen, weniger durch soziale Determiniertheiten geprägten Weltsicht in einer Welt der Tatsächlichkeiten (ergänzend zu den Theorien, die ich auf der Universität mitgekriegt hatte) auf die Spur. Das heißt: Ich begab mich auf eine Reise durch (sozial geprägte) Wirklichkeiten. Mit dem Stichwort „Reise“ meine ich eine gewisse Beweglichkeit, eine Neugier auch auf andere Horizonte, ein Heraustreten aus der eigenen Wahrnehmungswelt, andere Ansichten zur Welt, andere Einordnungen, das spielerische Einnehmen von Positionen, die Einsicht in eine relative Gültigkeit bringen, die anderes, das Andere, ja auch das Fremde grundsätzlich zulässt, ja, die sogar neugierig darauf ist. Dass Ansichten der Welt aus kulturellen und sozialen Gegebenheiten heraus nahezu programmiert sind, habe ich in der Soziologie gelernt. Dass damit oft Machtfragen zusammen hängen, brachte mir die Politikwissenschaft bei.
Dienstag, 16. Dezember 2025
Island in the Sun
Mallorca? Ibiza? Hawaii? Tahiti? Bora-Bora? Die Insel scheint das Überschaubare im Gegensatz zur Komplexität des modernen Alltags zu sein. Sind Inseln eigentlich isolierte Orte? Für Einsamkeit scheinen sie immerhin zu stehen. So manches in unserer Wahrnehmung scheint darauf zu weisen. Es geht ja unter anderem die Redewendung von der „einsamen Insel“, auf die man irgendetwas mitnehme.... Wir könnten uns dort verankern, uns vergewissern, so die Vermutung. Dies scheint einem krassen Bedürfnis von vielen zu entsprechen, denn wer wir sind, ist zu keinem Zeitpunkt sicher. Inseln sind im Bewusstsein Orte der Sehnsucht, sie sind Fluchtpunkte, widersprüchliche Orte voll Schönheit und Schrecken. Wir träumen uns dort hin und verschieben diesen Traum dann doch wieder. Unser blauer Plant ist ist zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt, was psychologisch gesehen der Lage des Unbewussten entsprechen könnte. Inseln wären dann das Ich, das sich abhebt vor solchen weiten und unbekannten Sphären des Ungewissen, das sich auch ständig vor Erosion und Unterspülung wehren muss. Inseln boten sich zudem als das Überschaubare und Abgeschlossene an, als eine Art Mikrokosmos, der die unüberschaubare große Welt auf eine kleines Stück Land zu konzentrieren. Im alten Ägypten war die Vorstellung der „Insel des Aufflammens“ mit dem Bild der Lotosknospe verknüpft, aus welcher der Sonnengott Horus emporstieg.
Mehr in der Neuzeit trat der „Inselheld“ auf den Plan: Daniel Defoes „Robinson“ mag dafür geradezu beispielgebend stehen. Er gab dem aufstrebenden Bürgertum ein gutes Beispiel, wie man aus einer öden Insel ein gutbürgerliches Haus mit Garten macht (wobei die Insel stets als „einsame“ Insel gedacht wurde). Nicht von ungefähr wurde Tahiti 1767 und 1768 innerhalb eines Jahres gleich drei mal „entdeckt“ und öffentlichkeitswirksam als Sinnbild des paradiesischen Naturzustands ausgerufen. Mithin galten Inseln ja als Abbild dieses Naturzustands, der freilich mit den menschlichen Mitteln zu überwinden war, der zu kultivieren, missionieren und zu bearbeiten war. Die Romantik bewirkte dann, dass die Insel vom Verhängnis zur Verlockung wurde und dem von der Zivilisation verdorbenen Europäer die Rückkehr zu einem „Naturzustand“ erlaubte. Hm, doch letztenendes scheint die Insel dem Menschen eine Rückkehr zu sich selbst zu erlauben (ein Mythos, auf den auch moderne TV-Sendungen schon bauten...).
Montag, 15. Dezember 2025
Vereinzelung
Meine Beobachtung ist, dass in unserer Gesellschaft eine massive Tendenz zur Vereinzelung herrscht, was ein Gefühl der Verlassenheit hervorbringt. Auf der politischen Ebene sind die Parteien längst nicht mehr fähig, dies Volk zu integrieren. Vertreter der High-Brow-Kultur (Hochkultur) konstatieren das und geben geschmäcklerisch die (noch) Unbeteiligten, für deren wirtschaftliche Existenz „gesorgt ist“. Sie sind wohlerzogen und gut gekleidet. Ihr Verhalten gründet in einer Nicht-Auseinandersetzung, bzw. einem feindlich competiver Umgang mit „Mitbewerbern“. Leuten wie mir hingegen ging und geht es darum, die Wirklichkeit abseits der Wahrnehmungsbubbles anzuerkennen und sie besser zu verstehen. Ein zielführender Begriff diesbezüglich scheint mir diesbezüglich „Empathie“ zu sein. Dem gegenüber steht das „Geschäfte machen“ also der Übervorteilung des Anderen, das „Deal-making was leicht dem „Wachstum“ zugeordnet wird. Es geht um Anpassung an Strukturen, die ich persönlich für mich viel zu wenig ernst nahm. Verpönt ist das humanistisch Moralische. Dagegen wird Pragmatismus und Interessenpolitik gestellt.
Sonntag, 14. Dezember 2025
Sowas!
Ich wollte vor dieser allgemeinen grauen Verzweiflung zusammen mit anderen wegrennen, ihr entlaufen, - doch wohin? Und mit wem zusammen? Schweres Gewicht: Die Boxen waren das Schlimmste. Sie im Schweiße des Angesichts erst anzuschaffen und dann umher zu gewichten, sie in irgendwelche Kofferräume so zu versenken, dass nicht unbedingt alles gleich kaputt ging oder herb zerschrammt war, das war die Kunst, mit der speziell ich mich als Keyboarder und Gitarrist oft genug auseinanderzusetzen hatte. Equipment für zwei Instrumente zu schleppen, das war heavy. Eigentlich hätte man danach nicht gleich die Keyboards oder Gitarre spielen können, schon gar nicht mit fingerflinken Händen. Die Hände waren nämlich eine Zeitlang kaum zu spüren. Aber es begab sich eines Tages halt so, dass dieses mal wieder zu tun war und eine schwere Box in einen vom Onkel gesponserten Kombi zu verfrachten war. Leider fiel die Klappe und der Affe war halbtot. Die hintere Klappe des Autos war im ungünstigsten Moment herunter und auf meine Stirn gefallen, beinahe auf die Augen. Es klaffte ein Spalt, es blutete, ich spürte Schmerzen. Doch derjenige, der am wenigsten zu reagieren schien, war ich. Tapfer setzte ich mich ans Steuer und fuhr heftig blutend das Gefährt. Ich war ein Held. Man machte sich Sorgen, man sprach mir gut zu, - ich hingegen hatte nur meine Musik im Sinn. Wir fuhren am Übungsraum vor und ich musste mir übel blutend Beileid abholen. Der kurzfristig erwogene Plan, die Wunde im Krankenhaus nähen zu lassen, ward verworfen: das hätte zu viel Zeit gekostet. Wir mussten vorankommen, wenn schon mal alle Bandmitglieder Zeit hatten und zur Probe erschienen waren.
Also trug, gewichtete, stemmte und zog ich meine Anlage an meinen Platz nach ganz hinten, baute auf und legte los. Leider hatte die Wunde nicht aufgehört, zu bluten. Und so lief mir fantastischem Schmerzensmann einer unerhörten Musik unaufhörlich das Blut herunter, während ich spielte und Bedeutendes aus den Tasten holte. Ich war unter einer unappetitlichen Mischung aus Blut und Schweiß zu einem schaurig sichtbaren Symbol meines Drangs zur rockmusikalischen Entäußerung geworden.
Samstag, 13. Dezember 2025
Musikerneugier
Die Neugier von Musikern scheint eng begrenzt zu sein. Ich erinnere mich, wie ich glaubte, bei bestimmten Konzerten bestimmter KünstlerInnen bestimmte Leute treffen zu können, die sich das Eintrittsgeld hätten leisten können. Nix war`s! Die scheinen alle auf sich selbst, auf den eigenen Nabel, konzentriert gewesen zu sein, brauchten keine Anregungen. Wussten offensichtlich alles sehr genau. Blöd nur, dass sie es ohne solche Anregungen von außen auch nicht schafften, ihr eng umgrenztes Ego auszudrücken, oder sich mit allen Ups und Downs auszuformulieren. Mich selbst trieb die Neugier weit hinaus ins Unbekannte, so lange, bis es nach meinem Rauswurf zu teuer für mich wurde. Eigene Musik war für mich auch ein Spiel mit Möglichkeiten, das uns immer wieder neue Horizonte erschloss. Emotional und intellektuell. Wieso nicht für die Leute, die sich genau damit tatkräftig befassten? Es ist uns ein Rätsel geblieben, genauso wie meine Expertise kaum eingeholt wurde, was erstaunlich ist angesichts von jemandem, der sich von einer anderen Seite als der akademisch technischen Seite her sehr ernsthaft mit einem Phänomen befasste. Mein anderer Standpunkt war für sie offenbar nicht gefragt. Man wusste ja selbst alles besser. Verblüffend, das alles. Aber eine Erfahrung.
Freitag, 12. Dezember 2025
Gespräch mit CL
Wenig später sollte ich den Saxofonisten Charles Lloyd interviewen. Charles.... wer? Mir war wohl entgangen, dass dieser Mann die späten sechziger Jahre mit psychedelisch getönter Musik beglückt hatte, dass er so etwas ein Kind der Flowerpower-Generation war. Was sollte ich so einen fragen? Ich bereitete mich so genau wie möglich auf ihn vor, so, wie ich es auch später bei Interviewterminen immer gemacht habe. Seine neueste Produktion hieß „Fish out of the Water“ und schien mir eine verkappte Umschreibung der Menschwerdung zu sein. Ein Bild. Ein Symbol, das auchder Psychologe C.G. Jung schon vor Jahren entdeckt und beschrieben hatte.
Ich erinnere mich, dass ich in ein kleines, aber teures Hotelzimmer gebeten wurde. In einer solchen Bleibe war ich noch nie gewesen und habe alleine schon dies als Erweiterung meines Horizonts empfunden. Was aber folgte, war ein richtig tiefes Gespräch, das keinesfalls einem dieser zeitlich und inhaltlich genau definierten Presseinterviews glich. Der Mann schien sehr schnell begriffen zu haben, dass ich mich sehr intensiv mit seinem Werk befasst hatte und dass ich von diesem Standpunkt einige tatsächliche Fragen hatte, die so gar nichts mit diesen Pflichtfragen gemein hatte, die Journalisten für gewöhnlich für solche Situationen parat haben. Würden meine Englischkenntnisse und -fähigkeiten überhaupt ausreichen, um mit ihm ein Gespräch über solch weiter gehende Themen zu führen? Die lange intensive Unterhaltung hatte schließlich in eine „Geschichte“ zu münden, die unsere Kommunikation gleichermaßen unterschlug und aufnahm. Also schrieb ich damals:
Der Blues ist wie ein Gebet - Charles Lloyd? Ich glaub', der hat mal mit Keith Jarrett zusammengespielt. Aber gehört hab' ich von dem noch nichts! Hast du die neue Scheibe?" So wie Jürgen, meinem jazzbegeistertem Bekannten, ging's mir vor wenigen Monaten auch noch. Und dabei kennt er ansonsten wirklich alles, was im Jazz einen guten Klang hat. Wir sind zwar beide älter geworden, aber endlich einmal, Gottseidank!, sind wir für eine Erinnerung noch nicht alt genug, ... ja, damals in den späten Sechzigern, da waren für uns eher noch Cream und Jimi Hendrix angesagt...
Lloyd war bereits zu dieser Zeit einer der Superstars des Jazz. Am Ende der fünfziger Jahre, noch während seines Studiums hatte er immer wieder mit Größen wie Ornette Coleman, Eric Dolphy oder Don Cherry gejammt und war auf diese Weise ziemlich schnell in die erste Garnitur der US-Jazzcracks hineingewachsen. Nach einem Gastspiel beim Cannonball Adderley Sextett gründete er schließlich sein eigenes, überaus erfolgreiches Quartett. Das live beim Monterey-Festival 1966 aufgenommene Album "Forest Flower" entwickelte sich zum Millionenseller und ereichte eine für ein Jazzalbum bis dato kaum gekannte kommerzielle Dimension. Er spielte in den großen Arenen wie dem Fillmore in San Franzisco und brachte seine Musik damit auch den Freunden der Rockmusik näher. Bei sich hatte er Musiker wie Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Cecil McBee, die mit ihm zusammen bekannt und berühmt wurden. Die Leser von Downbeat, der renommiertesten Jazzpostille Amerikas, wählten ihn zum "Jazzkünstler des Jahres". Kurz: der Mann hatte eigentlich alles erreicht.
Doch der sensible Musiker war damit erst am Anfang seiner Suche. Ständiger Tourneestress und der Druck der Öffentlichkeit waren für ihn nicht mehr auszuhalten. "Ich ließ diese Geschäfte zugunsten von höheren Zielen hinter mir" sagt er, und das klingt bei ihm überhaupt nicht pathetisch. "Ich wollte einfach mehr über das Wesen aller Dinge und über mich selbst wissen" Und so stieg er denn aus. Keine Platten, keine Tourneen, keine Interviews mehr. Nur noch Konzentration, Meditation und der Versuch, sich selber zu sein. "Ich ging ganz allein in den großen Wald und war einfach still. Die Leute hielten mich für einen Einsiedler." - Womit sie wahrscheinlich auch recht hatten. Doch heutzutage betont er viel mehr, dass man seine Erfahrungen teilen müsse, mit den Nachbarn, mit der Familie, mit möglichst vielen Mitmenschen. Aber dazu muss man wohl solche Erfahrungen erst mal gemacht haben.
In den siebziger Jahren ließ er sich nur selten dazu hinreißen, auf eine Bühne zurückzukehren. Die Experimente mit Flöte, Stimme und Harfe, die er in seiner abgeschiedenen Klause im kalifornischen Big Sur durchführte, waren ihm wichtiger. Deren Ergebnisse würde man heute sicher als New Age Music bezeichnen. Über solche Klassifizierungen aber kann Lloyd mittlerweile nur noch lachen. "Das ist etwas für die Plattenindustrie. Ich kenne keine Etiketten sondern nur Musik. Ich selbst machte immer nur die Musik, die ich fühlte. Als ich an der Universität Musik studierte, da analysierten die Leute immer: "Rock, Jazz, Beethoven... ah, Beethoven, das ist ein gutes Beispiel", man spürt sein Engagement bei solchen Themen, "Beethoven lag nichts am Analysieren, er tat's ganz einfach. Jemand anderes kommt und sagt dann, was es ist, betreibt sowas wie Formanalyse. Aber wenn man wie ich in Memphis aufwächst und schon sehr früh Bluesmusiker wie Howlin' Wolf oder Johnny Ace hört, dann merkt man sehr schnell, worum's in der Musik wirklich geht. Dieses Etwas erschreckte mich geradezu, es war einfach gewaltig und bewegte mich tief. Ich glaube, es ist letztlich etwas Religiöses, etwas Metaphysisches. Du kannst den Blues hören und es ist wie ein Gebet. Es sagt dir etwas Grundsätzliches über das menschliche Leben und seine Gesetze. Leute wie Charlie Parker nahmen dies auf und transportierten es auf ein anderes künstlerisches Niveau."
Trotz der etwas abgehobenen Thematik, habe ich das Gefühl: der Mann weiß, wovon er redet. Da ist eine Ehrlichkeit, eine Verbindlichkeit, die im Showbusiness,- und auch Jazz ist Showbusiness,- ganz selten ist. "Ich bin nicht im Showbusiness. Ich mach' wirklich nur Musik. Das ist sehr wichtig!" Er besteht darauf und seine Biographie belegt diese Behauptung ja auch.
1981, nach rund einem Jahrzehnt der Abwesenheit aus der Jazzszene, tauchte plötzlich ein junger, zwergenwüchsiger Pianist in Lloyds Exil auf: Michel Petrucciani, heute ein großer Name in der Jazzwelt, faszinierte Charles Lloyd derartig, dass er sich langsam wieder mit dem Gedanken befasste, auf die Bühne zurückzukehren. Er ging 1982 und 1983 mit Petrucciani auf Tournee und zum Ende der achtziger Jahre kristallisierten sich immer mehr die Umrisse eines neuen, großen Projektes heraus. Aber da gab es immer noch die Angst vor dem Business.
Und so musste er denn geradezu gedrängt, ja überredet werden zu der neuen Platte, die er ohnehin nicht mit irgendjemandem gemacht hätte. In Manfred Eicher, der im Juli 1989 schließlich "Fish out of Water" produzierte, fand Lloyd einen Freund und Partner, der seine Intentionen verstand und fähig war, sie als Produzent im Studio umzusetzen. "Er half mir sehr, weil er nicht nur meine Musik richtig hörte, sondern auch meine Stille." Es muss wie ein Psychodrama gewesen sein, als sie die Platte in Norwegen aufnahmen. "Ich war am Boden und man half mir wieder auf, ich war zwischen Himmel und Hölle, es war wie eine Geburt". Doch schließlich war "Fish out of water" fertig und es war alles gut. Sehr gut sogar. Ein Fisch, der aus dem Wasser schnellt, voller Lebensfreude, voller Melancholie, beseelt von der Sehnsucht nach etwas Höherem, dem er entgegenstrebt und wieder zurückkehrt ins Wasser, ins Leben. Ein Bild, ein Symbol für die Vita von Charles Lloyd, vielleicht für das Schicksal aller Suchenden. Musik, die tatsächlich stilistische Kategorien hinter sich gelassen hat und eine Sprache der Seele ist. Sie teilt sich deshalb auch denjenigen mit, die ansonsten mit Jazz weniger anfangen können. "Da ist etwas Universelles in dieser Musik, etwas, das eigentlich jedermann hören kann. Das ist ganz transparent und kein Geheimnis. Wie eine uralte Weisheit. Du musst nur zuhören".
Was davon zum Hörer rüberkommt, das interessiert ihn brennend. Zu seinem Publikum hat Lloyd ohnhin ein tiefes Verhältnis. Er gibt zu, dass ihm dessen Anerkennung und Zuneigung während der langen Bühnenabstinenz gefehlt hat. Der Kontakt zu den Leuten sei ihm wichtig, er sagt sogar, dass er mit einer besonderen Fähigkeit zur Kommunikation gesegnet sei. "Ich will meine Erfahrungen mitteilen in einer Sprache, die Musik heißt. Ich gebe das, was ich geben kann und meine Zuhörer das Ihre. Ich gebe mich ganz der Musik hin und meine Musiker tun das genauso. Das ist etwas Höheres, etwas Geistiges, etwas, was mit Demut und Hingabe zu tun hat. Da ist eine ganze Menge Liebe, die man mitteilt, etwas tief Gefühltes. Die Leute kriegen das mit, die haben eine Antenne dafür. Darüber war ich immer glücklich". Liebe, Demut und Hingabe sind Schlüsselworte für ihn, genau wie sie es einst für den großen Innovator des Jazz, John Coltrane, waren.
Wenn man ihn dann tatsächlich spielen sieht, wird anschaulich, was damit gemeint ist. Keine Beifalls- oder Effekthascherei, nicht diese abgegriffenen Tricks, wie sie etwa routinierte Popstars, aber auch "seriöse" Jazzmusiker immer wieder vorführen, sondern ein subtiles Spiel des Gebens und Nehmens, in das er vor allem auch seine Mitmusiker mit einbezieht. Allen voran der Pianist Bobo Stenson, der sich einlässt auf diese Art des Musizierens, sich anpassend und gleichzeitig eigene Impulse gebend. Schon am Blickkontakt auf der Bühne wird deutlich, welchen Respekt sie voreinander haben, welche Zuneigung hier herrscht. Der Pianobegleiter wechselt immer wieder die Rolle, wird zum Führenden, wirft Themen ein, und zieht sich wieder zurück in eine musikalische Aufmerksamkeit, die Charles Lloyd sichtlich genießt. Bewundernd lauschend sitzt er wðhrend der Pianosoli auf einem Barhocker und schmunzelt ab und zu, wie zu einer besonders guten Pointe. Die ganze Zeit aber steht das Quartett unter dieser in sich versunkenen Hochspannung, die fast schon etwas Sakrales hat. Man spürt: das ganze Potential dieser Musiker konzentriert sich auf diesen Moment.
"Wieso eigentlich spielen Sie ausgerechnet Saxophon, Mister Lloyd, gibt's da irgendeinen Grund außer dem des Zufalls?" Bei vielen großen Musikern habe ich mich schon gefragt, wie sie wohl auf einem anderen Instrument klingen würden, ob sich ihre Fähigkeiten übersetzen ließen in eine andere instrumentale Sprache. Der grauhaarige Musiker mit den indianischen, afrikanischen, mongolischen und irischen Vorfahren formuliert sorgfältig und überlegt: "Das Saxophon reflektiert für mich die Bedingungen des menschlichen Seins und die des Planeten Erde am besten", eine prätentiöse Antwort, gewiss, aber er kann's auch anders erklären: "Ich hörte immer alle Möglichkeiten des Ausdrucks auf diesem Instrument. Denken Sie mal, wie verschieden doch die großen Saxophonisten klingen". Er nennt Ben Webster, Sonny Rollins, John Coltrane, deren Namen er genießerisch auf der Zunge zergehen lässt. "Es gibt so viele Möglichkeiten, auf dem Saxophon zu atmen und zu singen. Ich weiß, dass das meine Stimme ist. Ich kann nicht singen, deshalb spiele ich Saxophon. Wenn ich singen könnte, würde ich singen. Dann bräuchte ich tatsächlich nichts anderes, als mich selbst."
Sich selbst zu suchen, sich dabei mit den Dämonen der Seele auseinanderzusetzen, sich dadurch stetig weiterzuentwickeln und auf eine höhere Bewusstseinsstufe zu gelangen, das kennzeichnet den Weg zu dem Ziel, das sich der inzwischen 52-jährige Charles Lloyd gesetzt hat. "Man hört das heute in meiner Musik, es ist eine Grundlage dafür". Im Hinausgehen frage ich ihn: "Meinen Sie, die Leute hören und mögen das wirklich?" Er lächelt leicht ironisch: "Ich glaub' schon, dass es das wert wäre, denn ich brauchte sehr lange dafür!"
Donnerstag, 11. Dezember 2025
Metal
Aus meinem Buch "Hinhören" (s.84)
Mein Nachdenken über Musik hatte mich nie soweit gebracht, freiwillig in ein Metal-Konzert zu gehen. Ich fand's furchtbar, musste aber jetzt als Freier Journalist sogar darüber schreiben, musste mir etwas möglichst Substantielles dazu abringen. Der Redakteur schickte mich jedenfalls in solche Konzerte, was die Erweiterung meines musikalischen Horizonts stark beförderte. Ich ließ mich nämlich nach und nach auf ein Codesystem ein, das ich bislang vermieden hatte, dem ich auch nicht beigekommen war. Ich begriff, dass es sich hier um einen musikalischen Code handelte, um Tribalismus und eine Art, sich mitzuteilen. Dass dies alles in den Umständen verankert war, dass „die Betäubungsmaschine“, - wie ich es an anderer Stelle genannt hatte, - gut und hörbar laut funktionierte. Ich war näher an Ritualen dran, an Mechanismen, an einem kollektiven Gebaren, über das ich mit der Zeit immer mehr dazu gelernt habe. Verstehen? Was war das angesichts eines blinden Einverstandenseins und vitalistischen „im Krach sein“? Ich hätte so etwas nie für meine eigene Person akzeptiert, gestand es aber anderen jederzeit zu. Ich registrierte das und versuchte, es besser zu verstehen. Das Unangepasste und Raue als Mythos, an den man sich klammert, der einem auf einer Bühne symbolisch vorgeführt wird: Mit lauter vorgestanzten Gesten und dem dazu passenden Habitus. Ich war distanziert, ich hatte Ironie - und Sympathie dafür. Das Kollektive und die zu ihm passenden Ausgleichs- oder Ablassventile studieren: ob ich es mit dem kalten Blick übertrieb? In dieser großen Stuttgarter Schleyerhalle spielten gleich vier Bands aus dieser Riege. Ich musste reportieren, dauere es, solange es wolle, - ich war natürlich sogleich zur Stelle.
Mittwoch, 10. Dezember 2025
Dada Gaga
In „Hinhören“ ein Blick zurück in die frühen achtziger Jahre (s.18):
Irgendwann muss ich wohl damals eine journalistische Ader an mir festgestellt haben. Jedenfalls fabrizierten wir eine Zeitung nach dem Muster der Stuttgarter Zeitung, die damals eine Seite hatte, die „Brücke zur Welt“ überschrieben war und ihren Lesern essayistische Texte am Wochenende erschloss. Ich mochte diese Seite. Wir Daheimgebliebenen in unserer Rumpfclique machten flott eine „Brücke zur alten Welt“ daraus, kopierten, kolportierten und montierten, schrieben und produzierten nach dem realen Vorbild: Wow, eines Tages war das Ding da! Es gab darin unflätige Fotos, fingierte Berichte über die Eröffnung neuer S-Bahn-Linien und beispielsweise Suchanzeigen wie folgende: „Wer hat meinen Schlüssel gesehen? Er hat einen Bart und ist offenbar unrasiert“. Das Ganze hatte eine Auflage von 6 Stück und konnte als wohlgelungen betrachtet werden.
Dienstag, 9. Dezember 2025
Macky und die Messer (Lyric ub)
Haben wir damals in den Achtzigern mit Martin Collec als Sängerin aufgenommen:
MACKY UND DIE MESSER
Ai ai ai - aguissez
tous les couteaux
(Rep.)
Macky wetzt im Keller Messer
ein Feuer zündet er
ihm geht`s jetzt
immer besser
denn Kafka kommt bald her
Ai ai ai - aguissez
tous les couteaus
Brecht trifft sich mit Eisenhauer
die großen Geister stell`n sich ein
Marylin lädt Adenauer
das Schlachtfest wird bald sein
Ai ai ai - aguissez
tous les couteaus
Von Kellerwänden grüßt Picasso
es proustet Eisenstein
Einstein fängt mit einem Lasso
Verlor`ne Zeit sich ein
Ai ai ai - aguissez
tous les couteaus
So fügt sich ein Stein zum andern
und man fragt, was es soll
was will der Macky mit dem Messer
was ist daran so toll?
Montag, 8. Dezember 2025
Kreative Teanarbeit
Wie ich mich an meine Zeiten in „meinen“ Bands erinnere? Diejenigen jedenfalls, die weitgehend von meinen Ideen und Entwürfen lebten? Ob ich da meine Kreativität einbringen konnte? Hmmm. Ach ja, ich habe auch in Bands gespielt, in denen es nicht um Kreativität, Ausdruck und „Entäußerung“ ging. Bei denen schien alles im Voraus geklärt. Auch die Machtverhältnisse. Es ging vor allem um handwerklich gute Reproduktion. Ich erinnere mich, wie ich immer besser meine Fähigkeiten handwerklicher und technischer Art einbringen konnte, wie ich es immer besser „hinkriegte“. Aber auch, wie ich manchmal scheiterte. Es waren oft auch Konflikte allgemeinmenschlicher Art, die mich bremsten. Die Schwierigkeit, eine bestimmte Idee, eine bestimmte Möglichkeit zu vermitteln, sie zu kommunizieren als etwas, was aus der eigenen Welt kam, die unter Umständen nicht gerade leicht verständlich war. Es kam in mir Verzweiflung auf, wenn manches besonders durch Freundlichkeit nicht zu vermitteln war, wenn man sich einfach nicht auf meine Art des Spiels mit Möglichkeiten einlassen wollte. Wenn mein Antrieb, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, falsch verstanden wurde. Wenn das Bestreben, möglichst sachte Impulse zu geben, nicht klappte und von der anderen Seite gar nichts kam, - was schließlich eine destruktive Situation entstehen ließ. Immerhin: Je besser die Musiker waren, desto einfacher gestaltete sich diese Vermittlung. Beliebt war auch das Feilen um minimale Änderungen und dauerndes Neueinüben von Passagen, was jegliches Fortkommen beharrlich behinderte. Die Dimension, dass ich in dieser Rolle als Chef oder Boss wenigstens einen Song lang hätte auftreten sollen, erschließt sich mir erst heute. Ob das aber „etwas gebracht“ hätte? Ein bisschen habe ich auf meine Art so etwas wie Teamarbeit eingeübt. Ob man in verfahrenen Situationen war? Man ließ Vieles gewollt offen und es kam nichts, was diese Lücke hätte füllen können. Ich lese jetzt, dass es das Einfachste sei, die Musik einfach aus sich selbst herausfließen zu lassen. Ob es mir möglich hätte sein können? Das direkte Erleben, dass Musikmachen ein schöpferisches Abenteuer sein kann, bei dem man sich gegenseitig Impulse gibt, habe ich eigentlich selten erlebt. Auch spürte ich bei manchen Mitspielern, dass es für sie vor allem um die „Anmache“ beim anderen Geschlecht ging, was ich für mich nicht als primär erfuhr und mit dem ich hätte vorsichtiger und verständnisvoller umgehen sollen. Weil ich das im Grunde auch verachtete. Aber die üblichen Posen und Selbstinszenierungen des Rockgeschäfts, das daran geknüpfte Imponiergehabe und Gehabe, waren mir immer sowieso zuwider.
Sonntag, 7. Dezember 2025
Konfirmation
Konfirmation. Erwachsen geworden. Als Gesamtmensch. Nicht nur emotional oder intellektuell. Wie bei manchen Urvölkern in vielen Ritualen. Mein Vater hat mich geführt. Es ging um ein breiteres und tieferes Verstehen, um ein Bemühen, um eine Konzentration auf Text und Gefühl, es ging um Selbstbestimmtheit und Entdeckung des Selbst, auch und gerade in der Religion, man könnte auch sagen, im Sinne von etwas Höherem. Für ein eigenes Suchen wurden mir Instrumente gezeigt. Aber auch das Alltägliche, das Dösen, das Brüten, das Trülen über gewissen Inhalten, das Aufsagen von etwas, was einem zunächst sinnlos erschien und vielleicht erst später klar wurde, von etwas, was wie eine zunächst unbegriffene Formel von außen kam, mit dem Anspruch, dies in Beziehung zu sich selbst zu setzen. Eine Haltung dazu zu entwickeln. Das Hineinfinden in einen Zusammenhang, - was einen sehr fordern kann. Etwas begreifen, mit ihm umgehen. Dazu führte er mich hin, indirekt auch mal, oft direkt, immer mit einem sanften Vertrauen in das eigene Selbst.
Ich höre jetzt, dass die Konfirmationsgruppen immer kleiner werden, dass verschiedene Dörfer und Bezirke für die Pfarrer zusammengelegt würden, um überhaupt eine zahlenmäßig zweistellige Gruppe bilden zu können. Ich denke dann, dass ich Glück gehabt habe, so geführt zu werden, solche Impulse für das ganze folgende Leben empfangen zu haben. Vielleicht aber auch wurde ich dazu hingeführt, vieles zu gutmütig zu sehen, auf die Einsicht, auf das Verständnis zu hoffen. Vielleicht wurde ich dazu hingeführt, etwas von dem zu verlieren, was man in dieser Welt offenbar braucht.
Samstag, 6. Dezember 2025
Freitag, 5. Dezember 2025
Situationismus
Draußen, im andern Zimmer, klimpert Keith Jarrett. In bester Tonqualität. Vertieft. Wer könnte sich so jemanden live leisten? Als Klimperer? Wie er phrasiert, wie er phantasiert…. alles umsonst: ich will nur einen passablen Hintergrund, etwas Jazziges, höre nicht genau hin, benutze Jarrett als Hintergrundklimperer. Wahrscheinlih machen es viele so. Medien machen es möglich. Das Tolle: ich kann mich voll darauf konzentrieren und habe dann auch etwas davon. Aus der jeweiligen Situation richten sich wohl verschiedene Erwartungen an Musik. Im Extremfall kann kann mir Musik eine Tapete sein für allerlei Beschäftigungen wie Spülen, Staubsaugen, Kehren etc. Aber ich kann mich auch in meiner Klause ganz und gar auf die gebotene Musik konzentrieren. Ich kann meine ganze lebenslange Hörerfahrung einbringen, die Musik kann mir ein Wohlgefühl bescheren, über das ich nachdenke und reflektiere. Dies schließlich sprachlich einigermaßen adäquat auszudrücken, ist manchmal schwierig. Ich kann das alles mit gewissen Hörgewohnheiten in Verbindung bringen, mit dem, was mich lange geprägt hat. Ich kann dann Traditionen entdecken, das Überkommene erkennen und es kritisch bedenken. Ich kann mich unter Umständen in Interpreten/innen hinein versetzen, ich kann analysieren, wie etwas gemacht ist und inwiefern es Klischees bestätigt. Ich kann den gesellschaftlichen Zusammenhang in meine Betrachtung mit einbeziehen. Ich kann aktiv versuchen, diese Musik verschiedenen Situationen auszusetzen. Ständig aber ist es mein Job, mich und die Aufnahme kritisch zu beobachten, meinen an vielen Objekten geschulten Verstand dabei zum Einsatz zu bringen. Dabei sind meine Bewertungsskalen variabel und selten absolut. Ich sollte mir klar machen, was mir gefällt und was nicht. Danach folgt die Frage des „Warum“. Man will ja nicht immer und in jeder Situation das Beste und ästhetisch Ausgereifteste hören; vielleicht hat man zu gewissen Situationen eine Art Lieblingsmusik, die eine ganz bestimmte Stimmung, einen klaren Ausdruck, gut trifft.
Donnerstag, 4. Dezember 2025
Gut kommt besser (als voran) (Textlyrik ub)
Aus meinen achtziger Jahren:
GUT KOMMT BESSER (besser als voran)
Graue Thermostaten verperren uns die Sicht
der Senator trifft ins Schwarze
sieht im Wald die Bäume nicht
vom Hahn tropft kalter Schweiß
die Mücken spieln' Versteck
die Jacke gleicht der Hose
einen Fahrstuhl gibt es nicht
Sahnemischmaschinen drehen uns im Kreis
die Lieder werden schneller man sinkt jetzt wieder mit
REFR.
Die Masken auf - Masquerade los, knöpf den Regenmantel zu
Gut kommt besser, besser als voran Gut kommt besser, - als voran
Alle Sternengötter treffen sich im Klo
man spiegelt sich im Scheine
Astrophie macht Konjunktur
die Katzen bleiben cool
das Radio dirigiert Mancini
und abends ins Theater:
Mignon fährt jetzt Rolls-Royce
Schicksalsproduzenten zaubern Riesenräder
sie stellen wieder Fallen und schaukeln auf und ab!
REFR.
Der schöne Fred trägt sein Gesicht spazieren
schwarz ist groß in Mode
er sagt sich: Gute Nacht!
man hört ihn manchmal lachen
und keiner weiß wieso
sein Gesicht spielt immer heiter
dahinter blökt das Nichts
Champagnerfrösche quaken süchtig weiter
es kriegen sich die Sterne - der Mond bleibt heute leer
Wenn alle Schenkel gierig zittern
tritt Zampano auf's Podest
wünscht: Schluckauf!
am Sterz blüht ein Furunkel
man klagt jetzt weh und ach
Engel im Affenzimmer
treiben schnöd Frevelwitz
die alten Bärte sprießen wieder
neu unter rost'gem Helm hervor es läutet leis´ zur letzten Rund!
Dienstag, 2. Dezember 2025
Muster für Experimente
Wir greifen das King Crimson-Album aus dem Jahr 2011 heraus und lassen uns einspinnen in eine Klangwelt, die über den führenden Linien des Bandchefs und Gitarristen Bob Fripp maßgeblich geprägt wird vom flinken Gebläse des Saxofonisten Mel Collins, den wir von den früheren King Crimson-Alben und tausend Studioproduktionen schon kennen, den wir aber auch live mit der Band Camel schon einmal erlebt haben. Jetzt durchsticht er oft den warmen Gesang von Gitarrist und Violinist Jakko Jakszyk, der dem Fripp`schen Klangideal einer Bariton-Stimme zu entsprechen scheint und uns mit seinem dunklen Timbre an frühere KC-Besetzungen erinnern kann. Wir entschließen uns, unsere Kritiken der KC-Konzerte hervor zu kramen und in diesem Horizont die Fripp-Alben, die uns zugewachsen sind, nicht zu vergessen. Ach ja, hier das Abschweifen ins Groteske, die Klangfäden überall, dies wuchtige Kraft holen, diese Feier des Eigenen Individuellen, das wir heutzutage so oft vermissen. Erst unsere Konzertbesprechung des Jahres 2003, dessen Einleitung uns bleibend beeindruckt hat: „Es ist doch nur ein kurzes Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums: Ein Rockprofessor im dunklen Anzug nimmt Platz auf einem Hocker und macht sich an einer Gitarre zu schaffen, der er sphärische Klangwolken zu entlocken scheint, harmonisch, aber doch im Nichts um sich selbst kreisend, aus dem Ungewissen herkommend und dorthin wieder verschwindend. Doch irgendwann legt der Herr Professor seine Gitarre ab, verschwindet und ein Herr Prozessor spielt immer weiter, wodurch niemand im Beethovensaal weiß, wer was gespielt hat und wie das überhaupt zustande gekommen ist.
Der in sich gekehrte Professor war Robert Fripp, der ja nicht nur als Kopf der Band King Crimson die seltsamen Experimente geliebt hat, über 35 Jahre hinweg, in tausend Besetzungen und personellen Kombinationen. Ein Enfant terrible, das auf dem Barhocker im Dunklen sitzend dem Publikum den ganzen Abend keinen einzigen Blick geschweige denn eine Ansage schenken wird und Fotoaufnahmen allerstrengstens untersagt hat. Dafür jedoch schenkt er dem Publikum seine Musik, die nun bald im vorzüglich ausgesteuerten Sound losbricht: King Crimson ist nach langen Jahren der personellen Fluktuation nun ein stabiles und traumhaft eingespieltes Quartett, das vier unterschiedliche Charaktere vereint. Schroffe, sehr eigenwillig strukturierte Massive aus elektronisch manipuliertem Klanggut türmen sich auf zu einer Art durchkomponiertem Edelmetal, fallen in sich zusammen, werden zu zerkrittelten, von ungeraden Rhyhtmen durchstochenen Klangphantasien oder gehen über in schräge Balladen voller bizarrer Einfälle: ist so etwas Prog Rock? Avantgarde Rock? Kunstrock? Nein, es ist King Crimson. Keine Etiketten. Keine Schubladen. Die zurückliegenden 35 Jahre scheinen nur Anlauf für dieses Konzert gewesen zu sein, dessen Grundlage die aktuelle CD „Power to believe“ ist. Großartig, welche Dynamik diese Band nun entfaltet, mit welcher Präzision sie fortwährend verblüfft, wie uneitel sie ihr Publikum staunen lässt, wie sie das Grobschlächtige mit dem Filigranen zusammenbringt und es zu einer schlüssigen Bestandsaufnahme ihrer musikalischen Entwicklung formt. „Prozac Blues“, Eyes wide open“, Elektrik“, „Dangerous Curves“: Nie war King Crimson so rhythmisch wie heute. Drummer Pat Mastelotto gibt selbst den schrägsten Passagen massiven Drive. Trey Gunn fingert dazu höchst einfallsreich den Stickbass, ein gut gelaunter Adrian Belew steuert als Sänger, zweiter Gitarrist aus dem Rampenlicht heraus den Abend, der zum Abenteuer wird. Keine sentimentale Erinnerung an die Vergangenheit. Kein „21st Century Schizoid Man“, kein „Moonchild“. Nur stilistische Stringenz. Alles ist aufgehoben in der Gegenwart. Überragend.
Es folgt meine CD-Besprechung aus dem Jahr 2003: „Lange ist’s her, da waren sie Schrittmacher des Progressiv Rock, schienen integriert in den Zirkus der Trends. Musiker kamen und gingen die folgenden Jahre, nur einer blieb: King Crimson wurde zur Kopfgeburt ihres Gitarristen Bob Fripp. Diese musikalische Sprache, diese schroffen Klangmassive, die sich in weite elektronische Flächen öffnen konnten oder sich von feinem Rhythmusgestotter in ungeraden Takten zerlegen ließen, sie waren alle in Fripps Phantasie gewachsen. Doch dann, in der dritten Dekade ihres Bestehens und inzwischen weit vom Alltag des Rockgeschäfts entfernt, entwickelte sich King Crimson wieder zurück zur Band mit stabiler Besetzung. Die neue King Crimson-CD „The Power to Believe“ scheint diese Entwicklung zu reflektieren, indem sie die Fripp’schen Egomanien mit Bandgefühl interpretiert. Da ist es wieder, dieses mit fieser Gitarrengewalt drohende, mühsam kontrollierte Breitwandchaos: das Stück „Level Five“ und „Facts of Life“ etwa scheint es trotz aller gekünstelt paranoiden Strukturen schier zerbersten zu lassen. Das eher lyrische „Eyes wide open“ könnte aus King Crimsons Frühzeit stammen und weist doch auf den wichtigen Einfluss, den Fripps Co-Gitarrist und Sänger Adrian Belew hat. So geht’s weiter: Alt und Neu fließen zusammen, Experimente gehen in längst geprägten Mustern auf. Eine Platte für Fans und solche, die King Crimson noch nicht kennen.
(King Crimson, The Power to believe, Sanctuary Sancd 155)“.
Jetzt finde ich auch noch meine Konzertbesprechung aus dem Jahr 2016: „Schon der Bühnenaufbau kann überraschen: Drei Schlagzeuge nebeneinander, das ist in der Rockmusik unüblich und ward nie gesehen. Aber die Band King Crimson ist ja immer schon komplett überraschend gewesen, hat während der vergangenen fast 50 Jahre um ihren Kopf herum, den Gitarristen Robert Fripp, fortwährend die Besetzung geändert und stilprägenden Avantgarde-Rock der verschiedensten Ausprägung gespielt. Ein Mythos. Eine Legende. Gleich ein Doppelkonzert ihrer aktuellen Tournee spielen sie im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart, natürlich vor jeweils ausverkauftem Haus. Die drei Herren Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey eröffnen denn auch gleich mit ihrem Dreier-Intro das Konzert. Wir ahnen, dass diese Besetzung kein Gag ist, sondern dass sich diese drei auf das Trefflichste ergänzen wollen, dass sie hochkonzentriert ohne jede Showeinlagen ihre Rolle spielen werden, die eine fantasiereiche Aufsplitting der einzelnen percussiven Abläufe bringt, fein abgestimmte Übergaben des Rhythmus selbst mitten in ungeraden Metren und filigrane Ziselierungen mittels kurzer Akzente, aber auch Keyboardeinlagen und andere elektronische Einspielungen. Es ist ein Team, genauso wie die ganze Band, in der niemand herausragt oder sich als überragender Solist profilieren kann, weil die Dinge meist exakt festgelegt erscheinen und die Räume für allzu ausufernde Soli gar nicht existieren. Am ehesten noch scheint da Mel Collins, der aus den Anfangstagen der Band aufgetauchte Saxofonist und Flötist, sich noch gelegentlich in diese solistische Rolle hineintröten zu dürfen.
So geht’s nach der Schlagzeugereinleitung in die erste, sehr abgehoben und teilweise schroff wirkende Folge von Stücken, die weit vom üblichen Rockklischee entfernt scheinen. Wir, aber womöglich auch die Musiker, werden hineingezogen in einen eigenen Strom der Bezüglichkeiten, in der selbst der Bandboss Fripp nur ein Teil des Ganzen ist und in keinster Weise heraus ragt. Neben ihm agieren auf der zweiten Linie der Bühne mit dem Bassisten Tony Levin, mit dem Sängergitarristen Jakko Jaksyk und dem frühen Weggefährten Collins sowieso nur ausgewiesene Könner, die keinerlei Profilierung nötig haben und in diversen Bands ihre Spuren hinterlassen haben. Es taucht nun das eher grobe Stück „Easy Money“ auf, aber auch das feingliedrige „Epitaph“ oder das bekannte „In the Court of Crimson King“ aus den Anfangstagen der späten sechziger Jahre auf. Solche Stücke markieren ein typisches Kennzeichen der Band durch alle Besetzungen hindurch: das Wüste, Grobe und zuweilen auch stark rifforientierte Musizieren kann hier neben feingliedrigen Klangspekulationen stehen, die auf die verschiedenste Art verbunden erscheinen. Um die drei Stunden dauert der Auftritt und keine Sekunde davon ist langweilig: zum Schluss kommen beim Bowie-Heuler „Heroes“ und dann bei „21 Century Schizoid Man“ natürlich die gemeinschaftstiftenden Ohrwürmer: ein großartiges Konzert.
Montag, 1. Dezember 2025
PR-Bearbeiter
Meiner Meinung nach ist unsere politische Kultur von folgenden Strategien beherrscht, deren Auswirkungen wir derzeit auf vielerlei Arten spüren: Schönreden, aussitzen, wegmoderieren, weglächeln, abwiegeln, abbügeln, wegducken, sich der Verantwortung entziehen.....Aktuelle Beispiele gibt es leider zuhauf. Es wird solches Verhalten gerne als „professionell“ gedeutet. Die gezielte Beeinflussung des öffentlichen Raumes ist Ausweis der Kompetenz geworden und ernährt zahlreiche Nutznießer. PR-Berater, Pessesprecher, Vorstandssprecher geben sich gerne dafür her, die Meinung ihrer Auftraggeber kundzutun. Es resultieren daraus offenbar zahlreiche Vorgänge der jüngsten Vergangenheit. Niemand glaubt mehr etwas, wobei „Vertrauen“ so etwas wie ein konstitutives Element dieser Demokratie wäre. Trump kann mit durchsichtigsten Absichten von seinen „Fake News“ faseln, andere Politiker lassen Veränderungen versprechen und wollen doch nur ruhig stellen. Wollen besänftigen. Aussitzen.... usw. (siehe oben). Rhetorisch die Dinge drehen, in ihrem Sinne darstellen usw. Das Erstaunliche dabei ist, dass es viel zu oft funktioniert, dass man angesichts dessen fassungslos ist und empört. Dass viele unserer Mitmenschen einfachste Lösungen bevorzugen, auch dort, wo eine differenzierte Analyse vonnöten wäre.
Sonntag, 30. November 2025
Samstag, 29. November 2025
Klares Wasser (ub)
KLARES WASSER
Suche:
nach dem klaren Wasser
aus dem ich trinken kann
in dem ich den Grund sehen kann
eintauchen, einsinken...
mich treiben lassen
ohne Angst
dies Wasser,
das mich trägt
ohne Fragen
das wirklich ist
weil ich es fühlen, trinken,
hören, sehen kann.......
Wo?
Freitag, 28. November 2025
Abbilder
Blick zur Seite. Blick ins Unbekannte. Fremd. Geradezu militärisch straff sind sie organisiert, denen wir in TV-Features zuschauen, über die wir uns informieren. Sie lassen sich einreden, sie seien bedroht und müssten deshalb zu Waffen greifen. Sich einsetzen für das Richtige. Rechtzeitig angreifen, bevor es zu spät ist. Sie gehen auf im militärischen Körper, im Ganzen, sie sind gleichgerichtet, reihen sich ein, funktionieren jederzeit. Wer nicht funktioniert, wird beseitigt. Befehl. Gehorsam. Hierarchie. Oben. Unten. Kein Nachdenken. Bereit zur Brutalität. Den Feind vernichten. Tarnen und täuschen. Aufgehen in der Masse. Schießen und erschießen, uniform gleich. Menschen entmenschlichen. Kameradschaft im Bösen. Listig. Rechtzeitig, timing ist alles. Einer gibt den Befehl, die Losung. Alle brüllen ihre Zustimmung, ihr Einverständnis, ihre absolute Identifikation. Wollen stürmen. Vorne dran sein. Total. Sie beten die Macht an. Deren Inszenierung. Ihre Gesten. Ihre Symbole. Ob wir uns angesichts dessen fremd fühlen?
Donnerstag, 27. November 2025
Moderne Sinnsuche
Gott, Liebe, Suche, Erlösung. Schlüsselworte eines sozialen Mechanismus, der als „spirituelle Suche“ die Nachfolge der organisierten Religionsausübung angetreten zu haben scheint. Die Tradition scheint uns anderes zu überliefern: Papst, Inquisition, Hexen etc.. Aber ab wann geht es um eine selbstbestimmte Suche, um den individuellen Weg und jene Erlösung im Selbst, die nie zu Ende ist und eine beständige Suche voraus setzt? Kurz: die Emanzipation des Geistes und Verhaltens? Kirchenstrukturen der kanalisierten spirituellen Suche zu erkennen und damit umgehen zu können, scheint wohl eine meiner Lebenslinien zu sein, die mich ins Hier und Jetzt geführt haben. Ich versuche, Verhaltensmuster zu erkennen. Dazu gehört, dass oft ein Mensch die Regeln und die Weisheit verkündet, der alle folgen sollen. In der Politik führt das über die Autokratie in den Faschismus. Jetzt werden im Geschäft der Spiritualitäti oft Köder der Mitmenschlichkeit und der Empathie ausgelegt, die selbstverständlich honoriert und teuer bezahlt werden sollen. Das bisher Unerkannte im einzelnen Menschen zu heben, mag da als Ziel ausgegeben sein. Auch ganz allgemein dem Licht entgegen zu gehen, davon geht die geheimnisvolle Kunde. Es wird auch gerne mal von der „Wertschätzung des Individuums“ geschwafelt, es werden teure Seminare und Veranstaltungen angeboten, bei denen sich ein “Meister“ oder „Wissender“ als Seelenführer inszeniert. Im Übrigen überlässt dieser Führer vieles dem Gruppendruck: Wer sich nicht dem Regelwerk gemäß verhält, wird sanktioniert oder vor der Gruppe bloßgestellt (siehe auch politische Mechanismen). Es geht offensichtlich explizit oder auch latent um Macht und Machtausübung, um Gruppenzwang und in Aussicht gestellte Erlösung. Auch scheint eine gewisse sexuelle Enthemmung und Einübung einer Promiskuität vieler solcher Selbsterfahrungssitzungen zu sein. Sich auszuziehen und dann ungehemmten sexuellen Kontakt in einer „In-Group“ zu suchen, scheint mir da unabdingbar und ein Muster zu sein, das sich oft durch die „moderne“ Sinnsuche zieht. An seine Grenzen zu gehen, auch darum geht es oft als Hauptzweck. Man solle sich selbst in seinen Bedürfnissen erkennen, sehen und finden, so heißt es. Auch werden dann gerne Drogen und mystische Rituale zu diesem Zwecke eingesetzt. Es gilt bei allem, eine In-Group der Wissenden, der Erfüllung und Erlösung Suchenden und eine Outgroup der Ahnungslosen, der tumben und ahnungslosen Masse distinktiv zu erzeugen, sie zu erkennen, - natürlich gegen reichlich Kohle.
Mittwoch, 26. November 2025
Abenteuerabend
Es ist ein paar Tage her. Aber ich habe es geschrieben, als ich ein Anderer und Derselbe war: Jeder hat ihn schon gehört, so gut wie keiner kennt seinen Namen. Ein typischer Studiomusiker halt. Aber einer der allerbesten. Lee Ritenour ist seit seinem 16. Lebensjahr Profigitarrist und hat seit 1974 im Studio brilliert. Jazz, Rock, Funk, Blues, Latin, - der inzwischen 53jährige Amerikaner kann alles perfekt. Für Dizzy Gillespie, Herbie Hancock und Sonny Rollins hat er gespielt, aber auch für Frank Sinatra, für Steely Dan und Pink Floyds „The Wall“. Rund 3000 Aufnahmen sind’s geworden. Zeitweise war Ritenour für bis zu 20 Sessions in der Woche engagiert. Er hat auch Soloalben eingespielt, „Captain Finger“ aus dem Jahr 1977 darf als Klassiker des Fusionjazz gelten. Aber Zeit für Tourneen blieb kaum. Doch nun steht er plötzlich doch auf der Bühne des Theaterhauses. Natürlich hat er eine Allstar-Band mitgebracht, an großen Namen soll’s nicht fehlen. Doch was jetzt?
Er liefert ein überragendes, ein grandioses Konzert ab. Ein Mittel des Ausdrucks sein stupende Technik, eine Abschussrampe der Kreativität seine Stücke: Was sich auf der Tonkonserve zuweilen seicht und gefällig angehört haben mag, erwacht an diesem Abend zu einer umwerfenden spielerischen Vitalität. Popjazz? Fusion? Solche Schubladenbegriffe scheinen Ritenour und seine Band hinter sich gelassen zu haben. Was zählt, ist der freie Fluss und Austausch der Ideen, das Spiel mit den Möglichkeiten. Mit eher jazzig gebrochenen Stücken tastet sich die Band ins Geschehen, der Gitarrist brilliert mit lockerem Oktavspiel, variiert virtuos die Anschlag- und Grifftechniken, um dann plötzlich hinreißend funky zu werden und mit einer frappierenden Spielfreude den Rhythmus zu zelebrieren. Wie so oft an diesem Abend nehmen die Musiker solche Impulse sofort auf, wandeln sie mit ihren Möglichkeiten und spielen den Ball zurück. Die Keyboarderin Patrice Rushen retourniert kühl und feurig zugleich: allein schon für sie hätte sich der Besuch des Konzerts gelohnt. Der Schlagzeuger Alex Acuna, der Bassist Brian Bromberg, der Saxofonist Ernie Watts, sie alle lassen Soli und Gruppenspiel auf eine Weise ineinander fließen, die durchweg verblüfft und den Abend zum Abenteuer werden lässt. Nie aufdringlich, aber unglaublich intensiv, gibt Ritenour Anregungen, streift humorvoll den Rock, den Blues und andere Stile, wird härter, wird weicher, setzt Spannungsbögen und tummelt sich in aberwitzig schnell gespielten Unisono-Passagen. Fusionklassiker wie „Rio Funk“ und „Captain Fingers“ sind kaum wiederzuerkennen: Der Mann ist gereift. Als Studiomusiker mag Lee Ritenour ein absolutes Ass sein, als Livemusiker ist er ein Erlebnis.
Dienstag, 25. November 2025
Spiegelei
Sie ist unlängst bei mir in meinen Zetteln aufgetaucht, was ich aus den Augenwinkeln mitkriegte. Sie, die mir früher im Hinblick auf so etwas wie Identität so viel bedeutete. Cindy Sherman beobachtete sich auf jedem ihrer Selbstporträts als ein anderes Ich, immer auf der Suche nach sich selbst. Sie bannte Ehe- und Karrierefrauen, Stenotypistinnen, freizügige Lebedamen oder böse Feen in ihren Fotos, Filmen und Texten. Sherman ging es nicht um eine eitle Selbstbespiegelung, um eine Vorführung des eigenen Ich. Sie sagte mal „ Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je völlig ich selbst bin, außer wenn ich ganz alleine bin. Ich sehe mein Leben als Übungsplatz, weil ich fortwährend Rollen spiele“. Die Verwandlungsfähigkeit und das Einfühlungsvermögen, in andere Wesen zu schlüpfen, sich per raffiniertem Identitätstausch zu verwandeln, in Temperamente, Reizbarkeiten, und in anderen extrem fremden Häuten aufzugehen, das eigene Ich aufzugeben, das führte sie uns eindrucksvoll vor. Es war wohl so etwas wie ihr Lebensentwurf. „Es gibt das stereotype Bild von dem Mädchen, das sich hinein träumt in Rollen, etwa eines Popstars. Sherman arbeitete auch mit Science-Fiction-Maskeraden, mit Gruselmimik, mit Gesichtsattrappen und künstlichen Körperteilen. Es sind wohl alles Untersuchungen der eigenen Person, die das Recht an dem einen völlig mit sich selbst identischen Person verwischt und verliert.
Montag, 24. November 2025
Zukunft mit KI gestalten
Es wird einem ja regelrecht eingebläut, eingeprügelt, mit allen Mitteln eingetrichtert: KI hilft, die Menschheit zu retten. Die wenigen kritischen Stimmen scheinen verstummt, jetzt geht es mit gewaltigem Medienoverkill ab, das Thema zu propagieren. Es muss offenbar gelernt und übernommen werden, besonders von denen, die an den unbedingten technologischen Fortschritt glauben. Auch das hierzulande dringend erwartete Wachstum soll damit voran getrieben werden: ein Narr, wer sich dem verweigert. Innovation und Fortschritt sind angesagt. Wer will da nicht mit? KI verändert die Art, wie wir Fragen stellen und beantworten, so heißt es. Wie wir Ideen entwickeln und Probleme lösen, soll davon stark beeinflusst werden. Einen kleinen Vorgeschmack davon haben wir schon durch die verschiedenen Programm erfahren dürfen: Angenehm das alles, ein paar erfolgreiche Versuche und dann das Abonnement abschließen, das heißt sodann löhnen, was damit auf das Wichtigste deutet. Unsere Welt soll beschleunigt werden, alles kann noch schneller gehen, Arbeitsplätze werden geschaffen und abgeschafft. KI erstellt uns ein echtes Gegenüber, das sich in tausende von Assistenten verzweigt. Was heute gilt, kann morgen schon veraltet sein. Ob dies Tempo dem Menschen entspricht, ob es ihm entgegen kommt, scheint zunächst einmal egal: was ausschließlich zählt, ist der technologische Fortschritt.
Digitale Transformation heißt das Schlagwort. Wer kommt da mit, immer schneller, immer effektiver in dieser immer komplexer werdenden Welt? Es wird als gegeben angenommen, das wir uns diesen Entwicklungen anpassen sollen und nicht umgekehrt. Die Zukunft gestalten: das geht nur mit KI, so die Message. Bei uns in schland scheint die Autoindustrie stark angeschlagen. Rezept: KI. Weiterbildung in KI. Der Mensch wird von solchen Entwicklungen geformt, soll sich anpassen, soll mitkommen, soll Fortschritt vollziehen. Ob das rein technologische Argumente sind? Ob Menschen dadurch auch deformiert, verbogen und entfremdet werden? Ob sie überhaupt noch eine Rolle spielen werden? Welche? Ich denke, das kritische Abwägen, das Für und Wider erwägen, wäre ein Weg. Wie? Ich weiß auch nicht. Aber dies unkritische Anhimmeln technologischer Möglichkeiten erscheint mir auch nicht als gangbarer Weg und orientiert sich wohl an den Technokraten-Fürsten von Silicon Valley.
Sonntag, 23. November 2025
Bestimmtheiten?
Der freie Wille? Eine alte Streitfrage, gerade in der Philosophie. Haha. Ich sehe schon, wie die Auskenner die Augenbraue hoch ziehen.... Die einen behaupten, dass alles determiniert, also festgelegt sei: durch Gene, Umwelt, Gehirnstrukturen, Chemie, Normen.... Die anderen halten am freien Willen fest, weil der dem mündigen Bürger immanent sei, das heißt, ein wesentlicher Bestandteil seines Seins. Nun scheinen noch die digitalen Herrschaftsformen hinzuzukommen, die mehr oder weniger indirekt den Menschen zu entmündigen scheinen. Algorithmen scheinen unser Dasein in Zukunft zu bestimmen: und diese Zukunft hat schon angefangen. Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein bestimmtes Ereignis eintritt, welche Nachrichten wir lesen und welche Konsumartikel wir kaufen, wie wir von Behörden belangt werden und welche Partei wir wählen: alles automatisiert und nach Wahrscheinlichkeit vorhergesagt. Wo da ein Bedürfnis nach Über- und Durchblick bleibt? Nach „Grundwerten“? Demokratie? Wie wohl die Juristerei damit umgeht? Ob das alles auch eine Machtfrage ist? Wem bedeutet dies etwas Konkretes? Wer einen praktischen Versuch mit Algorithmen unternehmen will, startet seine Suchmaschine. Selbst ihre Ergebnisse erscheinen verdeckt und ihre Kriterien erschließen sich möglicherweise nicht so schnell. Tatsache ist, dass Algorithmen vieles sogar besser zu wissen scheinen, als wir selbst. Der Mensch wird bei ihnen eine vorhersagbare Masse, die es zu steuern gilt. Doch nach welchen Kriterien? Ob "der Staat" diese vorgibt, wie jetzt bereits in einigen Ländern? Oder Firmen? Oder "Experten"?
Samstag, 22. November 2025
Donnerstag, 20. November 2025
Schwarze Schwäne
Von „schwarzen Schwänen“ ist manchmal die Rede. Wobei für „die Gebildeten“ die Rede davon ist, ob die Wahrscheinlichkeit, das unwahrscheinliche Ereignisse eintreten, hoch oder tief ist. Klingt anspruchsvoll? Für solche Erkenntnisse hat sogar ein Typ namens Nassim Nicholas Taleb große Auszeichnungen kassiert. Nun ja, den Alltag hat es unter anderem bei der bisher letzten Explosion eines Kernreaktors berührt. Wie oft hat man uns gesagt, dass die Dinger sicher seien und die Wahrscheinlichkeiten, dass etwas passieren könne, niedrig. Und doch hat es in Tschnernobyl 1986 und in Fukushima 2011 in allerletzter Zeit (gemessen an der Million Jahre, in denen Radioaktivität präsent ist…) gleich zwei solcher Ereignisse gegeben. Oder die Coronakrise und der russische Einmarsch: So gut wie niemand hatte das auf der Rechnung. Doch es kam über Nacht und viele Leute (natürlich nicht die, die das womöglich ausgelöst hatten!) verloren ihren Arbeitsplatz. Was uns das lehrt? „Unwahrscheinliche“ Ereignisse können häufiger eintreten, als wir denken. Das „Unnormale“ ist näher, als man meint. Wir sollten wenig für gewiss halten.
Mittwoch, 19. November 2025
Paradox
Zukünftige Zeitreisen? Ob's jemals möglich werden wird? Wieso haben wir noch immer keine Gäste aus der Zukunft? Per „Wurmlochzeitmaschine? Die Ursache könnte ein generelles Problem von Zeitreisen sein: Sie führen zu unauflösbaren Widersprüchen. Paradoxien. Der verstorbene Star-Physiker Stephen Hawking führte ein „Pardoxon der Wissenschaftlers“ auf: Stellen wir uns vor, es sei dem Wissenschaftler gelungen, ein „Wurmloch“ zu konstruieren, also einen Zeittunnel, der eine Minute lang in die Vergangenheit führt. Eine solche „kleine“ Zeitreise kann aber schon große Probleme verursachen. Durch das Wurmloch könnte der Forscher sich selbst sehen, wie er vor einer Minute war. Was passiert, wenn der Forscher das Wurmloch benutzt, um sein früheres Selbst zu erschießen? Er ist dann tot. Erschossen. Wer hat nun den Schuss abgegeben? Hm. Dies Paradoxon ergibt erst mal keinen Sinn.
Dienstag, 18. November 2025
Heimat
Die Anderen? Die Fremden? Wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag damals schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht zu wissen glauben, woher genau sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben, die dort zuhause sein können, wo sie gerade sind. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten kann, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?
Montag, 17. November 2025
Unsers
Ja klar, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Demokratie sind uns einiges wert, worüber es auch lohnen würde, sich mit den Gefolgsleuten der Diktatoren auseinander zu setzen. Ja ja, darüber reden hilft bei manchen Leuten nichts. Versuchen, die Gegenüber in Strukturen zu verstricken, Verträge, Abmachungen, empathische Leistungen wie etwa „meinem Gegenüber geht es auch schlecht dabei“ (oder auch nicht, weil er keinerlei Empathie hat oder es ihm aberzogen worden ist.) Nun ja, ein bisschen mehr ginge vielleicht schon. Vielleicht könnten wir uns ja auch noch ein bisschen verbessern, vorwärts kommen. Das, was Demokratie auch sein könnte, anstreben – auch gegenüber den beharrenden Kräften (die sich gerne als „konservativ“ ausgeben) Hierarchie könnten nicht unser Ding sein. Unser Wirken könnte darauf gerichtet sein, so etwas immer mehr abzubauen und dadurch mehr Lebensqualität zu schaffen. Freiheit? Für wen? Zu was? Was alles könnte „Freiheit“ bedeuten. Material für Sonntagsreden. Vielleicht ginge es auch anders. Die äußeren Hüllen vor sich herschieben, das beobachte ich oft. War und ist nie mein Ding! Demokratie ist ja auch etwas, was sich entwickeln muss und wofür es Raum geben muss. Aber was passiert? Nein. Rechtsstaatlichkeit scheint mir zu oft missbraucht zu werden, insbesondere zur Wahrung von Besitzständen. „Weil ich eingesehen habe, dass das richtig für alle ist“: dieses Diktum der antiken Philosophen sollte vielleicht mehr gedacht werden. Es geht um ein besseres Verstehen des Anderen. Es geht auch darum, selbstwirksam etwas zu tun. Wenigstens das entfernte Gefühl zu haben, dass man bei etwas mitwirken kann. Ich höre aus meiner Umgebung, dass das, was man sich hinzu verdient, einem sofort von der Grundsicherung abgezogen wird….. ob dadurch irgendeine Initiative bzgl des eigenen Daseins gefördert wird. Was ist der Staat? Die vielen Behörden und Verwaltungen? Das Eigentum derer, die sich jeden Tag im Fernsehen als Eigentümer gerieren? Die Machtmanager? Sind wir deren Apparat ausgeliefert? Deren Bürokratiemonster? Müssen wir uns alles gefallen lassen, von Staatswegen? Uns als „Boomer“ oder „Sozialschmarotzer“ beschimpfen lassen? Demokratie könnte doch mehr sein…...
Sonntag, 16. November 2025
Der Gleichmacher
Wir tragen doch alle ein Skelett spazieren. Das heißt, unter der Haut sind wir gleich. Das hat manchmal etwas Tröstliches und auch etwas, was uns wütend werden lässt. Noch. Oder doch nicht? Besonders die amerikanische Kultur scheint in allen Belangen von einem gewissen, in Geld zu bemessenden Wert des Menschen auszugehen. Was der Mensch wert ist, bemisst sich also nach diesen Maßstäben in Geld. Dies mag auch ein Erbe der Puritaner sein, die glaubten, dass der Mensch sich im Diesseits seine Sporen für das Jenseits verdiene. Der tätige Mensch im Diesseits könne durch Gott errettet werden. Wer also in diesem Leben tüchtig ist, wird durch das ewige Himmelreich geadelt. Diese Einstellung setzte sich durch verschiedene Wandlungen in den USA bis Trump fort, wodurch auch Einiges dort besser verständlich erscheinen mag. Das Interessante: Eine solche Werthaltung scheint nun immer mehr in unsere Kultur einzuwandern, einzusickern, zurück zu wandern. Unmerklich zuerst. Dann immer bestimmter. Hinzu kommt, dass besonders gewisse Unternehmen in Silicon Valley auf technische Weise eine Lebensverlängerung oder sogar das ewige Leben zu versprechen scheinen. Gegen Kohle natürlich. Der Tod als großer Gleichmacher könnte sich auf diese Weise erledigen.
Samstag, 15. November 2025
Bloggi
Die verschiedenen Beiträge dieses Blogs sind nur Versuche, die Wirklichkeit zu deuten, etwas mehr zu verstehen, ihr eine Perspektive abzuringen, sich vorsichtig hinein zu tasten, in ein Spiegelkabinett, dessen Deutung durch tausend Faktoren wie etwa Digitalmonopole einigermaßen vorherbestimmt sein kann. Wir bauen Sichtweisen auf und ab, wir nehmen spielerisch Haltungen ein, wir reflektieren unsere unmittelbare und unsere mittelbare Umgebung, wir spekulieren darüber, wir versuchen mit unseren Mitteln zu verstehen. Wir drehen uns und nehmen einen anderen Standpunkt ein, spielerisch, eingedenk der Relationen, die sich jeweils davon ableiten. Wir lassen uns dafür beschimpfen von den eindeutig orientierten Tatmenschen, denen jedes Erwägen fremd ist, die nur tun und machen (nach welchen Maßstäben, wohin treibt es sie...? genau an dieser Stelle will dieses Blog einige Tipps geben...). Wir fragen nach deren Maßstäben, wir versuchen, uns hineinzuversetzen, wir wollen uns in Empathie üben.
Freitag, 14. November 2025
Blick hinaus
Man hat den Eindruck, dass diese Politiker den Problemen nicht mehr gewachsen sind. Von der Konferenz, die Plastikflut betreffend, hörte man plötzlich gar nix Positives mehr, nachdem sie davor schon einmal als Misserfolg geplatzt war – und jetzt noch einmal. Leute wie Trump halten sich sowieso in anderen Gefilden auf, wo Umwelt/Ökologie nichts gilt. Hierzulande funktioniert die Bahn nicht, Elektrotankstellen sind nicht genügend ausgebaut, die Mieten steigen ins Unermessliche, die Busanbindung auf dem Land ist mangelhaft, das Gesundheitssystem ist wahnsinnig teuer, leistet aber in Relation dazu nichts. Hinzu kommt, dass man das Gefühl hat: es könnte besser werden. Bloß mit diesem Personal, das total abgehoben und weit entfernt von den Wünschen seiner Wähler ist, geht das nicht. Das Rentensystem ist am Zusammenbrechen und Politiker (die sich selbst sowieso anders im Alter versorgen!) verdrängen weiter. Im „Sondervermögen“ (was ein rhetorischer Trick ist und eigentlich „Schulden“ heißen müsste) türmen sich Billionen auf, aber fürs Alltäglichste ist kein Geld da, im Gegenteil, der Finanzminister weiß offenbar nicht, wo er`s herholen soll. Brücken brechen zusammen, das sogenannte „Bürgergeld“ läuft finanziell völlig aus dem Ruder. Die Schwarzarbeit, aber keineswegs die Wirtschaft, boomt. Die Reichen flüchten unbehelligt in Steueroasen oder rechnen mit Cum EX, die Armen können eine gewaltige Steuerlast bald nicht mehr tragen. Was folgt? Die Kommunale Infrastruktur geht vor die Hunde. Freibäder schließen. Das Bildungssystem ist durch und durch marode. Die Armen werden sowieso immer ärmer, die Reichen reicher. Diejenigen, die im Osten leben, haben Pech gehabt und wählen jetzt dementsprechend.
Donnerstag, 13. November 2025
Fließband
Wir hatten das ja schon lange gespürt, alleine schon durch genaueres Zuhören und ein „Sich einlassen“: diese Anonymisierung der „erfolgreichen“ Musik. Vorbei der spezielle Sound, die musikalische Handschrift, die Identität eines Künstlers. Jetzt und heute dominiert die Arbeitsteilung, die Spezialisierung des Handwerklichen, hin zur Arbeitsteilung: in einem von einem namensgebenden „Produzenten“ gelenkten Produktionsstab gibt es Spezialisten für die Hook, für die Flächen und Harmonien, für den Groove und für den Gesang: alles ist normiert und codiert, vorbestimmt in Klangfarbe und Tempo. Pophits werden in großer Zahl wie ein skaliertes „Produkt“ am Fließband produziert. Es entsteht so jene Gleichförmigkeit des Massenprodukts, die heute die Charts und Megastars mit den großen Namen dominiert, was natürlich zu einer absoluten Verflachung der Popmusik führt. Da ist nichts mehr von dem einsamen Künstler, der eine geniale Idee aus sich selbst schöpft und dabei eine ganz persönliche Art der musikalischen Umsetzung pflegt. Ecken und Kanten sind out. Die niederschmetternde Machart und Ästhetik des Massenprodukts dominiert. Ja, es gibt noch wenige Ausnahmen, gewiss. Aber das erkennbare Bestreben, einen eigenen Ausdruck zu (er)finden ist vorbei. Sogar der einstige „Sommerhit“ ist verschwunden. Aufregung kann durch verschiedene Faktoren erzeugt werden. Auch dadurch, das scheinbar Unerhörte im Hörer zu Gehör zu bringen. Ein Wagnis, ein Risiko einzugehen. Natürlich spielt dabei auch der „Zeitgeist“ seine Rolle: Ob es „früher“ so war, dass man neugierig war, dass man Grenzen, Horizonte überschreiten wollte, - auch mittels der Musik? Dann stünde das aktuelle Geschehen in einem krassen Gegensatz dazu.
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