Reise durch Wirklichkeiten

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Sonntag, 10. August 2025

Auf "Reisen"

Ob sie jetzt alle weg sind? Auf Reisen? Wir erfahren etwas über die Welt und uns, so heißt es. So wird uns versprochen. Von der entsprechenden Industrie. Doch das setzt auch eine gewisse Neugier voraus. Ein Bestreben, sich von den allgemeinen Trampelpfaden abzusetzen in Richtung auf etwas Individuelles. Blöd nur, dass sich das inzwischen viele derer versprechen, die etwas von sich halten und die es sich leisten können. Ja, das Reisen selbst ist längst zu einem Statussymbol geworden. Individualreisen? Wer`s kann. Waren im 17. , 18., 19. und 20. Jahrhundert Reisen noch einer gewissen gesellschaftlichen Schicht vorbehalten, so ist das Genre inzwischen zum Massentourismus geworden, das Versprechen einer individuellen Erweiterung des Horizonts und unverbindlichen Bespassung ist vervielfältigt – was sich unter anderem in der Masse der verschiedenen, für jeweilige Zielgruppen abgefassten Reiseführer zeigt, die sich an ein mit einer gewissen Neugier ausgestattetes Publikum wendet. Dessen Hedonismus scheint nur jeweils schichtenspezifische Ausprägungen anzunehmen.

Sonntag, 6. April 2025

Was Pop sein könnte

Pop sei ein Spiel mit Identitäten, so heißt es. Pop erlaube einem, sehr viel aus sich zu machen. Pop sei ein typischer gesellschaftlicher Aufstiegskanal gewesen, über lange Zeiten hinweg. Dieser Meinung bin ich auch. Doch diese Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile scheint es für viele junge „User“ weitaus anstrebenswerter, ein Youtube-Star zu werden, ein „Influencer“ oder sowas… Die Freizeitgewohnheiten haben sich geändert. Typisch im Journalismus: Pop sei so, - oder müsse so sein, heißt es von wichtigen Gesichtern, die sich „Experten“ nennen. Der Kundige weiß es halt. Er stellt riskante Behauptungen auf, wagt steile Thesen. Das wird dann gerne gehört und gelesen. Übertreibung wird als Pointierung verkauft. Das verleiht scheinbar Halt und gibt glasklare Orientierung in einer Welt, die eigentlich keine Orientierung mehr bietet. Aber wofür haben wir eigentlich unsere Experten? Im Falle der Popkritik wird gerne eine soziale Gruppenzugehörigkeit behauptet. „Musik für Hipster“ (gibt es die noch?). Jutebeutel, Vollbärte, enge oder weite Hosen und Trucker-kappen: fertig ist die modische Mittelschichtsjugend aus der (Groß)Stadt.! Wenigstens für eine gewisse Zeit. Oder es gibt seltsame Zuschreibungen, die auf Phantasie schließen lassen sollen: Zickigkeit mit verlorenen New Wave- Gitarren und Gruftiecoolnes, trippige Slow Beats und Düsterreime......und das neue Album ist ganz toll! Oder „Beurteilungen“ von oben herab, vom Standpunkt des souveränen Überblickers aus, der optimal stilsicher und dem Zeitgeist stets näher als andere ist: „.....die Stimmung primär klassisch progressiv. Schlimme Gitarren, eine Ahnung vom Geschmeidigen und nur wenig moderner, dynamischer Pop.....“, - oder „Kirchengruftenrock, ritualisiert wie Sonntag in der Kirche, Umfang reduziert Techno....“. Das hier Vorausgehende und das Folgende habe ich auch schon oft in verschiedenen Zusammenhängen gelesen: „eine würdevolle Aura des Fragilen mit unmittelbarer Präsenz. Eine Figur im schwarzen Anzug und mit offenen grauen Haaren, mit Sanftmut, aber ohne große Gesten....“. Man lässt sich dann schon mal gerne vom Charisma und Erscheinungsbild einfangen, - aber nur in diesem Zusammenhang! Oder? Mit Stilen wird auch gerne operiert: „Sound aus Soul, Gospel, Post-Punk, Hip-Hop und Industrial-Dub“. Ich habe jetzt beliebig hinein gegriffen in die Kiste, habe Seiten kurz aufgeschlagen bzw. angeklickt und abgeschrieben“

Sonntag, 18. August 2024

Wachsen und schiffen

Es werden in Deutschland jetzt Schiffe gebaut, große Passagierschiffe mit allem Drum und Dran. Hauptsache, die Werften haben zu tun. Die Schiffe sind für Kreuzfahrten bestimmt, die derzeit ach so beliebt sind. Natürlich fahren sie mit dem oberbilligen Schweröl, das in ökologischer Hinsicht schwer bedenklich erscheint. LNG ist immerhin in Aussicht gestellt. Methan soll dabei jedoch bei seiner Gewinnung freigesetzt werden, was erhebliche Schäden in der Umwelt verursacht. Heißt es. Trotzdem wird es als der große Fortschritt gefeiert. Aber der grüne Wirtschaftsminister gibt sich erfreut ob des Wachstums und fördert das Projekt. Auch wird heftig damit geworben. Ob es sich dabei um typisches „Green Washing“ handelt? Eine Art Irreführung, die den Zeitgeist mit Phrasendrescherei zu nutzen versucht? Bei der tatsächlichen Umsetzung von Ideen der Nachhaltigkeit hapert`s gelegentlich halt dann doch ein bisschen. Egal, die Kundschaft pfeift auf den Umweltschutz oder die Nachhaltigkeit und bucht zuhauf. Jetzt muss Wachstum sein, um jeden Preis. Ab dafür!

Dienstag, 7. November 2023

Football

Wir sehen uns zahlreichen NFL-Übertragungen gegenüber. Ob sie in den „Markt“ hinein gedrückt werden sollen? Ob auf diese Weise nach und nach eine stark von den USA geprägte Art „Globalkultur“ entstehen soll? Nach gehabtem Muster sollen kulturelle Eigenheiten unreflektiert auf Deutschland/Europa übertragen werden. Mit dem simplen Kopieren ist Deutschland ja besonders erfolgreich bemüht, schließlich hat es die Demokratie von den USA gelernt und die hierzulande so beliebten SUVs wurden auch zuerst in den USA gebaut und verkauft. Nur, dass das in den USA in einem anderen Kontext stand: Die Farmen im US-Westen können schon mal 50 Meilen von jeglichem Supermarkt entfernt sein. Da braucht man für den Großeinkauf ein großes Auto. Größe ist ja in den USA ohnehin in jeglicher Dimension beliebt. Ob das in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland auch so sein muss, steht in Frage. X x We are facing numerous NFL broadcasts. Whether they should be pushed into the “market”? Is this a way to gradually create a kind of “global culture” that is strongly influenced by the USA? According to the usual pattern, cultural peculiarities should be transferred from the USA to Germany/Europe without reflection. Germany has been particularly successful at simply copying, after all it has “learned” democracy from the USA and the SUVs that are so popular here were first built and sold in the USA. Except that in the USA it was in a different context: the farms in the US West can be 50 miles away from any supermarket. You need a big car for bulk shopping. Size is popular in all dimensions in the USA anyway. It is questionable whether this has to be the case in a densely populated country like Germany.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Valerie (7)

Aus einem ehemals geschriebenen Romanfragment, dass ich hier als eine Art "Fortsetzungsroman" präsentiere:


Die Autobahn hatte Risse und Rinnen und man musste auf der Hut sein, um schnell vorwärts zu kommen. Der Wagen wurde manchmal von der einen Straßenseite zur andern geschleudert. Der Rhythmus der Musik aus dem Radio stimulierte ihn, kitzelte im Unterleib: Er stellte etwas lauter und drehte die Bässe auf. Diese zuckenden Vibrationen, diese Boten von Ekstase und selbstvergessener Erregung taten ihm gut. Erstellte sich die Atmosphäre eines Rockkonzerts vor. Die Minuten der ungeduldigen Spannung bis zum ersten Ton, der jetzt und im Moment von der Bühne kam, der dort erzeugt wurde und nicht aus irgendeiner Konserve kam, die schweißtreibende physische Präsenz der Musiker, optisch unterstützt von fantastischen Lichtkaskaden, die Momente des scheinbaren Verschmelzens von Zuhörern und Musikern, die Aufladung und zeitweise Entkrampfung, die emotionale Spannung in einem einzigen elektrischen Gitarrensolo, die Gewalt und befreiende Brutalität eines durch riesige Anlagen verstärkten Schlagzeugs, Bässe, die den Unterleib massierten, weiche Teppiche aus Synthesizern, darüber gelegt, ….doch dann dachte er an die Verlogenheit des Ganzen, die aufscheinende Routine dahinter, die Medienindustrie, die das alles beförderte und ins Gigantische aufblies, mit Mythen verkleisterte und dem Verbraucher als fertige Fluchtmöglichkeit von der Stange anbot, als „Angebot“ und Möglichkeit. Man suchte und fand darin trotzdem, was eigene Stimmungen und Gefühle, Ungefähres und Chaotisches ausdrückte, als Kitzel, der das Vergessen beförderte und bewirkte, dass man damit leben konnte. Er glaubte doch, das der „moderne Mensch“ sich seine Mythen brauchte und sie sich auch schuf, auch wenn er sich dies nicht eingestand. Die Konsequenzen dieser Einsicht beunruhigten ihn nicht mehr, er wollte viel lieber zusehen, beobachten, wie das alles vonstatten ging. Er wollte daraus lernen, seine Wirklichkeit besser begreifen. Von den rollenden Bässen ließ er sich zum nächsten Horizont tragen.

Mittwoch, 14. August 2019

Urlaub (2)

Ich höre jetzt per Mail aus dem „Urlaub“, dass es mit den Kinderlein eine Not sei. Aber dass es ja Helferlein gäbe, die einem die Not abnehmen könnten. Kommerzielle Anbieter, die aus der Not ein Geschäft machen und so sogar etwas Gutes tun. Die Entwicklung der Kinder fördern, so dass sie eines Tages im Wettbewerb bestehen können...“ Gutes Gewissen also. Familienhotel. Bespassen. Optimieren. Auf diese schöne Weise könne man ungestörte Touren unternehmen, so wird einem mitgeteilt, in „unbekannte“ Regionen, jedenfalls dorthin, wo nicht die Massen der Touristen herum rennen. Ein bisschen Abstand gewinnen. Vielleicht mal einen Städtetrip einstreuen. Aber das ist ja wegen der „Flugscham“ auch nicht mehr so leicht. Jedenfalls: Keine Bälger mitschleppen, die alles langweilig finden und einem die Laune verderben.

Samstag, 10. August 2019

Urlaub

Es reizt mich, etwas über diejenigen zu schreiben, die jetzt „in Ferien“ oder „im Urlaub“ sind und sich dazu weit weg von ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsort bewegen. Wie bewegen sie sich? Im Pool eines Ressorts? Zum Fressen im Fressraum? Aus dem fünften Stockwerk per Aufzug nach unten? Inwieweit kümmern sie sich um ihre Umgebung? Ist da irgendein irgendwie geartetes Interesse vorhanden, für Lebensweisen, für die Dienste, die meist unter ausbeuterischen Verhältnissen für einen geleistet werden müssen? Für die Umweltbelastung, die man verursacht (hat), um an diesen Ort zu kommen? Was nimmt man mit? Erholung? Um seine Arbeitskraft wieder herzustellen, - wie schon Adorno einst heraus gearbeitet hat? Für wen? Ob es nicht auch in der unmittelbaren Umgebung lohnende Ziele für Ausflügler gibt? Die nicht unter großem Aufwand zu erreichen sind? Vielleicht muss man erst einen Blick dafür entwickeln. „Runter kommen“. „Die Seele baumeln lassen“. Zahlreiche Museen sind offen.... ob sie weniger bieten als diejenigen, die weit entfernt sind?. Haha, die kollektive Bewegung an den Strand! Ob man da die Spassbremse geben will? Nichtdoch! Aber macht es wirklich so viel Spass, sich in weitgehender und nicht immer sonnenbeschienener Untätigkeit im Liegestuhl oder auf der Iso-Matte zu üben, um sich einen Sonnenbrand dabei zu holen? Glücklich sein! So lautet das Gebot der Optimierer. An der Sonnencreme zu sparen kann sich bitter rächen. Bier trinken und Eis essen. Das ist am Strand so richtig billig und kann man daheim so gar nicht! Ab ins Ferienhaus! Quallenwarnung. Ach! Auf die Kinderlein aufpassen! Dass sie sich nichts Böses antun? Dass sie ja nicht ertrinken! Bloß kein Stress!

Freitag, 4. August 2017

Reisen

Reisen? Wir sollten es genießen, die Freiheit dazu zu haben. Anderswo hingehen, hinfahren, hinfliegen und eine andere Umwelt auf uns einwirken lassen. Auch unter Bedrohung. Etwas von der Welt erfahren, von ihrer unglaublichen Schönheit. Etwas auch davon, dass andere Menschen unter anderen Verhältnissen leben oder leben müssen. Sich bewusst werden, welch unglaubliches Glück man hat, wenn man auf dieser Erde einigermaßen sein Auskommen hat und in einer dieser „Komfortzonen“ lebt.Verstehen, wie sehr bestimmte Gesellschaften auf Kosten anderer leben. Sich an anderen Kulturen, an anderen Möglichkeiten des Lebens freuen, sie zu verstehen suchen, sich bewusst werden, dass so etwas relativ ist. Sich vom „Anderen“ inspirieren lassen, sich an der Variation erfreuen und sich dadurch unserer Gleichförmigkeiten bewusst werden. Im Denken und im Leben. Die Angst vor dem scheinbar "Fremden" verlieren. Es kennen lernen. Staunen lernen. Über die Natur, in der so viel aufgehoben ist, dem wir näher kommen können. Wir sollten uns nicht abdrängen lassen in das, was uns ohnehin vertraut ist. Sondern wir sollten Grenzen überschreiten, erfahren, dass da mehr ist. Das tut unserem Bewusstsein gut. Wir sollten den Ort kennen lernen, wo wir leben. Das freilich sollte nicht nur einer Klasse von Vermögenden möglich sein, einer Klasse der Berufsreisenden und global Lebenden, der aufgeklärten Gutmenschen und moralischen Besserwisser. Diese Möglichkeit sollte sich allen eröffnen. Allen. Respekt für das Andere entwickeln und niemals jener Gleichmacherei das Wort reden, die sich in den fernsten Ländern schon bald auf arroganteste Weise präsentiert, wenn sich die bekannten Edelmarken in ihren Boutiquen den örtlichen Reichen zum Kauf anbieten.

Sonntag, 28. August 2016

Reisen als Tourist

Warum bleiben wir nicht zuhause? Warum fahren wir - und mit uns Milliarden von Menschen - in fremde Länder, wo wir außer dem Motiv „Ferien machen“ genaugenommen nichts verloren haben? Ungeklärt sind daneben viele Probleme des Fremdenverkehrs: wie wirkt sich das auf die Reisegebiete aus? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Besuchern und Einheimischen? Wie ist die Umweltbilanz des Tourismus? Bringt er wirtschaftlichen Aufschwung oder neue Formen des Kolonialismus? Was ist von den „künstlichen Ferienwelten“ zu halten, die sich immer mehr zu den meistbesuchten Reisezielen der Welt entwickeln? Was eigentlich treibt uns in die Ferne? Gibt es dabei eine Nähe zu Fest, Ritual und Spiel? Denn die Bewegung, die Reisen grundlegend charakterisiert, ist universell verbreitet und in allen Kulturen nachweisbar: Der Impuls, die Ordnungsstruktur des Alltags zu verlassen und in andere Wirklichkeiten einzutreten. Das Reisen stellt insofern eines der wirksamsten Mittel dar, der eingespielten sozialen Ordnung vorübergehend zu entkommen - nicht in blinder Flucht, sondern als produktive, menschliche Leistung, die neue Erfahrungen ermöglicht. 

Samstag, 20. August 2016

Urlaub

Gegenüber steht der riesige Van bereit zur Abfahrt, die Kinder müssen nur noch zusteigen. Weiter vorne parkiert ein Wohnmobil, offensichtlich fertig zur Abfahrt. Weiter vorne wartet ein Wohnwagen, aufmunitioniert zur großen Urlaubsschlacht. Baden - Württemberg geht in Ferien, auch wenn es damit spät dran ist: die ersten Bundesländer beenden die lange Sommerpause schon wieder. Automobilfabriken sind teilweise davon abgekommen, den Sommer generell zur Ferienzeit zu erklären und verzichten auf "Betriebsferien". Die vielen, die aus finanziellen Gründen nicht verreisen können, bleiben ja ohnehin unsichtbar. Es gilt ja da Credo, das es „uns“ so gut wie noch nie gehe. Was sollen da die wenigen Armen..... Als Beleg werden dann immer Statistiken hervorgekramt, deren Zweifelhaftigkeit sich doch langsam herumgesprochen haben dürfte. Der Rest tut so als ob: als sei er weg. Seit langen Jahren ist das schon so. Die Straßen sind erfreulich befahrbar, in den Geschäften sind die Schlangen deutlich geringer (ein Effekt, dem die Discounter dadurch entgegen steuern, dass sie die Kassen schlechter mit „Personal“ belegen. Die Kundenschlangen sind also mindestens gleich lang. Das ist ihre Art der Einsparung). Die Schlangen bilden sich bald als Stau auf den Autobahnen, was jedes Jahr auch dasselbe ist. Aber die Klimaanlage brummt, die Smartphones ist gezückt, die Games ziehen von den Rücksitzen in sich hinein. Das Ziel ist ein Resort, in dem es möglichst wie in Deutschland zu essen geben soll. Wer es nicht leisten kann, hat halt Durchfall oder keinen Platz am Pool.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Andere gesellschaftliche Welten

Reiche Menschen fahren gerne Tesla. Elektro-Auto, möglichst selbstfahrend, weil das in die Zukunft weist. „Wir haben ja so sehr den Anschluss verloren, dass wir dringend Tesla fahren müssen. Es gibt ja nichts anderes. Die in anderen Ländern fahren uns weg.....“, so die ausgesprochene und unausgesprochene Botschaft als Notschaft. Reiche Menschen essen entschleunigt und nur Bio, nie aus dem Supermarkt oder gar vom Discounter, sie lassen sich Wellnessmassieren und verbringen das Wochenende in der Villa am See. Der Discounter ist dann doch für den Plebs, obwohl man gelegentlich schon mal auch gerne hinfährt und ein vermeintliches Schnäppchen abgreift. Sie hingegen wissen stets, wie und wo ihr Food erzeugt wurde. Möglichst erlesen und gutschmeckend sollte es schon auch sein. Die einschlägigen Ratgeber der Starköche sind alle durchgearbeitet und gesichtet. Auf dem Rückweg vom Bergausflug im Auto die Mutter anzurufen, einen Blick auf die Börsenkurse werfen und während des Wochenendputzens einem Hörbuch mit Spanisch-Vokabeln zu lauschen: Man muss lernen, mit Möglichkeiten umzugehen, sie für sich zu nutzen. Die Freizeit- und Bespassungsindustrie bietet diesen reichen Leuten den industriell in Reihe erzeugten Fun, dessen Kosten für die Umwelt in diesem Falle vernachlässigt werden, denn ihr Ego ist ja heilig und dementsprechend hoch honoriert: Elite darf das, was andere nicht dürfen. Verstehen ist überflüssig. Machen und Tun wichtig, koste es, was es wolle. „Gestalten“. Entspannungstechniken aller Art oder Herkunft bereiten zu neuer Leistung auf. Menschenführung ist selbstverständlich, das Personal braucht das. Starpädagogen liefern im Think Tank die Motivation und die Argumentationen. Verstehen braucht man das ja nicht, nur Wiederkäuen, das darf schon sein. Von der Festplatte entladen und damit schwallen können, das ist es. Prekariat? Digitalisierung. Nun ja, muss halt sein. Ist der Preis der Vielen dafür, solange es mich als „Elite“ ja nicht betrifft. Der Preis für den Fortschritt (im Portemannaie). 

Montag, 21. Dezember 2015

Weihnachtszeit

Seltsam, bald ist sie schon wieder vorbei, die Weihnachtszeit. Man hat sich gefreut darauf, man ist in den Sog dieses Ereignisses gekommen, das so viele Menschen hier in Mitteleuropa ergreift. Und dann soll es plötzlich vorbei sein? Es ist jedes Jahr dasselbe. Die Leute haben gelöhnt und Geld ausgegeben. Die Hauptsache. Uns fällt dies oder jenes neu auf. Die Perspektive scheint eine andere geworden zu sein. Und dann ist es plötzlich da, dies „Fest“. Was nun? Wir haben uns musikalisch in die richtige Stimmung gebracht. Mein Körper will Ruhe. Will Zurücklehnen. Will so etwas wie Winterschlaf, sich aus sich selbst neu gebären. Sich häuten. Und dann ist Nervosität. Keine Zeit. Zeit? Man will sich heraushalten aus all dem Stress. Man will auch hier zusehen. Aber irgendwie gelingt das nicht so ganz. Man wird hineingezogen. Direkt oder indirekt. Da ist keinerlei Rücksichtnahme auf eine innere Verfassung. Auf ein Bedürfnis.  Da ist nur ein Mitgerissenwerden. 

Dienstag, 17. November 2015

Gastronomie (2)

Ein Fernsehkoch, der mit seinem Schnurrbart und eingebautem Dauerlächeln längst zu einem Markenzeichen geworden ist, hat jetzt, so hieß es, Probleme mit der Steuer. Steuerhinterziehung. Sozialbetrug. So die Vorwürfe, die keineswegs richtig sein müssen. Findige Rechtsanwälte der teuren Art werden hier wahre Bollwerke aufbauen oder längst aufgebaut haben. Schaden für die öffentlichen Kassen: 300 000 Euro. So heißt es. Mit der Entlohnung von Angestellten herumgetrickst. Mutmaßlich. Im eigenen Gourmettempel auf dem Rücken von Mitarbeitern Geschäftlein gemacht. Mindestlohn? Hm. Nicht ganz eingehalten. Ist ja Gastronomie. Und der geht’s doch so schlecht! Und erst den Sternegastronomien! Da müssen dringend Werbeverträge ran. Produktlinien. TV-Auftritte. Gut gelaunte und honorierte Einlagen. Allüberall. Da muss ja etwas liegen bleiben. Und: Steuerhinterzeihung ist in. In München wurde das ja im Sommer gleich mehrfach einem großen Publikum vorgeführt. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Privatsphäre. Klaro. Alles ist sowieso nur mutmaßlich so. 

Montag, 16. November 2015

Gastronomische Expansion

Mir fallen schon seit längerem die vielen Fernsehköche auf, die je nach Zielgruppe überall (auch und gerade in den elektronischen Medien...) ihr Süppchen kochen. Man kann sich ihre vielen Namen schon gar nicht mehr merken. Es gilt dabei, was durchaus lobesam sein könnte, das Gute vom Schlechten zu scheiden und es entsprechend zuzubereiten. Ein sinnliches Vergnügen. Ein Fest mit dem richtigen Kochbuch in der Hand. Nur: Man muss sich so etwas leisten können. In ihrer mittelklassigen Welt äußern diese Starbrutzler so gerne, dass hier in Deutschland doch niemand hungern oder sonstwie darben müsse. Es ginge doch allen soooo gut (der Zusatz „im Vergleich zum Rest der Welt“ steht für das Bemühen um eine eher „alternative“ Zielgruppe und wird von manchen pflichtschuldigst darangehängt...). Ich empfehle mal einen Blick zu den Tafeln. Einfach so. So nebenbei zeigen gewisse Zahlen, dass das Essen als Zeichen der sozialen Polarisation ein Statussymbol geworden ist, dessen Kapitaleinsatz und Zeitaufwand sich halt nicht alle leisten können. Man bekocht also möglichst mit einem Dauerlächeln im Gesicht diejenigen, die es sich leisten können. Selbstverständlich fehlt auch nicht der Hinweis, das man halt ein wenig mehr Aufwand dafür leisten müsse, sich etwas Wohlschmeckendes zuzubereiten. Die Prioritäten müssten sich verschieben, früher sei das ja auch anders gewesen. Ach, und wer seine Verzehrwaren beim Discounter kaufe, sei selbst schuld, wenn er sich ungesund ernähre. Was wolle man von anonymen Industrie-Erzeugnissen eigentlich erwarten, die ihre Käufer über den Preis finden? Das könne ja nur und unter sämtlichen Mittelklassegesichtspunkten NICHTS taugen. Nebenbei eröffnet der grinsende Koch gerade eben sein zigtes Lokal, was er gerne mal als seinen finanziellen Erfolg ausweist. Selbstverwirklichung rocks. Wer nichts wird, ist selbst schuld. In Dubai, London und Südafrika gekocht und jetzt mit kulturell wertvollem Nobelfood und Kochbüchern die Ernte eingefahren. Gastronomische Expansion ist angesagt. Wer es sich nicht leisten will, bleibt zurück. das passt und wird gelernt. 

Dienstag, 22. September 2015

Groß und Klein (1)

Das Große spiegelt sich im Kleinen. Jetzt sind sie aus aller Welt zurückgekehrt, die Urlauber. Mal was anderes. Die Tapete ausgetauscht. Ausgespannt. Erholt. Am Meer. In den Bergen. Irgendwo, wo's anders ist. Scheinbar. Nicht links und nicht rechts geblickt. Wieso denn? War doch alles „All inclusive“. Die Käseglocke mit hinaus genommen in diese Welt, die gerade von Kriegen und Naturzerstörungen zerfetzt wird? Warum denn immer so schwarz sehen? An den Polen sind riesige Erdgas- und Ölvorkommen gefunden worden. Und eine gut zahlende Vorhut macht sich anscheinend schon zu anderen Sternen auf. Das wird günstiger werden. 
Doch wir brauchen wohl nicht so weit zu fahren. Diejenigen, die am weitesten in den Urlaub hinweg fliegen oder fahren (natürlich bei entsprechenden Emissionen), haben oft von ihrer unmittelbaren Umwelt keine Ahnung. Auch hier gibt’s einen Micro- und Macrokosmos. Kleine und große Tiere, die uns verständnislos anschauen. Die ersten Wölfe wurden freudig begrüßt und sind mittlerweile verteufelt, weil sie den Schäfern schaden. In diesem Fall den Außenposten der Zivilisation. Des wirtschaftlichen Erfolgs. Natürlich sind da Einzelne betroffen, die sich wehren. Sie sind halt nicht die Sündenböcke des Ganzen, sondern sie werden dazu gemacht. Doch wer sieht den größeren Zusammenhang? Die Naturzerstörung in Europa und auf der ganzen Welt? Ob da ein Punkt kommt, den die angelsächsische Welt „Point of no return“ nennt? Spätestens dann, wenn alle Regenwälder platt gemacht und in Ölplantagen umgewandelt sind? Die Verbindungen zu den „Bedürfnissen“ Europas zu studieren, könnte aufschlussreich sein. Hier in Deutschland scheinen zunehmend Zentren über die Peripherien zu herrschen. Wie „draußen“ in der Welt. Die großen Metropolen platzen aus allen Nähten, das ländliche Gebiet verödet. Globaler Trend. Vereinheitlichung. Das Bestreben, alles ökonomisch nutzbar zu machen, vernichtet natürliche Ressourcen. Diese sind für ökonomisch schwache Menschen Naherholungsgebiete, für ökonomisch starke gibt es die Fernflüge. Polarisierung. Muss einem nicht alles verderben, sollte aber „im Blick behalten“ werden, eine Formulierung, die ein deutscher Hochschulprofessor neulich in einer Fernsehsendung verlauten ließ. 

Sonntag, 18. Januar 2015

Schaltung der Gehirne

Was macht diese Bewusstseinsindustrie mit uns, die uns gerne als Freizeit- und Medienindustrie erscheint und in den verschiedensten Formen umfängt, die uns jene Versprechen vorgaukelt, die sich beispielsweise als Häppchen und Apetitanreger gerieren, die wir nicht mehr verdauen und uns aneignen, sondern die wir halbverdaut in uns hinunter schlucken und sie dumpf konsumieren. Die uns zu etwas Passivem machen, was das Subjekt zum Objekt werden lässt, all die Teaser, Trailer, Apetizer und Anreißer, die einen Bewusstseinszustand und ein „Bei-sich-sein“ nur kurz anreißen, als ein kurzen Ausblick auf das vielleicht Mögliche, um uns schließlich alleine zu lassen, wie eine platzende Blase. Alles zerrt und reißt, da ist viel hohle Aufregung, Anregung, künstliche Erregung um jeden Preis, in kommerzieller Absicht, naturgemäß!, als marktgerechter Konsum verkleidet, konsumierbar gemacht, fein zerhauen, zerkaut und vorgekaut, zerstückelt und scheinbar bekömmlich gemacht, verzerrt entzerrt, - da ist es egal, was. Das wie und was befindet sich in einer Unverhältnismäßigkeit, die gleichgültig ist – den die Form regiert den Inhalt, es ist die Verkaufe, die zählt, nicht die Substanz, all das hält uns gefangen, zunehmend und immer mehr, unmerklich. „Schlecht vermittelt“ heißt es immer öfter in der Politik, es scheint alles eine Frage der Vermittlung, des „Egal was“, denn jeder hat ja immer recht mit seinem Anliegen. Vom Inhaltlichen ist man apriori überzeugt, das ist nicht zu hinterfragen, es ist nur aufgebläht und aufgeschäumt mit irgendetwas, das egal ist, Stoff ist's, Füllstoff fürs Bewusstsein, Blähstoff und hohle Unterhaltung, Zerstreuung, Betäubung, ein Kick für den Kick. So geht uns das für Momente durch den Kopf: Als Miesepetrigkeit, als Spielverderberei in diesem ewig lächelnden Nebel des Positiven.