Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
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Dienstag, 18. März 2025
Der Fripp
Ich höre King Crimson, springe von Scheibe zu Scheibe, von zeit zu Zeit:: einerseits aufgeblasene Egomanien, anstrengend in sich selbst hinein bohrend, andererseits zeitlos in sich ruhend, nervös. Dazu schrieb ich einst:
Ich höre eine dicke alte Vinyylscheibe, King Crimson's „Three of a perfect Pair“. Aus den achtziger Jahren. Der Vorgang“ hat und hatte im Gegensatz zu heute etwas mit Respekt und Aufmerksamkeit zu tun, mit einem Sichaussetzen ganzen Vinylscheibenseiten gegenüber. Es hatte einen ja auch etwas gekostet. Kohle. Im äußersten Fall 19,80. Also wollte man sie nicht einfach ablegen, zur Seite legen. Sie hatte als ausgewachsenes Album eine große Fläche, sie war ein veritabler Gegenstand. Sie war auch farblich gestaltet. Hatte einen grafischen Entwurf. Sie fühlte sich an. Man fühlte sich ein in sie, versuchte (im Rahmen der anderen Scheiben, deren Entwürfe einem vorgegeben waren...) zu verstehen. Man brachte dem gegenüber, der sich das als „Künstler“ ausgedacht hatte, Respekt auf. Es nötigte einem Auseinandersetzung ab. Man gab den Dingen Zeit, um sich zu entwickeln. Überhaupt, die Scheiben hatten einen anderen Rhythmus, schienen genau dafür Zeit zu haben, sich zu entwickeln, Spannungsbögen entstehen zu lassen. Das alles hatte die Zeit, um schließlich Emotionen in einem auszulösen. Man bildete sich eine Meinung und konsumierte nicht nur. Man schrieb das Gehörte einigen Namen zu, man versuchte, das Typische daran zu erkennen, man brachte es in Beziehung zu einem selbst.
Aber alleine schon den Plattenspieler (welcher ist der Beste, den man sich gerade noch würde leisten können?) ständig auf dem neuesten Stand zu halten, ihm ein geeignetes Abnehmersystem (wie viele Diskussionen habe ich einst darüber geführt!) zu gönnen, die Werte an den dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.b. „Skating“) korrekt einzurichten, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine veritable Aufgabe, die vieles an einem forderte, wofür man sich gar nicht geeignet fühlte. Also versuchte man, halt so einigermaßen mitzuhalten.
Diese vorliegende Scheibe mag auf viele damals abstrakt und avantgardistisch gewirkt haben. Heute tut sie das nicht mehr. Sicher, vieles scheint schroff. Aber heute, wo die Gefälligkeit, die leichte Konsumierbarkeit überall zu regieren scheint, ist das pure Erholung. Es wird gegen den Strich gebürstet, das Unerwartete auf geradezu entspannte Weise gesucht. Ungerade Rhythmen schleichen sich in den Kopf. Bob Fripp? Ha! Bill Bruford? Ha. Hatte man ja in verschiedenen Zusammenhängen kennen gelernt. Tony Leven, der anpassungsfähige, variable und kahlköpfige Alleskönner. Wer war er wirklich? Immerhin scheint er hier die Synty-Tasten gedrückt zu haben. Adrian Belew schien mir damals bei King Crimson das Popelement beizusteuern, obwohl von ihm bei Zappa und bei den Talking Heads davon nicht viel zu hören gewesen war. Aber die Stimme: typisch!
Es werden einem Aufgaben gestellt von jemandem, dem man sich anvertraut hat. Dafür muss man dann nach ungefähr 20 Minuten springen, um die Platte umzudrehen. Es ist kein komfortables, angenehmes Durchhören. Ein ständiges Rennen. Die Kratzer an den immergleichen Stellen ärgern einen auch. Überhaupt, man hatte viel gehört, das Gleiche wohl 30 mal hintereinander (oder noch wesentlich öfter...). In verschiedenen Lebenssituationen. Man hatte es auf sich wirken lassen. Man kannte vieles davon nahezu auswendig. Querverweise hatten sich einem aufgedrängt. Der mit dem und der mit jenem..... Weltbilder schienen aufeinander zu stoßen, es entwickelte sich ein Kalaidoskop der musikalischen Möglichkeiten. Es regte unsere Phantasie an. In viele Richtungen. Wir wurden dadurch einigermaßen „open minded“. Wir dachten, die ganze Welt solle so werden. Würde so werden. Wir staunten manchmal. Wir ordneten Sounds und Spielweisen Namen zu. Wir ließen sie an uns heran. Sie wurden ein Teil von uns....“Uns“? Von mir.
Montag, 5. September 2022
Dass wir sind
Das ist vielleicht doch schon das größte „Wunder“: Der Urknall! Dass aus dem Nichts etwas wird. Das gesamte Universum war am Anfang kleiner als ein millionstel milliardstel Zentimeter, komprimiert in einem unglaublich heißen und dichten Bereich, der keiner Materie, sondern einem Punkt rasender Energie glich. Was für ein unglaubliches Wunder, dass doch gleichzeitig offenbar keines ist, weil die meisten Wissenschaftler an diese Vorstellung glauben! Wissenschaftler als die neuen Heiligen unserer Zeit, - zusammen mit Harry-Potter-Lesern. In einem solchen Zusammenhang stehen wir offenbar, auch wenn wir ihn nicht begreifen. Alltäglich. Es deuten solche Dinge auf Sacherhalte hin, vor denen wir großen Respekt entwickeln könnten, wenn wir in einem gewissen gesellschaftlichen Interesse nicht alles gleich zu verdrängen gelernt hätten. Wir sollten uns in seltenen Momenten solcher Dinge und unseres Egos im Vergleich dazu bewusst werden. Dies ist keineswegs abgedreht und unrealistisch. Im Gegenteil: es ist die realistischste Realität, in der wir leben.
Donnerstag, 17. März 2022
Business as usual
Wir können die Parlamentsdebatten in den Medien am TV oder Radio verfolgen und uns die Illusion verschaffen, wir würden eine Art Teilhabe ausüben. So, wie ein Teil eben dieser Medien immer wieder schamlos zum business as usual übergeht und geschmacklose Werbespots sendet, genauso geschmack- und würdelos empfand ich es, als dieses Parlament nach der Rede von Selenskij einfach zu seiner Tagesordnung überging. "Business as usual": genau diese Redewendung scheint mir das Verhalten der maßgeblichen Politiker in diesem Deutschland zu umschreiben. Geschäfte machen statt Moral. Ganz im Einklang damit schien mir das angebliche Gebaren von einigen Parlamentsabgeordneten und Politikern zu liegen, die die Worte des Ukraine-Botschafters glauben als „respektlos“ charakterisieren zu sollen.
Montag, 11. Januar 2016
Hesse und die Welt seiner Kindheit
Der Dichter Hermann Hesse kommt scheinbar aus einer
anderen Welt, in der die Kommunikation zwischen den Menschen noch
anders funktionierte als heute. Und doch kann man über ihn und seine
Stellung zur Welt staunen. Er wuchs in der schwäbischen Kleinstadt
Calw auf, der Marktplatz und die steilen Gassen waren die Welt seiner
Kindheit. Er kannte in dieser Welt alle und jeden, blieb aber doch
auf Distanz. Seine Eltern standen im Dienste der evangelischen Basler
Mission. Der Vater kam aus Estland und hatte als Missionar in Indien
gearbeitet. Die Welt der Mission war in Hesses Kindheit
allgegenwärtig. Seine Mutter war in Südwestindien aufgewachsen,
Bilder und Lieder aus Indien waren ihm von klein auf vertraut. So hat
der junge Hesse von Anfang an zwei Welten kennen gelernt und in ihnen
gelebt. Es gab die schwäbische Kleinstadt mit ihrer überlieferten
Ordnung und Ihren Traditionen. Und es gab die ferne indische Kultur
mit ihren eigenen Lebensformen, Sprachen und Rhythmen.
Wie ein geheimnisvolles Reich kam ihm dabei die Bibliothek des Großvaters Hermann Gundert vor, in der es nach Pfeifenrauch und alten Büchern roch. Als Schriftsteller, Übersetzer un Herausgeber von Missionsliteratur leitete Gundert den Calwer Verlagsverein. Er war einer der Pioniere der evangelischen Mission in Indien gewesen, ein schwäbischer Theologe, der auch ein bedeutender Indologe und Sprachgelehrter war. Er konnte seine Predigten in so manchem indischen Dialekt abhalten und übertrug indische Versepen ins Deutsche. Seine Wertschätzung anderer Kulturen faszinierte den jungen Enkel Hermann Hesse. Begeistert berichtet er, dass in anderen Schränken des Großvaters stand und lag noch viel anderes Wesen und Geräte. Ketten aus Holzperlen wie Rosenkränze, Palmblätterne Rollen, mit eingeritzter alter indischer Schrift beschrieben. Kleine Götterbilder, aus Holz, aus Glas, aus Quarz aus Ton, messingne Becher und Schalen. Und alles kam aus Indien und Ceylon, aus Siam und aus Birma. ...An anderer Stelle schreibt er über den Großvater, dass dieser auch „ein Magier, ein Weiser und Wissender war - Er konnte Pali und Sanskrit schreiben und sprechen. Er konnte unter anderem bengalische, indostanische und sinegalesische Lieder singen. Er kannte die Gebetsübungen der Mohammedaner und der Buddhisten, obwohl er Christ war und an den dreieinigen Gott glaubte“. Am schönsten wohl hat er den daraus entstandenen Gesichtskreis so beschrieben: „Niemand wusste so wie er Bescheid darum, dass unsere Stadt und unser Land nur ein sehr kleiner Teil der Erde war“.
Wie ein geheimnisvolles Reich kam ihm dabei die Bibliothek des Großvaters Hermann Gundert vor, in der es nach Pfeifenrauch und alten Büchern roch. Als Schriftsteller, Übersetzer un Herausgeber von Missionsliteratur leitete Gundert den Calwer Verlagsverein. Er war einer der Pioniere der evangelischen Mission in Indien gewesen, ein schwäbischer Theologe, der auch ein bedeutender Indologe und Sprachgelehrter war. Er konnte seine Predigten in so manchem indischen Dialekt abhalten und übertrug indische Versepen ins Deutsche. Seine Wertschätzung anderer Kulturen faszinierte den jungen Enkel Hermann Hesse. Begeistert berichtet er, dass in anderen Schränken des Großvaters stand und lag noch viel anderes Wesen und Geräte. Ketten aus Holzperlen wie Rosenkränze, Palmblätterne Rollen, mit eingeritzter alter indischer Schrift beschrieben. Kleine Götterbilder, aus Holz, aus Glas, aus Quarz aus Ton, messingne Becher und Schalen. Und alles kam aus Indien und Ceylon, aus Siam und aus Birma. ...An anderer Stelle schreibt er über den Großvater, dass dieser auch „ein Magier, ein Weiser und Wissender war - Er konnte Pali und Sanskrit schreiben und sprechen. Er konnte unter anderem bengalische, indostanische und sinegalesische Lieder singen. Er kannte die Gebetsübungen der Mohammedaner und der Buddhisten, obwohl er Christ war und an den dreieinigen Gott glaubte“. Am schönsten wohl hat er den daraus entstandenen Gesichtskreis so beschrieben: „Niemand wusste so wie er Bescheid darum, dass unsere Stadt und unser Land nur ein sehr kleiner Teil der Erde war“.
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