Reise durch Wirklichkeiten

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Donnerstag, 13. Februar 2025

Ohne Eigenschaften

ROBERT MUSIL (1880-1942) Der Durchschnitt der Menschen. "Vielleicht dachte Ullrich bloß überhauf, dass alles Mittelhohe und Durchschnittliche stämmig sei und beste Aussicht auf Erhaltung seiner Art darbiete; man hätte annehmen müssen, dass es das erste Gesetz des Lebens sei, sich selbst zu erhalten und das möchte wohl stimmen. Sicherlich sprach bei diesem Beginn aber auch eine andere Aussicht mit. Denn mag es sogar gewiss sein, dass die menschliche Geschichte nicht gerade ihre Aufschwünge vom Durchschnittsmenschen empfängt, alles in allem genommen, Genie und Dummheit, Heldentum und Willenlosigkeit, ist sie eben doch eine Geschichte der Millionen Antriebe und Widerstände, Eigenschaften, Entschlüsse, Einrichtungen, Leidenschaften, Erkenntnisse und Irrtümer, die er von allen Seiten empfängt und nach jeder verteilt. In ihm und ihr mischen sich die gleichen Elemente; und auf diese Art ist sie jedenfalls eine Geschichte des Durchschnitts oder, je nachdem man es nehmen mag, der Durchschnitt von Millionen Geschichten, und wenn sie denn auch ewig um das Mittelmäßige schwanken müsste, was könnte am Ende unsinniger sein, als einem Durschnitt seine Durchschnittlichkeit verübeln." Textquelle: Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942),

Freitag, 20. September 2024

Heimat (2)

Produkte werden für den globalen Markt gestaltet, ohne Seele, ohne Identität, ohne Charakter, als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner aller auf der Welt denkbaren Geschmäcker. Vereinheitlichung und Standardisierung, die zur Skalierung führt, so heißt die Devise: möglichst viel von allem, damit sich die Massenproduktion rechnet. Im Alltag ist das besonders gut an der Produktion von Autos zu sehen. Da sind dann immer weniger Konzerne, die sich gerne mal gegenseitig übernehmen, die immer mehr Autos produzieren, die alle kaufen sollen und die manchmal niemand kauft. Das anonyme Teil dominiert als logistisch leicht handhabbares Produkt, es dominiert die namenlose Fabrikation, die sich ihre Konsumenten auch via Werbung und künstlich aufgetragenen Ecken und Kanten suchen soll. Wer aber solchermaßen der Identität und eines Charakters beraubt ist und nur noch den Konsumenten abgeben soll, der sucht unter Umständen die kollektive Identität geradezu exzessiv: der Beispiele sind viele. Auch Religionen scheinen dabei eine heftige Rolle zu spielen. Auch sie scheinen zu kultureller Identität zu führen oder zumindest eng damit verwoben zu sein. Und hier kommt auch der Begriff „Heimat“ ins Spiel: es geht um das Beharren auf Werthaltungen und Wahrung von Identität, dort, wo das Allgemeine über das Besondere und erkennbar „Eigene“ zu siegen scheint. Es geht um die Erforschung eigener Identität, um ihre fortwährende Aneignung ganz gegen alle Widerstände. Politiker jeglicher Herkunft spielen dies Spiel gerne mit. Sie formulieren in Reden mit steilen Thesen, wie sie die Lage einschätzen. Sie klopfen Sprüche und dem Wutbürger auf die Schulter. Sie wiegeln auf und zentrieren den Protest, sie geben ihm Ausdruck, sie geben sich lebensnah heimatverbunden und gießen daraus volkstümliche Reden. Sie hetzen gesellschaftliche Gruppen gegenseitig auf, sie spielen diese Gruppen gegeneinander aus und versuchen, daraus Vorteile zu ziehen. Aber was ist Heimat? Heimat, das ist eine Landschaft, - und mehr. Der Wunsch, zu den dort wohnenden Menschen zu gehören, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Einen Ort zu haben, an dem man sich nicht erklären muss. Das Gefühl, willkommen zu sein. Einen Ort haben, an dem man sich sicher fühlt. Eine Erinnerung an die Kindheit, als die Welt einem vertraut erschien. Wurzeln haben. Heimat könnte Aufbruch und Rückkehr bedeuten. Immer mehr Leute fürchten sich davor, sie zu verlieren - und damit ihre Identität. Es herrschen Landflucht auf dem Dorf und steigende Mieten in den Städten. Eines aber scheint überall wichtig zu sein: Alle müssen flexibel sein und sich durchkämpfen in einer globalisierten und durchkapitalisierten Welt. X x Products are designed for the global market, without soul, without identity, without character, as a kind of lowest common denominator of all the tastes imaginable in the world. The motto is unification and standardization, which leads to scaling: as much of everything as possible so that mass production is profitable. In everyday life, this is particularly evident in the production of cars. There are fewer and fewer companies, which are happy to take each other over, which produce more and more cars that everyone should buy and that sometimes nobody buys. The anonymous part dominates as a logistically easy-to-handle product, it dominates the nameless manufacture, which is also supposed to find its consumers via advertising and artificially applied rough edges. But anyone who is deprived of identity and character in this way and is only supposed to hand over to the consumer may seek collective identity almost excessively: there are many examples. Religions also seem to play a major role in this. They also seem to lead to cultural identity, or at least to be closely interwoven with it. And this is where the term "home" comes into play: it is about insisting on values ​​and preserving identity, where the general seems to win out over the particular and the recognizably "one's own". It is about exploring one's own identity, about its continuous appropriation against all resistance. Politicians of all backgrounds like to play along with this game. In speeches they formulate bold theses about how they assess the situation. They make slogans and pat angry citizens on the back. They stir up and focus the protest, they give it expression, they show a real-life connection to their homeland and pour popular speeches from it. They incite social groups against each other, they play these groups off against each other and try to gain advantages from it. But what is home? Home is a landscape - and more. The desire to belong to the people who live there, to be part of a community. To have a place where you don't have to explain yourself. The feeling of being welcome. Having a place where you feel safe. A memory of childhood, when the world seemed familiar. Having roots. Home could mean departure and return. More and more people are afraid of losing it - and with it their identity. There is a rural exodus in the countryside and rising rents in the cities. But one thing seems to be important everywhere: everyone has to be flexible and fight their way through in a globalized and capitalized world.

Dienstag, 1. August 2023

Nachruf auf Mensch(en)

Scheise, jetzt ist auch noch der und der gestorben! Nachrufe! Ein Gesicht, eine Person, die uns getroffen hat, die in unseren Alltag gekommen ist, die sich hinein geschlichen hat, aber auch mit einer großen und manchmal waghalsigen Inszenierung seiner Person. Wir erfahren das Individuelle. Das Individuelle? Dies Individuelle scheint ja auch auszusterben. Einzelne Charakter haben keine Chance mehr. Auf allen Gebieten. An ihre Stelle sind Kollektive getreten, Avatare, Think Tanks, Konzerne, Verbände mit ihren Vertretern, Medienagenten der Agenturen, aus denen heraus Meinungen geäußert werden, die aber keine Wagnisse hervor bringen, umgrenzte Verhaltensmuster, auf Personen gerichtete Ideen. Was gilt, ist die verkaufsträchtige Idee. 2023 war bis jetzt ein furchtbares Jahr, so höre ich allerorten den gängigen Klischees entsprechend. Doch es ist zu befürchten, dass 2024 nicht besser wird. Sie gehen alle, in Aleppo und Bucha sind sie namenlos gestorben, hierzulande haben sich andere in Prominenz gesonnt. Je mehr die Welt grauer und anonymer wird, desto verspannter und verzweifelter werden die Ersatzgesichter gesucht, auf die etwas eigenes projeziert werden kann. Auf allen Gebieten ist die Suche nach Identität und Personalisierung angesagt, die D-Prominenten rücken mit zerstreutem Geschwafel nach vorne, - oder sind sie inzwischen B-prominent? Fußballspieler gewinnen Namen mit Gesichtern, um dann mit Kohle überschüttet zu werden, die viele dann auch noch in Steueroasen verfrachten oder mit seltsamen Beratern durchbringen. Ratgeber aller Kanäle weisen den Weg zur Selbstverwirklichung. Coaches sind in, Berater sowieso. Es langweilt uns. Orientierungssuche ist angesagt. Diverse Tv-Sendungen werden uns bald wieder mit ein paar heruntergekommenen Figuren überraschen, die im medialen Ausgeliefertsein menschliche Züge gewinnen sollen. Das ist die neue Realität, die sich genau in diesen Zügen wohl noch weiter verstärken wird. Wüste ist angesagt, graues Machen und Tun, ungewisse Zuordnungen, Chatcpt, KI. Von Menschen als gestylten, „gemachten“, anonymen Gegenständen.

Sonntag, 14. Mai 2023

Valerie (59)

Sie hatte wieder seine Phantasie angeregt mit einer Nebensache, die er sofort direkt und indirekt auf ihre Person und ihre vermeintliche Umwelt beziehen musste. Er musste sich von ihr unbedingt ein Bild machen, gerade weil sie ihn unaufhörlich faszinierte und an sich fesselte. Seine Gedanken rannten auf einen noch so kleinen Reiz von ihr davon. Sie waren nicht auszuhalten und erkundeten Möglichkeiten, kombinierten Wahrscheinlichkeiten, die alle in Richtung auf sie hin führten, auf ihr Leben zu, das offensichtlich so anders war wie seines und doch so viele Übereinstimmungen aufwies. Er musste sich unbedingt ein Bild machen von ihr, gerade weil sie ihn unaufhörlich faszinierte und an sich fesselte. Er versuchte, sich in sie hinein zu versetzen: Wie hätte er an ihrer Stelle reagiert? Wäre es möglich, ein anderer Mensch zu sein, oder wäre er ein anderer Mensch? Er würde eine andere Facette seiner selbst ausspielen können, sich anders erfahren können, er wäre so etwas wie ein anderer Mensch, man würde alles durch eine andere Brille sehen. Aber wären die Augen, der Kopf dahinter dasselbe? War das alles Zufall, was man Identität, Persönlichkeit oder Charakter nannte? Oder gibt es eine Instanz in uns, die aus sich selbst heraus auf sich selbst beharrt, - und wo ist diese angesiedelt? Spielte man sich hauptsächlich selbst, wie diese Schauspieler? Wer ist irgendwann, irgendwo, vielleicht doch im stillen Kämmerlein, immer wieder auf sich selbst zurück geworfen?