Reise durch Wirklichkeiten

Sonntag, 28. Juni 2020

Valerie (9)


Er wollte sich in einen Bankdirektor hinein versetzen können, durch seine Augen sehen, seine Gesten benutzen und wieder ablegen können, er wollte Terrorist sein können, dessen Alltag nachvollziehen können, er wollte Einsiedler im Polargebiet sein, er wollte Politiker sein, der von morgens bis abends von „Sachzwängen“ umgeben scheint, er wollte Drogensüchtiger und Mönch sein, - all dies waren für ihn gültige Wirklichkeiten, die genauso existierten, wie seine eigene. Jede dieser Möglichkeiten musste notwendige Konsequenzen haben, nach denen sich das Ich dahinter zu richten hatte. Er ahnte Extreme, die einen vielleicht näher an das heranführen konnten, was man „das Leben“ nannte und das doch ständig wieder zerfiel in Augenblicke, Konstellationen, kaleidoskopartige Ansichten, oft verdeckt durch Mittelmäßigkeiten, Kompromisse und alltägliche Notwendigkeiten. Er hatte das Pech, dass ihn solches sehr schnell langweilte und er sich nicht damit abfinden konnte und wollte. So war er also ständig auf der Suche nach etwas. Die Zeit, in der er in sich selbst Ruhe fand und meinte, wenigstens über vorläufige Gewissheiten zu verfügen, war vorbei. Es galt, alles ständig neu zu begreifen, neu zu entdecken, - doch die Rollen, die ihm angeboten wurden, genügten ihm nicht.

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