Reise durch Wirklichkeiten

Samstag, 24. Januar 2015

In selbstverständlichen Gewissheiten

Es gibt wohl Sinn- und Lebenswelten, die sich speziell in den Industrienationen immer mehr ausdifferenzieren. Zeichen, Rituale, Verhaltensweisen und Bezüglichkeiten, mit denen wir uns jeden Tag dieser Realität wieder versichern. Ein Rapper aus der sozialen Unterschicht geht mit seinen „Gewissheiten“ durch seine Welt, ein Konzernlenker badet in der Selbstverständlichkeit, dass ihm seine Mitmenschen alltäglich alle jederzeit gefügig seien und dass seine Limousine samt dem mit einer lächerlichen Uniform angetanen Chauffeur jederzeit bereit stehen. Im Kopf wägt er dauernd Strategien ab, sich gegen Mitwettbewerber "durchzusetzen". Ein Internet-Nerd in den frühen Zwanzigern macht in seiner Agentur auf Selbstausbeutung und kündigt schon mal an, dass heute bis nach 24 Uhr gearbeitet werde. Der Auftrag! Der Druck! Ein fremdes Müssen! Eine Leidenschaft für eine Leistung, deren Lohn andere kontrollieren. 
Ein Bauer bringt seinen Mist aus und ein Fabrikarbeiter schafft am Band, möglicherweise ohne sich suchen zu können. Das System sagt ihm tausendendmal: Du musst dankbar sein, dass du überhaupt arbeiten darfst! Ein Rechtsanwalt im weißen Hemd gibt seiner Gehilfin schon am frühen Morgen einen Arschtritt, um sie für ihren fremdbestimmten Tag anzufeuern. Alle sind sie legitimiert durch dieses gesellschaftliche Einverständnis, das sich als möglichst gottgegeben und unveränderlich darstellt, weil durch eine erbrachte Leistung legitimiert. Dabei ist auch das gesamte Kommunikationssystem eingeschlossen, das unter anderem Tribalismus und allerlei Verhaltensmodelle umfasst. Die Folge: Einer versteht den andern nicht mehr. Es differenziert sich die menschliche Formation nach Alter und nach sozialer Herkunft aus, die übrigens auf verschiedenen Wegen mit der sogenannten „Bildung“ zusammenhängt. Was das sei, auch darüber gibt’s inzwischen sehr verschiedene Ansichten. Rein technokratisches Einordnen in die Verwertungszusammenhänge (also möglichst ein Ingenieur sein, weil dieser etwas Verwertbares „schafft“!) und ökonomischen Bedeutsamkeiten läuft so etwas wie einer „Menschwerdung“ entgegen. Sie hat ihre Wurzeln möglicherweise im Humanismus, der davon ausging, dass der Mensch seine verschiedenen Seiten möglichst zur Blüte bringen solle und sich dadurch erfahren könne. Star sein, prominent sein, das hingegen resultiert aus purer emotionaler Erfahrung. Aus Input, Impact. "Leistungselite". Ein Nobelpreisträger ist nichts, ein It-Girl, das in einer Fernsehsendung etwas vor sich hin trällert, ein Rennfahrer, der eine spritverschleudernde Kiste möglichst schnell im Kreis fahren kann, werden gefeiert und vergöttert. Von wem? Von "den Anderen". Sie lechzen nach "Siegern" in einem fortwährenden Wettbewerb. "Powered by emotion". 
 Das allumfassende Band einer solchen Gesellschaft ist nur noch und ausschließlich die fortwährende Kosten/Nutzen-Abwägung, die sich am Profit orientiert. Wie kann ich bei möglichst geringem Aufwand ein möglichst effektives Ergebnis erzielen? Die Möglichkeiten des Profites und die des Überlebens sind zudem ganz wesentlich und von vornherein geographisch differenziert. Wer aus der mitteleoropäischen Region stammt, hat Glück gehabt. Wer in Afrika geboren wurde, hat seine liebe Müh, über die Runden zu kommen.

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