Reise durch Wirklichkeiten

Sonntag, 27. Oktober 2019

In der Arena (Text)

(schon in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschrieben)

In der Arena
Das Interesse der Zuschauer hatte allgemein nachgelassen in letzter Zeit. Einige vermuteten, es hätte eigentlich nie richtig Bestand gehabt. Dies war jedoch die Meinung einiger unverbesserlicher Pessimisten und einen solchen Luxus wollte ich mir, für meine Person, noch nicht leisten. Außerdem waren die Spitzenkämpfe ja nach wie vor bestens besucht. Ich selbst war ja noch in einem Alter, das zu "gewissen Hoffnungen" Anlass gab. Jawohl, genauso hieß es in den offiziellen Verlautbarungen des Verbandes "über die allgemeine Situation des herangewachsenen Nachwuchses". Man hatte ja auch in mich investiert und nach gewissen statistischen Berechnungen war die Möglichkeit meines Erfolges größer als die meines Scheiterns. So investierte man also, ohne es eigentlich zu wollen. Natürlich hatte ich ein Recht darauf, man hatte ja lange darum gekämpft. So ging alles seinen vorgezeichneten Weg.

Mancher hatte Pech und wurde gleich in die unterste Kaste eingestuft. Viele drängten sich direkt auf oder kämpften sich den Weg auf andere Art frei. Dass man dabei vor nichts zurückschrecken dürfe, war die einzige Regel, die galt. Wieder Andere hatten die sogenannten Stammplätze. Und dann gab es die, welche überhaupt keine Plätze belegt hatten. Es war nun niemand klar, wie diese Individuen einzustufen seien, zumal sie sich einer solchen Einschätzung immer wieder entzogen und die Qualifikationsrunden einfach keinen Aufschluss darüber gaben. Es wurden nun Schaukämpfe inszeniert, durch welche sich diese gemäß dem Beifall des Publikums qualifizieren konnten. Dieser wurde an der Anzahl der Münzen, die in die Mitte der Arena geworfen wurde, zuverlässig abgelesen. So konnte man über die Hoffnungsrunde direkt zu den Endkämpfen aufsteigen. Es war dies durchaus nicht das Übliche, trotzdem fand niemand etwas dabei. Außerdem war von den Ausrichtern verbreitet worden, jeder könne per Los an dieser Hoffnungsrunde teilnehmen, wenn er nur wolle. In Wirklichkeit war es doch so, dass nur sehr wenige die Chance hatten. Man munkelte, dass selbst die Veranstalter diese Teilnahmebedingungen nicht mehr genau kannten, was Leuten wie mir zu Möglichkeiten verhalf.

Ich hatte lange zu denen gehört, die mit denen sympathisierten, die dies alles neu organisieren wollten dergestalt, dass jeder die gleiche Chance hätte, - oder doch zumindest die Teilnahmebedingungen einigermaßen klar wären. Man sah jedoch diejenigen, die am lautesten dafür eintraten, selbst langsam zu den Verbandsfunktionären aufrücken, oder sich in ihre eigenen Märchen einspinnen, auf deren Gültigkeit sie dann bei jeder Gelegenheit bestanden. Sie gaben sich dadurch auf eine gewisse Art dem Publikum preis, das dies seinerseits nicht honorierte.

Die Einzeldisziplinen hatte ich immer den Mannschaftsdisziplinen vorgezogen, was meine Trainer schließlich akzeptierten, nachdem diesbezügliche Versuche immer gescheitert waren. Und so stand ich nun bei halb aufgeblendetem Flutlicht alleine in der Arena. Wann der Kampf begonnen hatte, das hatte ich längst vergessen. Ich wollte nur noch irgendwie über die Runden kommen, überleben. Das Rückgrat schmerzte inzwischen, es hatte schon viel aushalten müssen. Die Wunden brannten allmählich immer mehr, trotz des Sprays, dem meine Trainer extrem schmerzstillende Wirkung zumaßen, wenn sie mich in den Pausen damit einsprühten. Ich fürchtete den Zeitpunkt, zu dem ich den Schmerzen nachgeben würde. Ich wollte nicht mehr nur siegen, aber ich wollte auch nicht verlieren. Nur durchkommen, auch wenn die Gefahr bestand, dass man sich selbst am Ende nicht mehr wiedererkannte.
Ich war getrieben, aus Angst, aus Verzweiflung, aus Begeisterung, und sollte immer mehr an die Grenze, den Abgrund gehen. Mein Gegner tauchte auf, verschwand wieder, manchmal in Begleitung, manchmal alleine war er doch auf eine Weise, die mich verunsicherte, präsent. Er schien der Siegertyp, zeigte doch ab und zu zeigte er kleine Schwächen, Stellen, an denen man ihn treffen konnte, was ich sofort als meine Chance identifizierte. Diese kostete Überwindung, und ich musste mich manchmal selbst vergessen, um mich in der Konzentration auf die Schwächen meines Gegners wiederzufinden. Am Horizont begannen die Vorbereitungen zu einer Siegesfeier. Ich wusste, wenn es wieder einmal keinen Sieger geben würde, einigte man sich auf einen provisorischen Übergangssieger, denn die Siegesfeier war eigentlich wichtiger als der Sieger selbst. Man interessierte sich nur für die Bilder, die eiligst von ihm angefertigt wurden, die der Held dann auch in aller Regel schnell unterschrieb und als Autogramme in der Menge verteilte. Aber bis dahin war noch ein weiter Weg für jemanden, der zuviel zweifelte, zuviel zögerte, wie meine Trainer sagten. Und so musste ich mich immer wieder auf unterer Ebene qualifizieren, kam voran und blieb doch stehen. Er verhielt sich äußerst flexibel und griff mal von dieser, mal von jener Seite an. Dabei versuchte er mich dort zu treffen, wo ich bereits verwundet war, setzte geschickt seine Finten und ließ mich von Zeit zu Zeit recht schlecht aussehen. Ich hatte mir jedoch Routinen angeeignet, die mich immer wieder vor entscheidenden Treffern schützten. Außerdem hatte ich die Qualität meines Panzers immer noch zu steigern vermocht, was sich natürlich in gewissen Situationen auszahlte.
So konnte ich in den letzten Runden immer wieder aufholen, immer wieder herankommen, indem ich die Defensive in meinen Vorteil verwandelte und den Gegner in Fallen gehen ließ. Ich wusste, es würde empfehlenswert sein, beim Kampfgericht, das von den Veranstaltern vor langer Zeit eingesetzt worden war, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Zu diesem Zweck hatte man sich angewöhnt, es zu Beginn und am Ende untertänigst zu grüßen sowie seine Autorität mit Worten und Gesten zu feiern, wann immer sich die Gelegenheit bot. Ohne eigentliche Überzeugung, fast mechanisch, hatte ich anfangs diese Rituale mitvollzogen, sie mir dann aber abgewöhnt. Gegenwärtig neigte ich dazu, sie immer dann einzusetzen, wenn ich in Rückstand war und wieder aufschließen musste. Man wusste, dass vom Gericht Zusatzpunkte verteilt würden, die in der Endabrechnung entscheidend sein konnten. Es kannte jedoch niemand die genauen Kriterien, nach denen diese Punkte vergeben wurden. Und so versuchte man quasi aufgrund von Vermutungen eine gute Figur zu machen. Diese Vermutungen stützten sich hauptsächlich auf Verlautbarungen, die man den Veranstaltern zuschrieb und die nicht leicht zu verstehen und nach allen Seiten hin auslegbar waren.

Im Innenraum der Arena waren auf allen Seiten Spiegel aufgestellt, die eine Orientierung erschwerten. Die Geschehnisse im Innenraum wurden durch sie scheinbar verdoppelt, ins Mehrfache gesteigert. Vorstellung und Wirklichkeit verschwammen sich multiplizierend ineinander. Dies trieb einen mitunter zur Verzweiflung, erlaubte jedoch gleichzeitig Flucht und Rückwege, auf die ja speziell meine Taktik abgestimmt war, deretwegen ich mir jedoch schon mehrere Verwarnungen wegen Passivität eingehandelt hatte. "Achtung, Achtung", so tönte der Lautsprecher: "Herr Affenmüller möge bitte zum Stadionausgang kommen, es erwartet ihn eine Überraschung!", und: "den Anweisungen des Ordnungspersonals ist unbedingt Folge zu leisten, andernfalls werden Verhaftungen vorgenommen!"

Auf den leeren Rängen regte sich immer noch nichts. Vereinzelt waren Schreie, Lachen zu hören. Doch war nicht klar, von woher dies kam. Ich war auch zu sehr auf mich und diesen Kampf konzentriert, so dass ich mich nicht in der Weise darum kümmern konnte, wie ich es eigentlich wollte. Die Beunruhigung allerdings nahm zu. Man hatte in den letzten Tagen über Bestrafungsaktionen gelesen, doch wusste niemand, wieso und warum. Es hoffte nur jeder, dass es ihn nicht treffen solle, man versuchte diese Vorkommnisse so gut es ging zu ignorieren.

Gong zur nächsten Runde, und ich stürzte, die Zitrone noch zwischen den Lippen, aus meiner Ecke. Mein Gegner war wieder verschwunden, was zu seiner Strategie gehörte, ich hatte mich daran gewöhnt. Vielleicht wollte er aufgeben, wahrscheinlicher war es, dass er die Absicht hatte, mich zu verunsichern. In den Spiegeln sah ich mich grinsen und wartete, wartete ............

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen