Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
Montag, 29. Juni 2026
Mit der Stimme ein Häusle bauen
Al Jarreau und Band auf der Esslinger Burg
Ob die Stimme wirklich das Fenster der Seele ist? Oder ob diesbezüglich die Augen mehr sagen? Welche Rolle spielt dabei die „innere Stimme“? „Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht“: Der Schiller hat’s behauptet und deshalb gibt’s uns zu denken. Ob’s stimmt? Herje, der zurzeit wieder schwer gehypte Klassiker wusste natürlich um den Gehalt seiner Behauptungen, - wer denn sonst? Trotzdem, schöne Spekulationen sind’s, große Fragen für Psychologen, Dichter und esoterische Geister. Was ist die Stimme überhaupt im innersten? Bla bla, ratter ratter... Nun gut, Die Stimme ist ein Musikinstrument, das ist sie schon. Seele und Gefühle drücken sich vielleicht doch am Unmittelbarsten durch sie aus. Eine Ahnung davon überkommt uns, als wir Al Jarreau direkt vor uns auf der Bühne der Burg in Esslingen hören und sehen. Wie er da in ganzer Person zu seiner Stimme wird, wie er in ihr sich zu konzentrieren scheint, wie er sich durch sie in Töne verwandelt, wie er gurrt und gackert, raunt und flüstert und schreit und – singt, mal sanft weich, mal nachdrücklich hart und überhaupt, alles dazwischen auch, wie er Klänge aus der Luft holt und sie formt, sich aneignet, wie er sich strömen lässt in seiner Stimme, sich windet, tanzt und grimassiert, da scheint er sich selbst geradezu nach außen zu stülpen, da wird er selbst zu einem Instrument. Ob er uns damit etwas über sich erzählt? Das schon. Nur was? Wieder rattert das Gehirn etwas von Leidenschaft und Seele und Identität und Persönlichkeit. Bloß, was heißt das eigentlich konkret? Könnte es nicht auch sein, dass das in Wirklichkeit täuscht, das alles „nur“ ein Trick ist? Ein Showtrick, eine lebenslang eingeübte Nummer, die dieser Mann mit seinen 65 Jahren halt nun ganz besonders gut beherrscht? Schöner Schein. Tolle Stimme. Es ist das, was es ist, dieses „Stimmwunder“.
Der Mann war Psychologe, - hoppla, - als alles Mitte der siebziger Jahre anfing. Und er hatte kurz zuvor einen Plattenvertrag abgeschlossen, damals, als er 1976 im Hamburger Lokal „Onkel Pö“ zum ersten Mal vor ausländischem Publikum auftrat. Doch es wird der internationale Durchbruch für eine erfolgreiche Karriere gewesen sein, die ihm als einzigem Künstler drei Grammies in unterschiedlichen Kategorien eingebracht hat: Pop, Jazz und R&B. Auch andere wussten offenbar nicht, wie sie Al Jarreau einordnen sollten. Der Jazz kennt solche Stimmartistik ja schon lange, - aber der Popmarkt?
Es sind schon ein paar sehr gefällig glatte Popsongs dabei, die er jetzt mit seiner fünfköpfigen Band in den Esslinger Abendhimmel schickt. So etwas wie „Breakin‚ away“ etwa. Typische Fusion aus Jazz und Rock Anfang der achtziger Jahre. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Studioversionen, die sich damals unangenehm einem gekonnt produzierten Gedudel angenähert haben. „Contemporary Adult“ sagen Marketingstrategen dazu. Eine, nun ja, breite Zielgruppe, goutiert das.
Er nimmt diese Songs auseinander, um sie neu in den Moment fließen zu lassen. Nur dieser Moment zählt. Er verlängert und verkürzt sie, scheinbar nach Belieben. Er steigt vollkommen aus dem Arrangement aus, er verlangsamt sie, beschleunigt sie, gibt ihnen oft eine andere emotionale Farbe. Er ist ja schon zu Anfang der Show ganz alleine mit diesem typisch amerikanischen Schlager „Get your kicks on route 66“ auf die Bühne gekommen, um mit ihm sein „Lololo“ und „nanana“ zu treiben, um mit seinen Vokalen den Mund auszuspülen und sie zu etwas anderem formen. Der ursprüngliche Song freilich gilt in diesem Moment nicht mehr viel, er scheint nur noch als Vorlage für des Künstlers Selbstdarstellung zu dienen. Ob das etwas Eitles hat? Etwas Affektiertes? Etwas Manieriertes? Wenn er spielt, dann spielt er diese Verfremdung und Selbstentblößung immerhin so gut, dass alle augenblicklich staunen und davon hingerissen sind: Diese warm fließende Menschlichkeit, dieses Aufgehen in der Musik, diese fehlenden Starallüren. Aber natürlich ist er trotzdem der Star, auf den sich alle Aufmerksamkeit richtet. Und er gibt diese Aufmerksamkeiten zurück, als gesungene Komplimente ans „Schwabenbaby“, ans „Schaffa schaffa, Häusle baua, a dodo dodidi a di di…“. Und er geht jetzt nach vorne auf die Bühne, um einer ganz Holden mit Elton Johns Schnulze „Your Song“ tief in die Augen zu schauen: „And you can tell ev’rybody, this is your sooong…“. Sie schmilzt. Und jetzt die große Zeile „I’ll buy you a house, where we both could live“. Na ja, das mit dem Häusle, das kommt bei ihr am Ende vielleicht sogar besser an als der Song…
Er bittet Horst auf die Bühne, jawohl Horst ist’s, der vor dem Mikro nun vor lauter Aufregung vier mal zu seinem lyrischen Sprechvers anheben muss: „Ich habe Flüsse überquert und habe Berge versetzt…“. Und es kommt eine Julia hinzu, der er auf diese Weise offenbar einen Heiratsantrag gemacht hat, was natürlich ungewöhnlich rührend ist und vom Sänger sofort mit einem Ständchen belohnt wird. Aber schon skizziert der Keyboarder die typisch über die Synkopen hüpfende Intro-Passage zu Chick Coreas „Spain“. Die Band springt an, sie gibt den elastischen Trampolin für ihn, für seine vokalistischen Schleifen, für sein Glänzen an sich selbst. Die Fünf spielen hervorragend, sind letztlich aber nur Begleiter, auch wenn jeder wild und brav sein Solo abliefern darf. Er zählt auch seine Finger nach, Al Jarreau zählt auf deutsch „eins zwei drei vier fünf“ und er zählt Dave Brubecks „Take Five“ an, mit dem er schon Mitte der siebziger Jahre verblüfft hat. Songs seines neuen Albums „Accentuate the Positive“ hingegen reihen sich ein, sie gehen an diesem Abend unter im Großen und Ganzen. Er scheint herzlich viel improvisiert und spontan umgestaltet zu haben zu haben an diesem Abend. Aber nach exakt 90 Minuten kommt das Große und Ganze zum Schluss. Genau kalkuliert, das.
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