Reise durch Wirklichkeiten

Donnerstag, 23. Juni 2016

Reisen bildet

Die Soziologie kann einem wunderbar und sehr eindeutig belegen, wie sie sehr man (vereinfacht formuliert) das Produkt seiner Umwelt ist. Wäre man in einer anderen kulturellen gesellschaftlichen Realität aufgewachsen. wäre man womöglich eine anderer. Menschen versuchen, Gruppen, Gemeinschaften, soziale Verbände zu bilden, um sich gegenseitig ihrer sozialen Wirklichkeit zu versichern. Sie brauchen das sogar, weil ihre Identität dranhängt. Das kann man im Alltag wunderschön überall beobachten. Ich freilich war immer schon davon ausgegangen, dass mein Ich, meine Identität relativ ist, d.h., dass es von der Tapete der Normalitäten und Realitäten, die es umgibt, stark geprägt ist. Würde ich jene austauschen, würde ich möglicherweise ein ganz anderes ein Stück meines Ichs, meiner Selbst erfahren. Sich also durch Veränderung weiterentwickeln? Durch Reisen? Die Umwelt als eine Art Filter der Wirklichkeit verändern und dadurch eine neue Perspektive auf sie gewinnen? Einst beinhaltete die Reise – als Bild für etwas wie auch als Realität – ein hohes Maß an Läuterung und Wandlung. In den meisten Religionen galt das Reisen als rechte Lebensführung, als Instrument der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung. Heute ist es vielmehr so: Statt sich im Unbekannten zurecht zu finden, zahlen Urlauber viel Geld, um Überraschungen möglichst aus dem Weg zu gehen. Der Sinn des Reisens erschließt sich auf diese Weise kaum. 
Reise allein (ein jeder ist womöglich alleine), reise ohne Gepäck und reise langsam! - ein jeder ist ja ohnehin unterwegs. Wir suchen das Unbekannte und landen oft im schmerzlich Vertrauten: Blechlawinen auf Autobahnen und Ringstraßen; Parkplätze, dichter besetzt als ein Friedhof; Flughäfen, auf denen fortwährend Flugzeuge starten und landen; verschobene und verpasste Geschäftigkeit auf Bahnhöfen. Kaum ein Fleck der Erde ist noch vor unserer stets gegenwärtigen Mobilität sicher. Urlaub ist angesagt. Wie die Heuschrecken schwärmen wir über jedem vermeintlichen Traumziel aus. Wir sind viel unterwegs, aber reisen wir? Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Sollte Reisen nicht über die Veränderung der Umgebung hinausgehen? Sollte Reisen nicht ein metaphysischer Akt des Erkennens sein? Wie sehr gilt für uns noch das maurische Sprichwort, nur der Reisende kenne den wahren Wert des Menschen?

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