Reise durch Wirklichkeiten

Donnerstag, 22. Januar 2026

Integrationsfallen

Punk als Bewegung, als musikalischer Impuls hatte ich in seiner ganzen Tragweite eigentlich gar nicht so richtig ernst genommen, damals, Ende der siebziger Jahre. Als dann die zweiten und dritten Revivals über uns hereinbrachen, waren das für mich zeitgeistbewegte Aufgüsse und Zitate, - aber ohne Überzeugungskraft. Das übliche, wenn junge Menschen sich abgrenzen wollen und müssen. Aufbegehren als Pose. Der nihilistische Impuls darin wurde mir erst später klar, das Aufbegehren, das darin lag. Im Rotzigen auch, im nicht Gefälligen. Abgesehen davon, dass ich damals selbst musikalisch aktiv war und andere musikalische Sorgen hatte, dass ich an der Universität studierte und unbedingt zum Ende kommen wollte, verschwendete ich nicht viel Energie auf dieses Symptom, nahm dieser „Bewegung“ die Rebellion, den Protest nicht ab. Da waren für mich zu viele Äußerlichkeiten dabei. Dahinter war für mich der Impuls oft nicht zu entdecken. Man konnte eigentlich auch ganz gut Punk in sich selbst sein, da brauchte es keine Sicherheitsnadel in der Wange, etwas was ich ohnehin verabscheute und mindestens genauso verabscheue, wie all die unsäglichen Tatoos, die inzwischen mainstreammäßig jeder zu tragen hat, der etwas Individuelles nach außen bedeuten will. Außerhalb und eigenwillig sein, Prol, direkt - das war wohl die ursprüngliche Message. Doch leider hat sich das (genauso wie der „Heavy“ Metal) in Richtung Mainstream bewegt, ist akzeptiert, toleriert und integriert. Diese Integrationsfalle hat auch bei Punk zugeschnappt. Das System funktioniert so, dass es einfach alles integriert, was ursprünglich widerborstig war. Es wird zur äußerlichen Masche, zum Auftritt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gegen den Strom schwimmen? Verweigerung? Das war vielleicht am Anfang so.

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