Reise durch Wirklichkeiten

Montag, 30. Juni 2025

Menschen im Wettkampf

Wann hast du dich zuletzt selbst wahrgenommen? Diese Frage scheint viele Menschen unausgesetzt umzutreiben und sie in teure Selbsterfahrungskurse zu führen. Die dauernde Selbstbespiegelung, die damit verbundene Selbstoptimierung, das Selbst als Statussymbol, der dauernde Griff zum Smartphone, das unsere Lebensäußerungen immer perfekter registriert, und die Algorithmen immer perfekter programmiert, die ausufernde, uns ständig überfordernde und digital überwachte Körperkultur: das alles gehört zusammen und hat nichts mehr mit Hermann Hesses oder CG Jungs bildungsbürgerlichem humanistischen Streben nach dem Ego und der Individualisierung entgegen gesellschaftlicher Erwartungen zu tun. Stets noch besser, effizienter und authentischer zu werden, ist inzwischen ausgerufen als Ideal und widerstrebt diesem Old-School-artigen „Werde, der du bist“ vollkommen. Das Ego scheint heilig. Auf eine bestimmte Weise. Ob es da nicht weit zum Egoismus ist? Überforderung, Burn-Out, Depression, Erschöpfung, Anorexie, Bulimie, kaputte Partnerschaften, Unfähigkeit zur Beziehung.… das alles könnte ein Anzeichen für die auf Perfektion getrimmte Körperkultur und den Zwang zur Steigerung eigener Leistungsfähigkeit sein (die ganz im Sinne einer Durchökonomisierung des Menschen zu sein scheint). Der Philosoph Jürgen Habermas hat das einmal „Kolonialisierung der Lebenswelt“ genannt. Es geht um ein Leistungsdenken im Privaten. Neoliberalisierung aller Lebensbereiche. Vereinzelung scheint die Folge. Der Einzelne als Wirtschaftsobjekt. Menschen benutzen andere Menschen als Werkzeug, um an ein Ziel zu kommen. Soziale Kälte breitet sich aus. Die Diktatur des ökonomischen Denkens, seine immer weiter zunehmende Ausdehnung auf alle Lebensbereiche scheint eine Konsequenz, die individualistisch ausgerichtete Leute wie Hesse so nicht anstrebten. Aber sie erkämpften sich den Platz in einer gesellschaftlichen Elite. Hesse selbst war Literaturnobelpreisträger im Jahr 1946.

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