Reise durch Wirklichkeiten

Freitag, 12. Dezember 2025

Gespräch mit CL

Wenig später sollte ich den Saxofonisten Charles Lloyd interviewen. Charles.... wer? Mir war wohl entgangen, dass dieser Mann die späten sechziger Jahre mit psychedelisch getönter Musik beglückt hatte, dass er so etwas ein Kind der Flowerpower-Generation war. Was sollte ich so einen fragen? Ich bereitete mich so genau wie möglich auf ihn vor, so, wie ich es auch später bei Interviewterminen immer gemacht habe. Seine neueste Produktion hieß „Fish out of the Water“ und schien mir eine verkappte Umschreibung der Menschwerdung zu sein. Ein Bild. Ein Symbol, das auchder Psychologe C.G. Jung schon vor Jahren entdeckt und beschrieben hatte. Ich erinnere mich, dass ich in ein kleines, aber teures Hotelzimmer gebeten wurde. In einer solchen Bleibe war ich noch nie gewesen und habe alleine schon dies als Erweiterung meines Horizonts empfunden. Was aber folgte, war ein richtig tiefes Gespräch, das keinesfalls einem dieser zeitlich und inhaltlich genau definierten Presseinterviews glich. Der Mann schien sehr schnell begriffen zu haben, dass ich mich sehr intensiv mit seinem Werk befasst hatte und dass ich von diesem Standpunkt einige tatsächliche Fragen hatte, die so gar nichts mit diesen Pflichtfragen gemein hatte, die Journalisten für gewöhnlich für solche Situationen parat haben. Würden meine Englischkenntnisse und -fähigkeiten überhaupt ausreichen, um mit ihm ein Gespräch über solch weiter gehende Themen zu führen? Die lange intensive Unterhaltung hatte schließlich in eine „Geschichte“ zu münden, die unsere Kommunikation gleichermaßen unterschlug und aufnahm. Also schrieb ich damals: Der Blues ist wie ein Gebet - Charles Lloyd? Ich glaub', der hat mal mit Keith Jarrett zusammengespielt. Aber gehört hab' ich von dem noch nichts! Hast du die neue Scheibe?" So wie Jürgen, meinem jazzbegeistertem Bekannten, ging's mir vor wenigen Monaten auch noch. Und dabei kennt er ansonsten wirklich alles, was im Jazz einen guten Klang hat. Wir sind zwar beide älter geworden, aber endlich einmal, Gottseidank!, sind wir für eine Erinnerung noch nicht alt genug, ... ja, damals in den späten Sechzigern, da waren für uns eher noch Cream und Jimi Hendrix angesagt... Lloyd war bereits zu dieser Zeit einer der Superstars des Jazz. Am Ende der fünfziger Jahre, noch während seines Studiums hatte er immer wieder mit Größen wie Ornette Coleman, Eric Dolphy oder Don Cherry gejammt und war auf diese Weise ziemlich schnell in die erste Garnitur der US-Jazzcracks hineingewachsen. Nach einem Gastspiel beim Cannonball Adderley Sextett gründete er schließlich sein eigenes, überaus erfolgreiches Quartett. Das live beim Monterey-Festival 1966 aufgenommene Album "Forest Flower" entwickelte sich zum Millionenseller und ereichte eine für ein Jazzalbum bis dato kaum gekannte kommerzielle Dimension. Er spielte in den großen Arenen wie dem Fillmore in San Franzisco und brachte seine Musik damit auch den Freunden der Rockmusik näher. Bei sich hatte er Musiker wie Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Cecil McBee, die mit ihm zusammen bekannt und berühmt wurden. Die Leser von Downbeat, der renommiertesten Jazzpostille Amerikas, wählten ihn zum "Jazzkünstler des Jahres". Kurz: der Mann hatte eigentlich alles erreicht. Doch der sensible Musiker war damit erst am Anfang seiner Suche. Ständiger Tourneestress und der Druck der Öffentlichkeit waren für ihn nicht mehr auszuhalten. "Ich ließ diese Geschäfte zugunsten von höheren Zielen hinter mir" sagt er, und das klingt bei ihm überhaupt nicht pathetisch. "Ich wollte einfach mehr über das Wesen aller Dinge und über mich selbst wissen" Und so stieg er denn aus. Keine Platten, keine Tourneen, keine Interviews mehr. Nur noch Konzentration, Meditation und der Versuch, sich selber zu sein. "Ich ging ganz allein in den großen Wald und war einfach still. Die Leute hielten mich für einen Einsiedler." - Womit sie wahrscheinlich auch recht hatten. Doch heutzutage betont er viel mehr, dass man seine Erfahrungen teilen müsse, mit den Nachbarn, mit der Familie, mit möglichst vielen Mitmenschen. Aber dazu muss man wohl solche Erfahrungen erst mal gemacht haben. In den siebziger Jahren ließ er sich nur selten dazu hinreißen, auf eine Bühne zurückzukehren. Die Experimente mit Flöte, Stimme und Harfe, die er in seiner abgeschiedenen Klause im kalifornischen Big Sur durchführte, waren ihm wichtiger. Deren Ergebnisse würde man heute sicher als New Age Music bezeichnen. Über solche Klassifizierungen aber kann Lloyd mittlerweile nur noch lachen. "Das ist etwas für die Plattenindustrie. Ich kenne keine Etiketten sondern nur Musik. Ich selbst machte immer nur die Musik, die ich fühlte. Als ich an der Universität Musik studierte, da analysierten die Leute immer: "Rock, Jazz, Beethoven... ah, Beethoven, das ist ein gutes Beispiel", man spürt sein Engagement bei solchen Themen, "Beethoven lag nichts am Analysieren, er tat's ganz einfach. Jemand anderes kommt und sagt dann, was es ist, betreibt sowas wie Formanalyse. Aber wenn man wie ich in Memphis aufwächst und schon sehr früh Bluesmusiker wie Howlin' Wolf oder Johnny Ace hört, dann merkt man sehr schnell, worum's in der Musik wirklich geht. Dieses Etwas erschreckte mich geradezu, es war einfach gewaltig und bewegte mich tief. Ich glaube, es ist letztlich etwas Religiöses, etwas Metaphysisches. Du kannst den Blues hören und es ist wie ein Gebet. Es sagt dir etwas Grundsätzliches über das menschliche Leben und seine Gesetze. Leute wie Charlie Parker nahmen dies auf und transportierten es auf ein anderes künstlerisches Niveau." Trotz der etwas abgehobenen Thematik, habe ich das Gefühl: der Mann weiß, wovon er redet. Da ist eine Ehrlichkeit, eine Verbindlichkeit, die im Showbusiness,- und auch Jazz ist Showbusiness,- ganz selten ist. "Ich bin nicht im Showbusiness. Ich mach' wirklich nur Musik. Das ist sehr wichtig!" Er besteht darauf und seine Biographie belegt diese Behauptung ja auch. 1981, nach rund einem Jahrzehnt der Abwesenheit aus der Jazzszene, tauchte plötzlich ein junger, zwergenwüchsiger Pianist in Lloyds Exil auf: Michel Petrucciani, heute ein großer Name in der Jazzwelt, faszinierte Charles Lloyd derartig, dass er sich langsam wieder mit dem Gedanken befasste, auf die Bühne zurückzukehren. Er ging 1982 und 1983 mit Petrucciani auf Tournee und zum Ende der achtziger Jahre kristallisierten sich immer mehr die Umrisse eines neuen, großen Projektes heraus. Aber da gab es immer noch die Angst vor dem Business. Und so musste er denn geradezu gedrängt, ja überredet werden zu der neuen Platte, die er ohnehin nicht mit irgendjemandem gemacht hätte. In Manfred Eicher, der im Juli 1989 schließlich "Fish out of Water" produzierte, fand Lloyd einen Freund und Partner, der seine Intentionen verstand und fähig war, sie als Produzent im Studio umzusetzen. "Er half mir sehr, weil er nicht nur meine Musik richtig hörte, sondern auch meine Stille." Es muss wie ein Psychodrama gewesen sein, als sie die Platte in Norwegen aufnahmen. "Ich war am Boden und man half mir wieder auf, ich war zwischen Himmel und Hölle, es war wie eine Geburt". Doch schließlich war "Fish out of water" fertig und es war alles gut. Sehr gut sogar. Ein Fisch, der aus dem Wasser schnellt, voller Lebensfreude, voller Melancholie, beseelt von der Sehnsucht nach etwas Höherem, dem er entgegenstrebt und wieder zurückkehrt ins Wasser, ins Leben. Ein Bild, ein Symbol für die Vita von Charles Lloyd, vielleicht für das Schicksal aller Suchenden. Musik, die tatsächlich stilistische Kategorien hinter sich gelassen hat und eine Sprache der Seele ist. Sie teilt sich deshalb auch denjenigen mit, die ansonsten mit Jazz weniger anfangen können. "Da ist etwas Universelles in dieser Musik, etwas, das eigentlich jedermann hören kann. Das ist ganz transparent und kein Geheimnis. Wie eine uralte Weisheit. Du musst nur zuhören". Was davon zum Hörer rüberkommt, das interessiert ihn brennend. Zu seinem Publikum hat Lloyd ohnhin ein tiefes Verhältnis. Er gibt zu, dass ihm dessen Anerkennung und Zuneigung während der langen Bühnenabstinenz gefehlt hat. Der Kontakt zu den Leuten sei ihm wichtig, er sagt sogar, dass er mit einer besonderen Fähigkeit zur Kommunikation gesegnet sei. "Ich will meine Erfahrungen mitteilen in einer Sprache, die Musik heißt. Ich gebe das, was ich geben kann und meine Zuhörer das Ihre. Ich gebe mich ganz der Musik hin und meine Musiker tun das genauso. Das ist etwas Höheres, etwas Geistiges, etwas, was mit Demut und Hingabe zu tun hat. Da ist eine ganze Menge Liebe, die man mitteilt, etwas tief Gefühltes. Die Leute kriegen das mit, die haben eine Antenne dafür. Darüber war ich immer glücklich". Liebe, Demut und Hingabe sind Schlüsselworte für ihn, genau wie sie es einst für den großen Innovator des Jazz, John Coltrane, waren. Wenn man ihn dann tatsächlich spielen sieht, wird anschaulich, was damit gemeint ist. Keine Beifalls- oder Effekthascherei, nicht diese abgegriffenen Tricks, wie sie etwa routinierte Popstars, aber auch "seriöse" Jazzmusiker immer wieder vorführen, sondern ein subtiles Spiel des Gebens und Nehmens, in das er vor allem auch seine Mitmusiker mit einbezieht. Allen voran der Pianist Bobo Stenson, der sich einlässt auf diese Art des Musizierens, sich anpassend und gleichzeitig eigene Impulse gebend. Schon am Blickkontakt auf der Bühne wird deutlich, welchen Respekt sie voreinander haben, welche Zuneigung hier herrscht. Der Pianobegleiter wechselt immer wieder die Rolle, wird zum Führenden, wirft Themen ein, und zieht sich wieder zurück in eine musikalische Aufmerksamkeit, die Charles Lloyd sichtlich genießt. Bewundernd lauschend sitzt er wðhrend der Pianosoli auf einem Barhocker und schmunzelt ab und zu, wie zu einer besonders guten Pointe. Die ganze Zeit aber steht das Quartett unter dieser in sich versunkenen Hochspannung, die fast schon etwas Sakrales hat. Man spürt: das ganze Potential dieser Musiker konzentriert sich auf diesen Moment. "Wieso eigentlich spielen Sie ausgerechnet Saxophon, Mister Lloyd, gibt's da irgendeinen Grund außer dem des Zufalls?" Bei vielen großen Musikern habe ich mich schon gefragt, wie sie wohl auf einem anderen Instrument klingen würden, ob sich ihre Fähigkeiten übersetzen ließen in eine andere instrumentale Sprache. Der grauhaarige Musiker mit den indianischen, afrikanischen, mongolischen und irischen Vorfahren formuliert sorgfältig und überlegt: "Das Saxophon reflektiert für mich die Bedingungen des menschlichen Seins und die des Planeten Erde am besten", eine prätentiöse Antwort, gewiss, aber er kann's auch anders erklären: "Ich hörte immer alle Möglichkeiten des Ausdrucks auf diesem Instrument. Denken Sie mal, wie verschieden doch die großen Saxophonisten klingen". Er nennt Ben Webster, Sonny Rollins, John Coltrane, deren Namen er genießerisch auf der Zunge zergehen lässt. "Es gibt so viele Möglichkeiten, auf dem Saxophon zu atmen und zu singen. Ich weiß, dass das meine Stimme ist. Ich kann nicht singen, deshalb spiele ich Saxophon. Wenn ich singen könnte, würde ich singen. Dann bräuchte ich tatsächlich nichts anderes, als mich selbst." Sich selbst zu suchen, sich dabei mit den Dämonen der Seele auseinanderzusetzen, sich dadurch stetig weiterzuentwickeln und auf eine höhere Bewusstseinsstufe zu gelangen, das kennzeichnet den Weg zu dem Ziel, das sich der inzwischen 52-jährige Charles Lloyd gesetzt hat. "Man hört das heute in meiner Musik, es ist eine Grundlage dafür". Im Hinausgehen frage ich ihn: "Meinen Sie, die Leute hören und mögen das wirklich?" Er lächelt leicht ironisch: "Ich glaub' schon, dass es das wert wäre, denn ich brauchte sehr lange dafür!"

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