Reise durch Wirklichkeiten

Mittwoch, 26. November 2025

Abenteuerabend

Es ist ein paar Tage her. Aber ich habe es geschrieben, als ich ein Anderer und Derselbe war: Jeder hat ihn schon gehört, so gut wie keiner kennt seinen Namen. Ein typischer Studiomusiker halt. Aber einer der allerbesten. Lee Ritenour ist seit seinem 16. Lebensjahr Profigitarrist und hat seit 1974 im Studio brilliert. Jazz, Rock, Funk, Blues, Latin, - der inzwischen 53jährige Amerikaner kann alles perfekt. Für Dizzy Gillespie, Herbie Hancock und Sonny Rollins hat er gespielt, aber auch für Frank Sinatra, für Steely Dan und Pink Floyds „The Wall“. Rund 3000 Aufnahmen sind’s geworden. Zeitweise war Ritenour für bis zu 20 Sessions in der Woche engagiert. Er hat auch Soloalben eingespielt, „Captain Finger“ aus dem Jahr 1977 darf als Klassiker des Fusionjazz gelten. Aber Zeit für Tourneen blieb kaum. Doch nun steht er plötzlich doch auf der Bühne des Theaterhauses. Natürlich hat er eine Allstar-Band mitgebracht, an großen Namen soll’s nicht fehlen. Doch was jetzt? Er liefert ein überragendes, ein grandioses Konzert ab. Ein Mittel des Ausdrucks sein stupende Technik, eine Abschussrampe der Kreativität seine Stücke: Was sich auf der Tonkonserve zuweilen seicht und gefällig angehört haben mag, erwacht an diesem Abend zu einer umwerfenden spielerischen Vitalität. Popjazz? Fusion? Solche Schubladenbegriffe scheinen Ritenour und seine Band hinter sich gelassen zu haben. Was zählt, ist der freie Fluss und Austausch der Ideen, das Spiel mit den Möglichkeiten. Mit eher jazzig gebrochenen Stücken tastet sich die Band ins Geschehen, der Gitarrist brilliert mit lockerem Oktavspiel, variiert virtuos die Anschlag- und Grifftechniken, um dann plötzlich hinreißend funky zu werden und mit einer frappierenden Spielfreude den Rhythmus zu zelebrieren. Wie so oft an diesem Abend nehmen die Musiker solche Impulse sofort auf, wandeln sie mit ihren Möglichkeiten und spielen den Ball zurück. Die Keyboarderin Patrice Rushen retourniert kühl und feurig zugleich: allein schon für sie hätte sich der Besuch des Konzerts gelohnt. Der Schlagzeuger Alex Acuna, der Bassist Brian Bromberg, der Saxofonist Ernie Watts, sie alle lassen Soli und Gruppenspiel auf eine Weise ineinander fließen, die durchweg verblüfft und den Abend zum Abenteuer werden lässt. Nie aufdringlich, aber unglaublich intensiv, gibt Ritenour Anregungen, streift humorvoll den Rock, den Blues und andere Stile, wird härter, wird weicher, setzt Spannungsbögen und tummelt sich in aberwitzig schnell gespielten Unisono-Passagen. Fusionklassiker wie „Rio Funk“ und „Captain Fingers“ sind kaum wiederzuerkennen: Der Mann ist gereift. Als Studiomusiker mag Lee Ritenour ein absolutes Ass sein, als Livemusiker ist er ein Erlebnis.

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