Reise durch Wirklichkeiten

Freitag, 4. April 2025

"Sagen, was ist"

Ich habe anhand meines 2022 zusammen gestellten Buches „Zuhören“ viel nachgedacht über die Gesellschaft und über Popmusik, habe Passagen daraus aufgenommen, behutsam aktualisiert und plane nun, sie in loser Folge hier einzubringen. Heute herrscht dieses „Wenn ihnen dieses gefällt, dann müsste ihnen auch jenes gefallen“…... Eine Beliebigkeit des Austauschbaren, des jeweils überall und jederzeit Verfügbaren. Ob da inzwischen auch menschliche Beziehungen hinzu gehören? Die Hinweise sind nicht gerade rar. Ja klar, der Algorithmus herrscht. Er hat sich eingeschlichen in die Gehirne und besetzt sie jetzt. Und zwar nach und nach, ganz langsam, so, dass es kaum ein Individuum merkt. Er schleicht sich ein und wird schließlich für etwas „Normales“ gehalten. Hinzu kommt die jüngst so intensiv propagierte KI, deren Segnungen uns erst noch bewusst werden sollen. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass die menschlichen Gehirne sich selbst auch nach technischen Rezepten verändern werden (oder verändert werden), - und zwar orientiert an kommerziellen, herrschaftstechnischen und machtpolitischen Gesichtspunkten. Sie werden besser verwaltbar sein, ansprechbar, Reize werden gezielter und individueller verabreicht werden. Sie werden sich selbst immer mehr überführen in einen Zustand des digitalen Gespeichertseins, in die Verfasstheit einer generellen Machbarkeit. Die Pointe dabei: Kaum jemand wird das merken, denn es wird durch tausend Mechanismen nach und nach eingeführt in diese Wirklichkeit, es wird als „angenehm“ propagiert und es wird sehr schnell zur Selbstverständlichkeit, zum „Normalen“.

Donnerstag, 3. April 2025

Nostalgie

Heute will ich ein bisschen über Nostalgie schreiben, will Material dazu sammeln. Es heißt, Nostalgie schaffe Sinn, dort wo womöglich keiner ist. Uns fallen vielleicht bestimmte Momente ein, im Alltag vergangener Zeiten, aber auch auf Reisen und jene Augenblicke, in denen uns Menschen näher kamen. Besonders geeignet scheinen Gerüche, optische Eindrücke und akustische Momente. Auch umspielt Nostalgie offenbar das griechische Wort „Nostos“, das so etwas bedeutet wie „Heimweh“ und „Sehnsucht nach Heimat“. Es schaffe eine Art Gemeinsamkeit, so heißt es, indem man feststelle, wie sehr man gemeinsam bestimmte Zeiten geteilt habe, in denen mutmaßlich alles besser gewesen sei. Was daraus resultiert, kann bei jeder Ü-50-Party erlebt werden. Heute steigert Nostalgie mit solchen Tricks ganz allgemein das Wohlbefinden und bedeutet oft genug ein gemeinsames Schwelgen in Erinnerungen. Sie ist insofern auch ein Mittel gegen Einsamkeit und legt etwas nahe, was einer Entfremdung zuwider läuft. Ob Nostalgie vielleicht sogar grundsätzlich etwas mit anderen Menschen zu tun hat? Durch solche Faktoren mag Nostalgie durchaus etwas mit der Suche nach Identität zu tun haben. Nostalgie war einmal etwas eher Negatives und wurde früher mit Erscheinungen wie Angst, Schlaf- und Appetitlosigkeit in Zusammenhang gebracht. Leider kann Nostalgie in der Politik teilweise verheerende Auswirkungen haben, wie nicht nur eines wieder mächtigen US-Präsidenten Wahlspruch „Make America great again“ dokumentiert. Viele populistische Strömungen arbeiten mit der Sehnsucht nach Rückkehr ins Geborgene, Wohlgeordnete, mit der gewünschten und versprochenen Rückkehr zu etwas, was aus Vergangenheit bekannt zu sein scheint. Wenn ich in mich gehe, so entdecke ich unter anderem ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Integration dessen, was die Zeit in ihrem Laufe einst in mich hinein geschaufelt hat.

Mittwoch, 2. April 2025

Liebe und Erkenntnis

Immer heftiger scheint das an uns heran zu rücken. Ob die Dinge so sind, wie wir sie gerne hätten? Ob es überhaupt darum geht, die Dinge so zu erkennen, wie sie sind? Glücklich sein, koste es, was es wolle? Es scheint immer mehr dieses „Positive thinking“ verbreitet zu sein, jene Geisteshaltung, die ein bestimmtes Verhalten geradezu diktierend aus den USA übernimmt und deren Auswirkungen man unter anderem in Aldous Huxleys vor etwa 100 Jahren geschriebenem Roman „Brave New World“ bestaunen kann. Es geht bei "positive thinking" auch darum, die eigene Haut rettend zu pflegen und die vielen „negativen“ Bedrohungen so auszublenden, dass sie keineswegs eine (politische) Bedeutung gewinnen können. Man schafft sich seine eigene Welt, inklusive „Fake News“. Freilich könnte es so sein, dass jegliche individuelle Haltung erst etwas bewirkt, wenn sie auch politisch ist. Ob es so ist? Der Gegenmeinung geht es vor allem um „positive Ausstrahlung“, was womöglich ja auch okay ist, aber in der Realität wohl nur die Hälfte des Phänomens ist. Sich negativer Dinge bewusst zu sein, heißt nicht notwendigerweise, dass dies auch negativ sei. Es könnte ja auch sein, dass es einen Wert an sich bedeutet, wenn sich jemand gewisser „negativer“ Dinge so bewusst ist, dass er weiß wo und als wer er ist und unter welchen Bedingungen er lebt. Wer sie verschuldet“, wer für sie verantwortlich sein könnte, ist da einfach eine weitere Dimension. Natürlich könnte gegenseitige Liebe eine Lösung sein. Aber sie liegt noch in weiter Ferne, solange gewisse starke gesellschaftliche Kräfte sie verhindern und die Prosperität des radikal Einzelnen fordern, wie etwa im Neoliberalismus. Ob das etwas Negatives ist, was man an sich heran lassen sollte, um zu wissen, was geht….? X x x Are things the way we would like them to be? Is it even about recognizing things as they are? To be happy, whatever the cost? This "positive thinking" seems to be becoming more and more widespread, the mentality that almost dictates a certain behavior from the USA and whose effects can be seen in Aldous Huxley's novel "Brave New World", written around 100 years ago. "Positive thinking" is also about taking care of your own skin and blocking out the many "negative" threats so that they cannot have any (political) significance. You create your own world, including "fake news". Of course, it could be the case that any individual attitude only has an effect if it is also political. Is that the case? The opposing opinion is primarily concerned with "positive charisma", which may well be okay, but in reality is probably only half the phenomenon. Being aware of negative things does not necessarily mean that they are negative. It could also be that it is of value in itself when someone is so aware of certain "negative" things that they know where they are and who they are and under what conditions they live. Who is to blame for them, who could be responsible for them, is simply another dimension. Of course, mutual love could be a solution. But it is still a long way off as long as certain strong social forces prevent it and demand the prosperity of the radical individual, as in neoliberalism. Is that something negative that we should let in to know what is possible...?

Dienstag, 1. April 2025

Älter werden

Ich blicke in meine Umwelt und schreibe auch das Folgende auf: „Ich beobachte, wie sie alle vor dem Älterwerden fliehen. Betreiben nahezu manisch Sport, sind dauernd am Umziehen vom verschwitzten und also unbrauchbaren Klamotten ins richtige Outfit. Ich beobachte, wie die Gesichter faltiger werden, verletzlicher auch, wie sie sich wehren und auf dieser Strecke immer mehr zum Verlierer werden. Körperliche Gebrechen kommen hinzu, machen sie schwächer, liefern sie denen aus, denen sie nie ausgeliefert sein wollten. Sie dachten stets: „Das sind die, und das sind wir“. Doch jetzt sind sie selbst die Alten, gehören zu denen, ohne dass sie gefragt wurden. Die sind vielleicht auch reich, können sich Hilfe leisten, lassen kommen und geben Anweisungen. Und doch: sie lassen nach. Die Jungen verschwenden noch keinen Gedanken daran, leben nicht in dieser Welt. Das heißt: sie glauben nicht daran. In Silicon Valley tüfteln auch Firmen an der Idee der Unsterblichkeit, oder doch zumindest an der Lebensverlängerung. 120 Jahre oder auch 500 alt könne man bald locker werden, so heißt das. Wenn es denn so wäre, so wäre es wieder einmal typisch amerikanisch, dieser Idee mit technologischen Mitteln nachzugehen, so denke ich manchmal. Die sogenannten „Reichen“ könnten es sich leisten, der soziale Trash nicht. Die Idee des allgemeinen Gesundheitssystems ist hierzulande nur noch eine vage Idee, in den USA wird sie mitunter als Mischung aus Faschismus und Kommunismus bekämpft. Sie glauben immer noch an das Glück, das Verdienst der Tüchtigen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. American Dream. Einzelne, die „es“ geschafft haben. Das Aufstiegsversprechen. Auch von daher lassen sich - beileibe nicht erschöpfend! - die Erfolge von jemand wie Donald Trump erklären. Da ist einer, der es weiß, der vorgibt, der zu alter Größe zurück will (ob das bereits nicht schon eine Projektion ist?). Einer, der sich aus seinem Wissen zu den Armen hinabbeugen und es ihnen zeigen wird, - so in etwa der naive Glaube an solche Figuren.