Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
Dienstag, 24. März 2026
Gitarren und Knochen
Ich erinnere mich sodann an jenes Mehrfachkonzert im Jahr 2007 mit Johnny Winter, für das ich als besonders geeignet ausgewählt worden war, - was mich dann aber ziemlich betroffen gemacht und zum Grübeln gebracht hat:
„Er musste auf die Bühne geführt werden, wo er für die Dauer des gesamten Auftritt auf einem Stuhl Platz nahm. Er wirkte gebrechlich, hinfällig und hatte den schwarzen Texas-Hut tief ins Gesicht gezogen: Johnny Winter mag als 63-Jähriger zum Skelett abgemagert inzwischen ein trauriges Bild abgeben. Sobald er aber die Gitarre in die knochigen Hände nimmt, wird sie seine Freundin, der er jene ekstatisch aufgeladenen, flüssigen Läufe entlockt, die zu brennen scheinen, die für ihn typisch sind, ja, die seinen Sound ausmachen. Der alte Gefährte Rick Derringer, mit dem zusammen er vor mehr als 35 Jahren den internationalen Durchbruch schaffte, hatte zum Auftakt des Abends in der Filharmonie Filderstadt schon exzellentes Handwerk vorgeführt und sich als vielseitigen Sessiongitarristen vorstellen lassen, der unter anderem für Steely Dan in die Saiten gegriffen hat. Ehrensache, dass Derringer auch seinen mit den McCoys eingespielten Welthit „Hang on Sloopy“ aus dem Jahre 1965 noch einmal live aufpolierte.
Was aber ein prägnantes Gitarrenspiel ist und was emotionale Dringlichkeit sein kann, das führte Johnny Winter selbst vor. Sein Bruder Edgar hatte als zweiter Künstler des Abends mit Titeln wie „Free ride“ oder „Frankenstein“ sein bescheidenes kreatives Vermögen mit großem Nachdruck unter Beweis gestellt. Ein paar Phrasen aus Rock und Blues, ein bisschen aufgedonnertes Keyboard- und Saxofonspiel: Naja. Den einsamen Höhepunkt steuerte ganz eindeutig sein Bruder Johnny bei, der seinem knorrigen Blues zunehmend knalligen Rock injizierte. „It’s all over now“, diesen Titel spielte er gegen Ende seines Auftritts. Nein, es soll noch nicht alles vorüber sein. Nein, jetzt doch noch nicht.“
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