Ein Durchgang durch Realitäten aus meiner Sicht - Blog von Ulrich Bauer (Ergänzt ubpage.de)
Samstag, 7. März 2026
Ahh und Ooh
„Gib mir den letzten Abschiedsgruß, weil ich Dich verlassen muß...“. Ach, es ist ein einziges „Ahh“ und „Ohh“ dazu, die Herren haben sich in ihren akkuraten Anzügen zu einer schwarzweißen Phalanx aufgestellt, sie haben wieder einmal die Abendpflicht einer langen Tournee erfüllt. Ihre Dame, die eine, ist zu diesem Abschiedsständlein erst gar nicht mit auf die Bühne gekommen. Sie hat in ihrem märchenhaften Abendkleid wirkungsvoll in der Mitte der Bühne gesessen, sie hat sich in der Bewunderung ihrer männlichen Umgebung gesonnt und ist mit ihrer Violine gelegentlich zu einem Solo aufgestanden. Cecilia Crisafulli heißt die, die da so huldvoll tapfer gelächelt hat, wenn das Palast Orchester samt seinem Sänger Max Raabe solche großartigen Schmachtfetzen der zwanziger und dreisiger Jahre wie etwa „Du bist nicht die erste“ zelebriert hat. Das Palast Orchester gibt es schon mehr als zwanzig Jahre, die Dame ist noch keine zwei Jahre dabei.
Rastlos zieht es durch die Welt und ist damit sogar bis in die schöne Barockstadt Ludwigsburg gekommen. An diesem Abend, in diesem Moment. Doch wie heißt das Tourneemotto? „Heute nacht oder nie“. Es gilt, im Hier und Jetzt zu leben. Aber ach, jeder Augenblick ist jetzt schon Vergangenheit. Ob seine ölig sonore Baritonstimme in der Realität auch so klingt oder ob's alles nur der Schein des Showgeschäfts einfordert? In der Pause wird in ausverkauften Reihen spekuliert. Max Raabe, der schlakse Sänger, trotz der mittlerweile gereiften Kunst des Orchesters ist er es, der vor allem und ganz vorne auf der Bühne das Publikum anspricht. Er hat solch profunde Einsichten wie „Die Liebe kommt, die Liebe geht, so lang ein Stern am Himmel steht“ zu bieten, er schnarrt als Conferencier knitzer Zwischenansagen mit harmlos verschmitztem Dackelblick lauter lakonisch trockene Pointen, er tritt auch gemessen steifen Schrittes hinter die Unterhaltungskunst des Orchesters zurück, um dann am Flügel zu lehnen. Lässig? Gelangweilt? Wir wissen es nicht. Er macht seine Sache ordentlich an diesem Abend, so richtig in Form ist er aber nicht. Gemessen an seinen eigenen Standards. Dafür kann sein Orchester aber aufs Genaueste brillieren und jeden kleinsten Triller in aberwitzigen Akzenten tirilieren, Das Lächeln, das Grinsen, die Mimik, die Gestik, die Kaspereien, die in zwölf Händen musikalisch exakt zur Melodie geschüttelten Glöcklein und das als herben Gag getrötete Basssaxofon, all die Soli und die Tutti: ach, sie sind gereift und „richtig gut“ geworden. Richtig gut mit einem Augenzwinkern.
Natürlich führt das Repertoire über scheinbar neu entdeckte Lieder der Goldenen Jahre wie etwa „Wenn die Lisa nicht so schöne Beine hätt“ oder showtreppenerprobte Gassenhauer wie „Bei mir bist Du scheen“ über saisonal gebundene Schmankerl wie „Veronika, der Lenz ist da“ und diesmal relativ viele englischsprachige Songs a la „Singing in the Rain“ oder „These foolish Things“ wieder bis hin zum „Kleinen grünen Kaktus“. Er piekst nicht nur, sondern er sticht sticht sticht.... Auch an diesem Abend. Gut gemacht, das. Die Politur hat Charme, es ist ein Stern am Firmament deutscher Abendunterhaltung. Morgen heißt es schon wieder „Heute nacht oder nie“. Ludwigsburg ist halt nicht die erste. Nicht die erste Liebe und nicht die letzte Station.
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